Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Im kleinen Café an der Ecke....

"Wenn man einander schreibt, ist man wie durch ein Seil miteinander verbunden!" (Franz Kafka)

 

 

Das kleine Café an der Ecke war ihr schon seit langer Zeit ein Zufluchtsort, um dort eine heiße Schokolade oder einen Cappuccino in aller Ruhe zu genießen und ihren Gedanken freien Lauf zu lassen. Seit vielen Jahren kam sie immer mal wieder dorthin, setzte sich in die Ecke in der Nähe des  Kamins, etwas abseits des großen Fensters. Menschen zu beobachten und sich individuelle Geschichten dazu auszudenken, dass machte ihr oft besonderen Spaß.

Letzte Woche, als sie nach dem Friedhofsbesuch und ihrem langen Waldspaziergang dort mal wieder einkehrte und an ihrem Stammplatz saß, sich aufwärmte und die Eindrücke des vergangenen Tages reflektierte, genoss sie die alte Vertrautheit, die ihr wiederum auch einen Teil Geborgenheit gab.

Der 14. Februar, Valentinstag. Für eine im eigentlichen Sinne „Single-Frau“, ein Tag wie jeder andere. Trotzdem war es kein Tag wie jeder andere, ein Tag, der vor zwei Jahren, einige Wochen nach ihrer Krebsdiagnose, plötzlich zum nächsten Alptraum wurde. Dennoch ist es mittlerweile zwei Jahre her und umso mehr sie über den gesamten Zeitrahmen nachdachte, desto mehr empfand sie, dass „Zeit“, je nach Lebenslage, ein sehr dehnbarer und doch auch sehr individueller Begriff darstellte.

Dieser Tag startete eigentlich fast perfekt. Ein langes Telefonat, hinweg über eine weite Distanz, mit ihrem Lieblingsmenschen, war ein guter Ausgangspunkt für den kommenden Tag. Im Grunde standen auch sonst keine größeren Unternehmungen an und so ging sie am Mittag los, um die weiße Rose, welche eigentlich er ihr immer Jahr für Jahr zum Valentinstag brachte, auf sein Grab zu legen. Die Sonne schien recht warm und es zeigte sich kein Wölkchen am Himmel, eine Spur von Frühling lag in der Luft und der blaue Himmel trug sein Licht.

Wieder erinnerte sie sich an diesen Tag vor zwei Jahren, als er sie kurz besuchte, sie in den Arm nahm und ihr einen schönen Valentinstag wünschte. Dann gab es einige Meinungsverschiedenheiten, welche zwischen den Beiden immer mal wieder auftraten. Normalität unter Geschwistern. Zwei Dickköpfe und keiner wollte nachgeben, so war es oft, aber keiner war dem anderen böse. Als er sich verabschiedete, nahmen sie sich trotzdem in den Arm, so wie immer. Knapp drei Stunden später überschlugen sich die Ereignisse, ein Anruf und somit der Beginn eines anderen, ungewohnten Lebens. Einige Sekunden Unachtsamkeit, ein unbändiges Wildschwein, ein nicht mehr aufzuhaltender Unfall. In den frühen Morgenstunden des nächsten Tages wurden die Maschinen abgestellt und seitdem fehlt er ihr unendlich, ihr „kleiner“ Zwillingsbruder.

Vieles hatte sich seitdem in ihrem Leben verändert. Dieses ganz natürliche und selbstverständliche „ach da frag ich mal meinen Bruder“, fiel nun für sie weg. Sie hatten eine ganz besondere Bindung zueinander und vertrauten sich bedingungslos. Ein neuer Lebensprozess, den es galt zu erlernen. Nicht leicht und an manchen Tagen fast nicht zu schaffen. Dazu galt es noch gleichzeitig gegen den Krebs anzukämpfen, ein Projekt, welches nicht schwerwiegender zu tragen hätte sein können.

Phasen von Zorn und nicht enden wollenden Tränenausbrüchen standen immer mal an der Tagesordnung und nun zwei Jahre später, kam sie irgendwie damit zurecht. Sie hatte ihren Weg gefunden, damit zu leben und das Geschehene zu akzeptieren. Manche Tage waren weiterhin erdrückend schwer und daran würde sich sicherlich auch nie etwas ändern. Ein Weg voller Stolpersteine.

