Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Quietsche-gelb und mopsfidel

"Die stärkste Farbe findet ihr Gleichgewicht, aber nur wieder in einer anderen starken Farbe, und nur wer seiner Sache gewiß wäre, wagte sie nebeneinander zu setzen." (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Die langen, monotonen Flure der Klinik hatten ihr schon, seit der ersten Vorstellung dort, Unbehagen bereitet. Es war schon eine merkwürdige Begebenheit, dass die onkologischen Abteilungen, meistens in den Untergeschossen anzutreffen waren. Unweit vom Eingang der Onkologie, ging ein kleiner Gang direkt in die Pathologie. Sehr hoffnungsvoll war das nicht, wenn sie länger darüber nachdachte. Aber vielleicht einst einfach nur praktisch überlegt und umgesetzt.

Ihr heutiger Termin hatte mal wieder einen faden Beigeschmack, wie immer, wenn sie das große Portal der Uniklinik durchschritt, tief Luft holte, sich nochmal umdrehte, einen kurzen Moment ausharrte, um nochmal die Sonne zu sehen. Dann ging es mit dem Fahrstuhl zwei Etagen ins Untergeschoss. Eigentlich hasste sie Fahrstühle und ebenso waren ihr Abgründe paradox, so dass sie ungern Treppen hinab lief. Treppen nach oben, lief sie dagegen gerne.

Als sich die Türen des Fahrstuhles öffneten, kniff sie sich selbst in die Seite, was ihr den heute nötigen Schubs einer imaginären Begleitperson ersetzte. Das ultimative Tor zur Hölle. Fast immer war jemand an ihrer Seite, wenn sie dort war, heute war es ein außerplanmäßiger Termin und somit kurzfristig für ihre Freunde nicht umsetzbar. Sie stieg aus dem Aufzug und ging langsam in Richtung der onkologischen Anmeldung. Gänsehaut, eiskalte Hände und leicht weiche Knie, machten ihr den Weg nicht unbedingt leichter. Es war eigentlich nur ein Kontrolltermin und die Planung der letzten beiden Chemos, aber dennoch war es nicht leicht.

Sich vorzustellen, dass in einigen Wochen vielleicht alles vorbei sein könnte, sie Tumor- und metastasenfrei in die noch wage Zukunft blicken könnte, fiel ihr schwer. Die letzten zweieinhalb Jahre hatten sie immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt. Manchmal ging sie zwei Schritte vor, um dann wieder drei zurückzugehen. Der allseits bekannten Theorie, „der Mensch gewöhnt sich früher oder später an alles“, konnte sie nicht entsprechen. Wie oft hatte sie selbst mit sich gehadert, vieles angezweifelt und fast den Mut und die Hoffnung verloren, wenn es wieder hieß: „Ihr Befund ist unklar und gibt Anlass zur aller größten Sorge!“

Die letzten Monate waren ruhiger geworden, einige Chemos wurden noch durchgeführt, die Zusammensetzung wurde etwas verträglicher und somit waren auch die Nebenwirkungen fast ein Kinderspiel. Da kannte sie anderes. Heute ging es darum, die letzten beiden Chemos noch unter einen Hut zu bekommen, da sie diese aufgrund eines Infektes hatte ausfallen lassen müssen. Gleichzeitig musste ihre Niere auf den Prüfstand, mittlerweile ihr wertvollstes Gut. Nur die wollte im Moment nicht so recht und das bereitete ihr schon seit einigen Tagen Beschwerden und Sorgen.

Die Assistentin an der Anmeldung begrüßte sie freundlich wie immer und nannte sie gleich beim Namen. Manche Patienten blieben einem eben im Gedächtnis, gut oder schlecht, dass kannte sie aus ihrem Berufsleben selbst. Im Wartebereich saßen heute nur zwei weitere Patienten, alle beide schon um die 80, schätzungsweise.

Sie setzte sich etwas seitlich in die Ecke des Wartebereiches und ihr Blick fiel nach einer Weile in die obere Ecke der Wand. Dort seilte sich immer wieder eine Spinne ab und zog sich nach einer kurzen Zeit wieder zurück hinauf ins Spinnennetz. Sie liebte es solche Dinge zu beobachten, obwohl die Spinne sicherlich im Freien mehr Bespaßung gehabt hätte. Ein unkompliziertes Lebewesen, so eine Spinne. Einfach und doch strukturiert. Abseilen, sich wieder hochziehen, warten das etwas an den Spinnweben kleben bliebe, um es dann in aller Ruhe zu verspeisen. Sie überlegte schon, ob sie sich auf die Suche nach einer Fliege machen sollte, um sie der Spinne ins Netz werfen zu können. Aber eine Spinne in einem Wartbereich zu füttern, wäre wohl auch nicht so ganz normal.

Die Tür ging auf, der Professor steckte den Kopf durch die Tür. „Marie, kommen Sie doch bitte mit mir.“ Wie gerne wäre sie jetzt in diesem Moment die kleine Spinne oben in der Ecke gewesen, die sich gerade mopsfidel aus ihrem Spinnennetz abseilte. Aber sie war keine Spinne, sondern ein Mensch, der darum kämpfte, bald wenigstens wieder genauso mopsfidel durchs Leben gehen zu können. Wieder tief durchatmen und so wie es ihre Oma immer sagte, „Brust raus, Bauch rein“, los ging es. Die meisten Gespräche mit dem Professor endeten in einem Alptraum, nicht alle, aber doch viele und als sie im Behandlungszimmer saß und er anfing zu sprechen, war ihr letztes Fünkchen Sicherheit verschwunden. Plopp!

„Marie, Sie schauen mich gerade an, als wäre Ihnen ein Geist begegnet, ist Ihnen nicht gut?“ Ein ziemlich schmerzhafter Kloß blieb ihr im Hals stecken und sie konnte nur bruchstückhaft antworten. Das Ganze endete dann darin, dass ihr die Tränen unkontrolliert an beiden Wangen herunterliefen. Dabei wollte sie doch eine gefasste Patientin, als auch Kollegin sein. Aber die eigene Anspannung machte ihr einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Sie wollte gesund werden und hatte Angst, dass sie wieder mit einer anderen Tatsache diese Klinik verlassen würde.

Ein entsetzter Professor sprang von seinem Sessel auf, zog sie aus ihrem Stuhl auf die Füße und nahm sie einfach fest in die Arme. Eine wohl nicht ganz übliche Geste, die ein Arzt-Patienten-Verhältnis deutlich irritieren könnte. Allerdings hatten sie schon so vieles gemeinsam durchgestanden, der Professor war etwas älter als ihr Vater und somit hatte es einfach nur etwas tröstlich-menschlich-väterliches. Nach einigen Minuten ging es wieder und sie konnte wieder etwas klarer denken. Die Psyche machte ihr schon manchmal einen Strich durch die Rechnung.

„Sie wissen, dass sie noch kein grünes Licht haben und dass Sie die letzten angeordneten Behandlungen unbedingt zu Ende bringen sollten!“ Das war ihr klar, so irgendwie. Wie schön wäre doch in diesem Moment das Spinnennetz an der Zimmerdeckenecke gewesen. Der Professor war seit einiger Zeit einer der wichtigsten Menschen in ihrem Leben, zumindest in ihrem Krebsleben. Das verband durchaus.

Manchmal wissen auch Professoren nicht direkt weiter und aus purer Verzweiflung darüber, dass sie einfach erstmal gar nichts mehr sagte, drehte er seinen Bildschirm zu ihr um und fing an von den aktuellen Statistiken und ihrem aktuellen Platz darin, zu erzählen. Sie sah nur irgendwelche Balken, grün für Leben, rot für Tod und irgendwo dann, in quietsche-gelb, ihr Balken. Das sie für diesen Krebs zu jung war und somit keine Statistik konform war, hatte sie nun auch schon mehrfach gehört und versucht zu verstehen. Allerdings, wenn sie sich so weiterdurchschlug, wäre wohl irgendwann der Zeitpunkt gekommen, wo eine Statistik wieder greifen würde und sie nicht mehr durchs Raster fiel.

Das ihr quietsche-gelber Balken nun mittlerweile länger als der rote totbringende Balken war, wäre schonmal ein Erfolg, verkündete ihr der Professor, nicht ganz ohne Stolz. Aber was hieß das im Kontext nun genau für sie? Ätschibätsch wir kriegen sie doch noch oder hatte sie vielleicht den Sensemann doch ausgetrickst? Am Ende sah sie nur noch grüne, rote und quietsche-gelbe Balken.

