Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Von Plänen und Lebensmut, aber....^^

„Ich erinnere mich noch an das Kribbeln im Bauch, als die ersten Sonnenstrahlen mich im Frühling erwärmt haben, als alles heller, bunter und freundlicher wurde. Oder auch daran, als ich im Frühlingsregen spazieren ging, in die Pfützen hüpfte und die nassen Tropfen auf der Haut spürte. Das Leben und die Natur sind voller magischer Momente. Der Sommer ging vorüber und nun ist er da, der Herbst. Wiederum färbt sich alles bunt, es wird dunkler, kälter, aber auch heimeliger. Ich mag ihn, mit dem was er bietet, das Rascheln des Laubes, die Kastanien, die emsigen Eichhörnchen, die drolligen unförmigen Igel. Selbst die Herbststürme haben etwas Heimliches, weisendes. Und bedeutet der Wechsel der Jahreszeiten nicht, dass es weiter geht? Immer stetig und ein bisschen!“


 Manchmal frage ich mich, wo ich jetzt genau stehe, welcher Zeitpunkt jetzt gerade gekommen ist, ob es anders ist, ob ich nicht irgendwo eine Veränderung in mir spüren kann? Oder sogar spüren müsste? Aber da ist eigentlich nichts. Ich schaue in den Spiegel und weiß, dass es noch dauern wird, bis ich mich wieder richtig frei und unbeschwert fühlen kann. Die letzten Wochen waren turbulent, vielleicht für den Anfang schon zu turbulent. Allerdings waren genau diese Turbulenzen verantwortlich dafür, dass ich genug abgelenkt war und nicht ständig daran denken musste, ob meine persönliche Zeitbombe weiterhin tickt. Ob die richtigen Drähtchen gekappt wurden, dass wird die Frage der nächsten Monate sein und bleiben.

Das dumme und hinterlistige an Krebs ist, dass er sich heimlich einschleicht, dass Immunsystem manipuliert und sich dann unkontrolliert breit macht. Irgendwo, irgendwann. Im Grunde wäre er sicherlich gut zu beherrschen, wenn nicht der menschliche Körper so sehr komplex wäre. Ja, dass Lymph- und Kapillarnetz ist gut ausgebaut und transportiert somit in Windeseile leider nicht nur die guten Dinge durch den Körper. Und dann wird’s blöd. Er tut lange nicht weh und wenn dann seltsame Dinge sich anhäufen, ist er ganz oft schon in einem fortgeschrittenen Stadium. Zum Glück ist vieles heute trotzdem zu beherrschen, auch wenn der Weg zum Ziel, härter nicht sein könnte.

Der Weg zum Ziel, mit Umwegen, Umleitungen und jeder Menge Stau. Es gab Tage, an denen ich mit dem Wahnsinn per Du war. Auch waren Tage dabei, an denen ich dem Tod näher, als dem Leben war. Ich habe sicherlich vieles geschafft in den letzten Monaten, trotzdem bin ich mir sicher, dass es ein unabdingbarer Pakt mit dem Bösen ist. Es gibt so viele Grenzen, die ich für mich selbst kennenlernte. Grenzen die ich niemals sehen oder überschreiten wollte. Es kamen aber immer wieder Momente, da fand ich im letzten Moment eine kleine Tür und es ging weiter.

Ich hatte bereits viel Zeit verloren, bis ich erstmal auf die Idee kam, dass etwas massiv nicht mit mir stimmte. In keine Statistik dieser Welt passte ich mit meiner Diagnose und durch viele vergebliche Therapieversuche, verlor ich weiter an wertvoller Zeit. Doch dann gab es den Umbruch und vielleicht damit auch den Durchbruch, als ich mich für den Weg nach Heidelberg entschied.

Es war sicherlich ein großer zu bewältigender Aufwand. Immer war ich auf jemanden angewiesen der mich begleitet. Heidelberg liegt nicht direkt um die Ecke, aber es war gut, dass ich einen Weg fand, mit der Hilfe von ganz lieben Menschen, dies zu realisieren.

Doch auch da lief nicht alles nach Plan A, meistens hatten sie stets einen Plan B für mich parat. Und mit allen Mitteln und meinen Kräften, die doch immer wieder in mir aufflackerten, habe ich es geschafft, mich zumindest bis zum Ende der Chemotherapie durchzukämpfen. Nicht immer leicht, gerade nach der großen Operation Ende Dezember. Aber es ging auch hier stetig weiter, immer wieder ein bisschen.

Sechs Wochen sind nun seit der letzten Chemo vergangen. Sechs Wochen, in denen ich zweifelte, wütend und traurig war, haderte, aber auch wieder ein bisschen mehr Lebensmut fasste und mich etwas stabilisierte. Es gibt Tage, da erschüttert mich fast nichts und dann gibt es wieder die anderen Tage, da werfen mich die kleinsten Dinge aus der Bahn.

Zu allen Hochs und Tiefs, zeigte sich zwischenzeitlich ein kleiner undefinierbarer Knubbel, unterhalb meines linken Schlüsselbeins. Das ich meisterhaft im Ignorieren bin, weiß ich mittlerweile. Das genau so etwas kontraproduktiv ist, weiß ich auch. Nur baut sich dann unbemerkt eine von diesen Grenzen vor mir auf, bis ich dann irgendwann merke, dass ich diese winzige Tür nur öffnen muss, damit ich wieder weiterkomme. Ich glaube das meistgebrauchte Wort im Verlauf der letzten Monate war „aber“. Aber wir haben…, aber es sind…, aber, aber, aber. Mittlerweile habe ich dieses unscheinbare Wörtchen zu meinem persönlichen Horrorszenario ernannt. Leider komme ich selbst nicht ganz ohne dieses zermürbende „aber“ aus. ;-)

Natürlich habe ich dann doch den Schritt nach Heidelberg gefunden, der Assistenzarzt war vollends entzückt mich mal wieder „oben ohne“ zu sehen. Entzückt war ich allerdings weniger, als genau „dieser“ mir mit einer Biopsienadel in den Knubbel pieksen wollte. Also es ist nicht so, dass ich mich nicht auch anstellen kann. Und genau dann greift der Privatpatientenstatus mit Chefarztbehandlung. Ansonsten sehe ich das wirklich nicht so eng, allerdings in diesem besagten Fall dann schon. ;-) Wie hat doch meine Gode immer gesagt? Es gibt diese besagten Exemplare der männlichen Gattung, die kannst Du Dir nackt auf den Buckel binden, da passiert nichts. Null! Nichts! Das ist wohl in diesem Fall ein absoluter Volltreffer!

Die Biopsie selbst war halb so wild, jedenfalls halb so wild zu dem was ich sonst so mittlerweile kenne. Und da ich nun schon mal da war, ließ man die Katze auch nicht gleich wieder aus dem Sack. Ein bisschen Blut musste ich noch hergeben und meine Niere und meine Lunge wurden auch gleich unter die Lupe genommen. Wenn schon, denn schon. Ich schätze, die kennen ihre Pappenheimer. Ja, dann hieß es wieder Abwarten und Tee trinken.

Ich habe mich dann erneut wiedermal ziemlich angestellt und es irgendwie verdrängt nach ein paar Tagen anzurufen, um meine Ergebnisse zu erfragen. Irgendetwas kam mir doch immer wieder dazwischen. ;-) Feige bin ich somit mittlerweile auch. Das dann die Heidelberger Nummer zweimal ohne eine Mailbox-Nachricht auf meinem Handy angezeigt wurde, machte es nicht einfacher. Aber (da ist es wieder) irgendwann erwischten sie mich doch. Wir vereinbarten einen zeitnahen telefonischen Gesprächstermin, mit den zuständigen Ärzten.

Zwischenzeitlich war ich mir nicht sicher, was ich überhaupt davon halten sollte, aber letztendlich wollte ich es dann doch wissen. Als das Gespräch dann begann, musste ich mich ein paarmal selbst zwicken, um nicht einfach loszuheulen. So ist das, wenn die Nerven blank liegen, aber selbst Schuld, ich hätte ja längst anrufen können. ;-) Doch es war alles gut, keine bösartigen Zellen, wohl nur ein verkapseltes Hämatom. Von einem Anrempler oder vom schweren heben. Was es nicht alles gibt! Gut, von mir aus, ein Hämatom kann gerne da rumknubbeln wie es will. Das ist ja schon mal wieder fast was ganz Normales. Meine Blutwerte sind allerdings immer noch nicht gut, sogar noch eine ganz ordentliche Ecke weit entfernt davon. Mhm! Ende Oktober steht dann das ganz große Screening an, mit Bronchoskopie (da denke ich jetzt lieber nicht dran) und den ganzen Rest, der noch irgendwie links gemacht werden kann. Na bravo! Nach Plan A und Plan B, hoffe ich nun wirklich, dass sich nicht noch ein Plan C aufmachen muss. Und ich finde es gerade richtig gruselig, dass ich erst am Anfang des Alphabetes stehe.

Wie geht es mir sonst im Moment? Ich behaupte mal ziemlich sicher, eigentlich ganz gut. Für mich jedenfalls ist es definitiv gut. Meine Waage hat nun die 50 kg Marke wieder deutlich geknackt, dass ist schon mal ziemlich gut. Niemals, wirklich niemals hätte ich es für mich selbst für möglich gehalten, dass ich mich mal über mein ansteigendes Körpergewicht freuen würde. Aber in der Tat, ich freue mich und es beruhigt mich. Dadurch ist mein Kreislauf schon um einiges stabiler, allerdings ist die Tendenz an Tagen, wo ich etwas mehr unterwegs bin und nicht regelmäßig zum Essen komme, gleich wieder nach unten. Das nervt mich dann auch wieder.

Beruflich bin ich auch wieder ein wenig aktiver. Um es genau zu sagen, bin ich schon wieder ziemlich aktiv. Vielleicht schon etwas zu viel für den Anfang, aber wie das so ist, dann kommt das dazu und das…..und ein „Nein“ ist immer noch schwierig für mich umzusetzen.