Gestern Morgen, als sie wieder mit ihrem Lieblingsmenschen telefonierte, sagte er zu ihr, dass sie psychisch sehr gefestigt wäre und das dies wohl mit einer der wichtigsten Gründe wäre, alles mit der Zeit so anzunehmen wie es war und damit dauerhaft zurechtzukommen. Das stimmte wohl so. Als psychisch labil, würde sie sich selbst nicht bezeichnen. Sie konnte schließlich schon viele Erfahrungen mit sich selbst sammeln und das eigentlich seit sie ein kleines Mädchen war. Irgendwie fand sie stets einen Weg um gewisse Situationen zu meistern, was wohl im Laufe ihres Lebens gewissermaßen lebens- und überlebensnotwendig war.

Während ihrer Krebsbehandlung wurden ihr immer wieder Psychotherapeuten an die Seite gestellt. Sicherlich eine nicht unwichtige Sache, allerdings kam sie damit gar nicht zurecht. Das es gerade nicht optimal lief, als sie im Dezember 2016 mit ihrer Krebsdiagnose konfrontiert wurde, war ihr sowieso klar. Auch das es wohl eine völlig normale Reaktion war, dass sich Selbstzweifel einstellten, gerade da sie selbst Ärztin war und weiterhin ist und es ihr im ersten Moment den Boden unter den Füßen wegzog. Normale menschliche Reaktionen. Aber das Bedürfnis, mit einem wildfremden, zumal noch gute 15 Jahre jüngeren Psychoheini, ihre Lebensgeschichte zu analysieren, stellte sich nicht bei ihr ein. Und somit scheiterten solche Versuche immer ziemlich schnell und deutlich. Natürlich gab es viele, viele Heultage, gefolgt von vielen, vielen, „eh egal“-Tagen. Aber auch Selbstmitleidsphasen wurden irgendwann mal langweilig und verloren ihren Schrecken.

Auch ihr Freundeskreis gab ihr in vielen dieser Phasen die nötige Unterstützung. An manchen Tagen war es etwas viel, aber an den vielen anderen Tagen, brauchte sie genau das.

Ein Händchen für komische Wendungen und Ereignisse hatte sie schon immer. So wirklich langweilig würde es wohl keinem mit ihr werden. Vorgestern Abend war wieder so ein Ereignis, wofür sie sich eigentlich bis heute gar keiner Schuld wirklich bewusst war, aber dennoch zeigte ihr gesunder Menschenverstand dann doch ein wenig Verständnis. ;-)

Einen sehr weichen kuscheligen neuen Badteppich ihr Eigen nennen zu dürfen, gehörte zu ihrer neusten Errungenschaft, auch wenn das sicher keine sonderlich tolle und aufregende Anschaffung für die Allgemeinheit darstellte. Der Vorgänger befand sich leider bei einigen akuten „Chemonebenwirkungen“ zur falschen Zeit am falschen Ort und ließ sich nun, nach mehreren Reinigungsversuchen, einfach nicht mehr retten. ;-) Da es abends doch noch sehr kalt wurde und ihr Bad der einzige Raum mit Fußbodenheizung war, legte sie sich im Bademantel nach dem Duschen auf den neuen Badteppich (sehr flauschig!) und schlief kurzerhand darauf ein. Nichts Besonderes, wenn es mit nüchternen Augen betrachtet wurde. Obwohl sich sicherlich die Frage stellte, warum legte sich jemand mitten im Bad auf den Fußboden? :-) Eine passende Antwort würde sich abschließend wohl nicht so ganz finden lassen.

Leider hörte sie im kuscheligen Land der Träume, eingerollt auf ihrem Badteppich, die Türklingel nicht. Ihre Freunde wurden bereits vor einiger Zeit, für den Fall der Fälle, mit einem Hausschlüssel ausgestattet. Die Abmachung, nach dreimaligen erfolglosen Klingeln, dann aufzuschließen, wurde auch an diesem Abend umgesetzt. Leider versetzte ihr schlafender Anblick auf dem Badezimmerboden die Beiden Besucher nicht in einen Glückstaumel mit Freudensprüngen, sondern führte fast zu einem akuten Herzstillstand und einem gehörigen Schrecken. So unsanft und grob wurde sie definitiv noch nie geweckt. ;-) Und das erste was sie wieder wahrnahm, war ein herzliches und sehr bestimmtes „ja bist Du denn total bescheuert?“ Man wird doch wohl im eigenen Haus mal irgendwo einschlafen dürfen! ;-)

Ihre Gedanken kreisten und sie musste ein wenig in ihren Cappuccino grinsen, als sie an ihre zwei besten Freunde und diese etwas kuriose Situation zurückdachte. Was hätte sie in all den Monaten wohl ohne diese beiden Chaoten getan? Einfach unvorstellbar.

