Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Gestorben wird erst am Schluss ;-)

„Ich glaube es ist wichtig, nicht nur die Worte zu lesen, sondern auch den Menschen hinter diesen Worten zu fühlen! Das geht ganz sicher und wie ich es schon so oft sagte: „Nähe ist niemals eine Frage der Entfernung!“


Mit dieser „was-wäre-wenn-Theorie“ kämpfe ich schon ein wenig länger. Vielleicht eine logische Reaktion, als Mutter, denn der wichtigste Mensch in meinem Leben, ist nun mal meine Tochter. Heute genau in einer Woche wird sie 18 Jahre alt, sicherlich ist auch das ein nicht unerheblicher Aspekt in meinem Unterbewusstsein. Und ich glaube, ich habe da ein ziemlich tolles Exemplar erwischt. ;-) Manchmal hatte ich eben auch mal Glück! Es ist eine bedingungslose Liebe, seit der ersten Sekunde ihres Lebens und das wird sich niemals ändern. Und ich möchte noch so viele Dinge auf ihrem künftigen Lebensweg miterleben und hoffe, dass ich diese Zeit haben werde.

Meine eigenen „was-wäre-wenn-Gefühle“ sind schmerzhaft, aber meine Gedanken sind in diese Situation ganz oft vertieft. Vielleicht ein natürlicher Vorgang, vielleicht Angst, ich weiß es nicht. Ja, ganz sicher ist es Angst. Ich selbst habe mich schon seit dem Tag meiner Diagnose gewissermaßen mit dem Gedanken „sterben“ auseinandergesetzt. Mal mehr, mal weniger. Der erste Gedanke, als ich hörte „Krebs“ war, ok, dann sterbe ich wohl bald. Was das genau bedeutet, dass habe ich in diesem ersten Moment nicht realisiert. Das kommt dann erst im Laufe der nächsten Tage, Wochen, Monate. Im Laufe der Therapien, der Nebenwirkungen und fast nicht mehr zählbaren operativen Eingriffe. Und ich fragte mich schon ziemlich oft, warum mache ich das, macht es überhaupt Sinn? Das Gefühl „sterben auf Raten“ ist nie ganz weg. Diese Angst vor jeder Untersuchung, jeder neuen Idee der Ärzte, „dass könnte auch noch helfen“, ist manchmal nur schwer zu ertragen. Die Gefühle fahren Achterbahn und dann gibt es jene Momente, wo ich schon das Gefühl hatte, ich kann gar nichts mehr empfinden. Egal was irgendjemand zu mir sagt, dass prallt ab, dass kommt gar nicht erst zu mir durch.

Wie oft bin ich aus dem Schlaf hochgeschreckt, weil ich mir endlose Gedanken gemacht habe, was ist, wenn es mich nicht mehr geben wird? Ich kann nicht denken, vorbei ist vorbei und gut, dass funktioniert einfach nicht.

Was werden die Menschen tun, wie werden sie fühlen, die mir, egal in welcher Beziehung, nahe standen, wenn es mich nicht mehr geben sollte? Eine Vorstellung, die erstmal unvorstellbar ist, aber andererseits habe ich das doch im letzten Jahr selbst erlebt, als mein Bruder starb. Auch wenn es ein plötzlicher, unvorbereiteter Tod war, war letztendlich die Situation ähnlich. Und ja, jeder würde zur Tagesordnung übergehen. Natürlich, es geht doch auch nicht anders. Nach Hannes Tod hat sich bei mir auch die Welt weitergedreht. Anfangs dachte ich, dass es nicht möglich sein würde, ohne ihn weiterzuleben, alles so zu machen wie immer, mein Leben zu leben, den Kampf gegen den Krebs weiterzuführen, ohne ihn. Aber es geht, auch wenn dieser Prozess des Verstehens und Akzeptierens ein ganz schwieriges Kapitel ist. Und es gibt Tage, da kommt alles mit Wucht zurück, da funktioniert so rein gar nichts und alles entzieht sich jeglicher Realität und Plausibilität.  

