Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Urlaub, Sonne, Meer und mehr ;-)

„Keine Kinder machen frei, aber einsam. Kein Lachen, kein Toben und kein Spielen. Keine Unordnung, keine Wutausbrüche, kein Streit, aber auch keine grenzlose, bedingungslose Liebe, kein Vertrauen. Niemand der Dich fragt, warum der Himmel blau ist, ob Hühner einen Bauchnabel haben oder warum die Vögel nicht vom Himmel fielen, obwohl sie nicht getankt hätten. Meine beste Entscheidung, meine Tochter!“


 Am letzten Sonntag im Juli starteten meine Tochter und ich in unseren lang ersehnten, nochmals gemeinsamen, Sommerurlaub. Nachdem wir ihn kurzfristig nochmals verschieben mussten, war nun endlich der Tag unserer Abreise gekommen. Der Tag begann früh, aber ohne jegliche Hektik. Ich war gerade im Badezimmer, als mein Handy klingelte und nur kurz draufschielte bis ich sah, dass meine Mutter versuchte anzurufen. Um 6 Uhr, sonntags! Ich ignorierte es und ging nicht dran. Urlaub! Tage, welche früh morgens mit einem Anruf meiner Mutter begannen, versprachen erfahrungsgemäß keine guten Tage zu werden. Meistens entpuppten sie sich dann als Katastrophentage, die ich nur noch in schlecht oder schlechter einteilen konnte. Somit zog ich es vor, unseren ersten Urlaubstag erst gar nicht dieser drohenden Gefahr auszusetzen. Das sich dies acht Tage später als Fehler erwies, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht erahnen. Aber fangen wir von vorne an.

Nachdem wir unsere sieben Sachen endlich im Auto verstaut hatten und auf der Autobahn Richtung Frankfurt waren, begann er endlich, unser Urlaub! Und Vorfreude ist ja bekanntlich die beste Freude und so trällerten wir, mehr schlecht als recht, einige der leidigen Songs im Radio mit und hatten schon auf der Anreise zum Flughafen unseren Spaß.


Ich liebte es einfach, unbeschwert, jedenfalls fast, mit meinem wertvollsten und liebsten Menschlein, meiner Tochter, ein paar Tage mit Sommer, Sonne, Meer und mehr, verbringen zu können. Solche Zeiten waren in den letzten knapp drei Jahren viel zu wenig möglich gewesen und daher war es für uns wertvoller denn je. Heute zurückblickend, hoffe ich sehr, dass wir immer mal wieder kurze gemeinsame Zeitspannen finden werden, fern von jeglichen Verpflichtungen und dem allgemeinen täglichen Wahnsinn. Mein Hochfrequenzleben braucht immer mal eine kleine Entspannungsphase und wenn ich eines in den letzten Monaten gelernt habe, dann das es einfach nötig ist, sich Phasen der Ruhe und Entspannung, zu ermöglichen.

Am Flughafen angekommen, wurde mein Auto am Terminal 1 von einer „Park and Fly“ Firma übernommen. Das klappte soweit komplikationslos. Das Auto wurde übernommen und eingeparkt und nach der Rückkehr wieder an mich übergeben. Somit sparten wir uns viel Zeit. Der Frankfurter Flughafen gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsflughäfen. Ich finde ihn einfach furchtbar. Viel zu groß, viel zu laut, viel zu viele Menschen, einfach von allem viel zu viel.


Unseren Check-in Schalter fanden wir auf Anhieb, soweit uns klar war, in welche Richtung wir laufen mussten. Leider hatte das Bodenpersonal es nicht so drauf. Vielleicht lag es am Sonntag, vielleicht hatten wir einfach nur Pech. Es dauerte und dauerte, aber irgendwann schafften wir es dann doch, unsere Koffer aufzugeben. Da wir keinen Direktflug hatten, mussten wir in Rom zwischenlanden und von dort dann nach Tunis weiterfliegen. Sicherlich ein „no go“ für Greta Thunberg, aber mit dem Schiff wollten wir dann doch nicht anreisen. ;-) Somit hofften wir, dass unsere Koffer richtig verladen wurden und irgendwann dann mit uns in Tunis ankommen würden. Nicht auszudenken, wenn sie irgendwo anders gelandet wären. Beim Rückflug nicht so dramatisch, allerdings beim Hinflug hätte das ein gewisses Katastrophenpotential mit sich gebracht.