Seit vier Wochen befand sie sich wieder in einer Chemophase. Die geplante Operation wurde erstmal auf Eis gelegt. Im Moment keimte eine gewisse Hoffnung in ihr auf, dass diese evtl. gar nicht mehr nötig werden würde. Vielleicht würde es ja auch mal was mit dem Glück und dem Glück haben. Wäre mal an der Zeit, dass das Glücksrad an der richtigen Position stehen blieb. Die derzeitigen Chemos waren momentan nicht mehr ganz so stark und die Nebenwirkungen hielten sich nach wenigen Tagen einigermaßen in Grenzen. Auch wenn es weiterhin eine große Tortour war und es sehr an ihren Kräften zerrte.

Allerdings standen die Zeichen nicht mehr absolut auf Sturm, sondern die Wogen waren weitgehend überschaubar. Bei ihrem Spaziergang durch den Wald und die Felder, roch es schon deutlich nach Frühling, obwohl es wohl ein verfrühter Winterendspurt wäre. Die ersten Störche waren auch schon wieder zurückgekehrt, dass ließ schon etwas hoffen. Vielleicht befand sie sich nun wirklich im Endspurt und könnte sich somit ganz ihren eigenen Frühlingsgefühlen hingeben.

Die vielen Höhen und Tiefen waren und sind manchmal extrem dicht beieinander angesiedelt. Sehr viel Optimismus und Disziplin waren nötig, um manchmal nicht einfach unterzugehen und aufzugeben. Aber Aufgeben ist und wäre feige und gehörte noch nie sonderlich zu ihren Eigenschaften. Nicht wahr, Lieblingsmensch?

Manchmal trafen zwei Charaktere zusammen, ohne dass sie sich suchten. Das ist ihr im Zuge der letzten zwei Jahre auch immer mehr bewusst geworden. Es ließ sich manchmal einfach nicht in Worte fassen. Und somit war es, wie es eben ist. ;-)

Mittlerweile war es dunkel geworden und es befanden sich fast keine Gäste mehr in dem kleinen Café. Wie schnell doch manchmal die Zeit verging und sie war froh, dass dieser Tag wiedermal geschafft war und fast hinter ihr lag.

5 Kommentare 16.2.19 17:56, kommentieren

365 Tage * 52 Wochen * 12 Monate oder ein ganzes Jahr

„Und wenn Du den Eindruck hast, dass das Leben ein Theater ist, dann such Dir eine Rolle aus, die Dir so richtig Spass macht!“ (William Shakespeare)


Die letzten Tage des Jahres habe ich auf Sylt verbracht. Es war stürmisch, die Nordsee war rau und ungestüm, im Endeffekt lag alles im Einklang mit dem vergangenen Jahr.  Ich habe viel nachgedacht, überdacht, reflektiert. 12 Monate, 52 Wochen, 365 Tage, ein ganzes Jahr.

Zuerst dachte ich an all die Menschen, die mich überraschten, unterstützten, mich akzeptierten in jeglicher meiner Verfassungen, mir halfen, mich liebten, auch wenn ich teilweise wohl wenig liebenswert war, aber auch an die Menschen, welche mich enttäuschten und teilweise auch bewusst verletzten.

Es gab viele schöne Momente, aber auch viele traurige, wütende, hoffnungslose, schmerzhafte. Ein eigener Kampf zwischen Angst und Hoffnungslosigkeit. Die blauen Flecken auf meiner Seele und meiner Psyche halten an und kommen an manchen Tagen oder in manchen Nächten ohne Rücksicht nach oben. Manchmal so unverhofft, dass mir die Luft zum atmen fehlt.