Mir ist bewusst, dass mein Blog viele Menschen erreicht hat. Manchmal weiß ich auch da nicht, wie ich mit gewissen Dingen umgehen soll, aber ich weiß auch, dass viele darauf warten, dass sich was in meinem Blog tut, viele mit mir bangen, Daumen drücken und hoffen das es irgendwann ein „happy end“ geben wird. Vor einem Jahr, als ich in die Bloggerwelt einstieg, ohne wirklich richtig zu wissen, was ich da genau tue, hätte ich das nie erwartet. Für mich selbst ist mein Blog ein wichtiger Punkt geworden und schreiben ist für mich nach wie vor ein gutes Medium, um mich selbst mit einigen Dingen zu konfrontieren und auch für mich das eine oder andere zu verarbeiten. Es war für mich wichtig, dass ich vor der Operation erzähle, was da auf mich zukommt, auch dass es evtl. nicht gut ausgehen könnte. Und genauso wichtig war es mir am letzten Samstag, als ich wieder einigermaßen klar denken konnte, ein kurzes Lebenszeichen im Blog einzutragen. Auch wenn die Pfleger erstmal komisch guckten, als ich darauf bestand, dass sie mir mein Ipad aufs Tischchen stellten, damit ich im Blog lesen und einen kurzen Eintrag machen konnte. Ich wusste, dass viele darauf warteten. Natürlich hatte Frank zwischenzeitlich kurz informiert, aber es ist eben nicht dasselbe.

Die Tage danach waren dann nicht mehr ganz so gut, aber das gehört natürlich auch dazu. Die erste Euphorie schlägt sich meistens recht schnell ins Gegenteil um. Aber gestern Abend gab es dann so ganz langsam einen weiteren Lichtblick und ich durfte die Überwachungsstation verlassen. Das ist doch schon mal ganz positiv. Ich habe zwar immer noch ein EKG und ein Pulsoximeter an mir haften ;-), aber dass ist nicht so wirklich tragisch und natürlich für die Überwachung von Herzrhythmus und Sauerstoffsättigung, nach dieser Operation einfach noch lebensnotwendig.

Die Operation selbst ist letztendlich gut verlaufen. Es konnten nach fast 7,5 Stunden harter Arbeit ;-), alle Metastasen und auch noch ein paar Lymphknoten entfernt werden. Während der Operation wurde ich zweimal reanimiert, da ich ins Kammerflimmern geraten bin. Das das passieren konnte, wusste ich und Herz-Lunge ist eben ein Kreislauf, der zusammengehört. Aber ich würde sagen, es waren alle auf Zack, alles was Beine, Hände und Flügel hatte ;-). Und mein eiserner Wille und die vielen gedrückten Daumen haben da natürlich auch kräftig mitgeholfen.

Ja, eigentlich wäre ja jetzt mal eine 6wöchige Reha, mindestens auf Sylt, fällig. Aber nö, ich doch nicht, ich mache dann mal am Freitag gleich mit der nächsten Chemo weiter. So ist es geplant. Leider bleibt mir die Chemotherapie nicht erspart, da muss ich weiterhin durch. Zusätzlich werden die Stellen, wo die Metastasen saßen noch bestrahlt. Schonen? Erholung? Ach was, wer braucht denn sowas? Nein, es ist schon so, natürlich darf jetzt keine unnötige Zeit verstreichen, nicht das wieder so ein Schalentierchen in meiner Lunge oder am Ende noch ganz woanders, schlüpft.

Der Kampf ist noch lange nicht gewonnen, ein Friedensvertrag noch nicht in Sicht. Ich denke, ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Tumormarker rückläufig sein werden und ganz wichtig, dass es keine Schatten, komischen Knubbel, schmerzhafte Lymphknoten oder was auch immer noch alles merkwürdig sein könnte, gibt. Jede Kontrolle wird mich sicherlich an den Rand des Wahnsinns bringen, aber da muss ich wohl einfach durch.

Natürlich habe ich mir auch Gedanken gemacht, was aus meinem Blog wird, wenn ich sterben sollte. Schwierige Entscheidung und ich bin da auch nicht wirklich zu einem Ergebnis gekommen, dazu hatte ich dann kurzerhand nicht genügend Zeit. Frank hätte Euch informiert, wenn es wirklich so gewesen wäre, aber dann? Keine Ahnung.

Sollte dieser besagte Fall doch noch eintreten, möglich wäre es, dann wird die Tagesordnung für jeden Einzelnen von Euch natürlich weitergehen. Die Welt dreht sich auch dann weiter und jeder sollte und wird auch dann wieder wie gewohnt weitermachen. So ist es gewollt. Aber wie gesagt, „gestorben wird erst am Schluss!“ ;-) Und so eine Kiste Champagner hat ja schon so ihren gewissen Reiz.

3.1.18 18:15

Letzte Einträge: Im Auge des Hurricans, Ein Kalender zum Advent, Geduld, Ich hab´ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd ^^, Life is a journey

bisher 11 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Helga / Website (3.1.18 18:37)
Liebe Marie,
hoffen wir mal, das dieses "Letzte" noch in weiter Ferne liegt. Kann Deine Gedanken um den Krebs gut nachvollziehen, denn bei meiner Bekannten war er auch erst weg und kam nach 1 Jahr in voller Härte zurück - das hat sie dann nicht mehr überlebt. Aber selbst wenn Dir dieses Schicksal auch blüht, ganz vergessen wirst bestimmt nicht. Bei mir wäre das anders - habe nur 1 gute Freundin und die ist inzwischen dem Himmel auch näher als der Erde .
GLG Helga


mausfreddy (3.1.18 18:42)
Hallo!
Schön wieder von dir zu lesen. Auch wenn es noch nicht so erfreulich ist, wie wir es dir wünschen. Du bist eine Kämpferin und es wird sicher alles gut. LG mausfreddy


Claudia (3.1.18 18:46)
Liebe Marie,
das klingt nach verdammt harter Arbeit für alle Beteiligten. Und gut, dass alle so auf Zack waren. Ich persönlich glaube aber auch, dass es dein ganz persönlicher Wille zu Leben ist, der dich aus solchen Momenten immer wieder aufstehen lässt. Möge er dich immer begleiten.
Und die Reha machst du dann nach der Chemotherapie.
Ach du, fühl dich einfach mal fest gedrückt. Ich freu mich jedenfalls sehr, dass du auf dem Weg der Besserung bist.
Ganz liebe Grüße Claudia


Dorehn / Website (3.1.18 18:49)
"Das Wunderbarste an den Wundern ist, dass sie manchmal wirklich geschehen" (G.K.Chesterton)...und für uns als Leser ist es ein Wunder, wie Du kämpfst!
...und... nicht den Reha-Gedanken auf Sylt aus den Augen verlieren
Alles Gute für die kommenden Tage!
LG, Dorehn


padernosder (3.1.18 20:15)
Hallo Marie,

um die Diskussion kurz fortzusetzen... natürlich wäre - im schlimmsten Fall der Fälle - für uns LeserInnen "das Leben weitergegangen". Die Frage ist, welche Konsequenzen jede(r) Einzelne aus dem dann "Erlebten" gezogen hätte? Und da kann ich mir sehr unterschiedliche Reaktionen vorstellen, bis hin zur Schließung des eigenen Blogs.

Mein "Versuch", für mich einen Weg zwischen "echter Anteilnahme" und schützender "Isolation" zu finden, ist eine ständige Gratwanderung. Mir ist nicht klar, wie Andere das machen. Ich weiß nur, so wie ich macht es keiner, denn ich weiß ja selbst nicht, wie ich es hinbekomme. ;-)

"Sich selbst treu bleiben" mag der richtige Weg sein, auch wenn das leicht mißverstanden wird. Und wenn ich erlebe, wie sehr Du "am Leben hängst", leben willst, dann ist mein Augenzwinkern - womit ich mir treu bliebe - irgendwann tatsächlich nicht mehr das rechte Mittel.

Deine "Schwierigkeiten" sind wichtig, meine können vernachlässigt werden. Deshalb sollte ich auch nicht so viel von mir reden. Retten wir uns in die Hoffnung, das alles gut wird und lächeln, lächeln immer weiter... ;-)


Maccabros (4.1.18 10:44)
Ich sage nicht viel, aber ich hoffe mit Dir und wünsche Dir nur das Beste...


Twity-Autor / Website (4.1.18 12:13)
Liebe Marie,

auch wenn der Kampf im Moment noch nicht zu 100 Prozent gewonnen ist, gehst du bereits schon als Siegerin hervor. Du lebst und hast die große OP überstanden. :-) :-) Dies ist wirklich ein Grund zur Freude!

Jeder in deiner Situation hätte bei dieser schlimmen Erkrankung und vor so einer OP große Angst, dies ist nur normal. Aber langsam wirst du sicherlich bemerkt haben, du kannst deinen tollen Ärzten vertrauen und sie werden sicherlich weiterhin alles tun, damit du als Mutter irgendwann (wenn die Zeit reif dafür ist) die Hochzeit deiner Tochter erleben kannst und deine zukünftigen Enkelkinder eines Tages verwöhnen und herzen kannst... :-) :-) Natürlich lässt sich der Gedanke von einem Restrisiko und neuen Metastasen nicht einfach auslöschen. Zumal man erst nach Jahren genau weiß, ob man geheilt ist. Deshalb solltest du versuchen in erster Linie positiv zu denken und den Krebs-Gedanken nicht zu viel Platz und Zeit im Alltag einräumen. Eine anschließende Reha nach deiner weiteren Chemo wird dir bestimmt sehr gut tun. :-)


Indianwinter (4.1.18 13:57)
Liebe Marie,
ich freu mich sehr, du schreibst wieder und die schwere OP ist nun überstanden, das ist im Moment das Wichtigste.
Dieses Bangen geht ja leider auch immer später noch weiter, sehe ich bei meiner Schwester, jedes Mal, wenn sie zur Kontrolluntersuchung geht-und dann das Aufatmen, wenn alles gut ist.
Doch jetzt hoffen wir mit dir auf die kommenden Wochen und darauf, dass endlich nix mehr zu finden sein wird und du dich auf deine Reha auf Sylt freuen kannst!
Alles Liebe von mir und alles Glück, Barbara


Faradei (4.1.18 14:21)
Liebe Marie,
ich liebe dein Leben, ganz gleich zu welcher Zeit, es beeindruckt mich nachhaltig.


Mirco / Website (5.1.18 03:47)
Hi Marie,

auf geht's, es war doch schon mal ein guter Schritt in die richtige Richtung...
Ich wünsche dir, dass es so weitergeht und die Zeit der Rückschläge für immer vorbei ist!

Viele Grüße aus Ningbo

Mirco


ide02 (5.1.18 15:46)
Liebe Marie,
hast du gestern Schluckauf bekommen? ;-) Ich habe nämlich an dich gedacht. Ich wurde nämlich selbst in einen OP gefahren und hatte etwas Angst. Nicht zu vergleichen mit deiner OP, aber ich habe mich an deine Kämpfernatur erinnert und daraus versucht Mut zu schöpfen.
Behalte bitte diesen Lebenswillen bei. Ich kann mir gut vorstellen, dass man häufiger zweifelt, kurz auch mal übers „aufgeben“ nachdenkt, aber nun bist du schon soweit gegangen...die „alles wird gut“-Floskel erscheint sicherlich lächerlich, aber wünscht man sich nicht insgeheim, dass sie doch wieder zutreffen wird. Ich wünsche dir jedenfalls, dass du den Krebs besiegst und dein Lebenskampf nicht umsonst war. Das du viele schöne Momente mit deiner Tochter noch verbringen darfst und du dich vielleicht irgendwann als „Oma“ bezeichnen darfst. Jaja, hat noch etwas Zeit, aber warum nicht...irgendwann halt. ;-) Kampf weiter, damit du die riesige Nuss „Krebs“ bald geknackt hast! Ich wünsche es dir jedenfalls!

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