Der Start in Frankfurt hatte schon so seine gewissen Tücken. Mit einer Stunde Verspätung bekamen wir dann endlich die Starterlaubnis. Leider wütete ein Unwetter über Rom, so dass keine Flugzeuge starten und landen durften. Der Landeanflug über Rom gestaltete sich sehr turbulent und wir waren froh, dass der Pilot den Flieger nach kurzzeitigem Abdriften durch eine Sturmböe, wieder unter Kontrolle bekam. Währenddessen war es mucksmäuschenstill an Board. Ja super, dem Krebs weitgehend von der Schippe gesprungen und dann in Rom bruchgelandet. Aber der göttliche Segen war anscheinend unser Begleiter. ;-)

Durch die verspätete Starterlaubnis blieb uns in Rom etwas weniger Zeit, um unseren Anschlussflug zu erreichen. Aber wir schafften es dann doch noch, knapp zwar, aber letztendlich saßen wir im richtigen Flieger und landeten knappe 90 min später, diesmal relativ sanft, in Tunis.


Die Hitze haute uns beinahe aus den nicht vorhandenen Socken, aber was hatten wir erwartet? Mitten im Hochsommer, dem Äquator ein ganzes Stück näher, im Wüstenklima? Eisberge waren es jedenfalls nicht. Die Hitze flimmerte und es blieb einem im ersten Moment tatsächlich erstmal die Luft weg.

Unsere Koffer hatten wir relativ schnell und ich war durchaus begeistert. Allerdings waren wir nun in einem Land, in welchem eine sehr hohe Armut und Arbeitslosigkeit herrscht. Somit versuchten natürlich einige Einheimische unser Gepäck für uns zu tragen. Da ich gerade mit Geld wechseln und Getränke organisieren beschäftigt war und meine Tochter auf solch eine Situation nicht vorbereitet war, schnappte sich einer unsere Koffer und trug sie dann zu unserem Bus. Dieser „ganz-umsonst-Service“, von dem meine Tochter ausging, entpuppte sich natürlich als Trinkgeldersuchen. Scharf war unser Kofferboy keineswegs auf tunesische Dinar, nein, der Euro war dann doch sehr viel lukrativer. ;-) Aber das sah ich dann auch nicht sonderlich eng. Im Grunde wusste ich ja was uns erwarten würde.


Die arabische Kultur und Mentalität ist völlig anders, als wir es hier so gewohnt sind. Ich kenne sie von einigen meiner Aufenthalte in Ägypten und Tunesien vor einigen Jahren. Von daher überraschte mich das alles nicht ganz so sehr. Diskretion und Privatsphäre sind dort ein Fremdwort.


Die Fahrt vom Flughafen zu unserem Hotel war relativ ernüchternd. Die Armut in diesem Land ist allgegenwärtig und Hygiene oder Müllentsorgung größtenteils eine Katastrophe.


So viel Müll überall, ein Wahnsinn und allem voran, Plastik. Flaschen und Tüten, wohin man schaute. Das warf auf die ohnehin schon sehr karge Landschaft einen weiteren großen Schatten. Es ist eigentlich nicht in Worte zu fassen, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Müll, Müll und nochmal Müll.


Überall fanden sich Häuser, in denen es für uns nicht möglich wäre, dort zu wohnen. Teils eingefallen oder anderweitig zerstört, dass dicke schwarze Stromkabel hing lose über dem Balkon. Überall sprangen Kinder herum und spielten. Ernüchternd.


In den etwas mehr belebten Straßen fanden sich Imbisse. Dort wurde das Fleisch direkt gegrillt, allerdings befand sich das verwendete Fleisch in Glasvitrinen daneben, ohne Kühlung, der direkten Sonneneinstrahlung ausgesetzt und darauf wiederum, tummelten sich dicke schwarze Fliegen.


Ich denke schon, dass das menschliche Immunsystem lernen kann mit vielem zurechtzukommen. Ansonsten wäre unsere Erdbevölkerung wohl um schon einiges geschrumpft. Allerdings wäre dieser Fleischkonsum für einen Mitteleuropäer wohl eher mit einigen Problemen behaftet. Unsere Idee, hin und wieder mal auf eigene Faust etwas Essen zu gehen, zerschlug sich auf dieser Fahrt.


Die Fahrkünste in Nordafrika sind aufregend. Ich bin mir nicht sicher, wie oft ich kurz vor einem akuten Herzstillstand stand. Der Stärkste und Schnellste überlebt. Verkehrsregeln? Fehlanzeige!