Todesangst ist etwas Unbeschreibliches, auch wenn ich immer dachte oder annahm, dass ich mit einem bewussten Sterben zurechtkommen würde. Aber der Kampf ums eigene Überleben ist dennoch sehr ausgeprägt und gerade im letzten Jahr ist mir sehr bewusst geworden, wie sehr ich doch an meinem Leben hänge und wie gerne ich noch einige Jahr erleben und leben möchte.

Die Frage nach dem „Warum“ oder „warum gerade ich“ habe ich schon länger aufgegeben. Es gibt keine Erklärung, zumindest keine wirklich befriedigende. Und vielleicht ist auch genau das gut so. Natürlich gehen da viele Meinungen, gerade auch bei den Menschen in meinem Umfeld auseinander. Dennoch bin ich ein Verfechter davon, dass nicht jeder meiner Meinung sein muss. Meinungen dürfen auch ruhig schon mal auseinander gehen und gerade was die Thematik Krebs in der Entstehung und Behandlung und auch in der Prognose angeht, gibt es schon sehr deutliche unterschiedliche Meinungen. Es kursieren die seltsamsten Mythen und gerade in Mitten der kuriosesten Ansichten, funktioniert das menschliche Schneeballsystem ausgezeichnet. Meine ehrliche Meinung dazu: wenn man keine Ahnung hat, dann doch besser einfach mal die Klappe halten, anstatt seltsame Dinge zu verbreiten. PUNKT!

Leider Gottes ist meine Mutter so jemand, der gerne mal auf einen Karren aufspringt und dann mit den tollsten Erkenntnissen mit der Tür ins Haus fällt. Meistens trifft es mein Haus und somit meine Tür. Sie kann es nach wie vor nicht lassen mich zu belehren. Gut, könnte an ihrem Beruf liegen, so eine Studienrätin weiß ja grundsätzlich alles und vor allem alles besser. Kein Wunder, dass ich dann manchmal der Klugscheißerei verfalle und es dann, jedenfalls in medizinischen Dingen, tatsächlich besser weiß. Ihre Aussagen oder Andeutungen sind auch nicht immer sonderlich gut überlegt. „Marie, bei Deiner vornehmen Blässe sieht es so aus, als wärst Du kurz vorm Sterben!“ *** „Danke, Mama.“ Auch wenn ich heute behaupten kann, gerade mal nicht kurz vorm Sterben zu stehen, ist die ganze Sache doch noch lange nicht ganz vom Tisch. Ich glaube schon, dass der Tod noch nicht außer Reichweite ist und es jeden Tag wieder anders sein könnte. Natürlich weiß niemand was morgen kommt, dass meine ich damit auch nicht.

Meine große schwere Operation liegt nun ein Jahr hinter mir. Vor einem Jahr war es noch nicht sicher, ob ich die nächsten Wochen überlebe. Dennoch habe ich mich Tag für Tag und Woche um Woche, ein Stückchen weiter wieder ins Leben zurückgekämpft. Es gab immer mal wieder Tage, wo es einige Schritte zurückging, aber das Endresultat Ende Januar war dann doch ganz zufriedenstellend. Manchmal war ich nahe am Aufgeben, gerade wenn Fortschritte auf sich warten ließen und bis ich sicher wieder auf meinen beiden Beinen stehen konnte, war es doch ein langer, mühsamer Weg. Aber es gelang mir und ich glaube mein nicht unwesentlicher Dickkopf, hat mich dabei doch ziemlich unterstützt. Meine eigene Ungeduld stand mir leider sehr oft im Weg. Vielleicht wäre doch einiges anders verlaufen, wenn ich nicht immer gleich mit dem Kopf durch die Wand wollte. Vielleicht.

Trotz dieser Operation blieben mir weitere Chemos nicht erspart. Im Grunde hatte ich vor jeder einzelnen Chemo riesige Angst und einen gehörigen Respekt. Dies wurde auch leider bis zur letzten Behandlung nicht besser. Die Nebenwirkungen setzten mir enorm zu und die Abstände waren einfach zu kurz, um zwischenzeitlich etwas an Stärke gewinnen zu können. Im August war es dann vorerst überstanden. Jedes Ende einer Behandlung fand stets unter Vorbehalt statt. Wirklich feste Tatsachen gab es leider nie, nichts woran ich mich festhalten konnte.

Die Hoffnung, dass irgendwann alles gut werden wird, ist alles was ich bis heute habe. Nächste Woche geht es wieder los oder weiter, je nachdem aus welcher Sichtweise es betrachtet wird. Es liegt eine weitere Operation vor mir, die wiederum nicht ganz einfach, aber auch nicht vergleichbar mit der vorherigen, sein wird. Vorher werden nochmal zwei Chemos laufen. Die erste beginnt am Montag. Die zweite eine Woche später und eine Woche darauf wird dann nochmal operiert. Ein harter Weg, der da wieder, gleich zu Jahresbeginn vor mir liegt. Wenn die Ergebnisse nach der Operation dann negativ (negativ = gut) sind, wäre es tatsächlich richtig gut. Zur Prophylaxe wären dann nur noch einige Bestrahlungen erforderlich und die sind dann im Gegenzug zu allen anderen Dingen, ein Klacks. Aber bis dahin muss ich wohl noch ein paarmal die Pobacken kräftig zusammenkneifen. Und wie schon so oft, sind mir diese beiden Chemos gruseliger, als die folgende Operation. Ach ja, und dann habe ich ja auch wieder den aufdringlichen Assistenzarzt zu ertragen. Das ist in der Tat am gruseligsten.  ;-)

Was gab es sonst noch? Natürlich überschattete der Krebs das ganze Jahr. Sehr viel daran geändert hat sich nicht. Auch wenn ich weiterhin meinen Humor und meine Lebenslust nicht verloren habe, da muss ich mir doch auch mal selbst auf die Schultern klopfen.  ;-) Ich sag´s Euch, dass ist und war nicht immer ganz so einfach. Aber ich habe versucht viele Dinge trotzdem zu machen. Trotz Krebs, trotz mörderischer Therapien. Irgendwas ging immer. Gut, es ging auch immer mal etwas schief. In Selbstüberschätzung bin ich richtig gut und in der Überschätzung meiner Fitness noch ganz viel besser. Ich weiß, dass ich manchmal nicht besonders vernünftig handle oder gehandelt habe, und dass manche Dinge auch nicht immer gesund sind. Mein Naturell werde ich wohl nach über vierzig Jahren nicht mehr komplett ablegen können.

Es gab auch viele schöne Momente im letzten Jahr, aber auch weiterhin viele, gerade familiäre Enttäuschungen. Gerade wenn ich dachte, dass ist nun der Gipfel, gab es garantiert einen, der noch einen Zipfel obendrauf packte. Menschliche Idiotie ist wohl grenzenlos. Ich habe es sogar öfters geschafft, einfach meinen Mund zu halten und mir meinen Teil einfach nur zu denken. Eine Eigenschaft, der ich nur schwer Herr wurde in meinem bisherigen Lebenslauf. Aber in den letzten Monaten gelang es doch immer besser. Menschen, welche meinen mich mit bravur emotional verletzen zu müssen, verdienen noch nicht mal ein hochziehen der Augenbraue. Auch das habe ich gelernt. Dennoch tut es manchmal weh.

Eine etwas verrückte Freundschaft, jenseits der menschlichen Logik hat sich, so glaube ich jedenfalls, über die letzten Monate stets gefestigt. Es ist neu, es ist verrückt, eigentlich Wahnsinn und dennoch wunderschön, aufregend und sehr spannend. Manchmal merkwürdig und unverständlich und dann wieder mein absolutes Highlight von Tag zu Tag. Chaos im Universum. Jemanden Zeit zu widmen, sich Zeit zu nehmen, ist wohl mit eines der wertvollsten Geschenke. Man schenkt ein Stückchen vom eigenen Leben.

Die letzten Monate spiegelten zum Teil schon fast ein wenig Normalität wieder. Ich arbeitete, war abends entsprechend erschöpft, machte mehr als ich sollte und ging wieder so einigen Dingen, die „vor“ dem Krebs an meiner Tagesordnung standen, nach. Zwar blieb der Schatten im imaginären Sinne auf mir liegen und manchmal wachte ich nachts schweißnass aus irgendwelchen dubiosen Angstträumen auf, aber es war irgendwie gut.

