Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Versprochen ist versprochen

 "Das Unbewußte ist viel moralischer, als das Bewußte wahrhaben will." (Sigmund Freud)

****************

Ich möchte nochmal auf Eure Kommentare zu meinem letzten Eintrag zurückkommen, dass ist mir gerade sehr wichtig. Selbst weiß ich nur zu gut, dass es Schicksale gibt, die einem auf der Seele liegen und wo es schwer ist, da den vielleicht nötigen Abstand zu wahren, gerade auch um sich selbst zu schützen

Schon während meines Studiums wurde genau diese Eigenschaft immer wieder gepredigt. „Nehmt niemals eine Krankengeschichte mit nach Hause, versucht immer Arbeitsleben und Privatleben zu trennen!“ In meinem Beruf sicherlich einleuchtend. Aber niemand ist eine Maschine und das mag auch für einige Situationen funktionieren, aber für andere wiederum nicht.

Ich habe es auch nicht immer geschafft den Schalter umzulegen, einige Schicksale begleiten mich bis heute. Speziell in meinem Berufszweig gibt es viele Situationen und Unbegreifbares, welche wohl den härtesten Fels erweichen würden, nur wenige können das einfach so wegstecken. Trotzdem wäre das nie ein Grund für mich gewesen, meinen Beruf aufzugeben. Es gehört dazu, zu blauem Himmel und Sonnenschein, gehört auch genauso Sturm und Regen.

Ähnlich ist es im Alltäglichen und es stellt sich sicher oft die Frage, was lasse ich an mich ran und was nicht. Wie weit kann ich zulassen, dass etwas mich nachhaltig beschäftigt und mir in irgendeiner Weise auch weh tun kann. Davor ist wohl keiner wirklich sicher.

Auf mich selbst projiziert und die ganzen Monate, in denen ich hier nun meinen Blog schreibe, habe ich einige Mitblogger kennengelernt. Einige mehr, andere weniger. Bestimmte gehören zu einem engeren Kreis und auch einiges darüber hinaus. ;-)

In erster Linie sollte mein Blog eine Art Tagebuch werden. Für und mit meiner Krebserkrankung. Gut, fürs Tagebuch schreiben bin ich wohl etwas zu faul und nicht kontinuierlich genug. Meine Tagebuchversuche in meiner Jugendzeit sind genau aus diesem Grund stets gescheitert. ;-) Das sich mein Blog zu dem entwickelt hat, was er ist, hätte ich niemals erwartet. Das es nicht ausschließlich um den Krebs geht, sondern auch um viele andere Ereignisse, ob vergangen, aktuell oder in Zukunft, ist sicherlich zu erkennen.

Ich erzähle gerne aus meiner Kindheit, aus Afrika oder meiner Studienzeit und auch gerne von den Erlebnissen mit meinem Bruder, der ja zwangläufig immer irgendwie mit im Boot saß, ob er wollte oder nicht. ;-)

Der Tod meines Bruders vor 18 Monaten hat mich sehr getroffen, um es noch deutlicher auszudrücken, er hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Im Dezember 2016, als ich meine Krebsdiagnose bekam, dachte ich, es kann eigentlich nicht mehr viel schlimmeres in meinem Leben passieren, im Februar 2017 wurde ich eines Besseren belehrt. Es gibt wohl immer wieder etwas, was noch oben draufgesetzt werden kann.

Ich bin selbst Medizinerin genug, dass mir durchaus klar ist, dass ich mir die nötige Zeit zum trauern nicht eingeräumt habe. Vielleicht lag es an meiner Erkrankung, dass der Fokus zu sehr auf mir selbst lag und den ganzen Entscheidungen, welche daraus resultierten, vielleicht wollte ich das auch nicht für mich wahrhaben. So wirklich weiß ich es nicht. Der nötige familiäre Halt war leider in beiden Fällen nicht da und ist es bis heute nicht.

Ich kann solche emotionalen Abstürze manchmal nicht verhindern, sie sind selten oder seltener geworden, aber es kommt vor. Im Großen und Ganzen komme ich mit dem Tod von Hannes mittlerweile klar, dann kommen unerwartete Momente, da bringen kleinste Gesten meine hart erkämpfte und verteidigte Fassung ins Wanken. In den letzten Tagen waren es Kinderbilder, welche meine Großtante mir brachte. Ich weiß, dass es gut und lieb gemeint war, aber es hat mich auch wieder etwas trauriger und nachdenklicher gemacht. Dann sitze ich wieder da und reflektiere, was ich hätte alles noch tun können. „Hätte, hätte Fahrradkette“ würde Hannes jetzt kontern. Und das nicht zu Unrecht. Es lässt sich nichts ändern an der Vergangenheit und natürlich lerne ich aus meinen Erfahrungen immer wieder, aber manchmal tut es eben auch weh. Trotzdem werde ich weiterhin damit klarkommen.

