Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Im kleinen Café an der Ecke....

"Wenn man einander schreibt, ist man wie durch ein Seil miteinander verbunden!" (Franz Kafka)

 

 

Das kleine Café an der Ecke war ihr schon seit langer Zeit ein Zufluchtsort, um dort eine heiße Schokolade oder einen Cappuccino in aller Ruhe zu genießen und ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Seit vielen Jahren kam sie immer mal wieder dorthin, setzte sich in die Ecke in der Nähe des  Kamins, etwas abseits des großen Fensters. Menschen zu beobachten und sich individuelle Geschichten dazu auszudenken, dass machte ihr oft besonderen Spaß.

Letzte Woche, als sie nach dem Friedhofsbesuch und ihrem langen Waldspaziergang dort mal wieder einkehrte und an ihrem Stammplatz saß, sich aufwärmte und die Eindrücke des vergangenen Tages reflektierte, genoss sie die alte Vertrautheit, die ihr wiederum auch einen Teil Geborgenheit gab.

Der 14. Februar, Valentinstag. Für eine im eigentlichen Sinne „Single-Frau“, ein Tag wie jeder andere. Trotzdem war es kein Tag wie jeder andere, ein Tag, der vor zwei Jahren, einige Wochen nach ihrer Krebsdiagnose, plötzlich zum nächsten Alptraum wurde. Dennoch ist es mittlerweile zwei Jahre her und umso mehr sie über den gesamten Zeitrahmen nachdachte, desto mehr empfand sie, dass „Zeit“, je nach Lebenslage, ein sehr dehnbarer und doch auch sehr individueller Begriff darstellte.

Dieser Tag startete eigentlich fast perfekt. Ein langes Telefonat, hinweg über eine weite Distanz, mit ihrem Lieblingsmenschen, war ein guter Ausgangspunkt für den kommenden Tag. Im Grunde standen auch sonst keine größeren Unternehmungen an und so ging sie am Mittag los, um die weiße Rose, welche eigentlich er ihr immer Jahr für Jahr zum Valentinstag brachte, auf sein Grab zu legen. Die Sonne schien recht warm und es zeigte sich kein Wölkchen am Himmel, eine Spur von Frühling lag in der Luft und der blaue Himmel trug sein Licht.

Wieder erinnerte sie sich an diesen Tag vor zwei Jahren, als er sie kurz besuchte, sie in den Arm nahm und ihr einen schönen Valentinstag wünschte. Dann gab es einige Meinungsverschiedenheiten, welche zwischen den Beiden immer mal wieder auftraten. Normalität unter Geschwistern. Zwei Dickköpfe und keiner wollte nachgeben, so war es oft, aber keiner war dem anderen böse. Als er sich verabschiedete, nahmen sie sich trotzdem in den Arm, so wie immer. Knapp drei Stunden später überschlugen sich die Ereignisse, ein Anruf und somit der Beginn eines anderen, ungewohnten Lebens. Einige Sekunden Unachtsamkeit, ein unbändiges Wildschwein, ein nicht mehr aufzuhaltender Unfall. In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages wurden die Maschinen abgestellt und seitdem fehlt er ihr unendlich, ihr „kleiner“ Zwillingsbruder.

Vieles hatte sich seitdem in ihrem Leben verändert. Dieses ganz natürliche und selbstverständliche „ach da frag ich mal meinen Bruder“, fiel nun für sie weg. Sie hatten eine ganz besondere Bindung zueinander und vertrauten sich bedingungslos. Ein neuer Lebensprozess, den es galt zu erlernen. Nicht leicht und an manchen Tagen fast nicht zu schaffen. Dazu galt es noch gleichzeitig gegen den Krebs anzukämpfen, ein Projekt, welches nicht schwerwiegender zu tragen hätte sein können.

Phasen von Zorn und nicht enden wollenden Tränenausbrüchen standen immer mal an der Tagesordnung und nun zwei Jahre später, kam sie irgendwie damit zurecht. Sie hatte ihren Weg gefunden, damit zu leben und das Geschehene zu akzeptieren. Manche Tage waren weiterhin erdrückend schwer und daran würde sich sicherlich auch nie etwas ändern. Ein Weg voller Stolpersteine.

Gestern Morgen, als sie wieder mit ihrem Lieblingsmenschen telefonierte, sagte er zu ihr, dass sie psychisch sehr gefestigt wäre und das dies wohl mit einer der wichtigsten Gründe wäre, alles mit der Zeit so anzunehmen wie es war und damit dauerhaft zurechtzukommen. Das stimmte wohl so. Als psychisch labil, würde sie sich selbst nicht bezeichnen. Sie konnte schließlich schon viele Erfahrungen mit sich selbst sammeln und das eigentlich seit sie ein kleines Mädchen war. Irgendwie fand sie stets einen Weg um gewisse Situationen zu meistern, was wohl im Laufe ihres Lebens gewissermaßen lebens- und überlebensnotwendig war.

