Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Vom alten Kleiderschrank und Schwertlilien mit Plopp

 

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„Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat bereits verloren!“ (Bertolt Brecht)

 


 

In ihrem Blog war Ruhe eingekehrt. Eine eigentlich ungewollte Ruhe und Stille. Dennoch waren die letzten Monate alles andere als ruhig. Seit einigen Monaten hatte sie Blockaden sich mitzuteilen, über Dinge zu reden oder zu schreiben, die sie sowieso nicht ändern konnte. Vor vier Jahren war das noch deutlich anders, da war es genau das, was sie brauchte um nicht verrückt zu werden. Es gab in den letzten Monaten zeitweise nichts zu sagen, da sie vieles nicht an sich heranlassen wollte. Aber etwas nicht zuzulassen oder zu akzeptieren, hieß am Ende nicht, dass es nicht existierte.

 

Wenige Monate war wieder etwas Normalität in ihren Alltag eingekehrt. Ein Fulltime-Job als angestellte Ärztin in einer Facharztpraxis, diverse Freizeitaktivitäten und einige Veränderungen im privaten Bereich. Im Grunde ein fast normales Leben. Aber da gab es noch ihre ziemlich schräge Familie und das schlummernde Monster in ihrem Kleiderschrank. Mit ihrer Familie konnte sie umgehen, die hatte sie mal ausnahmsweise einigermaßen im Griff, aber das Monster im Kleiderschrank knurrte in der letzten Zeit immer mal wieder hörbar durch die verschlossenen Türen. Vor gut eineinhalb Jahren hatte sie die Schranktüren das letzte Mal geöffnet, seitdem war Ruhe. Dennoch konnte sie jedes Mal ihre eigene Anspannung spüren, wenn sie manchmal ungewollt länger zu ihrem Schrank blickte.

 

Im Januar sprang die Tür mit einem Ruck auf und das Monster saß ihr wieder ungeschönt im Nacken, blickte sie Tag täglich an und wich ihr nicht mehr von der Seite.

 

Die ganze Tragödie bahnte sich schon im Laufe des letzten Jahres an. Seit dem letzten Frühjahr war sie dialysepflichtig. Einmal wöchentlich, an ihrem freien Nachmittag. Das passte mehr oder weniger in ihren Arbeitsplan. Die Entlastung ihrer noch verbliebenen Niere tat ihr deutlich gut, auch wenn es ein sehr aufwändiges Procedere darstellte. Ihre Tumormarker behaupteten zwar, dass ihr schlummerndes Monster irgendwann mal wieder erwachen würde, aber so wirklich wollte sie das nicht glauben. Ihr Onkologe schaute auch immer etwas besorgt, wenn sie wieder zu den Nachsorgeterminen erschien, aber meistens kam sie mit einem blauen Auge davon. Dennoch hoffte sie so sehr, dass irgendwann mal die so heiß ersehnten Worte „Sie sind gesund, Marie“ fallen würden. Aber sie kamen einfach nicht. Stattdessen hörte sie nur, „wir müssen das weiter engmaschig im Auge behalten, achten Sie bitte auf die kleinsten Veränderungen“, ja das Monster schnarchte ab und zu und raubte ihr damit so manchen Schlaf. Es war einfach ein zäher Brocken.

 

Im Laufe des letzten Jahres versuchte sie einen Weg zu finden, nicht immer wieder zwangsläufig am Kleiderschrank zu horchen, ob sich das Monster bewegte oder ob es versuchte aus dem Schrank zu entkommen. Nein, sie versuchte ihre freie Zeit so zu genießen, wie es eben möglich war, sich Ruhephasen zu gönnen, das Schöne im Alltäglichen zu sehen, zu finden und zu genießen. Das gelang wahrlich nicht immer und es gab manchmal kurze angstüberlagernde Zeitspannen und unerträgliche Momente.

 

Ihr war bewusst, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis das Monster wieder in voller Größe von ihr Besitz einnahm und ihr Onkologe bei einem Nachsorgetermin mit der unverschönten Wahrheit rausrückte, „Marie, leider haben wir es doch mit einem Rezidiv zu tun“. Und genau das passierte im Januar. Auch wenn sie schon damit rechnete, da sie einige Warnhinweise bereits deutete, kam es doch wie ein eiskalter Schneesturm von der anderen Seite des Schreibtisches zu ihr rüber. Ein Rezidiv, was bedeutete das für sie? Alles nochmal auf Anfang? Nochmal die gleichen Qualen durchstehen?

 

Ein Rezidiv hatte ein schlechtes Image, das stand außer Frage. Die ersten wirren Gedanken, an die sie sich erinnern konnte, waren: Chemotherapie, Glatze, Kotzen, Dahinsiechen. Ja, so ein Rezidiv gab es oft, denn leider zeigten sich die kleinen Monstersprossen nicht eindeutig, nein sie waren perfekte Künstler der Tarnung, versteckten sich in der hintersten Ecke eines Astloches, im alten Kleiderschrank mit doppelter Rückwand. Ja mein Gott, da sucht und kommt einfach niemand drauf. Erst wenn es zwischen den doppelten Rückwänden im kleinen Astloch zu eng wird, ja dann wird es klar. So ist das, nicht ungewöhnlich, aber erschreckend und beängstigend. Dieser Plopp-Moment. Das Gute, sie kannte fast alles, nichts war mehr neu, kein Start ins Ungewisse. Alle Menschen, alle Räume, alle Gänge, alles hatte eine gewisse Vertrautheit. Untersuchungen stellten keine Ungereimtheiten mehr da, sie wusste das es einfach schrecklich war. Ihr Lebensmut, ihr langsam wieder wachsendes Vertrauen wurde erneut maximal in Frage gestellt.

 

Blicke konnten manchmal mehr sagen als tausend Worte und sie konnte Blicke und Verhaltensmuster sehr gut deuten. Der neue Assistenzarzt musste mit den Tränen kämpfen, als ihr Onkologe ihr sagte „Marie, wir müssen nochmal ran, da ist so einiges was da nicht sein sollte.“ Plopp, sie hörte wie die Tür des alten Kleiderschrankes mit einem Knall aufsprang und das Monster sich grinsend neben ihr auf dem zweiten Patientenstuhl plazierte. Sie schaute aus dem großen Fenster, die Sonne schien und sie sah sich schon auf einer Wolke sitzen und die Harfe zupfen. Sollte Ihre Zukunft nun zum zweiten Mal neu geschrieben werden? Wie viele Anläufe hatte sie noch bis es zum „rien ne vas plus“ kam? Strukturiertes Denken war in dieser Situation unmöglich. Das musste erstmal sacken.

 

Im Behandlungszimmer der Uniklinik hing ein Bild von Vincent van Gogh „Vase mit Schwertlilien“, eigentlich dachte sie vor einigen Monaten, dass sie dieses Bild nie wieder sehen würde oder zumindest nicht allzu oft, aber es kam anders. Ihr Verhältnis zu Schwertlilien würde wahrlich die restliche Zeit ihres Lebens gestört sein. Sie machte sich eine gedankliche Notiz: Schwertlilien bei ihrer Beerdigung verboten! Sollte sich jemand beschweren, wäre die Verantwortlichkeit in den künstlerischen Vorlieben ihres Professors zu suchen. Wahrscheinlich wurde sie langsam selbst wunderlich.

 
 

Ihre erste Reaktion war, gar nichts mehr zu tun. Den Dingen ihren Lauf zu lassen. Vielleicht stagnierte es in eine chronische Erkrankung, mit der sie noch einige Jahre gut zurecht kommen würde. Auch ihr Monster würde sich vorerst nur auf bestimmte Körperregionen konzentrieren, anfangs nur bestimmte Bereiche einschränken, andere dagegen wären durchaus in Takt und brauchbar.

 

Die Reaktionen von ihrem Umfeld waren gemischt. Einige konnten ihre Gedankengänge überhaupt nicht verstehen, andere akzeptieren dies, hätten aber dennoch lieber den erneuten Mut für eine Behandlung in ihr gesehen. Sie wollte darüber reden, musste sich aber dabei genau überlegen, was und wie und wem sie etwas erzählte, denn denjenigen erstmal selbst trösten zu müssen, da er mit der Situation komplett überfordert war, brachte ihr auch keine Hilfe. Das klitzekleine Wörtchen „Krebs“, eigentlich ein possierliches Schalentier, hatte es in sich. Es verursachte alleine schon im Gespräch, Gänsehaut und Schockstarre.

 

Zu hören, „werde bitte schnell wieder gesund“, war so eine Aussage, die eine gewisse Sprachlosigkeit bei ihr mit sich brachte. Ein „wieder schnell gesund werden“ funktionierte nicht. Auch die Frage wie es ihr ginge, war schwierig und eigentlich nicht zu beantworten. Jedenfalls nicht ad hoc. Es gab verschiedene Varianten, einmal die Körperliche und zum anderen die Psychische. Ihre körperliche Verfassung konnte manchmal hundsmiserabel sein, wobei die Psychische auf Hochtouren lief. Andersherum war es auch ganz oft möglich, genau wie auch Beide auf gleicher Wellenlänge liegen konnten. Gleich gut oder schlecht, sehr individuell eben.

 

Ihr persönliches Genesungsteam, ihr Professor der Onkologie, der neue sehr eifrige Assistenzarzt, das Dialyseteam, ihre Familie und Freunde, waren an ihrer Seite und hofften, dass sie doch den Entschluss zur konstruktiven Kriegsführung wählen würde.

 

Es dauerte eine kleine Weile, bis ihre Gedanken wieder einigermaßen rundliefen, ihr Monster den Griff um sie herum etwas lockerte, so dass sie wieder etwas Luft bekam. Einige Spaziergänge in ihrem geliebten Wald, zum kleinen Friedhof und zu ihren Eseln waren nötig, um wieder klarer sehen zu können und um zu begreifen, dass es um sehr viel mehr ging. Manchmal half einfach kein Reden, manchmal brauchte sie die Ruhe, mit der Natur, mit vertrauten Orten und mit sich selbst. Aufzugeben wäre zu einfach, dann hätte ihr Monster ohne großen Widerstand den nicht verdienten Sieg errungen. Letztendlich entschied sie sich dazu, nochmals diesen Weg zu gehen und um ihr Leben zu kämpfen. Für sich, für ihre Lieben und für ihre ganz besonderen Menschen. Alleine dafür sollte jede Anstrengung, jede erneute Qual, jedes Hadern, gerechtfertigt sein.

 

„Reden über Angelegenheiten, die durch Reden nicht entschieden werden können, muß man sich abgewöhnen!“ (Bertolt Brecht)

 

Kaum fasste sie diesen Entschluss, ging es auch direkt wieder los. Therapievorschläge, gefolgt von manifesten Therapieplänen, eine Verschnaufpause gab es nicht. Vor vier Wochen startete die erneute Chemo, dies zusammen mit der Dialyse, war und ist ein harter Brocken. Dazu hier und da noch zu arbeiten und das mit Herz und Seele, forderte Disziplin. Aber in Selbstkasteiung war sie bereits bestens geübt. Ihre emotionale Fieberkurve war wieder am Steigen. Sie wurde dünnhäutiger und war nicht immer Herrin der Lage.

 

„Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten war es noch mächtig. Nach dem zweiten war es noch bewohnbar. Nach dem dritten war es nicht mehr aufzufinden.“ (Bertolt Brecht)

 

Sie hoffte, dass sie nicht in einigen Monaten ein drittes Mal in diesen Krieg ziehen musste und dachte an das Lied „What a difference a day made“, wohl der Leitsong für ihr Leben.

 

Und wieder war die Hoffnung ihr bester Freund, ob sie ihrem Körper nochmal zutrauen konnte diesen Weg zu gehen und die entsprechenden Maßnahmen zur Eliminierung einzuleiten, damit das Monster für immer im Schrank eingeschlossen werden konnte? Sie wusste es nicht. Hoffte aber, dass ihr unberechenbarer Körper kein weiteres großes Ding aus der Heilungssache machen und einfach mal die Ohren anlegen und dem Monster verdient den Gar ausmachen würde. Ein Mordkomplott vom Feinsten! Wer das Opfer sein würde, stand zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht fest. Da würde wohl noch eine gewaltige Portion Improvisation gefragt sein, mit vielen Höhen und Tiefen, Hadern und Hoffen und hoffentlich als Belohnung ein Licht am Ende des Tunnels. Geradeaus ins Leben und nicht nach oben zum Harfe zupfen. ;-)

 

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In erster Linie muss ich mich entschuldigen, für die sehr lange Zeit, in der mein Blog mehr oder weniger verwaist war und ich weiß, dass einige sehnlichst auf einen neuen Eintrag gewartet haben.

 

Wahrscheinlich hatten viele gehofft, dass ich gesund und munter durchs Leben gehe, aber leider ist das nicht ganz so. Dennoch geht es mir den Umständen entsprechend einigermaßen gut.

 

Ich hoffe sehr, dass es Euch gut geht und Ihr hoffentlich gut durch diese besondere Zeit kommt.

 

Alles Liebe, Marie

5 Kommentare 13.4.21 12:07, kommentieren

Herbstgedanken

„Es gibt eine Stille des Herbstes bis in die Farben hinein!“ (H. v. Hofmannsthal)

 


 

***Herbstgedanken***

 

Mein Leben spiegelt die Natur,

Jahreszeiten hinterlassen ihre Spur.

Ich erkenne und denke daran,

fing nicht im Frühling einmal alles an?

 

Mit ersten Gefühlen und zartem Beginn,

eilte einst der Frühling zum Sommer hin,

mit lauen Nächten und warmen Stunden,

oft auch gerne mit Urlaub verbunden.

 

Doch wird es trübe und fällt erstes Laub,

weht manch ein Sturm und manch Gefühl wird zu Staub.

Es wird dunkel und die Nächte erstarren zu Eis,

der Wechsel der Zeiten hat ihren Preis.

Kälte und Eis folgt im Winter sodann,

nach der Weihnacht fängt es wieder von vorne an.

 

So schleicht sich manchmal unbemerkt,

ein Stückchen Wehmut in den Kreis.

Die Angst vor dem was kommen mag,

verknüpft mit Freude auf das Neue,

ein Zweispalt ohne Wenn und Aber,

würfelt einen Herbsttag durcheinander.

 

Die Stürme werden wiederkehren,

im Inneren und Äußeren sich stets vermehren.

Das bunte Laub, es raschelt schön,

ich mag es darin spazieren zu gehen.

Es zeigt mir eine Endlichkeit,

nichts ist für die Ewigkeit.

 

Der Naturkreislauf, ein Spiegelbild des Lebens,

erst zart wie der Frühling,

dann impulsiv wie der Sommer,

im Herbst des Lebens gibt es viele Parallelen,

das Laub es fällt und hinterlässt Spuren

und dennoch spür ich den Zauber dieser Zeit,

gefolgt vom ewigen Winterkleid.

 

Denke ich manchmal im Stillen daran,

dass ich am Lebenskreislauf absolut nichts ändern kann.

Bäume wechseln beharrlich ihr Kleid,

genauso ist das Leben und so schließt sich der Kreis.

 

Nun zünde ich fürs Leben eine Kerze an,

und denke an Liebe und Geborgenheit,

für das was ist, im Jetzt und Heute,

für Morgen und für Übermorgen,

für Kraft und Trost und das was kommen mag.

 

Im neuen Jahr, dass hoff´ ich sehr,

ein Pflänzchen da, so zart und brav,

auch eine Knospe, ausdrucksstark und dominant,

ich möchte sehen, dass alles wieder seinen Anfang nimmt,

im Lebenskreislauf ein neues Jahr beginnt.

 

(Marie Luise)

 

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9 Kommentare 17.10.20 16:07, kommentieren