Ich glaube die nächsten Wochen werden weiterhin nicht ganz einfach, aber (es gibt auch gute davon) ich denke, dass mir die Veränderungen der letzten Wochen, etwas helfen werden, diese Zeit zu bewältigen. Die schönsten Zufälle im Leben geschehen unerwartet, meistens genau dann, wenn man am wenigsten damit rechnet. Ich könnte jetzt fast behaupten, dass nichts auf der Welt so schlimm oder schlecht ist, dass es für etwas anderes nicht wieder gut war oder ist.  Das würde ich jetzt fast blind unterschreiben. Allerdings kann und darf Krebs niemals für etwas gut sein oder für gut befunden werden. Krebs ist Krebs und ich deute die mir mitgebrachten positiven Aspekte und Begebenheiten, als eine Tatsache, welche sowieso irgendwann eingetreten wäre. Was sein soll, wird sein! ;-)

Ich wünsche Euch eine schöne Zeit, lasst es Euch gut gehen und passt gut auf Euch auf!

Marie ;-)

29.9.18 22:22

Letzte Einträge: Ein Kalender zum Advent, Geduld, Ich hab´ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd ^^, Life is a journey, Und wiedermal wird es Weihnachten....

bisher 11 Kommentar(e)     TrackBack-URL


gebsy (30.9.18 10:48)
50 geknackt, liebe Marie, wie meine Frau!
Sie wurde am 7.7.17 operiert und ist seither mit einem Schwankschwindel außer Gefecht.
Eine Zeit voll Zuversicht und Kraft wünschen wir Dir und Deinen Lieben! A&G


padernosder (30.9.18 11:42)
Hallo Marie,

es gibt für jede Situation irgendein scheinbar passendes "Sprich-Wort", eine scheinbar kluge Beschreibung. Für mich kann es nicht sein, daß etwas "Allgemeines" je eine persönliche Befindlichkeit beschreibt, beschreiben kann.

Wie also Dein ganz persönliches "Befinden" ist, können wir aus Deinen Worten lesen und wenn wir das aufmerksam tun, dann spüren wir, daß wir in ein Universum blicken, in dem wir eine handvoll Sterne stehen, die uns nicht in die Lage versetzen, das Ganze zu "begreifen".

Der Gesamteindruck dessen, was ich eben las, ist gar nicht so schlecht, da ich schon ganz Anderes las. So will ich mich für Deine guten Wünsche bedanken und hoffen, daß es bei Dir nicht nur mit dem Körpergewicht nach oben geht. ;-)


(1.10.18 07:03)
merry-n
Ein bisschen Erleichterung hat sich bei mir beim Lesen deines Blogs schon eingestellt. Da scheint doch hie und da zwischen den Zeilen so etwas wie Hoffnung und Zuversicht durch. Ich wünsche dir, dass diese Lichtblicke zunehmen und von Tag zu Tag mehr Helligkeit und Leichtigkeit in dein Leben bringen.
Alles Liebe!


Twity-Autor (1.10.18 13:27)
Hallo liebe Marie,

es ist schön wieder von dir zu lesen.
Ich wünsche dir weiterhin alles, alles Gute!!!


pally (1.10.18 19:27)
Liebe Marie, schön Dich wieder auf dem "Schirm" zu haben. Wie so viele andere Blogger vor mir, bin auch ich erleichtert, dass es bei Dir aufwärts geht. Man soll zwar niemals "nie" sagen, aber ich bin da ganz zuversichtlich, dass es in kleinen Schritten immer besser wird. LG pally


Dorehn (4.10.18 18:29)
...manchmal tragen uns die schönen Zufälle über die Abgründe der Realität und machen uns stärker... das wünsch ich auch Dir von Herzen. LG, Dorehn


Faradei (11.10.18 12:52)
Liebe Marie,
ich wünsche dir eine schöne Zeit, lass es dir gut gehen und pass gut auf dich auf!
Ich will ohne deine Zeilen und dich nicht sein. Du hast noch soviel wertvolles zu tun.
LG


Faradei (12.10.18 23:48)
Liebe Marie
swr mediathek, Sendung von heute abend, „was mir im Leben wichtig war“
Im Beitrag am Ende wurde von einer Frau über die PIPAC-Methode an der Uni Tübingen berichtet. Vielleicht hast du das schon diskutiert, ansonsten mag ich dich darauf aufmerksam machen.


Maccabros (30.10.18 06:33)
Vielleicht sollten wir weniger planen als leben und genießen und einfach sein...

Alles Gute weiterhin für DICH


LG

Maccabros


? ? ? (6.11.18 11:32)
Liebe Marie, aller Augen warten auf DEIN Lebenszeichen ...


(29.11.18 06:27)
Es war einfach großartig wieder von dir zu hören!

Ich hoffe, du schonst dich trotzdem noch ein wenig. Auch wenn du wieder Beruflich aktiv bist.

Wie immer bewundere ich sehr wie lebensbejahend du bist!


LG
Lifeminder

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen