Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Spieglein,Spieglein an der Wand...^^

Kuckuck, Kuckuck, trefflicher Held! Was Du gesungen, ist Dir gelungen: Winter, Winter räumet das Feld! (3. Strophe Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald….August Heinrich Hoffmann von Fallersleben)


Langsam kehrten die etwas freundlicheren Tage zurück und der Frühling erwachte langsam aus seinem Winterschlaf. Die Mittagssonne hatte schon deutlich an Kraft und Intensität gewonnen und es tat ihr einfach gut, das Gesicht der Sonne entgegenzustrecken und die Wärme zu genießen. Viele Frühlingsboten zeigten sich bereits an einigen Stellen und es war einfach jedes Jahr aufs Neue volltuend zu sehen, dass alles wieder einen neuen Anfang nahm. Draußen sein, durchatmen können, den Wind zu spüren und den Gedanken freien Lauf zu lassen, dass bedeutete ihr schon immer sehr viel. Das war nach wie vor ihre Definition von Freiheit. Wenn sie unterwegs war, dann geschah es nicht selten, dass sie jegliches Zeitgefühl verließ und sie erst in der Abenddämmerung nach Hause zurückkehrte.

„Ich lieb´ den Frühling, ich lieb´ den Sonnenschein. Wann wird es endlich, mal wieder wärmer sein? Schnee, Eis und Kälte, werden bald vergehn…..“ (Kinderlied)

Zwängen musste sie sich schon immer unterwerfen, wobei die familiären Zwänge an Tragik manchmal nicht zu überbieten waren. Bis heute hatte sie sich nie richtig davon befreien können. Immer wieder gab es irgendetwas, was vorausgesetzt oder verlangt wurde. Im Grunde war sie selbst schuld, sie hätte längst den Absprung schaffen müssen, aber manchmal war das „Aushalten“ der einfachere Weg.

Ein nicht unerheblicher Lebenszwiespalt, zum einen die Widerstandskämpferin, zum anderen niemanden wehtun zu können, aber im Grunde wusste sie ganz genau, welcher Weg ihr mehr lag.

Wenn sie eines in den letzten Monaten gelernt hatte, dann sicherlich worauf es wirklich ankam. Und das war nicht die erlernte Etikette, sondern viel mehr, dass sie im Reinen mit sich selbst war und sich somit ohne Augen zu zukneifen, immer wieder selbst im Spiegel betrachten konnte. Das konnte sie nicht immer. Gut konnte sie sich noch daran erinnern, dass sie zeitweise nicht in den Spiegel sehen konnte, dass sie sogar manchmal ein Tuch vor den großen Flurspiegel hängte, um sich ja nicht darin sehen zu müssen. Als Kind hatte sie sogar im Elternhaus mal alle Spiegel abgehängt und den Badspiegel mit Buntpapier beklebt. Sie hasste es schon immer, jemanden darin zu sehen, der sie eigentlich nicht war. Seltsam, was das Unterbewusstsein in manchen Lebensphasen mit ihr angestellt hatte.

Doch mittlerweile konnte sie sich wieder entspannt im Spiegel betrachten und manchmal gefiel ihr sogar das, was sie dort sah. Es wurde besser, sie wurde stärker und widerstandsfähiger. Ja, sie mochte ihren Spiegel und ihr Spiegelbild und konnte sich wieder standhaft selbst in die Augen sehen.

Einige Strippen ihrer Marionette waren morsch geworden, andere komplett abgerissen, dann gab es noch wenige, die leider immer mal wieder funktionierten und sie für andere tanzen ließen.

Trotzdem war es auch im heute und jetzt nicht immer einfach. Zu widerstehen und sich zu widersetzen, kostete sie auf Dauer unheimlich viel Kraft und es gab einige Tage, an denen sie abends einfach nur erschöpft und kraftlos vor ihrem Kamin saß und die Tränen nicht versiegen wollten. Doch diese Tränen bedeuten auch wiederum, dass sie einen Schritt weiterkam. Manche Wege waren steinig, aber möglich, andere waren messerscharf wie Rasierklingen, im ersten Moment unüberwindbar, aber auch dann zu bezwingen.

