Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Selbstverständlich

Es gibt sie, jene Tage, an denen Erinnerungen zur Qual werden, sich schmerzhafter zeigen als alles bisher durchlebte. Ein Moment, eine Geste und sei sie noch so lieb gemeint und alles beginnt von vorne.

 

Ich wusste nicht, dass es das letzte Mal gewesen sein sollte, als wir uns sahen. Hätte ich es gewusst? Ja, was dann? Dann hätte ich Dir gesagt, in welcher Ecke meines Herzens Du immer verankert sein wirst. Ich hätte Dir von meinen Träumen erzählt, die ich gerne noch mit Dir erlebt hätte. Ich hätte Dich ein bisschen fester in die Arme genommen.

Ich hätte mich bei Dir für all die Dinge entschuldigt, in denen ich Dir gegenüber nicht fair war oder nicht angemessen reagiert habe. Ich hätte Dir noch deutlicher gesagt, wie sehr ich Dich liebe.

Ich liebe, liebe, liebe Dich!

Wie oft schon ging ich mit der Sicherheit aus dem Haus, dass ich die mir vertrauten, wichtigen und lieben Menschen wiedersehe? Wie oft blieb Groll, Wut oder gar Hass stehen? Wie selten sagt man beim Abschied oder zur guten Nacht, wie wichtig der andere für einen ist, wie gern man ihn hat?

Wie oft schlief ich mit der Selbstverständlichkeit ein, dass ich am nächsten Morgen die Augen wieder öffnen werde und noch viele Gelegenheiten haben würde, zu leben?

Ein kleines „hey, ich liebe Dich oder ich mag Dich, Du bist mir wichtig!“ für jemand Besonderen oder sich selbst, bevor man die Augen schließt und einschläft.

Ein kleines „ich habe Dich trotzdem gern, auch wenn wir gerade eine Meinungsverschiedenheit haben!“, ein „ich mag Dich trotzdem.“

Ein kleines bisschen Demut gegenüber dem Leben und der Tatsache, dass niemand unendlich ist.

Ich wünschte ich hätte all´ dies getan, manchmal komme ich einfach nicht damit zurecht! Sekunden können ein Leben verändern und dann steht alles Kopf. Ein Ungleichgewicht, dass bis heute nicht in die Waage gekommen ist. Mein eigenes Leben mit dieser wahnsinnigen Erkrankung, hat mir die Chance genommen angemessen zu trauern. Und jetzt kommt an manchen Tagen die kalte Ernüchterung. Dann, wenn durch eine lieb gemeinte Geste, durch Bilder, die Jahrzehnte zurückliegen, alles wieder so verdammt weh tut.

Wir gingen Hand in Hand, auch wenn unsere Wege unterschiedlich verliefen, aber auch doch wieder viele Parallelen mit sich brachten. Nun wird sie immer fehlen, die eine Hand, die mir an so manchen Wegesgabelungen Halt gab und mich in die richtige Richtung drückte.

Diese Selbstverständlichkeit, mit der ich vor zwei Jahren noch durch mein Leben ging, ist verschwunden. 

Es gibt sie nicht mehr, nichts ist selbstverständlich. Aber lernt man das nur unter solchen schmerzhaften Bedingungen? 

Keine Begegnung ist Selbstverständlichkeit, kein Mensch ist es oder sollte als solche betrachtet werden, keine Gewohnheit und vor allem nicht des Menschen wertvollstes Gut: die Gesundheit und das Leben selbst!

 Ich vermisse Dich, kleiner Bruder!

31.8.18 19:29

Letzte Einträge: Ein Kalender zum Advent, Geduld, Ich hab´ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd ^^, Life is a journey, Und wiedermal wird es Weihnachten....

bisher 8 Kommentar(e)     TrackBack-URL


padernosder (31.8.18 21:07)
Hallo Marie,

wenn ich noch nie etwas von Dir gelesen hätte, würde ich sagen: "Toll geschrieben, eine Hymne an die Liebe - mit einem überraschenden Ende".

Da ich aber schon viel von Dir las, um nicht zu sagen "alles", was Du hier je geschrieben hast, komme ich zu einer völlig anderen Ansicht: "Die Erinnerung hat Dich wieder einmal übermannt." Sicher hast Du viel "geheult" und sehr schmerzhaft Deinen Bruder vermißt.

Deinen Blog zu lesen ist - ich wiederhole mich - eine schwierige "Aufgabe". Immer wieder denke ich, das tue ich mir nicht mehr an. Und immer wieder denke ich auch, "weglaufen" ist nicht das Richtige.

Aber dann muß ich es bis zu einem möglichen, schrecklichen Ende denken, wenn Frank hier schreiben wird: "Sie hat uns verlassen!" Was ist dann? Was soll ich dann tun? Soll ich mir sagen: "Toll, das war ein bis zum Schluß spannender Blog und nun ist Marie wieder mit ihrem Bruder vereint?"

Diese Nähe zum Leser, die Du mit Deinem Erzählen herstellst, hilft Dir. Das ist der Grund, warum ich hier bin, warum ich Dir antworte auf den "Wahnsinn", den Du mir zumutest. Ich will nicht feige sein und nicht auf mich sehen. Obwohl das nicht sehr clever ist.

Wie ich feststelle, sind die "Kommentare" zu Deinen Beiträgen weniger geworden. Den Menschen fällt es immer schwerer, das, was ich eben beschrieb, für sich auf die Reihe zu bekommen. Sicher haben viele Leser*innen ähnliche Gedanken wie ich.

Aber was ist, wenn alles gut geht und am Ende die Freude und Erleichterung bleibt? Dann ist es auch nur ein Blog gewesen, und jeder geht zur Tagesordnung über in der Gewißheit, so spannend wird es nicht wieder werden...


Marie (31.8.18 22:29)
Schwierig von meiner Seite darauf zu antworten. Ich hoffe sehr, dass es bald eine geordnete Tagesordnung wieder geben wird und mein Blog für mich somit eine bleibende Erinnerung. Vielleicht mit gelegentlichen Updates eines gesunden Lebens.

Ich schreibe hier über Dinge, die mich bewegen, die zu mir gehören. Das weißt Du. Es ist eben nicht nur der Krebs, mit allem was im Laufe der Therapie hinzukam, um den es hier geht, auch wenn das der Auslöser zum Blog schreiben war. Es ist eben auch der Tod meines Zwillingsbruders, mein Leben vorher und nachher und vor allem währenddessen.

Einen Knopf drücken und zur Tagesordnung übergehen würde ich manchmal gerne, aber funktioniert nicht. Manchmal ist alles gar nicht so schrecklich, dann wieder eine ganz große Katastrophe. Gerade jetzt, wo vieles noch unklar ist.

Aber ich versuche immer einen Weg zu finden und ich denke, es wird mir gelingen. Hier meine Gedanken aufzuschreiben, egal ob traurig oder bester Dinge, dass ist die Individualität darin und das was mir gut tut. „In guten, als auch in schlechten Zeiten!“

Dann hoffen wir mal, dass Frank nicht in die Verlegenheit kommen wird und eine bzw. meine Todesnachricht kundtun muss. Schon alleine damit das nicht passiert, werde ich es schaffen. Basta! Ich weiß wie es gemeint war.


Dorehn (1.9.18 01:34)
...ja, der Verlust eines geliebten Menschen ist tragisch, gekoppelt mit dem eigenen Vorwurf, nicht achtsamer mit der "Selbstverständlichkeit", dem Einfach-Da-Sein, umgegangen zu sein. - das kann ich aus kindlicher Erfahrung nachempfinden. Leider kann diese Erkenntnis nur aus der Erfahrung wachsen - wer erzieht/wer wird dazu erzogen, stets die Möglichkeit, dass etwas "Schlimmes" passieren kann, vorauszudenken und entsprechend zu handeln?
So, wie ich deine früheren Berichte gelesen habe, denke ich, ward ihr euch als Zwillingsgeschwister mehr nahe fürsorglich als entfremdet, so dass Du dir nicht zu sehr Selbstvorwürfe machen musst, die an den Kräften nagen. Das Leben geht weiter - alles Gute und LG!


(1.9.18 11:12)
merry-n
Mir erging und ergeht es genau wie padernosder: von Anfang an war ich fasziniert von deiner Fähigkeit so lebendig deinen Alltag zu beschreiben, dass man als Leser/in quasi mitten drin im Geschehen ist.
Auf der anderen Seite allerdings hatte ich auch Angst davor, mich mit all deinen Sorgen und Problemen zu überlasten, da ich endlich eine sehr schwierige Zeit glücklich hinter mich gebracht hatte.
Aber Davonlaufen war noch nie mein Lebensmotto und ich bin überzeugt, dass ich deinen Blog gefunden habe, weil wir uns etwas zu sagen haben.
So bange und freue ich mich mit dir und hoffe, dass du uns erhalten bleibst! Alles Liebe!


gebsy (1.9.18 20:10)
Danke für die so lebenswerten Hinweise, Marie!
Die Routine des Alltags ist wirklich eine große Herausforderung an unsere Nächstenliebe. Ich brauche da immer öfter die Kraft von oben dazu …
Deine Mutter hast Du nun schon länger nicht erwähnt - hoffe, Eurer Beziehung geht es erträglich; wünsche Euch gute Besserung und vor allem Genesung! lG, gebsy


lifeminder (4.9.18 02:46)
Wie du fühlst und wie du kämpfst, Vorbildlich!
Wie entwickelt man denn so eine Stärke? ... dann hast du noch so viel Mitgefühl für andere Menschen übrig, bist bereit dich mit dem was ist und war auseinanderzusetzen? - Ich glaube, ich in deiner Lage, wäre längst zum Egoist verkommen!?! - Größten Respekt, wie du das Leben annimmst.

LG vom Lifeminder


Twity-Autor (4.9.18 09:44)
Hallöchen liebe Marie,

..."Ich wünschte ich hätte all´ dies getan, manchmal komme ich einfach nicht damit zurecht!"

Hätte, wäre, wenn... Bitte liebe Marie mache dir keine Selbstvorwürfe, dies führt nur dazu, dass du dich schuldig fühlst. So traurig es ist, deinen kleinen Bruder verloren zu haben, du kannst nichts dafür und keiner kann mehr etwas daran ändern. Liebe kann man nicht abstellen, auch über den Tod hinaus, ich weiß. Aber man kann etwas Abstand gewinnen, wenn man nicht in der Vergangenheit lebt und versucht etwas positiver zu denken.
Bei jedem Menschen könnte schon der nächste Tag der letzte Tag sein. Das Schicksal ist wirklich manchmal gnadenlos und sehr hart. Leider muss man mit dem Schmerz leben, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat. Aber man muss auch lernen damit umzugehen, damit man selber daran nicht zerbricht. Gerade wenn du selber gesundheitliche Probleme hast, solltest du auch an dein Wohl und dein eigenes Leben denken. Ich glaube nicht dass dein Bruder es gewollt hätte, dass du bis ans Ende deiner Tage um ihn trauerst und dir unberechtigte Vorwürfe machst, über alles was du ihm nicht gesagt hast. :-)

Liebe Grüße und weiterhin alles Gute für dich!


sama / Website (13.12.18 19:22)
Ich wünschte ich hätte all´ dies getan, manchmal komme ich einfach nicht damit zurecht!"

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