„Marie, Sie wissen, dass sie mir mit ihrer Krankengeschichte und auch als Mensch sehr am Herzen liegen und das ich weiterhin möchte, dass wir das gemeinsam schaffen und besiegen. Sie haben viel durchgemacht und ich weiß das Sie oft an ihren Grenzen waren und es immer wieder geschafft haben, sich darüber hinwegzusetzen. Das Sie jetzt hier vor mir sitzen und ich sehe, dass es Ihnen einigermaßen gut geht, freut mich sehr, wir sind zwar fast am Ende, aber eben noch nicht ganz!“

Das war genau der Punkt. Es war eben noch nicht ganz das Ende. Die zwei noch fehlenden Chemos mussten noch nachgeholt werden und danach stand Ende Mai noch eine Operation an. Nichts ganz so Dramatisches im Vergleich zu den Vergangenen Szenarien. Aber immerhin doch nochmal eine größere Operation, um die noch vorhandene Niere zu stabilisieren. Die machte nämlich immer mal gerne auf blöd und bat rücksichtslos um Aufmerksamkeit. Aber eine Operation hieße auch wieder ziemlich weit unten anfangen, 1-2 Tage Intensivstation und dann wieder Schritt für Schritt zurück ins Leben. Doch das wäre überschaubar und danach dann endlich Ruhe. Ob wirklich Ruhe sein würde, für immer? Bei jedem Screening würde ihr der Hintern auf Grundeis gehen, dann doch lieber in einer Zimmerecke im Spinnennetz mopsfidel Fliegen einwickeln und an nichts denken.


Es war weiterhin ernüchternd, wie schnell sie da war, die Katastrophe. Ohne Vorwarnung oder Info-Mail „Ihr Paket kommt morgen“. Sie brach über sie herein, einfach so. Doch nun stand sie vor den letzten Stolpersteinen eines langen Weges. Wie schön wäre es, wenn ihr Zwillingsbruder das erleben könnte, dass sie wieder gesund wurde? Sie konnte sich noch gut an den Tag der Diagnoseverkündung erinnern, als sie in sein leichenblasses Gesicht sah. Der Schmerz, die Angst, die Verzweiflung, alles spiegelte sich in seinen Augen in diesem Moment wieder. Wie gerne würde sie ihm in die Seite puffen und sagen: „Siehste, kleiner Bruder, gestorben wird erst am Schluss!“

Das manchmal dumme an ihrem eigenen, ziemlich wachen Verstand war immer, dass sie sich jederzeit ihrer Lage, ob gut oder schlecht, bewusst war. Genau das war ihr Menschsein, in vielen Situationen, Herrin der Lage zu sein. Aber mittlerweile ging es um die Wurscht. Es gab eben keinen Spielraum mehr. Das musste jetzt zum Ende kommen und dann hieß es, „rien ne va plus!“ – roter oder grüner Balken? Nichts war ihr wichtiger, als ihren quietsche-gelben Balken, in einen grünen zu verwandeln. Rot mochte sie sowieso noch nie sehr gerne.

Aus der Krankheit der „Anderen“, war „ihre“ Krankheit geworden. Das was jeder weit wegschob, war bei ihr nie anders gewesen. Seit sie mit ihrer eigenen Diagnose konfrontiert wurde, war ihr vieles viel klarer geworden und sie wusste nun, was dieses kleine Wörtchen „Krebs“ wirklich für einen selbst bedeutete. Ein entsetzliches Wort, in dem der Tod als Unterton schon mitklang, ein Wort, welches ihre Träume, ihr bisheriges Leben zerstörte, von einer Sekunde auf die andere. Plopp!

Die letzten Monate zeigten ihr nochmals deutlich, was ein Mensch wirklich war. Ein Zellhaufen, eine Laune der Natur, zufällig in jeder Einzigartigkeit entstanden und doch so leicht zu zerstören. Würde sie nicht im 21. Jahrhundert leben, wäre sie wohl schon längst tot. Aber sie lebte in einer Zeit voller großer medizinischer Fortschritte, welche es ermöglichten, dem Lauf der Natur zu widersprechen und dafür stand sie auch Tag für Tag selbst als Ärztin ein.