Auch ihr Kampf gegen und durch den Krebs war steinig und manchmal unbezwingbar. Viele lange schmerzhafte Monate hatte sie bisher ausgehalten und nie die Hoffnung ganz aufgegeben. Manche Situationen waren paradox, viele Therapien und Wege ein Versuch ins Ungewisse und letztendlich zeigten sie die ernüchternde Erkenntnis: „Sackgasse!“ Doch dann war ein möglicher Weg gefunden und es wurde etwas besser, langsam, aber dennoch stetig.

Genau in dieser Hoffnung befand sie sich bis heute, ob sie letztendlich zum Ziel kommen würde, dass war noch nicht sicher, aber die Tendenz ließ hoffen.

Manche Tage waren einfach schlecht, da funktionierte nichts, rein gar nichts. Aber das gehörte wohl auch dazu, die Hauptsache war doch, dass die nächsten Tage wieder besser werden würden.

Seit einigen Tagen waren die beiden Esel wieder auf der Weide und wenn es ihr einigermaßen gut ging, besuchte sie die Beiden. Ein nicht ganz müheloser Weg, hinauf in den Wald, bis sie zu dem kleinen legendären, manchmal auch etwas gruseligen, Friedhof kam. Direkt gegenüber tat sich dann die Lichtung mit der Eselsweide auf. Ein schöner, harmonischer und ruhiger Ort. Als Kind war sie schon immer gerne dort gewesen und der riesige Kastanienbaum, welcher in der Mitte des Friedhofs, groß und anmutig die Herrschaft übernahm, beeindruckte sie noch heute. Ein alter, wahrscheinlich doch schon sehr morscher Geselle, der viele Tragödien und Geheimnisse in sich aufgenommen hatte.

Als Kinder hatten sie dort im Herbst die Kastanien aufgesammelt und runter zum Jäger ins Jagdhaus gebracht. Der war für solche Gesten immer sehr dankbar und es gab meistens eine heiße Schokolade. Im Winter, wenn dann die Fütterung der Wildtiere begann, durfte sie mit ihrem Bruder oft mit und die Futterkrippen im Wald auffüllen.

"Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden!" (Franz Kafka)

Ihre Mutter sah solche Ausflüge nie gerne und ganz oft gab es Verbote in den Wald zu gehen oder im Jagdhaus vorbeizuschauen. Dabei war es genau das, woran sie sich heute noch gerne und mit einem wohltuenden Bauchgefühl erinnerte und eben nicht an die zähen Knigge- und Chinesischkurse in den Ferien. Immer wieder erwischte sie sich selbst dabei, dass sie in sich hineingrinste, wenn sie an die vielen verbotenen Dinge dachte, die sie, meistens zusammen mit ihrem Bruder, trotzdem getan hatte, sich heimlich wegschlich um die Esel zu besuchen oder einfach nur ihre Ruhe haben wollte.

Das Verhältnis zu ihrer Mutter war schon immer schwierig und umso älter sie wurde, desto abstrakter wurde es. So lange ihr Bruder noch mit im Boot saß, ging es immer noch irgendwie, aber, seit er nicht mehr da war, lief das Fass nicht nur immer mal über, sondern hatte komplett den Boden verloren.

Daher genoss sie es gerade in diesen Tagen, im Schneidersitz auf der kleinen maroden Friedhofsmauer zu sitzen, die Augen geschlossen und das Gesicht den warmen Sonnenstrahlen entgegengestreckt. Und dann begann genau dieser Moment, wo jeglicher Wahnsinn der letzten Tage unwichtig wurde. Sie hörte die Vögel trillern, die knackenden Zweige, wenn irgendetwas durch das Unterholz huschte, die summenden Hummeln und freute sich, dass es schön war, dort zu sein und in diesem Moment etwas Unendlichkeit spüren zu können. Genau das war Magie und Freiheit, eine seltene Besonderheit.

In den beiden letzten Jahren, war sie sich nie sicher, ob sie den Frühling im nächsten Jahr nochmal erleben würde, doch nun stand für sie fest, es wird noch öfters Frühling werden.

„Immer wieder kommt ein neuer Frühling, immer wieder kommt ein neuer März. Immer wieder bringt er neue Blumen, immer wieder Licht in unser Herz!“ (Rolf Zuckowski-Kinderlied)

Zurückzudenken an vergangene Zeiten, dass tat sie sehr gerne und obwohl sie mit ihrem Bruder sehr behütet, bewacht und kontrolliert aufwuchs, gab es immer wieder diese Schlupflöcher in ihre eigene Welt und genau diese Welt bestand nicht aus Elfen und Feen, nein, sie bestand aus Abenteuer, Versuchungen, Entdeckungen, Geheimnissen und Widerstand. Viele Sachen hatten sie ausprobiert und manchmal auch übertrieben und sie grinste bis heute immer noch heimlich, wenn sie an manche Abenteuer dachte. Etwas schadenfroh erinnerte sie sich, als sie in ihrer Indianerphase auf einer Familienfeier ihren allseits verhassten Onkel oben im Wald an einen Baum fesselte und ihn dort zurückließ. Sich freiwillig von einer Horte Kinder an den „Marterfahl“ fesseln zu lassen, war schon in seiner Situation sehr ungünstig entschieden und wer sich in Gefahr begab, kam eben auch manchmal darin um. ;-) Leider fiel es irgendwann auf, dass er verschwunden war. Ja, sehr schade. ;-) Das hätte ihr wahrscheinlich in den folgenden Jahren, so einigen Kummer erspart.

Die anderen Kinder der Familie waren zwar mit von der Partie, aber es war schon klar, wer dafür verantwortlich war. Als Kind löste sie Probleme direkt und ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken und dieses Problem, war zumindest für zwei Stunden damals erstmal gelöst. Und war er nicht selbst schuld, wenn er sich freiwillig zum Indianerspielen bereiterklärte, obwohl er nie etwas mit Kindern anfangen konnte und immer nur schimpfte und bestrafte?

Als er dann während des Spielens alle Kinder als blöde Rotzlöffel bezeichnete, wurde sein Schicksal besiegelt.  Auch Erwachsene handeln nicht immer richtig und Kinder zu unterschätzen war und ist bis heute wohl unklug. Nachdem hatte er niemals mehr einen Versuch unternommen mit ihnen zu spielen. Sogar Brettspiele waren ihm dann unheimlich.

Es gab noch so einiges und die zusammengeknoteten Schnürsenkel unter der Kaffeetafel, gehörten wohl noch zu den harmlosesten Dingen. ;-)

Im Hintergrund hörte sie die Esel grasen und sie freute sich immer wieder, dass gerade diese beiden Gesellen, wenn auch schon einige Eselgenerationen später, ihr ein Stück Kindheit bewahrten. Sie wusste, dass sie gerade an einer Gablung stand, entweder weiterzumachen wie in den ganzen Jahren zu vor, um sich irgendwann den Vorwurf machen zu müssen, nichts geändert zu haben oder weiterhin auf dem neuen Weg zu bleiben und neue Wege auszuprobieren. Momentan waren ihre Möglichkeiten noch eingeschränkt, da sie noch lange nicht wieder in Topform war, aber es gab durchaus schon Dinge, die sich verändert hatten und daran wollte sie weiterhin arbeiten. Neues bedeutete Mut, Kraft, Durchhaltevermögen und auch mal Niederlagen, aber eigentlich hatte sie davor keine Angst.

Ihr Lieblingsmensch, welcher sich im Laufe der letzten Monate immer etwas mehr Platz in ihrem Herzen verschafft hatte, war ebenfalls eine sehr ungewohnte und besondere Herausforderung für sie. Aber auch er gehörte zur Gabelung der neuen Wege, bliebe nur zu hoffen, dass sie mit ihrer Höhenangst zurechtkam und Schritt halten konnte. Sie wollte es schaffen und das Besondere an dieser Begegnung, waren Wunder und Hoffnung genug.

Ein weiterer Tag neigte sich dem Ende und es wurde zum Einsetzen der Dämmerung sehr rasch kühl. Eine Weile stand sie noch bei den beiden Eseln, zusselte die Mähnen und gab ihnen noch ein paar Möhren, dann ging sie langsam zurück nach Hause.


Zu Hause angekommen, fiel ihr erster Blick in den großen Flurspiegel, aber sie traute sich, hineinzusehen, sich beim Ablegen der Jacke zu beobachten, einen Schritt weiter nach vorne zu gehen, um sich selbst in die Augen sehen zu können. Ja, sie war auf dem richtigen Weg!

„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer fand den richtigen Weg dort oben im Wald?“

24.3.19 15:05

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bisher 7 Kommentar(e)     TrackBack-URL


PP / Website (24.3.19 17:59)
Ich hab alles gelesen und goutiert und hab mich gefreut über die positive Sichtweise.

Nur bin ich nebenbei auch ein begeisterter Leser von Literatur und hab Germanistik studiert.

So muss ich dir sagen, dass du eine wundervolle Prosa schreibst, die mich an Marcel Proust erinnert.

Deine Worte sind so wohlgesetzt, deine Sätze so perfekt, dass ich nur noch darin schwelgen möchte.

Der Inhalt ist natürlich die wahre Substanz und die ist immer gegeben. Hier mal eine perfekte Schriftstellerin, die eigentlich in Buchform gehört.

Ich verneige mich. LG PP


padernosder (24.3.19 20:53)
Hallo Marie,

nach dem Lesen empfinde ich es als sehr erleichternd, daß nun das Schreiben im Vordergrund steht, nicht die Krankheit. Allerdings ist dieses Lesen etwas "mühsam", da ich ja den Inhalt "der Geschichte" schon kenne.

Ich will mich hier aber nicht als "Lektor" betätigen. Dein Fleiß ist zu bewundern. Dies alles niederzuschreiben erfordert Kraft und Mühe.

Es freut mich für Dich, daß Du Sonne und Frühlingstage genießen konntest. Deine gezeigten Krokusse symbolisieren die Lebensfreude gut. Nach etwas "schlechteren" Tagen hoffe ich, daß der Frühling schon bald so richtig durchstartet.

Schön, daß Du Dich wieder mal an Dein "Publikum" gewendet hast. ;-)


Maccabros (25.3.19 07:00)
Man schreibt wie man fühlt und empfindet oder über das was war, ist oder sein wird.

Gern gelesen und positiv gedacht...


LG

Maccabros


pally (25.3.19 17:10)
Hallo Marie, es ist schön, dass Du Deine ganze Krankheits-Geschichte jetzt schon als Außenstehender betrachtest . Ich finde, das ist ein gewaltiger Genesungsschritt, den Du vollzogen hast. Natürlich wird man das Gewesene nicht ungeschehen machen können, aber der Abstand zwischen damals und dem Heute wird immer größer. Ich freue mich für Dich.LG pally


Faradei (26.3.19 00:24)
Liebe Marie, schön, wie bei all der Tortur in deinem Herzen Raum für „Frühling“ ist.
Sie muss es im Spieglein sehen, wohl wahr!


Mirco / Website (27.3.19 05:22)
Eine fast unglaubliche Geschichte, die sich nun fast komplett zu einem guten Ausgang gewendet hat. Zudem kann deine perfekte Art des Schreibens eigentlich nicht genug gelobt werden. Super, weiter so und genieß dein Leben (welches ja sehr lange auf der Kippe stand)!

Viele Grüße aus Ningbo

Mirco


Pascale / Website (27.3.19 20:24)
Huhu Marie,

sehr schöne Worte, die Du da gezaubert hast.
Liebe Grüße
Pascale

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