Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Lebenskraft

Es gibt sie, die Zwerge, Feen, Elfen und Gnome, vielleicht kann sie nicht jeder sehen und spüren und vielleicht entspringen sie auch einfach der Phantasie, aber es sind jene Geschöpfe, die den Menschen manchmal Mut und Kraft verleihen und helfen, die Realität an den Grenzen der Vernunft zurückzulassen. Und manchmal braucht es diese magischen Momente, für eine Weile, um dann wieder in die Dimension des Wahnsinns zurückkehren zu können……

 


 

Endlos zu fallen und der Griff in die Leere, dass würde wohl meine letzten Tage gut beschreiben. Aber anscheinend habe ich noch genügend Lebenskraft, um mich wieder nach oben zu hangeln. Heute Nachmittag habe ich es endlich geschafft. Tag vier nach der letzten Chemo, zeigte sich nicht ganz so katastrophal als die vorherigen und das am Freitag den 13.! Nein, ich bin nicht abergläubisch und ein solches Zusammenspiel ist mir relativ egal.

Seit heute Nachmittag geht es mir ein wenig besser. Chemo 4/6 vom neusten Zyklus hat mich schlichtweg umgehauen. Viele Krebspatienten sterben an den Nebenwirkungen der Therapien und ja, ich kann es verstehen. Es kann einfach nicht gut tun, etwas was gegen „Krebs“ „helfen“ soll, muss mörderisch sein und so eine Chemo ist ja nunmal nicht so superschlau und stürzt sich nur auf den Krebs, nein leider zerstört sie auch viele andere wichtige Zellen. Mit etwas Glück erholt sich das Meiste mit der Zeit wieder. Mit nicht ganz so viel Gück, bleiben einige Defizite zurück. Ist es denn eigentlich nur Pech, Krebs zu haben oder zu bekommen? Ich habe mir so oft Gedanken darüber gemacht, letztendlich hat es mich nicht zum Ziel geführt, aber es erschrickt mich immer noch und ich überlege sehr oft, wann der Zeitpunkt gewesen sein könnte, als einige meiner Zellen auf Blöd machten.

Vielleicht habe ich ein kleine Ahnung, wenn ich meine Lebensumstände, wie Stress, tägliche Überforderung, ungesunde Lebensführung und und und…… in Einklang bringe. Es ist eine Frage an mich selbst, die mich an manchen Tagen verrückt macht, an allen anderen nehme ich es hin. Ändern kann ich nichts mehr, jedenfalls nicht mehr rückwirkend, aber vielleicht, wenn ich mir selbst noch einige wichtige Fragen beantworten könnte, kann ich für die Zukunft lernen. Besser auf mich selbst aufzupassen ist so eine Sache an sich. Vielleicht klappt sowas in der Tat besser, wenn jemand in Dauerschleife um einen rumwirbelt und ein Auge auf einen wirft. Allerdings war mein Bruder immer ziemlich besorgt um mich und ja es gab auch Zeiten, da hatten wir so unsere „normalen“ Differenzen. Auch wenn wir Zwillinge waren, hätten wir unterschiedlicher nicht sein können. Vom Geschlecht jetzt mal ganz abgesehen, gab es wahnsinnig viele Unterschiede. Und genau das vermisse ich an jedem Tag aufs Neue. Er war mein Halt und auch wenn es schon über ein Jahr her ist, fühle ich mich ganz oft bodenlos. Es ist schwierig zu beschreiben, ein Gefühl der Halt- und Orientierungslosigkeit.

Ich habe es ihm an seinem Sterbebett versprochen, dass ich nicht aufgebe, dass ich diesen Kampf weiterführe, bis dieser Scheiß-Krebs, besiegt ist. Mein Versprechen zu brechen kommt nicht in Frage, auch wenn „Aufgeben“ an manchen Tagen ganz viel einfacher wäre.

****„Manchmal scheint die Uhr des Lebens still zu stehn
Manchmal scheint man immer nur im Kreis zu gehn
Manchmal ist man wie von Fernweh krank
Manchmal sitzt man still auf einer Bank

Manchmal greift man nach der ganzen Welt
Manchmal meint man, dass der Glücksstern fällt
Manchmal nimmt man, wo man lieber gibt
Manchmal hasst man das, was man doch liebt…“

(Auszug „sieben Brücken“ Peter Maffay) ****

Fortsetzung: 19.07.2018

Wie hatte ich noch am Freitag geschrieben? Es ging mir etwas besser, nun ja, am Samstag sah die Welt schon wieder ganz viel anders aus. Bis heute habe ich es nicht mal annähernd geschafft, meinen Eintrag zu beenden, somit kann ich ihn nun entsprechend aktualisieren. Ein auf und ein ab, die letzten Tage waren mies, aber heute habe ich das Gefühl, dass es wieder aufwärts geht. Die nächste Chemo, welche ja schon am nächsten Montag anstehen würde, wurde erst mal abgesagt, bzw. mit etwas Pause auf den 06.08. verschoben. Somit werde ich erst mal ein wenig Luft haben, um wieder etwas bodenständiger auf den Beinen zu stehen. Das war in den letzten Tagen eher Glückssache und Marie + Glück, „findet den Fehler“, dass passt schon länger nicht mehr.

Die letzten Wochen waren ansonsten fast wie immer. ;-) Meine Mutter spießig, anmaßend und ungerecht wie immer. „Sie kann sich halt nie wirklich auf mich verlassen!“ Puh, ja scheint gerade so. Aber da muss ich leider ein Veto einlegen, auf was kann sie sich oder ich mich denn überhaupt noch verlassen? Ich glaube da eine Antwort zu finden ist schwierig. Für mich selbst weiß ich, dass ich ein sehr zuverlässiger Mensch bin, tja, aber nicht mal auf den „Krebs“ kann ich mich verlassen. Eigentlich sollte ich längst tot sein, hat er das geschafft? Nein! Und das obwohl so einige Möglichkeiten geradezu günstig gewesen wären. „Möpp!“, war wohl nichts. ;-) Also bitte, dann lass es doch einfach sein! Kann ich mich auf die unzähligen Therapien verlassen? Nein! Auch die machen nie, was sie sollten, nicht mal die Nebenwirkungen sind planbar. Schöner Scheiß! Und da soll man nicht zickig werden.

Ich hasse es, dass ständig irgendwer an mir rumfummelt und ich immerzu gepiesackt werde. Ich hasse es so sehr. So mutiert man von relativ unempfindlich, zu hochsensibel. Kommen schon bestimmte Ärzte um die Ecke, beschleicht mich der Drang einfach abzuhauen. Und auf die Aufforderungen, „machen Sie mal Ihren Oberkörper frei“, reagiere ich erst beim dritten Mal und das auch nur zögerlich. Ich weiß, ich weiß, dass ist wahnsinnig albern, aber ich kann grad nicht anders. ;-)

Letzte Woche sagte doch glatt ein Oberarzt zu mir: „Frau Kollegin, nun reißen Sie sich mal zusammen!“ Für ihn wohl unvorstellbar, dass eine Ärztin auch einfach nur ein Mensch ist, mit vielen Ängsten und einer Antipathie gegen Nadeln und Riesenhänden. Eine Ärztin, welche genauso Schmerzen empfindet, wie jeder andere Patient eben auch. Das habe ich ihm auch unmissverständlich versucht zu erklären, vielleicht hat er es kapiert, vielleicht aber auch nicht.

Egal, was nutzt mir das Gehadere, dadurch komme ich wohl keinen Schritt weiter und den Krebs wird es auch nicht besonders beeindrucken. Mit dieser eigentlich plausiblen Einsicht dauerhaft klar zu kommen, gelingt mir nicht immer. Manchmal brauche ich verdammt viel Zuspruch, obwohl ich dieses „Du schaffst das“, nicht immer gut ertragen kann. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als irgendwas zu schaffen und ich hoffe, dass meine Willensstärke weiter anhalten wird, um das bis zum Ende zu ertragen.

Ich glaube den Pakt mit dem Teufel habe ich bereits besiegelt. Wenn es mir gelingen sollte, diese gestellte Aufgabe zu bewältigen, dann werde ich hoffentlich davon erlöst. Bis dahin wird er wohl noch so einige Male mit dem Pferdefuß scharren und zornig mit dem Dreizack aufstampfen.

Der Krebs hat mich gelehrt, dass Zeit das kostbarste Gut überhaupt ist. Die letzten 20 Monate waren alles andere als einfach und ich weiß, dass ich mich entscheiden muss, ob ich nur eine Seite in meinem Leben weiterblättere oder ob ich ein neues Buch anfange. Ich denke, dass ich mich bereits entschieden habe und das wird ganz sicher das Buch sein. Es wird anders werden, sollte ich die Chance dazu bekommen.

 

(Ich fand diese bepackte Biene so toll, dass ich sie einfach fotographieren musste. Lieber Padernosder, ich hoffe Dir steht nun nicht der kalte Schweiß auf der Stirn, bei meinen supertollen Fotos....;-)))

 

Es tut mir leid, dass ich in letzter Zeit kaum Eure wundervollen Beiträge kommentiert habe, ich habe sie bestimmt fast alle gelesen und betrachtet, aber leider war das mit dem Kommentieren nicht möglich. Aber ich gelobe Besserung!

18.7.18 16:57

Letzte Einträge: Ein Kalender zum Advent, Geduld, Ich hab´ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd ^^, Life is a journey, Und wiedermal wird es Weihnachten....

bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


padernosder (19.7.18 04:34)
Hallo Marie,

mit guten Nachrichten bist Du ja etwas zurückhaltend. ;-) Ich will mir gar nicht so "wirklich" vorstellen, wie es Dir die vergangenen Tage erging, hoffe aber sehr, daß es nun tatsächlich ein wenig besser wird, zumal Du eine Chemo-Pause einlegst.

Das Gefühl des "freien Falls" ins Bodenlose, das kann ich mir nur als so ziemlich das Übelste vorstellen, was einem Menschen passieren kann. Und nun kommen Deine Zwerge und Feen, Deine Elfen und Gnome als Lebensretter ins Spiel, am Rande von Realität und Wahnsinn...

Es ist auch keine gutes Gefühl, Dein Leiden mitzubekommen und einfach nur zusehen zu können. Ich muß daran danken, wie kalt die Welt geworden ist. Heute werden "Lebensretter" schon vor Gericht gezerrt und den Hartherzigen wird zugejubelt, weil sie sich angeblich um unsere Sorgen kümmern.

In so einer Welt ist es nicht gut, krank zu sein. Hoffentlich hast Du wenigstens das Gefühl, daß die nervigen Ärzte alles für Dich tun!


Pascale / Website (19.7.18 09:41)
Liebe Marie,

ich wünsche Dir weiterhin nur das Beste!
Liebste Grüße
Pascale


(19.7.18 14:38)
merry-n
Liebe Marie,
obwohl ich oft an dich denke und dabei immer hoffe, dass es dir so langsam etwas besser geht, bin ich doch auch heilfroh, dass ich mir nicht im entferntesten vorstellen kann, wie dein Kampf ums Leben abläuft, aber ich bin jedesmal sehr erleichtert, wenn du wieder ein Stück des Weges erfolgreich hinter dich gebracht hast und wieder ein Lebenszeichen von dir kommt.
Ich hoffe, dass dir die Ruhepause gut tut und du wieder etwas zu Kräften kommst.
Alles Liebe!


Faradei (20.7.18 20:01)
Marie, ich bewundere deine Lebenskraft und hoffe, es nimmt dich stets jemand zur Entlastung in die Arme.

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)

Die Datenschuterklärung und die AGB habe ich gelesen, verstanden und akzeptiere sie. (Pflicht Angabe)


 Smileys einfügen