Ja, und was die nächsten Wochen bringen werden, weiß ich nicht sicher. Angst und Unbehagen werden mich begleiten, aber wer würde schon lässig auf die entscheidenden Ergebnisse hinblicken, welche so vieles bedeuten werden? Zum einen möchte ich keine weiteren Therapien mehr machen, obwohl ich mir sicher bin, dass Heidelberg gewiss noch einige Ideen in petto hätte. Allerdings hänge ich schon ziemlich an meinem Leben, so dass ich wohl weiterkämpfen würde. Und gestorben und somit geheult, wird schließlich wirklich erst am Schluss, oder nicht? Nein, natürlich würde ich weiter machen und ich bin ja auch so oder so noch lange nicht raus aus dem Schlamassel, selbst wenn alles erstmal oberflächlich im grünen Bereich blinkt. Trotz aller emotionalen Abgründe der letzten Tage, bin ich irgendwo auch ganz guter Dinge. Ich habe jemanden versprochen, nicht vom Sterben zu reden und daran zu denken. Das wird auch so bleiben. Versprochen ist schließlich versprochen! ;-)

Danke für die ehrlichen Kommentare, so manchmal braucht es eben schon einen Schubser oder einfach auch mal ein „jetzt stell Dich nicht so an, es geht weiter!“ ;-) Das bringt mir mehr als dieses Kopfgetätschel. Das Krebs nun mal Scheiße ist, wissen wir alle, dass es jederzeit anders kommen kann im Leben, egal wie und wo, wissen wir auch und es ist gut, nicht zu wissen was morgen kommen wird.

Krebs und Tod sind immer noch ein großes Tabuthema. Dabei würde ich mir wünschen, über beides manchmal sehr viel offener reden zu können. Über Hannes Tod oder eben auch über meine Krebserkrankung.

Jeder Mensch geht natürlich anders mit Schicksalen um. Das steht außer Frage. Ich hatte mir schon überlegt meinen Blog zu privatisieren und eben nur den Pin an diejenigen weiterzugegeben, welche diesen erfragen. Allerdings denke ich mir wiederum, jeder der mich seit Monaten begleitet, weiß worum es hier geht und klickt sich somit bewusst in meinen Blog. Danke nochmal dafür.

Außer das ich natürlich mit mächtigen Unbehagen auf die nächsten Wochen und die kommenden Untersuchungen blicke, bin ich zudem beruflich auch nicht ganz untätig geblieben. Auch da muss es ja irgendwie und irgendwann mal wieder etwas weitergehen. Ich bin mir noch nicht sicher, wie mein weiterer beruflicher Weg letztendlich aussehen wird. Ob es nochmal genau in eine ähnliche Richtung gehen wird, weiß ich nicht. Mal sehen. ;-)

Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag, der Sommer soll ja nochmal etwas Gas geben in den nächsten Tagen. Das gibt sicherlich noch einige schöne Aufnahmen, auf die ich mich jetzt schon freue. Allerdings merkt man doch schon deutlich, dass der Sommer dem Ende zu geht und der Herbst sich langsam einschleicht. Auch riecht es einfach anders und damit meine ich nicht meinen unermüdlichen Nachbarn, welcher mit seinem Güllefass beharrlich seine Felder düngt. ;-)

Bis dahin, passt auf Euch auf, Marie

1.9.18 22:39

Letzte Einträge: Ein Kalender zum Advent, Geduld, Ich hab´ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd ^^, Life is a journey, Und wiedermal wird es Weihnachten....

bisher 7 Kommentar(e)     TrackBack-URL


padernosder (2.9.18 11:12)
Hallo Marie,

auch von mir ein paar grundsätzliche Worte. ;-)

1. Es ist vollkommen klar, daß Du bei Deinem Tun und Schreiben nicht im Mindesten daran denken mußt, wie es mir dabei geht, wenn ich Deinen Blog lese.

2. Mein "Anliegen" war es, den "Blickwinkel" des Lesers einmal aufzuzeigen, der selbstverständlich ein völlig anderer ist als Deiner.

3. Du hast viele Leser*innen und ich möchte Dir und uns allen wünschen, daß hier in Deinem Blog ein "Gedankenaustausch" zustande käme.

4. Alle Leser*innen müssen sich - denke ich - klar machen, daß sie hier "kein Buch lesen", also keine "Fiktion" vor sich haben, sondern daß sie einen realen, tiefen Einblick in das Leben eines Menschen bekommen. Einen solchen bekommt man im realen Leben nur sehr selten. Selbst nahe Angehörige erzählen nicht so offen, wie es ihnen geht, wie sie sich fühlen.

5. Wir müssen alle "lernen", mit einer solchen Situation umzugehen. Und wenn ich sagte, Du mutest mir "Deinen Wahnsinn" zu, dann ist eben genau das völlig "wertfrei" gemeint: Wie komme ich mit einer Situation zurecht, die ich "so" nicht kenne und die mir, Du verzeihst die Umschreibung, schwer "an die Nieren geht".

6. Du schreibst manchmal mit einem gewissen "Galgenhumor". Das ist für Deine "Leser*innen" sehr hilfreich, und erlaubt auch Deinen Kommentatoren, entspannter zu antworten.

7. Die "Crux" an dieser "Bloggerei" ist eben, daß wir alle "im Schatten" bleiben. Die Frage: "Was würden wir tun, wenn wir alle in einem Raum zusammen wären und uns permanent in die Augen blicken müßten?"... brauchen wir nicht zu beantworten.

Ich will diese "Aufzählung" hier beenden. Mir geht es nie darum, Recht zu haben, oder etwas besser zu wissen. Ich versuche nach meinen Fähigkeiten, zu Deinem Blog etwas beizutragen, bzw. Dir sogar helfen zu können. Das sind meine Kommentare, das ist mein Mitgefühl und das ist aber auch meine Unsicherheit beim Umgang mit der "Gesamtsituation".


Faradei (2.9.18 23:04)
Kein Wort, kein Bild in deinem blog, liebe Marie, wollte ich missen. Beschreibt es doch eine unglaublich starke Persönlichkeit welcher ich so nahe kommen darf. Danke!


PP / Website (3.9.18 18:53)
Ich glaube, das Schreiben ist schon eine gewisse Hilfe und Therapie. Was man mit andern teilt, trägt sich eben leichter. Das sind zwar Binsenwahrheiten, aber was ich sagen wollte: Lass dein Blog ruhig offen, denn du hilfst durch deine Kraft jenen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Jedenfalls hab ich bei dir das Gefühl, dass wenn jemand die Krankheit besiegen kann, dann du. Ich bin mir da ganz sicher und sende dir Kraft und Zuversicht und Mut. Krebs ist kein Todesurteil mehr und der Glaube versetzt Berge. LG PP <3


Twity-Autor (4.9.18 10:05)
Hallöchen liebe Marie,

ich bin immer wieder echt erleichtert, wenn ich bei dir lese - dass trotz der noch verbleibenden Ängste und Ungewissheit auch immer wieder der Optimismus die Oberhand hat. Chapeau!(Hut ab!)

LG Twity-Autor


Indianwinter (4.9.18 18:34)
...ich denke, mit den richtigen Menschen kann man auch über die sogenannten "Tabu-Themen" reden.
Schließlich findet ja beides leider in jeder Familie statt und zum Glück hast du liebe Freunde an deiner Seite, die für dich da sind.
Dass du hier im Blog deine Geschichte öffentlich machst, ist sicherlich eine Hilfe für dich, deine Art, damit umzugehen.
Ich sehe in der eigenen Familie, dass man auch diesen Krebs besiegen kann, trotz Verzweiflung und Mutlosigkeit immer wieder, der Wille zum Leben siegt und ich bin überzeugt, dass auch du dazugehörst.

Liebe Marie, witerhin alles Liebe von mir und alle meine guten Wünsche für dich.
GLG Barbara


Maccabros (5.9.18 11:08)
Wer schreibt der bleibt und DU wirst gern gelesen...

Denk an Dich

GLG

Maccabros


Shippuu (7.9.18 15:58)
Dann möchte ich mich ausnahmsweise auch kurz melden, um dir herzliche Grüße zu senden.

Wenn auch als stille Mit-Leserin verfolge ich stets deinen Blog und bin immer erfreut zu lesen, mit welch offenem Blick du so stark durch die Welt gehst. Das ist inspirierend, danke dafür, Marie

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen