Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Vier Jahreszeiten

Von allen vier Jahreszeiten, war mir der Frühling immer die Liebste. Wenn die Natur nach einem langen Winterschlaf langsam und gemächlich wiedererwachte und die Welt um mich herum sich in ihrer ganzen Schönheit zeigte. Ja, dann war Frühling. Es wurde heller, es wurde wärmer, die Vögel sangen fröhlicher, lauter und unermüdlicher zu den kuriosesten Zeiten, alles kam in Bewegung. Den Sommer selbst genoss ich immer in vollen Zügen, soweit dies möglich war. Durch Schichtdienste und lange Wochenenden, war davon manchmal nicht sehr viel übrig. Aber auch den Herbst liebte ich auf seine Weise, wenn sich das Laub verfärbte und langsam von den Bäumen rieselte und es immer mal kräftig stürmte. Ich liebte es dick eingemummelt durch den Wald zu gehen, das Rascheln des Laubes zu hören und die Eichhörnchen zu beobachten, die emsig ihre Wintervorräte versteckten. Manch kleinen Igel habe ich schon beherbergt und aufgepäppelt, damit er gewappnet war für den kommenden, langen Winter……

 

Sehr oft überlege ich, ob es je wieder eine solche Normalität für mich geben wird. Die letzten Monate waren schmerzhaft, nicht alleine von der körperlichen Seite, nein, die emotionale Basis war manchmal sehr viel schwerwiegender zu ertragen. Ein Gefühl, welches sich nicht in Worte fassen lässt, es erdrückt mich an manchen Tagen, macht mir Angst, nimmt mir die Luft zum Atmen. Ich kann es nicht beschreiben, es macht so vieles mit mir, es hat mich verändert.

Wie gerne hätte ich genau dieses Gefühl am letzten Montag, nachdem die letzte Chemo abgestöpselt wurde mit abgestreift. Aber es ist weiterhin da, weil ich nicht genau weiß, wie es weitergehen wird. Es wird keine Chemo mehr geben, dass ist derzeit wohl das Einzige, was ziemlich klar ist. Nach diesen ganzen Zyklen ist nun einfach Schluss.

Meine Blutwerte sind nach wie vor nicht optimal, allerdings sind sie auch nicht ganz so mies. Was heißt das? Aufgrund meiner Krankengeschichte, sind erhöhte Tumormarker natürlich nicht unbedingt beruhigend, auch wenn es zig Menschen gibt, die ohne Relevanz mit solchen Werten alt werden. Aber diese Möglichkeit ist für mich eher schwindend gering. Natürlich versuche ich mir selbst einzureden, „alles nicht so schlimm“! Klappt halt nicht immer. Zum einen weiß ich natürlich als Medizinerin, dass es womöglich nicht jetzt einfach vorbei ist und zum anderen weiß ich das irgendwo natürlich auch als Patientin. Egal was die Ergebnisse in den nächsten Wochen zeigen, es wird keine großartige Therapie mehr geben, sollte es doch nicht zu Ende sein. Weil es einfach dann nichts mehr geben wird, was nicht schon versucht wurde. Ja, es könnten noch Bestrahlungen weiterlaufen etc., aber ich möchte das nicht mehr. Ich glaube, es gibt dann irgendwann so einen Punkt, wo einem selber klar wird, dass es Grenzen gibt, eigene und medizinische, Grenzen ohne Türen. Wenn dieser Tag gekommen ist, werde ich meine Konsequenzen für mich selbst ziehen. Ich hoffe trotzdem mit jeder Faser, dass es anders und besser kommen wird.

So, ich glaube jetzt muss ich meine depressive Phase ein wenig wegschubsen. Aber solche Gedanken müssen auch mal raus und wo, wenn nicht hier.

Letzte Woche war sie also da, meine letzte Chemo. Lang erwartet, lang dafür gekämpft. Und dann war es einfach so vorbei. Laut Chefarzt, der sich extra viel Zeit für mich nahm, gut er bekommt es auch ordentlich honoriert ;-), wird es wohl definitiv die Letzte sein. Außer es gäbe noch einen enormen Durchbruch in der Krebsforschung und das ultimative Wundermittel wird entdeckt, dann könnte ich mich evtl. als Versuchskarnickel nochmal einreihen. Solche Wunder geschehen sicherlich immer mal wieder, aber meistens irgendwo weit weg. Das ist dann für die, die es trifft natürlich toll aber…ach ist ja auch egal. Wunder halt!

Also, das besagte Wunder gab es bei mir bisher noch nicht. So ganz genau weiß es noch keiner, allerdings sind halt meine Werte noch nicht so gänzlich erfolgsversprechend. Dann meine noch verbleibende Niere, die nicht immer so ganz kapiert wofür sie eigentlich noch da ist. Tja, schwierig mit den inneren Organen und Werten ;-) So ganz harmoniert mein Innenleben noch nicht, immer mal wieder tanzt jemand aus der Reihe, manchmal so arg, dass es Platzverweis gibt, mein Blinddarm kann ein Lied davon singen. ;-)

Manchmal weiß ich nicht so recht, wie ich auf die Ansprachen des Chefarztes reagieren soll. Angemessen klappt meistens spontan und ohne jegliche Vorbereitung nicht. Ganz so tough und schlagfertig wie am Anfang der Behandlung bin ich auch nicht mehr, meistens braucht es einen Moment. Das ist dann diese Sache mit dem sacken lassen glaube ich! Hätte ich vielleicht in früheren Zeiten auch mal anwenden sollen. Jedenfalls so hin und wieder. Ich bin mir auch nicht so ganz im Klaren, welche „Marie“ mir persönlich besser gefällt. Jeanne d´Arc oder das Schneewittchen im gläsernen Sarg, blass und verwundbar. Ich sollte mich mal mit meinem Spiegel unterhalten!

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob der Chefarzt mich mit einem weinenden Auge (die fehlenden Wahnsinnsrechnungen werden dann wohl auf Dauer ein Loch in die Klinikkasse reißen) oder mit einem Lachenden entlassen hat. Aber zur weiteren Diagnostik und Nachsorge, wird er mich wohl doch noch öfters sehen. Je nachdem wie sich alles outet, wird es entsprechend weitergehen. Das Ende der Chemo, heißt leider nicht automatisch gesund und alles gut. Es heißt leider nur, dass eine versuchte Therapie abgeschlossen wurde. Wie es weitergeht, ist teilweise noch Spekulation. Ich versuche an das Gute zu glauben, auch wenn es mir teilweise mächtig schwerfällt.

Ich hoffe sehr, dass ich in den nächsten Wochen wieder ein bisschen mehr Mensch werden kann. Ich es schaffe, einen normalen Tagesablauf zu bewältigen und dass es mir gelingen wird, wieder etwas standfester zu werden.

Meine Tochter hat mir einen Musicalbesuch geschenkt. Ich habe mir gewünscht, dass wir nach Abschluss der Chemo mal wieder ein paar unbeschwerte Tage gemeinsam verbringen. Ohne Klinik, ohne Chemo, ohne schlimme schleppende Nebenwirkungen. Aladdin ist es geworden und es ist mit eines der schönsten Musicals überhaupt. Ein Traum wird wahr… ;-) Tja, dass hatte mich so gefreut, dass ich im letzten Eintrag genau das vermitteln wollte. Hat nicht so ganz geklappt, aber ich freue mich immer noch sehr darüber und kann es kaum erwarten. Manche Dinge gehen einem dann doch nicht ganz so clever von der Hand. ;-)

In Heidelberg selbst, hatte ich ziemlichen Spaß mit meiner EC-Karte, als ich dort Bargeld abheben wollte. Irgendwie war sie weg, meine PIN! Ich konnte mich absolut nicht mehr erinnern. Das Blöde, nach drei Versuchen war sie dann gesperrt. Also, an meiner Bank angerufen, mit meinem Bankberater des Vertrauens telefoniert, damit er mir meine Karte wieder freischalten konnte. Das klappte soweit, jedenfalls, bis zu den nächsten drei missglückten Versuchen. Wieder angerufen…. Ich glaube er machte sich dann doch schon etwas lustig über mich, jedenfalls konnte er sich den Kommentar nicht verkneifen, dass er ja noch eine Weile da wäre, falls meine Karte noch öfters entsperrt werden müsste, außerdem wäre er das ja bei mir immer mal gewohnt. Also, im ersten Moment hatte ich mir wirklich überlegt, ob ich nun beleidigt war oder nicht. Allerdings hätte „beleidigt sein“ mein PIN-Problem auch nicht gelöst. Nach weiteren fünf Versuchen incl. einer weiteren „Entsperrung“ habe ich wohl den richtigen PIN erwischt. Somit war dann alles gut und gefühlte 25 Personen entnervt, bis ich zu meinem Bargeld kam. ;-)

Ich glaube, dass ich einige mir nun doch vertraute Menschen auf ihre Art vermissen werde. Pfleger Jürgen, der mich aus den unmöglichsten Situationen gerettet hat, den Chefarzt, welcher mir immer mal die Leviten las und auf seine herzliche, humorvolle Art, genau meinen Nerv getroffen hatte, ja sogar den Assistenzarzt werde ich vermissen. Schließlich kann ich mich nicht mehr über seine unförmigen Rübezahlhände aufregen. Selbst der eine doch sehr nervige Mitpatient, wird mir wohl ein wenig fehlen. Auch wenn ich wegen ihm einmal mit samt Infusionsständer und Kotznierenschale aus dem Chemoraum geflüchtet bin. Aber ich glaube dieses Vermissen wird sich relativieren.

Mal sehen, was die nächsten Wochen mit sich bringen und ich wünsche mir nichts mehr, als im Dezember, wenn das zweite Jahr aus purem Wahnsinn zu Ende geht, ein guter Abschluss mit einer positiven Perspektive werden wird. Ich hoffe meine lieben Freunde und alle die ganz fest zu mir gehören, werden diese nächste Zeit mit mir ertragen. Ja, ich habe gewaltigen Schiss!

27.8.18 22:00

Letzte Einträge: Ein Kalender zum Advent, Geduld, Ich hab´ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd ^^, Life is a journey, Und wiedermal wird es Weihnachten....

bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


padernosder (28.8.18 08:20)
Hallo Marie,

Dein Blick auf die vier Jahreszeiten ist ein "lockerer", beschwingter Einstieg auf die "schwere Kost", die dann folgt. Aber ich als Leser wäre ja wohl etwas bescheuert, wenn ich Deine "Depression" auf mich übertragen würde. ;-)

Es ist "das" Problem aller Menschen, die Dir nahestehen, denke ich. Wie kann ich froh bleiben angesichts Deines Leids? Wie kann ich wahrhaftigen Optimismus ausstrahlen, gerade dann, wenn Du am Ende Deiner Therapie angekommen bist? Es stellt sich doch jetzt die alles entscheidende Frage, die ich hier gar nicht formulieren will...

Du läßt das im Bereich der Spekulation, ob es nach der "Chemo" noch eine weitere Möglichkeit der "Behandlung" für Dich gäbe, falls dies nötig wäre. Wenn ich Dich richtig verstehe, würdest Du eine solche aber nicht mehr wollen.

Weil ich es mir als "Außenstehender" leisten kann, unbegrenzt optimistisch zu sein, möchte ich Dir sagen, daß ich weiß, wenn nun noch ein paar Tage vorbei sind und Du auch körperlich wieder "stabiler" bist, wird Deine Sicht der Dinge sehr viel hoffnungsvoller sein!

Du hast einen langen Weg durch die Therapie tapfer hinter Dich gebracht. Du hast schon sehr viel ausgehalten und dafür all Deine Kraft geben müssen - und Du hast es geschafft. Du bist nicht schwach, auch wenn sich das im Moment so anfühlt, Du bist mit Sicherheit die Stärkste hier im weiten Rund.

Es wird immer gesagt, zwischen Himmel und Erde gibt es sehr viel mehr, als wir Menschen wissen. Ich weiß das stimmt, obwohl ich den Esoterikern eigentlich nicht das Wort reden will. Ich bin aber sicher, wenn ich unbekannte Kräfte "anzapfen" wollte, dann brauche ich den "richtigen Kopf" dafür. Also zeige Dich stur, Marie, zeige der Welt, daß Du einen Weg finden wirst, den vielleicht noch keiner gegangen ist!


Faradei (30.8.18 11:15)
Herzlichen Dank, liebe Marie, für deine treue Stellungnahme.


Twity-Autor (30.8.18 12:01)
Liebe Marie,

natürlich erhofft man sich persönlich nach so einer langen Chemo bessere Werte. Vielleicht musst du einfach nur etwas geduldiger sein. Dein Körper braucht nach den langen Strapazen sicherlich erst eine längere Erholungsphase und etwas Zeit.
Nach einigen Tagen sieht alles bestimmt etwas optimistischer aus. "Gut Ding will Weile haben..."

Was dein Erlebnis betrifft mit deiner EC-Karte, mir ist es auch schon einmal passiert. Ich wollte eine Überweisung machen, alles war schon eingegeben, nur mit der PIN musste noch bestätigt werden. Und plötzlich stand ich da, die letzte Zahl fiel mir nicht mehr ein. Zweimal gab ich eine Zahlenfolge ein, dann hörte ich lieber auf, damit der Automat nicht meine Karte einzieht. Ich bin dann eine Runde um die Filiale gelaufen, in der Hoffnung mir fällt die letzte richtige Zahl wieder ein. Ich versuchte mich zu erinnern, verursachte aber eher einen "Zahlen-Salat." :-)

Ich erledigte noch einige Besorgungen und dachte nicht mehr zwanghaft an die PIN und siehe da, nach ca. 30 Minuten war die fehlende richtige Zahl wieder im Kopf. Ich bin dann schnell in eine andere Filiale und habe sofort die Überweisung getätigt.
Schlimmer oder peinlicher wäre es gewesen, wenn man an der Kasse mit vollem Einkaufswagen steht und alles wieder in die Regale packen muss... (oder den Korb im Laden stehen lässt um erst zu Hause nachschauen wie die PIN ist. )

Ist eben alles irgendwie menschlich und dies sollten wir uns auch eingestehen. Egal ob es Traurigkeit, Wut, Verzweiflung oder Angst sind.

Ich wünsche dir, dass deine momentane Enttäuschung oder Traurigkeit ganz schnell wieder vergeht, damit du positiver in die Zukunft schauen kannst!

Liebe Grüße und festes Daumendrücken von Twity-Autor!


(30.8.18 13:26)
merry-n
Ein Abschnitt deines Lebens ist bewältigt und vorüber, allein das ist doch schon ein Grund, auf dein Durchhaltevermögen und deine Kraft stolz zu sein. Ich wünsche dir, dass du bald wieder Mut und Zutrauen zu deinem Körper findest und irgendwann, zumindest für Tage, einfach vergisst, was jetzt noch wie ein dunkler Fels auf deiner Seele lastet und deine Gedanken verdunkelt. Ich drücke dir die Daumen, dass das schon bald sein wird und deine Zukunft hell und freudig sein wird! Alles Liebe!

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