Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Der Zauberlehrling

„Die kleinen täglichen ganz eigenen Wunder, sind doch jene, die mir jeden Abend wieder vermitteln, dass jeder neue Tag, ein neuer Anfang sein könnte. Wenn ich dabei in den Himmel schaue, erkenne ich das Wunder eines Sternenhimmels und die Weisheit vom Mann im Mond. Den Wert, eines fühlenden Herzens zu erkennen oder die Unschuld in den Augen eines Kindes, aber auch die Schönheit einer alternden Hand, die ich halten kann und durch die ich gelernt habe zu lieben. Mein eigenes Wunder ist es jedoch, immer wieder die Stärke zu finden und den Mut, der in mir liegt, wenn es Zeit ist, Stücke aufzuheben, um wieder neu anfangen zu können!“


Ich glaube, der Abschluss von diesem doch sehr mörderischen Chemozyklus, ist ein guter Anlass für einen neuen Blogeintrag. Es ist etwas stiller hier bei mir geworden, ich kann gar nicht sagen, woran es eigentlich wirklich liegt, vielleicht ist es auch nur eine Phase und ich werde bald wieder etwas aktiver.

Ich stehe nicht mehr direkt an der gleichen Stelle, als noch ein Jahr zuvor, vielleicht bin ich ein großes Stück weiter, in welche Richtung, wird sich erst noch rausstellen müssen.

Die letzten beiden Chemos waren nicht ganz komplikationsfrei, was im Allgemeinen nichts Neues für mich ist. Dennoch war es wiedermal sehr anstrengend und hat mir einiges abverlangt. Meine Niere ist nicht so ganz Top und ärgert mich immer mal wieder. Das ist alles in allem nicht sonderlich schön, aber auch nicht sonderlich seltsam.

Weiterhin bin ich davon überzeugt, dass meine Entscheidung für Heidelberg, mit allem was daraus resultierte, die Richtige war. Auch wenn ich derzeit immer noch unter der „Übungsphase“ des Assistenzarztes (Zauberlehrling) ein wenig zu leiden habe und sicherlich mehr blaue Flecken davon trage, als es nötig wäre. ;-) Ich weiß, ich weiß, jeder fängt mal an und jeder muss es lernen, daher versuche ich mich auch nicht zu sehr anzustellen und alles zu verweigern, aber meine Lunge punktieren – ganz klar – Nö! Blut abnehmen und Zugänge legen, um den Port für die Chemo zu schonen, da der immer mal nicht richtig läuft, - ok! Allerdings, ist da meine Toleranzgrenze gerade auch sehr ausgeschöpft.

Vor zwei Wochen bin ich nach der Chemo entlassen worden, als wäre ich dreimal vom LKW überfahren worden, ja und nun nach meiner Finalchemo vor zwei Tagen, kam es nachts zu einem ziemlichen Dilemma, als meine Blutgerinnung mal wieder Achterbahn fuhr. Chefarzt im Urlaub, Oberarzt im Op. und „der Zauberlehrling“ meinte anfangs, alles nicht so wild, Nasenbluten kann mal vorkommen. Wörtlich übersetzt, ich soll mich nicht so anstellen. ;-) Mach´ ich eigentlich nicht, denke ich jedenfalls. Manchmal schon, aber meistens wohl nicht.

Ja, seine Fehleinschätzung und das er sich nicht mal einen Überblick über die Lage nach meinem „Klingeln“ und melden von „massiven Nasenbluten“, verschaffte, führte dazu, dass ich zwei Stunden später und heute morgen eine Bluttransfusion benötigte. Das hätte definitiv vermieden werden können. Nasenbluten bekomme ich natürlich schon selbst in den Griff, wenn es allerdings eine gewisse Intensität übersteigt, ist es selbst nicht zu schaffen. Die Definition von „viel“ zu „massiv“, liegt natürlich im Auge des Betrachters, allerdings, kommt es von mir, ist massiv auch wirklich massiv. Gut, der Zauberlehrling weiß das nun. ;-) Mit einer gekippten Blutgerinnung lässt sich nicht unbedingt spaßen und das kann ziemlich schnell ganz arg blöd werden. Weiß er jetzt auch! Aber er lernt ja noch. ;-)

Mittlerweile geht’s jetzt wieder etwas besser, meine Nase hat sich wieder beruhigt, mein Blut bleibt da, wo es sein sollte und das Badezimmer ist auch wieder in Ordnung. Das Pflegepersonal und die Putzkolonne tun mir jetzt nachträglich noch leid, aber es kann keiner behaupten, ich hätte es nicht verhindern wollen. ;-)

Bis morgen bleibe ich also noch hier, im schönen idyllischen Heidelberg und passe bestmöglich auf mich selbst auf. Morgen ist dann wieder der Chefarzt mit im Boot. Das lässt hoffen. ;-)

Ja ja, der Zauberlehrling. Also, nicht das er optisch schon fast eine Beleidigung wäre und mich immer mal wieder die Vermutung beschleicht, ein Nachkomme Rübezahls wäre hier gelandet, nein, die ganze Art und Weise und die Grobmotorik ist im höchsten Maße beängstigend. Ich habe sicherlich schon viele Menschen in meinem Leben getroffen und erlebt. Aber zu behaupten, ich habe einen „Arzt“ „überlebt“, ist dann doch mal eine neue Erfahrung. ;-) Es schleicht sich bei mir immer mal das übermächtige Gefühl ein, ihm sagen zu müssen, er solle seine Berufswahl doch noch mal in einer stillen Minute mit einem Glas Rotwein überdenken, vielleicht auch mit zwei oder drei. Mein Bedürfnis, ihm nahezulegen, „komm´ mach irgendwas, nur einfach nichts mit Menschen, die von Deinem Handeln abhängig sind!“, ist gerade sehr vordergründig.

Na gut, so hoffe ich, dass ich morgen dann nach Hause darf und mich dann von meiner vorerst letzten Chemo erholen kann. Wie wird es weitergehen? Gute Frage.  Wirklich wissen, tue ich es nicht. Der Herr Zauberlehrling meinte, dass wir doch einfach nochmal vier Chemos direkt dranhängen könnten. Ja sicher, dass entscheidet zum Glück nicht der Herr Zauberlehrling und war auch im Vorfeld so nicht geplant. Die Veranlagung zu sadistischen Zügen, scheinen da wohl Nahe zu liegen.

So wie es vor zwei Wochen besprochen wurde, habe ich dann wohl jetzt vier Wochen Pause. Dann gehen die Untersuchungen wieder los. Danach wird dann letztendlich klar sein, wie es weitergeht. Das nun Schluss ist, bzw. es geschafft ist, dass glaube ich allerdings nicht. Auch wenn es jetzt sicher etwas lustig klingt im Anbetracht der letzten 18 Monate, dass wäre doch fast schon etwas zu einfach, oder nicht?

Nein, ich weiß ja, dass die Option für einen weiteren Chemozyklus im Raum steht, nicht mehr 12, aber 4-6. Das bereits ein sehr hartes Chemoprogramm bei mir gefahren wurde, weiß ich alles, zwei Wochen Abstand, ist Hardcore vom Feinsten. Aber hey, ich lebe noch, auch wenn es mir dieser Zauberlehrling fast versaut hätte. Sorry. ;-) Vielleicht bedarf es doch noch ein bisschen Simsalabim oder Hokuspokus, wir werden sehen. Es wird nicht zu Ende sein, da bin ich mir irgendwie sicher. Aber ich glaube weiterhin auf dem richtigen Weg zu sein. Und gut Ding will ja bekanntlich Weile haben.

Ansonsten befinde ich mich emotional in einer nicht ganz so günstigen Zeit. Mein Geburtstag steht vor der Tür und das ist wiederum ein Tag, den ich gerne ausfallen lassen würde. Diesen Tag, ohne meinen Bruder zu begehen, wird wohl für immer mit einer der schwersten Tage für mich bleiben. Er war nicht einfach nur mein Bruder, er war ein Teil von mir, mein Zwilling. Ich vermisse ihn so.

An meinen guten Tagen, gehen dann schon mal die Pferde wieder mit mir durch. Eigentlich sollte ich mich viel ausruhen – Ja! Und eigentlich sollte ich mich schonen, nicht aufregen, nicht überanstrengen usw. – auch Ja! Bekomme ich das hin? – Vielleicht! …… ;-) Nein! Natürlich nicht. Aber kaum bin ich wieder einigermaßen auf den Füßen, gibt es so viele Dinge, die einfach liegen geblieben sind….und ich sehne mich auch sehr nach einem Stückchen Normalität, nicht ausschließlich, aber immer mal für einen gewissen Moment schon.

Mein ehemaliger Chefarzt, in der Klinik, wo ich viele Jahre arbeitete, ruft mich regelmäßig an und fragt wie es mir geht. Das finde ich wirklich sehr lieb von ihm und es zeigt mir, dass er mich doch sehr schätzt, auch wenn wir öfters mal nicht einer Meinung waren und ich die Meine auch durchsetzen konnte. ;-) Hin und wieder kommt er drauf zu sprechen, dass ich jederzeit wieder in dieser Klinik anfangen könnte. Aber das möchte ich ganz sicher nicht mehr. Dies ist ein Kapitel, welches für mich abgeschlossen ist und aufgewärmt schmeckt ja bekanntlich nur Gulasch. ;-)

Ich wünsche Euch einen guten Start in den Wonnemonat Mai, mit Maibowle, Maiglöckchen, Sonne und was in den verschiedenen Regionen so dazu gehört. Bei uns ist es so, dass in der Nacht zum 1. Mai die Walpurgisnacht gefeiert wird und so allerhand Schabernack von der Jugend und den Junggebliebenen getrieben wird. Dann will ich mal hoffen, dass mich niemand verhext, am Ende muss ich mich doch noch in die Hände des Zauberlehrlings zurückbegeben. Ich glaube Hokuspokus habe ich genug.

11 Kommentare 29.4.18 17:54, kommentieren

Nomen est Omen - das Hamsterrad

„Wie wenig Lärm machen die wirklichen Wunder! Wie einfach sind die wesentlichen Ereignisse. Das Wesentliche hat meistens kein Gewicht. Ein Lächeln ist oft das Wesentliche. Man wird oft mit einem Lächeln bezahlt und belohnt und dadurch belebt.“  – Zitat: Antoine de Saint-Exupéry

 

 

Ich glaube, es ist mal wieder an der Zeit, einen kleinen Zwischenbericht zu verfassen. Auch wenn ich es vor einigen Wochen noch nicht für möglich gehalten habe, würde ich gerade behaupten, dass sich eine kleine Schreibermüdung bei mir eingeschlichen hat. Es ist nicht mal so, dass ich keine Lust hätte und an Themen mangelt es nun auch nicht gerade, aber derzeit ist mein Zeitfaktor ziemlich begrenzt.

Vieles geschieht gerade, vieles was eine Unmenge an Zeit einfordert. Ich glaube ich bin gerade kurz davor wieder in ein kleines Hamsterrad zu geraten und dabei war ich froh, aus dem eigentlich großen Rad draußen zu sein. Aber mein Hamster fühlt sich scheinbar recht wohl da drin.

Derzeit bewege ich mich stetig zwischen abgrundtief mies und „was kostet die Welt?“ – hin und her. Die Tage um die Chemo herum sind recht einfach gestrickt und mein Bewegungsradius beträgt so in etwa 10 m im Durchmesser. Was heißt, von der Couch im Schweinsgalopp (Geschwindigkeit wurde, seit ich diesem Mörderprogramm „Chemo“ angehöre, neu definiert) ins Badezimmer und dann meistens auf allen Vieren zurück. Ich mache ja im Badezimmer nicht das, was der Otto Normalverbraucher im Badezimmer verrichtet und danach ist mir meist der aufrechte Gang des normalen Homo sapiens nicht mehr möglich. Aber gut, mittlerweile ist dies ein Teil meines Lebens und das in regelmäßigen, zweiwöchigen Abständen. Mal dauert meine Rekonvaleszenzphase länger, mal geht es flotter. Ich befürchte mittlerweile wirklich, dass ich das irgendwann vermissen werde.

Aber zurück zu meinem Hamster. In den Zeiten, in denen ich mich wieder einigermaßen stabil selbst auf die Menschheit loslassen kann, ist mein Terminkalender relativ ausgelastet. Eigentlich nicht gut und aus reinem Selbstschutz, erwähne ich davon in Heidelberg wenig. Gut… gar nichts! Ich weiß ja selbst, dass es da nicht gerade Applaus hageln würde und daher erspare ich mir diese Endlosdiskussionen im Vorfeld. Manchmal ist eben dann doch was dran an so einigen Sprichwörtern und „Schweigen, ist eben dann doch hin und wieder, Gold!“

Ich merke schon, dass mir vieles sehr schnell zu „viel“ wird. Eine neu dazugewonnen Eigenschaft. Meine Geduld befindet sich auf sehr dünnem Eis und das bekommt schon hin und wieder in atemberaubenden Tempo einige Risse.

Vieles ist wieder in die Normalität zurückgerutscht, obwohl ich eigentlich immer noch nicht sagen kann, „ich bin gesund.“ Bestenfalls bin ich auf dem Weg dorthin, möglicherweise auch nicht. Das wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Noch zweimal Chemo, noch zweimal „Aushalten und Durchhalten.“ Dann vier Wochen „Abwarten“ bis zum großen Screening. Dann weiß ich mehr, dann weiß ich, in welche Richtung ich mich definitiv bewege. Hopp oder Topp, andere Varianten sind ausgeschlossen.

Einige sind erstaunt, dass ich das so klar sehe. Ja, es gibt eben nichts dazwischen. Es gibt nur Leben oder Tod und das ist mir klar. Ein bisschen Krebs, ein bisschen leben oder ein bisschen tot ist eben nicht möglich. Es gibt auch nicht ein bisschen schwanger. ;-) Ich weiß, dass es für viele meiner Freunde gerade schwerer denn je sein mag, mich an guten Tagen „wie immer“ zu erleben und sich dann vorzustellen, dass es eben auch fast das Ende sein könnte.

Ich hoffe aber trotzdem, dass es in die gute Richtung geht, auch wenn ich immer wieder ausgebremst wurde in den letzten Monaten. Irgendwie glaube ich daran und das ist auch kein schön reden oder die Verdrängung des Unvermeidlichen, nein, ich glaube tief in mir drin, fühle ich es einfach. Nach jeder Chemo zweifle ich und die Eigenmitleidsphase hat ein sehr weites und breites Spektrum, auch wenn ich versuche, relativ wenig davon preiszugeben. In den guten Phasen, fühle ich mich deutlich besser und komme schon wieder ganz gut zurecht.

Das merkt natürlich auch mein innerer Hamster, der da scheinbar ein ganz großes Sensibelchen ist und jede Chance wittert. In alte Muster zurückzufallen passiert schnell. Das wird wohl jeder bestätigen können, der schonmal versucht hat, irgendeine „schlechte“ Eigenschaft abzulegen. Sei es rauchen, abnehmen oder in der Nase bohren. ;-) Da gibt es wohl unzählige Unarten. Der Rückfall ins alte, wohl Vertraute ist einfach und simpel. Leider.

Geht es mir einigermaßen gut, bin ich zur Zeit ständig unterwegs. Ja, ich habe sogar schon wieder zwei Tage in der Praxis meiner Kollegin ausgeholfen. Sie greift immer mal auf mich zurück, wenn Not am Mann ist (Frau passt da ja eigentlich besser) und genau da haben sich dann für mich weitergehende, zu überdenkende Probleme ergeben. Aber dazu möchte ich derzeit noch nichts weiter berichten. So ein Praxistag gestaltet sich anders als ein Kliniktag. Der Stress ist anders, aber nicht wirklich weniger. Aber es tat auch gut, abends völlig erschöpft vom Arbeitsalltag ins Bett zu fallen und mal nicht „halbtot“ vom „Krebs“ oder irgendwelchen daraus resultierenden Nebenwirkungen und Befindlichkeiten.

Ich denke dann schon, „schön wär´s“, wenn alles wieder so normal wäre, auch wenn solch ein Arbeiten keine dauerhafte Option mehr für mich darstellt. Vorübergehend ja, dauerhaft nein.

Mein Hamster plumpst allerdings auch immer mal aus seinem Rad und das sind dann diese Momente, die mir sagen, so nicht!

Gestern war so ein Tag, schon sehr früh war ich unterwegs, um einige Termine wahrzunehmen, die sich irgendwie geballt auf diesen Samstag gesammelt hatten. Das artete schon richtig in Stress aus, muss ich zugeben. Zwischendrin hatte eine gute Freundin noch einen kompletten seelischen Systemabsturz, durch eine recht spontane Trennung von ihrem Mann. Keine Ahnung, warum ich dann immer das Mittel der ersten Wahl bin. Als augenscheinliche Single-Frau, sollte man meinen, dass es andere in geordneten Verhältnissen, besser draufhätten, aber anscheinend sieht das mein Freundeskreis anders.

„Du hast immer so gute Ideen und Tipps!“ Je nachdem wie man das so sieht, ob alles wirklich gut ist, wage ich zu bezweifeln. „Ich kann gar nicht verstehen, warum Du alleine bist!“ Ich schon! -Coaches don´t play!- Und es gibt eben auch Dinge, die weiß nur ich und dabei soll es auch bleiben. ;-)

Nach allen Terminen, am gestrigen Nachmittag, habe ich dann endlich mal wieder auf meiner Terrasse eine kleine Auszeit genommen. Es war wunderschön, die Sonne schien und es tat einfach nur gut, auf meiner Liege zu liegen und die Sonne zu genießen und nichts zu tun. Bis dann meine Idylle durch das unangemeldete Erscheinen meiner Mutter jäh unterbrochen wurde. Was auch sonst!

„Was guckst Du denn sooo? Wie ich sehe, geht es Dir ja richtig gut. Cocktail, Sonne, so kann man leben.“ Keine Ahnung wie ich sonst gucken soll, wenn meine Mutter plötzlich vor mir steht? Und wie sich „sooo“ gucken definiert, weiß ich auch nicht. Ich schätze jeder würde bekanntermaßen bei ihr „sooo“ gucken! Cocktail…..sehr geil…..naja, selbstgemachte Zitronenlimo kommt natürlich einem Cocktail gleich. Ich sollte umschulen.

Derzeit regt sie mich fast gar nicht mehr auf. Ich würde behaupten, ich stehe über ihrem Verhalten und Interaktionen. Eine Sache, die ich mir vorgenommen hatte für das neue Jahr und den Rest meines Lebens, eine Sache, die ich mit in den OP-Saal genommen habe, als Vorhaben, wenn ich wieder wach werden sollte. Anfangs war es noch schwierig, mittlerweile funktioniert es besser.

Und nein, ich lasse mich nicht zu irgendwelchen festlichen Anlässen, Empfängen, Vorträgen oder weiß der Himmel was, nötigen oder überreden. Pflichtbewusstsein hin oder her, ich mache das einfach nicht mehr. Und genau damit fühle ich mich freier und besser. Ein Teil des Hamsterrades, dass eiert und hoffentlich bald ganz zum Erliegen kommt.

Ich weiß auch nicht, was in Menschen vor sich gehen mag, die ständig an anderen rumdengeln müssen. Einerseits ist es ihr wohl völlig egal, wie das mit meinem Krankheitsverlauf weitergeht bzw. hat sie sich in der ganzen Zeit nie wirklich darum bemüht, mir Hilfe oder Unterstützung zu geben, eher im Gegenteil. Aber andererseits, brüstet sie sich auch ganz gerne mal mit „ihrer“ Tochter, „der Ärztin“, die ja so viel macht und kann ;-) etc. Jedenfalls, wenn sie für ihre „Kaffeekränzchen“ mal jemanden braucht, der etwas zu aktuellen medizinischen Themen referiert. Joa….dann bin ich wieder „ihre“ Tochter. Gezwungenermaßen quasi.

Aktuelle Themen sind natürlich in dieser Altersklasse das Klimakterium (Wechseljahre), aber in diesen „Kreisen“ der hoheitlichen Gesellschaft, gibt es sowas ja nicht. Da hat keiner Hitzewallungen und sexuelle Unlust, nein, alles gut, sollte man meinen. Allerdings sieht die Realität dann an so einem Nachmittag völlig anders aus, wenn die Damen dann mit ihren Wehwehchen in die anschließende Fragerunde verfallen und die eine natürlich schlimmere Probleme als die andere hat. ;-) Meine Mutter sitzt dann meistens mittendrin, mit hochrotem Kopf. Das ist dann wieder irgendwie schon ganz nett. Aber Frau von Welt schwitzt ja schließlich nicht!

Kaum war „Frau Baronin“ wieder abgedampft, im wahrsten Sinne des Wortes, stand auch schon der nächste Besuch auf meiner Terrasse. Die Großeltern meiner Tochter väterlicherseits, hatten sich einen Spontanbesuch überlegt. Auch wenn ich, was Spontanbesuche angeht normalerweise recht flexibel bin, gibt es eben auch einen Personenkreis, da bereite ich mich einfach mental ganz gerne drauf vor. Gut, die Vorbereitung fiel somit aus. Somit gilt es in solchen Momenten, dass Beste daraus zu machen.

Eigentlich haben wir auch keine größeren Probleme miteinander und ja, es sind nun mal auch die Großeltern meiner Tochter und sie ist auch noch deren einziges Enkelkind. Grund des Anlasses des Besuches, war die baldige Übergabe des Abi-Zeugnisses und des darauffolgenden Abi-Balles. Genau das, habe ich die ganze Zeit noch etwas verdrängt, auch wenn ich mit meiner Tochter vor zwei Wochen das begehrte Abiball-Kleid gekauft hatte, aber dieses Ereignis selber, ist mir noch etwas suspekt. Und ja, es heißt, sich zusammenreißen und nichts Doofes sagen oder tun. Nicht leicht, wenn die Hintergründe auf der Hand liegen. Aber für meine Tochter werde ich das hinbekommen.

Nachdem auch das überstanden war, habe ich dann schon ein wenig genervt meine Sachen wieder eingepackt, habe mich auf mein Fahrrad geschwungen und bin erstmal eine Weile gefahren. Die Gefahr, dass womöglich noch mehr ungebetene Gäste erscheinen könnten, war mir dann doch zu groß. Schließlich war der Pfarrer noch nicht da. ;-) Diese "Weile" artete dann in zwei Stunden strammes Radfahren aus.

Die Strafe folgte auf dem Fuße. Heute Morgen kam ich dann nur schwer aus den Federn und habe mir dann im Ansatz des Aufstehens schon überlegt, mich gleich wieder ins Bett fallen zu lassen. Das Problem hieß nicht anders als „Muskelkater“ und das vom Feinsten. Ich kann mich nicht erinnern jemals einen solchen Muskelkater gehabt zu haben. Das zeigt mir deutlich, wie untrainiert ich gerade bin oder vielleicht werde ich auch einfach nur alt. Wäre ich nicht heute Vormittag mit Frank und Marc zum brunchen verabredet gewesen, ich würde mich wohl heute lieber gar nicht bewegen.

Marc, natürlich überbesorgt wie immer, schlug mir, bei meinem Bewegungsdefizit vorhin vor, mich zum Wochenendnotdienst zu fahren. Also mal ehrlich, ich glaube nicht, dass ein ausgewachsener Muskelkater zu den wirklichen Notfällen eines Wochenenddienstes gehören sollte. Glücklicherweise konnte ich ihn davon überzeugen, dass ich das wohl überleben werde und es wird wohl nicht dieser Muselkater sein, der mich letztendlich umbringt ;-) Obwohl ich mir da gerade gar nicht mehr so sicher bin.

Vor einem Jahr hätte ich es nicht für möglich gehalten, heute noch immer in dieser Krebstherapie zu stecken und letztendlich nicht zu wissen, wohin es mich führt. Aber wie schon anfangs erwähnt, ich glaube, dass es sich gut anfühlt.

Es wird sich einiges ändern, alleine um meinen Hamster auszubremsen, nicht das das Rad wieder zu sehr an Fahrt gewinnt. Neue Wege sind immer aufregend und erfordern eine Menge Mut, aber ich habe begonnen die ersten Schritte zu wagen und diesem Ziel ein wenig entgegen zu gehen.

Von der Schrecklichkeit der Krebsdiagnose mal abgesehen, gab es dennoch auch positive Effekte und einer von diesen Effekten, hat mir immer mal wieder klar gemacht, worauf es eigentlich wirklich ankommt. Hamsterräder können tödlich sein, manchmal plötzlich, manchmal schleichend, daher stelle ich es mal besser auf den Sperrmüll.

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