Das nicht alle Geschichten gut ausgingen, war ihr bewusst und dass auch sie hätte jung sterben können, war ihr heute klarer denn je, selbst wenn die Kuh noch nicht vollständig vom Eis war. Aber irgendwie wog sie sich in den Jahren vorher doch ziemlich in Sicherheit, dass ihr selbst so etwas nie passieren würde. So etwas passierte doch grundsätzlich nur den Anderen. Wie kindlich naiv sie doch einst war.

Im Dienst des Krebses seit vielen Monaten zu stehen, brachte viele Hürden mit sich. Geduld in allen Lagen auf zu bringen, forderte eine enorme Disziplin. Warten auf Ergebnisse, Bangen. Und nun gehörte er quasi zu ihrem Leben dazu, so als wäre er schon immer mit dabei gewesen. Fast Normalität. Dennoch riss er sie auch aus ihrem Hochfrequenzleben und das war sicherlich einer der wenigen positiven Begleiterscheinungen. Ohne ihn gäbe es ihr nun etwas ruhigeres, regelmäßigeres Berufsleben nicht, ohne ihn, nicht ihren Lieblingsmenschen. ;-)) Am Ende würde sie ihm noch dankbar sein, dass er sie einfach so überrannte und es könnte vielleicht wirklich so enden! Ein Neustart ins Leben 2.0, „vielen Dank lieber Krebs!“

Nachdem die beiden letzten Chemotermine und der Operationstermin abgesprochen waren und sie schon ein unbändiges Verlangen auf Thrombosestrümpfe, Netzhöschen und Op-Hemdchen verspürte, drehte sie sich beim Verlassen der Onkologie nochmal kurz um und dachte, dass ein „Willkommen in der Hölle“-Schild sicherlich nicht zu viel versprechen würde. Der Professor nickte ihr nochmal leicht lächelnd zu und murmelte ein fast unverständliches: „Sie schaffen das!“, hinterher.

Nach einem kurzen Aufenthalt in der ansässigen Cafeteria, machte sie sich wieder auf den Rückweg. Die Anspannung ließ langsam etwas nach. Solche Termine setzen sie immer wieder unter starken emotionalen Druck. Nach ein paar Kilometern wurde ihr mächtig übel und der Cappuccino landete ziemlich abrupt im Straßengraben. So ganz die Heldin der Lage war sie dann wohl doch nicht. Nach ein paar Minuten und dreimal ums Auto laufen, ging es dann auch wieder. Sie war im Endspurt und den würde sie auch noch schaffen, schließlich wollte sie sich doch mopsfidel weiterhin ihrer neuen Herausforderung stellen, auch wenn diese völlig anders angesiedelt war. Sie mochte dieses unbekannte Neue genauso wie es war und brauchte „ihn“ genau so wie er war. Er tat ihrer Seele gut.

Zu Hause wartete schon ihre Freundin Gabi auf sie. Gabi, der unverwüstliche Fels in ihrer Brandung. Nie schlecht gelaunt, immer einen Rat parat und an manchen Tagen einfach ihr „Li-La-Laune-Bär“. Als sie ihr von ihrem quietsche-gelben Balken, der Spinne im Wartezimmer und dem ausgekotzten Cappuccino erzählte, wurde sie kurzerhand von ihr geschnappt und ins Auto verfrachtet. Es folgte ein lustiger, ungezwungener Kinoabend mit viel zu viel Popcorn und Pepsi! Manche Akut-Therapien waren einfach unbezahlbar. Wieder zu Hause schlief sie dann nach kurzer Zeit, mopsfidel und ein wenig überzuckert, ein.  