Während ihrer Krebsbehandlung wurden ihr immer wieder Psychotherapeuten an die Seite gestellt. Sicherlich eine nicht unwichtige Sache, allerdings kam sie damit gar nicht zurecht. Das es gerade nicht optimal lief, als sie im Dezember 2016 mit ihrer Krebsdiagnose konfrontiert wurde, war ihr sowieso klar. Auch das es wohl eine völlig normale Reaktion war, dass sich Selbstzweifel einstellten, gerade da sie selbst Ärztin war und weiterhin ist und es ihr im ersten Moment den Boden unter den Füßen wegzog. Normale menschliche Reaktionen. Aber das Bedürfnis, mit einem wildfremden, zumal noch gute 15 Jahre jüngeren Psychoheini, ihre Lebensgeschichte zu analysieren, stellte sich nicht bei ihr ein. Und somit scheiterten solche Versuche immer ziemlich schnell und deutlich. Natürlich gab es viele, viele Heultage, gefolgt von vielen, vielen, „eh egal“-Tagen. Aber auch Selbstmitleidsphasen wurden irgendwann mal langweilig und verloren ihren Schrecken.

Auch ihr Freundeskreis gab ihr in vielen dieser Phasen die nötige Unterstützung. An manchen Tagen war es etwas viel, aber an den vielen anderen Tagen, brauchte sie genau das.

Ein Händchen für komische Wendungen und Ereignisse hatte sie schon immer. So wirklich langweilig würde es wohl keinem mit ihr werden. Vorgestern Abend war wieder so ein Ereignis, wofür sie sich eigentlich bis heute gar keiner Schuld wirklich bewusst war, aber dennoch zeigte ihr gesunder Menschenverstand dann doch ein wenig Verständnis. ;-)

Einen sehr weichen kuscheligen neuen Badteppich ihr Eigen nennen zu dürfen, gehörte zu ihrer neusten Errungenschaft, auch wenn das sicher keine sonderlich tolle und aufregende Anschaffung für die Allgemeinheit darstellte. Der Vorgänger befand sich leider bei einigen akuten „Chemonebenwirkungen“ zur falschen Zeit am falschen Ort und ließ sich nun, nach mehreren Reinigungsversuchen, einfach nicht mehr retten. ;-) Da es abends doch noch sehr kalt wurde und ihr Bad der einzige Raum mit Fußbodenheizung war, legte sie sich im Bademantel nach dem Duschen auf den neuen Badteppich (sehr flauschig!) und schlief kurzerhand darauf ein. Nichts Besonderes, wenn es mit nüchternen Augen betrachtet wurde. Obwohl sich sicherlich die Frage stellte, warum legte sich jemand mitten im Bad auf den Fußboden? :-) Eine passende Antwort würde sich abschließend wohl nicht so ganz finden lassen.

Leider hörte sie im kuscheligen Land der Träume, eingerollt auf ihrem Badteppich, die Türklingel nicht. Ihre Freunde wurden bereits vor einiger Zeit, für den Fall der Fälle, mit einem Hausschlüssel ausgestattet. Die Abmachung, nach dreimaligen erfolglosen Klingeln, dann aufzuschließen, wurde auch an diesem Abend umgesetzt. Leider versetzte ihr schlafender Anblick auf dem Badezimmerboden die Beiden Besucher nicht in einen Glückstaumel mit Freudensprüngen, sondern führte fast zu einem akuten Herzstillstand und einem gehörigen Schrecken. So unsanft und grob wurde sie definitiv noch nie geweckt. ;-) Und das erste was sie wieder wahrnahm, war ein herzliches und sehr bestimmtes „ja bist Du denn total bescheuert?“ Man wird doch wohl im eigenen Haus mal irgendwo einschlafen dürfen! ;-)

Ihre Gedanken kreisten und sie musste ein wenig in ihren Cappuccino grinsen, als sie an ihre zwei besten Freunde und diese etwas kuriose Situation zurückdachte. Was hätte sie in all den Monaten wohl ohne diese beiden Chaoten getan? Einfach unvorstellbar.

Seit vier Wochen befand sie sich wieder in einer Chemophase. Die geplante Operation wurde erstmal auf Eis gelegt. Im Moment keimte eine gewisse Hoffnung in ihr auf, dass diese evtl. gar nicht mehr nötig werden würde. Vielleicht würde es ja auch mal was mit dem Glück und dem Glück haben. Wäre mal an der Zeit, dass das Glücksrad an der richtigen Position stehen blieb. Die derzeitigen Chemos waren momentan nicht mehr ganz so stark und die Nebenwirkungen hielten sich nach wenigen Tagen einigermaßen in Grenzen. Auch wenn es weiterhin eine große Tortour war und es sehr an ihren Kräften zerrte.

Allerdings standen die Zeichen nicht mehr absolut auf Sturm, sondern die Wogen waren weitgehend überschaubar. Bei ihrem Spaziergang durch den Wald und die Felder, roch es schon deutlich nach Frühling, obwohl es wohl ein verfrühter Winterendspurt wäre. Die ersten Störche waren auch schon wieder zurückgekehrt, dass ließ schon etwas hoffen. Vielleicht befand sie sich nun wirklich im Endspurt und könnte sich somit ganz ihren eigenen Frühlingsgefühlen hingeben.

Die vielen Höhen und Tiefen waren und sind manchmal extrem dicht beieinander angesiedelt. Sehr viel Optimismus und Disziplin waren nötig, um manchmal nicht einfach unterzugehen und aufzugeben. Aber Aufgeben ist und wäre feige und gehörte noch nie sonderlich zu ihren Eigenschaften. Nicht wahr, Lieblingsmensch?

Manchmal trafen zwei Charaktere zusammen, ohne dass sie sich suchten. Das ist ihr im Zuge der letzten zwei Jahre auch immer mehr bewusst geworden. Es ließ sich manchmal einfach nicht in Worte fassen. Und somit war es, wie es eben ist. ;-)

Mittlerweile war es dunkel geworden und es befanden sich fast keine Gäste mehr in dem kleinen Café. Wie schnell doch manchmal die Zeit verging und sie war froh, dass dieser Tag wiedermal geschafft war und fast hinter ihr lag.

16.2.19 17:56

Letzte Einträge: Ein Kalender zum Advent, Geduld, Ich hab´ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd ^^, Life is a journey, Und wiedermal wird es Weihnachten....

bisher 5 Kommentar(e)     TrackBack-URL


padernosder (18.2.19 07:19)
Hallo Marie,

somit werfe ich Dir das kafkaeske Seil zu... ;-)

Wenn ich "Deine Reflexionen" in Kurzform lese, denke ich an die "Verleger", die sich bald in Scharen auf Deinen "Stoff" werfen. ;-) Vielleicht empfindest Du gar nicht, wie "besonders" vieles von dem ist, was Du - vor allem in den letzten beiden Jahren - erlebt hast. Doch ich meine, authentisch und gut erzählt würden viele Menschen diese "wahre Geschichte" lesen wollen.

Ich finde auch die Idee gut, als Erzählerin "von außen" auf Dein eigenes Leben zu blicken. Was eine andere Schreiberin jahrelang recherchieren müßte, liegt alles offen vor Dir, wie auch die Details hinsichtlich des medizinischen Wissens.

Jetzt bräuchtest Du nur noch Zeit und Lust zum Schreiben... aber da beginnen die Schwierigkeiten. Vielleicht könnte Dir ja ein "Ghostwriter" helfen.

So eine Fußbodenheizung mit flauschigem Teppich ist für ein Leichtgewicht wie Dich womöglich ein "Bett-Ersatz"... mir scheint, nachdem Du nicht vom Klingeln aufgewacht bist, Du warst derart todmüde, daß es keine Alternativen mehr gab. ;-)


PP (20.2.19 12:53)
Als ich dein "Bericht" gestern gelesen hatte, war ich sehr betroffen. Man kann das - glaub ich - auch nur bewältigend beschreiben, wenn man aus der Distanz und sachlich mit dem Blick "von außen" - wie es padernoster sagt - im emotionslosen Duktus aufschreibt.

Wie es dir wirklich geht und wie viel Tränen du geweint hast, die letzten Jahre, das bleibt dein Geheimnis. Du hat deinen Mann verloren, du hast deinen Bruder verloren. Und nun kämpfst du selbst mit einer schweren Krankheit.

Was kann ich dir wünschen? Was kommt überhaupt noch an Worten an dich ran? Was ist dir Wert, was beflügelt dich?

Dein Niederlegen und Einschlafen auf dem warmen Fussboden auf der neuen Kuschelmatte kann ich gut nachvollziehen: Einfach Ruhe, einfach Frieden finden, einfach hinlegen und den Geist beruhigend hinweg schlafen, alle Probleme vergessend.

Du bist Ärztin, du hast vielen Menschen geholfen und du glaubst nicht an Astrologie. Ich bin Löwe von Sternzeichen und ich sende dir einen Großteil meiner Kraft. Ich denk an dich und sende dir Energie. Ich will, dass du gesundest.

Du wunderbare Frau hast noch viele Jahre vor dir. Ich bin bei dir .. LG PP <3


Sparköchin / Website (23.2.19 11:52)
Servus Marie,
hab gerade zum ersten Mal hier hereingelesen und bin angetan von deinen Texten.
Ich werde wieder vorbeikommen.
Lieben Gruß von der Sparköchin


Maccabros (25.2.19 12:01)
Mir gefällt Dein Seil auch...

LG

Maccabros


Pascale / Website (25.2.19 22:56)
Liebe Marie,

dieser Text ist sehr nachdenklich und sehr gut geschrieben.
Ganz liebe Grüße aus Berlin
sendet
Pascale

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