 

Glücklicherweise erreichten wir dann doch noch unser Hotel. Ziemlich erschöpft, ziemlich durchschwitzt und hundemüde. Nach einem kurzen Abendessen, duschten wir erstmal und gingen dann noch lange am Strand spazieren. Unser Urlaub hatte nun richtig begonnen.


Teil 2 folgt……………….

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Ihr Lieben, heute möchte ich mich nach doch längerer Pause zurückmelden. Ich hoffe es geht Euch gut. Gesundheitlich hat sich doch einiges bei mir getan. Dazu werde ich aber demnächst ausführlich berichten. Es sei vorerst soweit gesagt, dass es mir weitgehend gut geht, leider ist noch nicht alles im grünen Bereich, aber ich bin guter Dinge. Passt auf Euch auf, Eure Marie!

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10 Kommentare 11.8.19 17:07, kommentieren

Quietsche-gelb und mopsfidel

"Die stärkste Farbe findet ihr Gleichgewicht, aber nur wieder in einer anderen starken Farbe, und nur wer seiner Sache gewiß wäre, wagte sie nebeneinander zu setzen." (Johann Wolfgang von Goethe)

 

Die langen, monotonen Flure der Klinik hatten ihr schon, seit der ersten Vorstellung dort, Unbehagen bereitet. Es war schon eine merkwürdige Begebenheit, dass die onkologischen Abteilungen, meistens in den Untergeschossen anzutreffen waren. Unweit vom Eingang der Onkologie, ging ein kleiner Gang direkt in die Pathologie. Sehr hoffnungsvoll war das nicht, wenn sie länger darüber nachdachte. Aber vielleicht einst einfach nur praktisch überlegt und umgesetzt.

Ihr heutiger Termin hatte mal wieder einen faden Beigeschmack, wie immer, wenn sie das große Portal der Uniklinik durchschritt, tief Luft holte, sich nochmal umdrehte, einen kurzen Moment ausharrte, um nochmal die Sonne zu sehen. Dann ging es mit dem Fahrstuhl zwei Etagen ins Untergeschoss. Eigentlich hasste sie Fahrstühle und ebenso waren ihr Abgründe paradox, so dass sie ungern Treppen hinab lief. Treppen nach oben, lief sie dagegen gerne.

Als sich die Türen des Fahrstuhles öffneten, kniff sie sich selbst in die Seite, was ihr den heute nötigen Schubs einer imaginären Begleitperson ersetzte. Das ultimative Tor zur Hölle. Fast immer war jemand an ihrer Seite, wenn sie dort war, heute war es ein außerplanmäßiger Termin und somit kurzfristig für ihre Freunde nicht umsetzbar. Sie stieg aus dem Aufzug und ging langsam in Richtung der onkologischen Anmeldung. Gänsehaut, eiskalte Hände und leicht weiche Knie, machten ihr den Weg nicht unbedingt leichter. Es war eigentlich nur ein Kontrolltermin und die Planung der letzten beiden Chemos, aber dennoch war es nicht leicht.

Sich vorzustellen, dass in einigen Wochen vielleicht alles vorbei sein könnte, sie Tumor- und metastasenfrei in die noch wage Zukunft blicken könnte, fiel ihr schwer. Die letzten zweieinhalb Jahre hatten sie immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt. Manchmal ging sie zwei Schritte vor, um dann wieder drei zurückzugehen. Der allseits bekannten Theorie, „der Mensch gewöhnt sich früher oder später an alles“, konnte sie nicht entsprechen. Wie oft hatte sie selbst mit sich gehadert, vieles angezweifelt und fast den Mut und die Hoffnung verloren, wenn es wieder hieß: „Ihr Befund ist unklar und gibt Anlass zur aller größten Sorge!“

Die letzten Monate waren ruhiger geworden, einige Chemos wurden noch durchgeführt, die Zusammensetzung wurde etwas verträglicher und somit waren auch die Nebenwirkungen fast ein Kinderspiel. Da kannte sie anderes. Heute ging es darum, die letzten beiden Chemos noch unter einen Hut zu bekommen, da sie diese aufgrund eines Infektes hatte ausfallen lassen müssen. Gleichzeitig musste ihre Niere auf den Prüfstand, mittlerweile ihr wertvollstes Gut. Nur die wollte im Moment nicht so recht und das bereitete ihr schon seit einigen Tagen Beschwerden und Sorgen.

Die Assistentin an der Anmeldung begrüßte sie freundlich wie immer und nannte sie gleich beim Namen. Manche Patienten blieben einem eben im Gedächtnis, gut oder schlecht, dass kannte sie aus ihrem Berufsleben selbst. Im Wartebereich saßen heute nur zwei weitere Patienten, alle beide schon um die 80, schätzungsweise.

Sie setzte sich etwas seitlich in die Ecke des Wartebereiches und ihr Blick fiel nach einer Weile in die obere Ecke der Wand. Dort seilte sich immer wieder eine Spinne ab und zog sich nach einer kurzen Zeit wieder zurück hinauf ins Spinnennetz. Sie liebte es solche Dinge zu beobachten, obwohl die Spinne sicherlich im Freien mehr Bespaßung gehabt hätte. Ein unkompliziertes Lebewesen, so eine Spinne. Einfach und doch strukturiert. Abseilen, sich wieder hochziehen, warten das etwas an den Spinnweben kleben bliebe, um es dann in aller Ruhe zu verspeisen. Sie überlegte schon, ob sie sich auf die Suche nach einer Fliege machen sollte, um sie der Spinne ins Netz werfen zu können. Aber eine Spinne in einem Wartbereich zu füttern, wäre wohl auch nicht so ganz normal.

Die Tür ging auf, der Professor steckte den Kopf durch die Tür. „Marie, kommen Sie doch bitte mit mir.“ Wie gerne wäre sie jetzt in diesem Moment die kleine Spinne oben in der Ecke gewesen, die sich gerade mopsfidel aus ihrem Spinnennetz abseilte. Aber sie war keine Spinne, sondern ein Mensch, der darum kämpfte, bald wenigstens wieder genauso mopsfidel durchs Leben gehen zu können. Wieder tief durchatmen und so wie es ihre Oma immer sagte, „Brust raus, Bauch rein“, los ging es. Die meisten Gespräche mit dem Professor endeten in einem Alptraum, nicht alle, aber doch viele und als sie im Behandlungszimmer saß und er anfing zu sprechen, war ihr letztes Fünkchen Sicherheit verschwunden. Plopp!

„Marie, Sie schauen mich gerade an, als wäre Ihnen ein Geist begegnet, ist Ihnen nicht gut?“ Ein ziemlich schmerzhafter Kloß blieb ihr im Hals stecken und sie konnte nur bruchstückhaft antworten. Das Ganze endete dann darin, dass ihr die Tränen unkontrolliert an beiden Wangen herunterliefen. Dabei wollte sie doch eine gefasste Patientin, als auch Kollegin sein. Aber die eigene Anspannung machte ihr einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Sie wollte gesund werden und hatte Angst, dass sie wieder mit einer anderen Tatsache diese Klinik verlassen würde.

Ein entsetzter Professor sprang von seinem Sessel auf, zog sie aus ihrem Stuhl auf die Füße und nahm sie einfach fest in die Arme. Eine wohl nicht ganz übliche Geste, die ein Arzt-Patienten-Verhältnis deutlich irritieren könnte. Allerdings hatten sie schon so vieles gemeinsam durchgestanden, der Professor war etwas älter als ihr Vater und somit hatte es einfach nur etwas tröstlich-menschlich-väterliches. Nach einigen Minuten ging es wieder und sie konnte wieder etwas klarer denken. Die Psyche machte ihr schon manchmal einen Strich durch die Rechnung.

„Sie wissen, dass sie noch kein grünes Licht haben und dass Sie die letzten angeordneten Behandlungen unbedingt zu Ende bringen sollten!“ Das war ihr klar, so irgendwie. Wie schön wäre doch in diesem Moment das Spinnennetz an der Zimmerdeckenecke gewesen. Der Professor war seit einiger Zeit einer der wichtigsten Menschen in ihrem Leben, zumindest in ihrem Krebsleben. Das verband durchaus.

Manchmal wissen auch Professoren nicht direkt weiter und aus purer Verzweiflung darüber, dass sie einfach erstmal gar nichts mehr sagte, drehte er seinen Bildschirm zu ihr um und fing an von den aktuellen Statistiken und ihrem aktuellen Platz darin, zu erzählen. Sie sah nur irgendwelche Balken, grün für Leben, rot für Tod und irgendwo dann, in quietsche-gelb, ihr Balken. Das sie für diesen Krebs zu jung war und somit keine Statistik konform war, hatte sie nun auch schon mehrfach gehört und versucht zu verstehen. Allerdings, wenn sie sich so weiterdurchschlug, wäre wohl irgendwann der Zeitpunkt gekommen, wo eine Statistik wieder greifen würde und sie nicht mehr durchs Raster fiel.

Das ihr quietsche-gelber Balken nun mittlerweile länger als der rote totbringende Balken war, wäre schonmal ein Erfolg, verkündete ihr der Professor, nicht ganz ohne Stolz. Aber was hieß das im Kontext nun genau für sie? Ätschibätsch wir kriegen sie doch noch oder hatte sie vielleicht den Sensemann doch ausgetrickst? Am Ende sah sie nur noch grüne, rote und quietsche-gelbe Balken.

„Marie, Sie wissen, dass sie mir mit ihrer Krankengeschichte und auch als Mensch sehr am Herzen liegen und das ich weiterhin möchte, dass wir das gemeinsam schaffen und besiegen. Sie haben viel durchgemacht und ich weiß das Sie oft an ihren Grenzen waren und es immer wieder geschafft haben, sich darüber hinwegzusetzen. Das Sie jetzt hier vor mir sitzen und ich sehe, dass es Ihnen einigermaßen gut geht, freut mich sehr, wir sind zwar fast am Ende, aber eben noch nicht ganz!“

Das war genau der Punkt. Es war eben noch nicht ganz das Ende. Die zwei noch fehlenden Chemos mussten noch nachgeholt werden und danach stand Ende Mai noch eine Operation an. Nichts ganz so Dramatisches im Vergleich zu den Vergangenen Szenarien. Aber immerhin doch nochmal eine größere Operation, um die noch vorhandene Niere zu stabilisieren. Die machte nämlich immer mal gerne auf blöd und bat rücksichtslos um Aufmerksamkeit. Aber eine Operation hieße auch wieder ziemlich weit unten anfangen, 1-2 Tage Intensivstation und dann wieder Schritt für Schritt zurück ins Leben. Doch das wäre überschaubar und danach dann endlich Ruhe. Ob wirklich Ruhe sein würde, für immer? Bei jedem Screening würde ihr der Hintern auf Grundeis gehen, dann doch lieber in einer Zimmerecke im Spinnennetz mopsfidel Fliegen einwickeln und an nichts denken.


Es war weiterhin ernüchternd, wie schnell sie da war, die Katastrophe. Ohne Vorwarnung oder Info-Mail „Ihr Paket kommt morgen“. Sie brach über sie herein, einfach so. Doch nun stand sie vor den letzten Stolpersteinen eines langen Weges. Wie schön wäre es, wenn ihr Zwillingsbruder das erleben könnte, dass sie wieder gesund wurde? Sie konnte sich noch gut an den Tag der Diagnoseverkündung erinnern, als sie in sein leichenblasses Gesicht sah. Der Schmerz, die Angst, die Verzweiflung, alles spiegelte sich in seinen Augen in diesem Moment wieder. Wie gerne würde sie ihm in die Seite puffen und sagen: „Siehste, kleiner Bruder, gestorben wird erst am Schluss!“

Das manchmal dumme an ihrem eigenen, ziemlich wachen Verstand war immer, dass sie sich jederzeit ihrer Lage, ob gut oder schlecht, bewusst war. Genau das war ihr Menschsein, in vielen Situationen, Herrin der Lage zu sein. Aber mittlerweile ging es um die Wurscht. Es gab eben keinen Spielraum mehr. Das musste jetzt zum Ende kommen und dann hieß es, „rien ne va plus!“ – roter oder grüner Balken? Nichts war ihr wichtiger, als ihren quietsche-gelben Balken, in einen grünen zu verwandeln. Rot mochte sie sowieso noch nie sehr gerne.

Aus der Krankheit der „Anderen“, war „ihre“ Krankheit geworden. Das was jeder weit wegschob, war bei ihr nie anders gewesen. Seit sie mit ihrer eigenen Diagnose konfrontiert wurde, war ihr vieles viel klarer geworden und sie wusste nun, was dieses kleine Wörtchen „Krebs“ wirklich für einen selbst bedeutete. Ein entsetzliches Wort, in dem der Tod als Unterton schon mitklang, ein Wort, welches ihre Träume, ihr bisheriges Leben zerstörte, von einer Sekunde auf die andere. Plopp!

Die letzten Monate zeigten ihr nochmals deutlich, was ein Mensch wirklich war. Ein Zellhaufen, eine Laune der Natur, zufällig in jeder Einzigartigkeit entstanden und doch so leicht zu zerstören. Würde sie nicht im 21. Jahrhundert leben, wäre sie wohl schon längst tot. Aber sie lebte in einer Zeit voller großer medizinischer Fortschritte, welche es ermöglichten, dem Lauf der Natur zu widersprechen und dafür stand sie auch Tag für Tag selbst als Ärztin ein.

Das nicht alle Geschichten gut ausgingen, war ihr bewusst und dass auch sie hätte jung sterben können, war ihr heute klarer denn je, selbst wenn die Kuh noch nicht vollständig vom Eis war. Aber irgendwie wog sie sich in den Jahren vorher doch ziemlich in Sicherheit, dass ihr selbst so etwas nie passieren würde. So etwas passierte doch grundsätzlich nur den Anderen. Wie kindlich naiv sie doch einst war.

Im Dienst des Krebses seit vielen Monaten zu stehen, brachte viele Hürden mit sich. Geduld in allen Lagen auf zu bringen, forderte eine enorme Disziplin. Warten auf Ergebnisse, Bangen. Und nun gehörte er quasi zu ihrem Leben dazu, so als wäre er schon immer mit dabei gewesen. Fast Normalität. Dennoch riss er sie auch aus ihrem Hochfrequenzleben und das war sicherlich einer der wenigen positiven Begleiterscheinungen. Ohne ihn gäbe es ihr nun etwas ruhigeres, regelmäßigeres Berufsleben nicht, ohne ihn, nicht ihren Lieblingsmenschen. ;-)) Am Ende würde sie ihm noch dankbar sein, dass er sie einfach so überrannte und es könnte vielleicht wirklich so enden! Ein Neustart ins Leben 2.0, „vielen Dank lieber Krebs!“

Nachdem die beiden letzten Chemotermine und der Operationstermin abgesprochen waren und sie schon ein unbändiges Verlangen auf Thrombosestrümpfe, Netzhöschen und Op-Hemdchen verspürte, drehte sie sich beim Verlassen der Onkologie nochmal kurz um und dachte, dass ein „Willkommen in der Hölle“-Schild sicherlich nicht zu viel versprechen würde. Der Professor nickte ihr nochmal leicht lächelnd zu und murmelte ein fast unverständliches: „Sie schaffen das!“, hinterher.

Nach einem kurzen Aufenthalt in der ansässigen Cafeteria, machte sie sich wieder auf den Rückweg. Die Anspannung ließ langsam etwas nach. Solche Termine setzen sie immer wieder unter starken emotionalen Druck. Nach ein paar Kilometern wurde ihr mächtig übel und der Cappuccino landete ziemlich abrupt im Straßengraben. So ganz die Heldin der Lage war sie dann wohl doch nicht. Nach ein paar Minuten und dreimal ums Auto laufen, ging es dann auch wieder. Sie war im Endspurt und den würde sie auch noch schaffen, schließlich wollte sie sich doch mopsfidel weiterhin ihrer neuen Herausforderung stellen, auch wenn diese völlig anders angesiedelt war. Sie mochte dieses unbekannte Neue genauso wie es war und brauchte „ihn“ genau so wie er war. Er tat ihrer Seele gut.

Zu Hause wartete schon ihre Freundin Gabi auf sie. Gabi, der unverwüstliche Fels in ihrer Brandung. Nie schlecht gelaunt, immer einen Rat parat und an manchen Tagen einfach ihr „Li-La-Laune-Bär“. Als sie ihr von ihrem quietsche-gelben Balken, der Spinne im Wartezimmer und dem ausgekotzten Cappuccino erzählte, wurde sie kurzerhand von ihr geschnappt und ins Auto verfrachtet. Es folgte ein lustiger, ungezwungener Kinoabend mit viel zu viel Popcorn und Pepsi! Manche Akut-Therapien waren einfach unbezahlbar. Wieder zu Hause schlief sie dann nach kurzer Zeit, mopsfidel und ein wenig überzuckert, ein.  

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**Ich wünsche Euch ein frohes Osterfest, lasst es Euch gut gehen und passt immer auf Euch auf! Marie **

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