Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Memories......

„Im OP: "Das Wichtigste, was Studenten können müssen, ist einfach alles halten. Still halten, Haken halten, Klappe halten."


Die Zeit meines Medizinstudiums war für mich mit eine der schönsten Zeiten meines bisherigen Lebens. Ich glaube so viele Erfahrungen und Lehren, die ich in diesen Jahren gesammelt habe, ob gut oder schlecht, sind und waren die Besten und Wertvollsten überhaupt.

Eine schöne, wenn auch anstrengende Zeit, mit wenig Schlaf und wenig Geld. Immer irgendwie und irgendwo am Limit oder einfacher gesagt, per Du mit dem Wahnsinn.

Es ist schon so, dass das Vorurteil im Umlauf ist, dass die Jurastudenten, gefolgt von den Human- und Zahnmedizinstudenten, wohl zu den Elitestudenten Deutschlands gehören sollen. Aber aus eigener Erfahrung muss ich sagen, es geht wohl nirgends schräger zu, wie in solch´ einer zusammengewürfelten WG. Und Jurastudenten, sind den Medizinstudenten meilenweit voraus, dass ist mal sicher. Medizinstudenten landen z. B. nach missglückten „Selbstversuchen“ nicht gerade selten in der Notaufnahme, allerdings überwiegt da nun wieder der männliche Anteil. ;-)

Ja, das Thema WG war für mich anfangs ein heikles Unterfangen, da es familiär nicht gerne gesehen wurde, dass ich mich in die „niederen“ Unterkünfte dieser Welt begeben wollte. Die Anschaffung einer Eigentumswohnung lehnte ich nach vielen Aufregungen erfolgreich ab und setzte mich einige wenige Male wohl in meinem Leben, durch. Ich fand ziemlich zügig ein Zimmer, in einer etwas wilden WG, mit einigen Individualisten. Eine Kombination, die in manchen Zeiten schwierig, dann wiederum herrlich befreiend und wohltuend war. Und im Endeffekt war es genau das Richtige.

Unsere WG setzte sich aus Andreas (Jurastudent), Robert (Medizinstudent), Clarissa (Krankenpflegeschülerin) und mir zusammen. Parallel mit mir, zog noch mein Kater „Mr. No“, mit ein. Medizinstudentin und Katze, dass musste einfach sein. Eigentlich sollte es eine Katze sein, aber wie das so manchmal im Leben ist, verliebte ich mich in „Mr. No“, einen sehr eigensinnigen, verwöhnten Kater, der mir das Leben manchmal schwer machte. Aber wir wurden ein gutes Team und an so manchen Tagen, vermisse ich ihn heute immer noch.

Mein Entschluss Medizin zu studieren entstand im Grunde schon während meiner Kindheit. Auch wenn die teilweise schon sehr zermatschten Spatzen und Maulwürfe, wohl meine fachmännische Hilfe in meiner Kindheit nicht mehr benötigten, war es für mich immer ein Versuch wert. Alles wurde genau untersucht und wenn wirklich kein Zweifel mehr bestand, dass es irgendwo eine kleine Chance auf Wiederbelebung gab, wurden alle Tierchen sorgfältig und gewissenhaft bestattet. Mit Hingabe baute ich kleine Kreuzchen, setzte aus dem Garten meiner Oma Blumen um ;-), um das alles entsprechend ansehlich zu gestalten. Nicht jeder war darüber immer erfreut. Mein Opa war sich sicher, „die“ wird mal Bestatterin, gestorben wird immer, sicherer Job!

Aber das wurde „sie“ nicht, sondern ich entschied mich dann doch dazu, „Leben“ lieber erhalten zu wollen. Die Anfangszeiten meines Studiums waren erstmal etwas zäh und mühsam. Das Zusammenraufen und Kennenlernen in der WG und die Situation an der Uni, sich nach einer längeren Zeit wieder dem „Lernen“ und „Zuhören“ widmen zu müssen, fielen mir anfangs schwer. Aber nach einigen Wochen, als jeder seinen Platz gefunden hatte, lief es dann doch ganz gut. Wir konnten uns aufeinander verlassen und das war ein wichtiger Grundstein.

Die Praktika, welche ich im Laufe der Semester absolvieren musste, um eine gewisse Ahnung zu erlangen, wie so ein Klinikablauf funktionierte, waren dann schon deutlich unterhaltsamer. Das wichtigste Kriterium überhaupt war erstmal, niemanden im Weg rumzustehen. Mit wenig Ahnung und dem eigenen Eindruck, dass es sich da wohl um einen wilden Bienenstock handeln musste, war es erstmal wichtig, niemanden zu behindern oder irgendeinen Schaden anzurichten. Die Patientenzimmer sind meistens klein und beengt und beherbergen mehr Betten, wie es eigentlich zulässig ist, daher gestaltete es sich oft schwierig, nicht aufzufallen oder im Weg zu stehen. Zum anderen sollte ich natürlich immer den diensthabenden Ärzten bei Fuß folgen.

Die erste Herausforderung und die prägendste Erfahrung überhaupt, war meine erste Bekanntschaft mit dem Tod. Aber da muss früher oder später jeder angehende Mediziner oder Pflegeschüler durch.  Dabei wollte ich nur nochmal kurz vor Dienstende nach Frau XY sehen und ging nochmals in ihr Zimmer. Eine leichte Verwunderung, warum sie alleine im Zimmer war, beschlich mich schon, denn eigentlich lag noch eine Mitpatientin daneben. Es war ruhig, sehr ruhig, eine andere Ruhe, als wenn ein Mensch nur schläft, denn selbst beim Schlafen ist es nie ganz ruhig. Trotzdem öffnete ich erst das Fenster und schaute nochmal zu ihrem Bett. Sie lag da, ganz still und ziemlich blass, aber blass war sie eigentlich auch immer und meine Frage „ Frau XY sind Sie tot?“, war sicher nicht sehr clever, basierte aber wohl auf der gleichen Ebene von „schläfst Du schon?“ Eine Antwort kam natürlich nicht, Frau XY war bereits vor 1 Stunde verstorben und die lieben Kollegen hatten mich natürlich bewusst dieser Situation ausgesetzt oder ich hatte bei der Besprechung vorher einfach nicht richtig zugehört. Jeder musste da mal durch und Leben und Tod liegen eben nah zusammen.

In den Schichtphasen war es selbst in der WG ein wenig schwieriger. Jeder ging und kam zu einer anderen Zeit. Nach 4-5 Nachtdiensten am Stück befand ich mich meistens in einer anderen Dimension und das Gefühl von Watte im Kopf, nahm von Dienst zu Dienst rapide zu. Auch in späteren Jahren war der Schichtdienst nicht immer einfach. Die ständigen Wechsel der einzelnen Schichtphasen blieben nicht immer ohne Folgen und um ehrlich zu sein war und ist es wohl im allgemeinen eine seelische und soziale Katastrophe. Von der körperlichen Belastung mal ganz abgesehen. Der Tag- und Nachtrhythmus geht komplett flöten und die eigene Ernährung leidet. Egal, Pizza schmeckt auch morgens um 6 Uhr. ;-)

Meine Mitbewohner, inclusive Mr. No, brachte ich von Zeit zu Zeit schonmal mit aus dem Rhythmus. So passierte es mir durchaus immer mal wieder, dass ich nach einem Spätdienst völlig erschöpft einschlief. Als ich wieder wach wurde und annahm bald wieder in den Dienst zu müssen, stellte ich erst noch eine Waschmaschine an, spülte das Geschirr (Spülmaschine hatten wir nicht) und staubsaugte noch schnell den Flur. ;-) Völlig entgeistert standen plötzlich meine drei Mitbewohner und Mr. No mit weitaufgerissenen Augen vor mir und brachten mich zurück in die eigentliche Zeitphase. Ok, es war drei Uhr nachts, draußen stockdunkel und sicherlich nicht der richtige Zeitpunkt zum staubsaugen. Aber solche „Kleinigkeiten“ konnten mir nach einigen Nachtdiensten und folgenden Früh- und Spätdiensten, schonmal durchgehen. ;-) Im übrigen wird sich darüber heute noch amüsiert. Ja, ja….


Wir erlebten zusammen eine schöne Zeit. Eine Zeit, an die ich gerne zurückdenke und die mir gerade in diesen Tagen wieder oft in den Sinn kommt.

Aber eins ist wohl ganz sicher, wer zermatschte Spatzen hingebungsvoll gepflegt und dann beerdigte, der ist sicherlich in der Welt der Medizin mit ihren Wundern und leider auch Grenzen, im Umgang mit Leben und Tod, bestens aufgehoben. Und meine soziale Ader, diese ist wiederum eine der guten Gaben meiner Feen.

In Erinnerung an "Mr. No"

Er liebte seine "Schachteln", Katzenkörbchen? Fehlanzeige!


24.12.17 00:13

Letzte Einträge: Frühling vs. Herbst und der verwunschene Prinz ;-), Im Auge des Hurricans, Ein Kalender zum Advent, Geduld, Ich hab´ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd ^^

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


padernosder (24.12.17 02:03)
Hallo Marie,

schön, wenn und wie Du aus Deinem Leben erzählst. Das meiste davon kenne ich, "so" oder ein wenig anders, obwohl ich nicht studierte. Meine WG-Erfahrungen fanden mit "Sozialpädagogen" statt, allesamt weiblich, natürlich. ;-)

Es sind gute Erinnerungen, weil die Zeit "gut" war, denke ich. Weil wir in dieser Phase des Lebens gespannt waren, auf alles, was wir noch nicht kannten, auf alles, was noch folgen wird.

Du bist inzwischen einen Schritt weiter und ich bin zwei Schritte weiter. Es ist jetzt zwei Uhr nachts. Du würdest vielleicht staubsaugen, und ich trinke meinen Sekt und genieße die kleinen Flügel, welche meine Gedanken bekommen.

Es ist gut, zu leben, Marie. Es ist gut, sich des Schönen im Leben bewußt zu machen. Das ist der Grund, warum ich mir immer wieder mal eine Flasche Sekt öffne... Auch die schöne Erinnerung findet "heute" statt und ich will, wie Du, einfach nur "leben"!


Helga / Website (24.12.17 08:15)
Moin liebe Marie,
danke für den schönen Bericht aus Deiner Studienzeit - musste oft schmunzeln ! Mit Schichtdienst habe ich auch so meine Erfahrungen, nur nicht so verrückt wie bei Dir . Aber ich glaube, mit diesen Erinnerungen packst jetzt den Rest an und schickst dieses Schalentier in die Hölle.
Wünsche Dir einen angenehmen heiligen Abend - ich habe mich hier eingeigelt, denn bin und bleibe alleine.
GLG Helga

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