Eine Woche vor Weihnachten haute es mich dann buchstäblich aus den Socken. Abends nach der Praxis, traf ich mich noch mit meinen zwei besten Freunden zum Essen, allerdings kam es nicht ganz so weit, da es mir kurz nach Ankunft in der Pizzeria schlecht wurde und ich mich dann wunderte warum ich im nächsten erinnerbaren Moment nicht mehr am Tisch saß, sondern auf der Bank davor lag und mich meine Freunde mit großen Augen und ziemlich besorgt ansahen. Betriebssystem komplett abgestürzt! Daraufhin folgte eine ausgewachsene Grippe, welche mich bis in die letzten Tage des vergangenen Jahres verfolgte. Ja, mein Immunsystem ist dann eben doch noch etwas zimperlich. Und ja, vielleicht war der Senkrechtstart zurück ins Berufsleben auch etwas zu flott. Wie war das mit meinem eigentlichen Naturell? Diese „Augen zu und durch Taktik“ funktioniert manchmal schon im normalen Leben nicht, während einer Krebstherapie eher gar nicht.

Mittlerweile habe ich mich wieder berappelt, dauerte allerdings auch eine ganze Weile. Es kostete mich eine ganze Ecke an Gewicht und Kraft, auf die ich eigentlich überhaupt nicht verzichten konnte und sollte. Für die nächsten Wochen kann ich wohl wieder jedes Gramm und jedes Fünkchen Energie gebrauchen. Leider habe ich keinerlei Reserven. Aber es ging bisher immer weiter und ich bin mir sicher, dass es auch dieses Mal weitergehen wird und vielleicht habe ich es dann auch endlich geschafft.

Dieses Ziel, es geschafft zu haben, hatte ich mir eigentlich schon für 2018 gesetzt. Leider hat das nicht so ganz funktioniert. Gut Ding will Weile haben oder hatte einen schlechten Architekten oder was auch immer. Da brauche ich ja nur rüber nach Berlin zu schielen. Somit stirbt die liebe Hoffnung bekanntlich zu Letzt. ;-)

So Ihr Lieben, dass ist der aktuelle Stand der Dinge. Nicht ganz so schön, aber auch nicht ganz so schlecht. Naja, im Grunde kommt es immer darauf an, auf welcher Seite der Angelegenheit jeder so steht. Entweder mittendrin oder einfach nur irgendwie dabei. Mir selbst geht es dabei so ein bisschen wie dem Plumpsack aus „der Plumpsack geht herum“….

**„Dreht euch nicht um, denn der Plumpsack geht herum. Wer sich umdreht oder lacht, kriegt den Buckel vollgemacht!“**

Leider sitze ich schon seit zwei Jahren in der Mitte und es ändert sich nichts. Nicht das ich jemanden anderen in die Mitte wünschen würde, aber ein „game over“ wäre nach so langer Spieldauer, doch langsam mal an der Zeit.

Nun werden die Tage wieder stets etwas länger, es bleibt jeden Tag ein wenig länger hell. Da würde ich mich gerne grundlegend anschließen und ich hoffe, dass es auch für mich mit jedem Tag der nächsten Wochen ein wenig heller werden wird. Also, volle Kraft voraus!

 

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Für das nun schon begonnene neue Jahr wünsche ich Euch allen in erster Linie Gesundheit. Bewahrt Euch was Ihr habt, kämpft für das, was Ihr wollt, schätzt was Ihr habt. Vergebt denen, die Euch wehgetan haben und genießt die Zeit mit denen, die Euch lieben.

Das ganze Leben warten wir auf etwas. Und das Einzige, was vorübergeht, ist das Leben. Wir schätzen die wunderbaren Momente erst, wenn sie zu Erinnerungen werden. Tut deswegen das, was Ihr schon immer tun wolltet, bevor es heißt: „was ich schon immer machen wollte und nie getan habe.“

Es ist niemals zu spät, um neu anzufangen und niemals zu schwierig, um es zu versuchen. Auch neue ungeplante Wege sind es wert, sie zu gehen und zu versuchen. Es könnte ja gut werden. ;-)

Und zu guter Letzt wünsche ich Euch noch zwei Dinge: „Alles und nichts!“ ** "Nichts", was Euch verzweifeln lässt und "Alles" das, was Euch glücklich macht!

Ich danke Euch allen, dass Ihr mich durch das letzte Jahr begleitet habt, auch wenn es manchmal sicherlich nicht einfach war. So hoffe ich, dass Ihr in der kommenden Zeit, weiterhin bei der Stange bleibt.

Alles Liebe, Marie

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Und eins bleibt ja wohl klar: 

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