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**Ich wünsche Euch ein frohes Osterfest, lasst es Euch gut gehen und passt immer auf Euch auf! Marie **

10 Kommentare 18.4.19 22:31, kommentieren

Spieglein,Spieglein an der Wand...^^

Kuckuck, Kuckuck, trefflicher Held! Was Du gesungen, ist Dir gelungen: Winter, Winter räumet das Feld! (3. Strophe Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald….August Heinrich Hoffmann von Fallersleben)


Langsam kehrten die etwas freundlicheren Tage zurück und der Frühling erwachte langsam aus seinem Winterschlaf. Die Mittagssonne hatte schon deutlich an Kraft und Intensität gewonnen und es tat ihr einfach gut, das Gesicht der Sonne entgegenzustrecken und die Wärme zu genießen. Viele Frühlingsboten zeigten sich bereits an einigen Stellen und es war einfach jedes Jahr aufs Neue volltuend zu sehen, dass alles wieder einen neuen Anfang nahm. Draußen sein, durchatmen können, den Wind zu spüren und den Gedanken freien Lauf zu lassen, dass bedeutete ihr schon immer sehr viel. Das war nach wie vor ihre Definition von Freiheit. Wenn sie unterwegs war, dann geschah es nicht selten, dass sie jegliches Zeitgefühl verließ und sie erst in der Abenddämmerung nach Hause zurückkehrte.

„Ich lieb´ den Frühling, ich lieb´ den Sonnenschein. Wann wird es endlich, mal wieder wärmer sein? Schnee, Eis und Kälte, werden bald vergehn…..“ (Kinderlied)

Zwängen musste sie sich schon immer unterwerfen, wobei die familiären Zwänge an Tragik manchmal nicht zu überbieten waren. Bis heute hatte sie sich nie richtig davon befreien können. Immer wieder gab es irgendetwas, was vorausgesetzt oder verlangt wurde. Im Grunde war sie selbst schuld, sie hätte längst den Absprung schaffen müssen, aber manchmal war das „Aushalten“ der einfachere Weg.

Ein nicht unerheblicher Lebenszwiespalt, zum einen die Widerstandskämpferin, zum anderen niemanden wehtun zu können, aber im Grunde wusste sie ganz genau, welcher Weg ihr mehr lag.

Wenn sie eines in den letzten Monaten gelernt hatte, dann sicherlich worauf es wirklich ankam. Und das war nicht die erlernte Etikette, sondern viel mehr, dass sie im Reinen mit sich selbst war und sich somit ohne Augen zu zukneifen, immer wieder selbst im Spiegel betrachten konnte. Das konnte sie nicht immer. Gut konnte sie sich noch daran erinnern, dass sie zeitweise nicht in den Spiegel sehen konnte, dass sie sogar manchmal ein Tuch vor den großen Flurspiegel hängte, um sich ja nicht darin sehen zu müssen. Als Kind hatte sie sogar im Elternhaus mal alle Spiegel abgehängt und den Badspiegel mit Buntpapier beklebt. Sie hasste es schon immer, jemanden darin zu sehen, der sie eigentlich nicht war. Seltsam, was das Unterbewusstsein in manchen Lebensphasen mit ihr angestellt hatte.

Doch mittlerweile konnte sie sich wieder entspannt im Spiegel betrachten und manchmal gefiel ihr sogar das, was sie dort sah. Es wurde besser, sie wurde stärker und widerstandsfähiger. Ja, sie mochte ihren Spiegel und ihr Spiegelbild und konnte sich wieder standhaft selbst in die Augen sehen.

Einige Strippen ihrer Marionette waren morsch geworden, andere komplett abgerissen, dann gab es noch wenige, die leider immer mal wieder funktionierten und sie für andere tanzen ließen.

Trotzdem war es auch im heute und jetzt nicht immer einfach. Zu widerstehen und sich zu widersetzen, kostete sie auf Dauer unheimlich viel Kraft und es gab einige Tage, an denen sie abends einfach nur erschöpft und kraftlos vor ihrem Kamin saß und die Tränen nicht versiegen wollten. Doch diese Tränen bedeuten auch wiederum, dass sie einen Schritt weiterkam. Manche Wege waren steinig, aber möglich, andere waren messerscharf wie Rasierklingen, im ersten Moment unüberwindbar, aber auch dann zu bezwingen.

Auch ihr Kampf gegen und durch den Krebs war steinig und manchmal unbezwingbar. Viele lange schmerzhafte Monate hatte sie bisher ausgehalten und nie die Hoffnung ganz aufgegeben. Manche Situationen waren paradox, viele Therapien und Wege ein Versuch ins Ungewisse und letztendlich zeigten sie die ernüchternde Erkenntnis: „Sackgasse!“ Doch dann war ein möglicher Weg gefunden und es wurde etwas besser, langsam, aber dennoch stetig.

Genau in dieser Hoffnung befand sie sich bis heute, ob sie letztendlich zum Ziel kommen würde, dass war noch nicht sicher, aber die Tendenz ließ hoffen.

Manche Tage waren einfach schlecht, da funktionierte nichts, rein gar nichts. Aber das gehörte wohl auch dazu, die Hauptsache war doch, dass die nächsten Tage wieder besser werden würden.

Seit einigen Tagen waren die beiden Esel wieder auf der Weide und wenn es ihr einigermaßen gut ging, besuchte sie die Beiden. Ein nicht ganz müheloser Weg, hinauf in den Wald, bis sie zu dem kleinen legendären, manchmal auch etwas gruseligen, Friedhof kam. Direkt gegenüber tat sich dann die Lichtung mit der Eselsweide auf. Ein schöner, harmonischer und ruhiger Ort. Als Kind war sie schon immer gerne dort gewesen und der riesige Kastanienbaum, welcher in der Mitte des Friedhofs, groß und anmutig die Herrschaft übernahm, beeindruckte sie noch heute. Ein alter, wahrscheinlich doch schon sehr morscher Geselle, der viele Tragödien und Geheimnisse in sich aufgenommen hatte.

Als Kinder hatten sie dort im Herbst die Kastanien aufgesammelt und runter zum Jäger ins Jagdhaus gebracht. Der war für solche Gesten immer sehr dankbar und es gab meistens eine heiße Schokolade. Im Winter, wenn dann die Fütterung der Wildtiere begann, durfte sie mit ihrem Bruder oft mit und die Futterkrippen im Wald auffüllen.

"Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden!" (Franz Kafka)

Ihre Mutter sah solche Ausflüge nie gerne und ganz oft gab es Verbote in den Wald zu gehen oder im Jagdhaus vorbeizuschauen. Dabei war es genau das, woran sie sich heute noch gerne und mit einem wohltuenden Bauchgefühl erinnerte und eben nicht an die zähen Knigge- und Chinesischkurse in den Ferien. Immer wieder erwischte sie sich selbst dabei, dass sie in sich hineingrinste, wenn sie an die vielen verbotenen Dinge dachte, die sie, meistens zusammen mit ihrem Bruder, trotzdem getan hatte, sich heimlich wegschlich um die Esel zu besuchen oder einfach nur ihre Ruhe haben wollte.

Das Verhältnis zu ihrer Mutter war schon immer schwierig und umso älter sie wurde, desto abstrakter wurde es. So lange ihr Bruder noch mit im Boot saß, ging es immer noch irgendwie, aber, seit er nicht mehr da war, lief das Fass nicht nur immer mal über, sondern hatte komplett den Boden verloren.

Daher genoss sie es gerade in diesen Tagen, im Schneidersitz auf der kleinen maroden Friedhofsmauer zu sitzen, die Augen geschlossen und das Gesicht den warmen Sonnenstrahlen entgegengestreckt. Und dann begann genau dieser Moment, wo jeglicher Wahnsinn der letzten Tage unwichtig wurde. Sie hörte die Vögel trillern, die knackenden Zweige, wenn irgendetwas durch das Unterholz huschte, die summenden Hummeln und freute sich, dass es schön war, dort zu sein und in diesem Moment etwas Unendlichkeit spüren zu können. Genau das war Magie und Freiheit, eine seltene Besonderheit.

In den beiden letzten Jahren, war sie sich nie sicher, ob sie den Frühling im nächsten Jahr nochmal erleben würde, doch nun stand für sie fest, es wird noch öfters Frühling werden.

„Immer wieder kommt ein neuer Frühling, immer wieder kommt ein neuer März. Immer wieder bringt er neue Blumen, immer wieder Licht in unser Herz!“ (Rolf Zuckowski-Kinderlied)

Zurückzudenken an vergangene Zeiten, dass tat sie sehr gerne und obwohl sie mit ihrem Bruder sehr behütet, bewacht und kontrolliert aufwuchs, gab es immer wieder diese Schlupflöcher in ihre eigene Welt und genau diese Welt bestand nicht aus Elfen und Feen, nein, sie bestand aus Abenteuer, Versuchungen, Entdeckungen, Geheimnissen und Widerstand. Viele Sachen hatten sie ausprobiert und manchmal auch übertrieben und sie grinste bis heute immer noch heimlich, wenn sie an manche Abenteuer dachte. Etwas schadenfroh erinnerte sie sich, als sie in ihrer Indianerphase auf einer Familienfeier ihren allseits verhassten Onkel oben im Wald an einen Baum fesselte und ihn dort zurückließ. Sich freiwillig von einer Horte Kinder an den „Marterfahl“ fesseln zu lassen, war schon in seiner Situation sehr ungünstig entschieden und wer sich in Gefahr begab, kam eben auch manchmal darin um. ;-) Leider fiel es irgendwann auf, dass er verschwunden war. Ja, sehr schade. ;-) Das hätte ihr wahrscheinlich in den folgenden Jahren, so einigen Kummer erspart.

Die anderen Kinder der Familie waren zwar mit von der Partie, aber es war schon klar, wer dafür verantwortlich war. Als Kind löste sie Probleme direkt und ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken und dieses Problem, war zumindest für zwei Stunden damals erstmal gelöst. Und war er nicht selbst schuld, wenn er sich freiwillig zum Indianerspielen bereiterklärte, obwohl er nie etwas mit Kindern anfangen konnte und immer nur schimpfte und bestrafte?

Als er dann während des Spielens alle Kinder als blöde Rotzlöffel bezeichnete, wurde sein Schicksal besiegelt.  Auch Erwachsene handeln nicht immer richtig und Kinder zu unterschätzen war und ist bis heute wohl unklug. Nachdem hatte er niemals mehr einen Versuch unternommen mit ihnen zu spielen. Sogar Brettspiele waren ihm dann unheimlich.

Es gab noch so einiges und die zusammengeknoteten Schnürsenkel unter der Kaffeetafel, gehörten wohl noch zu den harmlosesten Dingen. ;-)

Im Hintergrund hörte sie die Esel grasen und sie freute sich immer wieder, dass gerade diese beiden Gesellen, wenn auch schon einige Eselgenerationen später, ihr ein Stück Kindheit bewahrten. Sie wusste, dass sie gerade an einer Gablung stand, entweder weiterzumachen wie in den ganzen Jahren zu vor, um sich irgendwann den Vorwurf machen zu müssen, nichts geändert zu haben oder weiterhin auf dem neuen Weg zu bleiben und neue Wege auszuprobieren. Momentan waren ihre Möglichkeiten noch eingeschränkt, da sie noch lange nicht wieder in Topform war, aber es gab durchaus schon Dinge, die sich verändert hatten und daran wollte sie weiterhin arbeiten. Neues bedeutete Mut, Kraft, Durchhaltevermögen und auch mal Niederlagen, aber eigentlich hatte sie davor keine Angst.

Ihr Lieblingsmensch, welcher sich im Laufe der letzten Monate immer etwas mehr Platz in ihrem Herzen verschafft hatte, war ebenfalls eine sehr ungewohnte und besondere Herausforderung für sie. Aber auch er gehörte zur Gabelung der neuen Wege, bliebe nur zu hoffen, dass sie mit ihrer Höhenangst zurechtkam und Schritt halten konnte. Sie wollte es schaffen und das Besondere an dieser Begegnung, waren Wunder und Hoffnung genug.

Ein weiterer Tag neigte sich dem Ende und es wurde zum Einsetzen der Dämmerung sehr rasch kühl. Eine Weile stand sie noch bei den beiden Eseln, zusselte die Mähnen und gab ihnen noch ein paar Möhren, dann ging sie langsam zurück nach Hause.


Zu Hause angekommen, fiel ihr erster Blick in den großen Flurspiegel, aber sie traute sich, hineinzusehen, sich beim Ablegen der Jacke zu beobachten, einen Schritt weiter nach vorne zu gehen, um sich selbst in die Augen sehen zu können. Ja, sie war auf dem richtigen Weg!

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer fand den richtigen Weg dort oben im Wald?“

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