Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Kuddelmuddel

„Ich kann nicht zurückgehen und den Anfang verändern, aber ich kann hier weitermachen wo ich bin und das Ende verändern und hoffen das es gut wird!“


 Es ist schon verrückt, wie schnell doch die Zeit vergangen ist. Als ich mir das Datum meines letzten Eintrages gerade ansah, konnte ich es fast nicht glauben, dass schon wieder so viele Wochen dazwischen liegen.

So sehr viel ist gar nicht passiert bei mir in den letzten Wochen, aber das ist natürlich, wie so vieles, Ansichtssache. ;-)

Seit Oktober habe ich wieder langsam, so war zumindest mein Plan, angefangen zu arbeiten. Irgendwie musste es ja etwas voran gehen, in allen Belangen. Der mit meiner Kollegin gemeinsam ausgetüftelte Plan, vorerst nur montags – mittwochs, in deren Praxis als angestellte Ärztin einzusteigen, war gut, aber wie das so ist, wenn man jemanden den kleinen Finger reicht, erwischt es dann früher oder später doch die ganze Hand. In diesem Fall fand das „früher“ gerade mal nach einer Woche statt. ;-)

So habe ich seitdem eine 5 Tage Woche am Backen und falle eigentlich jeden Abend mehr tot als lebendig ins Bett, wenn ich es denn überhaupt noch bis dorthin schaffe. Meistens schnappt meine Couch schon vorher erbarmungslos nach mir und gewinnt diesen ungleichen Kampf, was wiederum am anderen Morgen zur Folge hat, dass mir alles weh tut. Aber so ist das eben mit der eigenen Faulheit.

Es ist natürlich alles sehr anstrengend für mich, auch wenn ich eine weitgehend geregelte und zum größten Teil überschaubare Arbeitszeit habe. Das war im Klinikalltag doch deutlich anders. Meine Kollegin spekuliert natürlich nicht uneigennützig darauf, dass ich evtl. in zwei Jahren, wenn sie sich zur Ruhe setzen wird, ihre Praxis übernehmen könnte. Sagt sie zwar nicht direkt, aber die Botschaft ist mir schon klar. Zum anderen habe ich aber auch deutlich gemacht, dass dies erstmal nur eine vorrübergehende Sache ist. Natürlich können sich im Laufe der Zeit viele Dinge ändern, dass weiß ich natürlich auch.

Das Arbeiten tut mir gut. Ich fühle mich dabei wohl, es ist eben genau das, wofür ich einstehe, woran mein Herz hängt und wo ich das Gefühl habe, es macht Sinn. Und genau dann fühlt sich meine abendliche Erschöpfung sogar richtig gut an. Die Tage, an denen meine Kollegin das Weite sucht und mir die Arena allein überlässt, sind schon eine Herausforderung. Eine Praxis heißt ja nicht nur Patientinnen behandeln, Rezepte schreiben und alle sind glücklich, nein es heißt eben auch einen Spagat zwischen den Mitarbeiterinnen, der gesamten Praxisorganisation hinzubekommen und vor allem den Überblick nicht zu verlieren. Im Grunde war das ein Einstieg von null auf hundert oder wie sagt man, der Sprung ins kalte Wasser. Es läuft gut, ich habe ein gutes Verhältnis zu den Mitarbeiterinnen, die es zwar manchmal noch etwas verinnerlichen müssen, dass ich nicht eine Kollegin, sondern in dem Fall eine Vorgesetzte bin. Aber was soll ich sagen, ich vergesse das ja manchmal selbst. ;-)

Natürlich gibt es hier auch noch diejenigen, die der festen Überzeugung sind, dass das alles viel zu schnell ging und mich lieber auf einer 12-monatigen Reha-Kur sehen würden. Mit Yoga, Gesprächskreis und Rückenschwimmen. Allerdings wissen auch genau diejenigen, dass so etwas niemals etwas für mich wäre. So gibt es stets gut gemeinte Meinungsäußerungen und ja, ich weiß es, weniger wäre an manchen Tagen wohl etwas besser, aber das kann ich mir nun mal nicht aussuchen.

Mein Vater ist seit Bekanntwerden meiner Erkrankung sehr besorgt um mich. Seit dem Tod von Hannes ist es noch etwas schlimmer damit geworden. Es ist nicht so, dass ich gewisse Ängste nicht verstehen kann, aber manchmal ist es eben schon recht anstrengend. Ich weiß schon ziemlich genau, wann mir zu heiß oder zu kalt ist und wann es evtl. besser ist dicke Socken und einen Schal zu tragen.

 Das größte Problem ist, dass mein Vater sehr belesen ist, im Grunde würde ich ihn als sehr intellektuell bezeichnen. Das führt nicht minder oft dazu, dass er ins unbändige Erzählen abschweift und dann irgendwann den Ausgang nicht mehr findet. So ganz unter uns, es hat schon gewaltig etwas von Besserwisser- und Klugscheisserei. ;-) Aber dafür liebe ich ihn trotzdem über alles. Das ist zwar manchmal ganz amüsant, allerdings ist es für mich ganz oft sehr anstrengend und ich möchte ihn ja auch wirklich nicht verletzen. Das liegt mir absolut fern. Hach, mein Papa halt. ;-) Kommt dann noch seine Wuchtbrumme „Hündin Fiene“ mit ins Spiel, wird es ganz lustig. Fiene ist für ihn ein wichtiger Anker und ich sehe dem Tag schon mit Grauen entgegen, wenn sie mal aus Altergründen ins Gras beißt. Das wird nicht ausbleiben. Ich hoffe das dauert noch ganz lange. Ist mein Vater mal unterwegs, was schon immer mal vorkommt, bin meistens ich die Hundesitterin der ersten Wahl. Die Frage stellt sich dann halt immer, wer von uns beiden mehr Blödsinn im Kopf hat, Hündin, weil sie mal so kann wie sie will oder ich, die denkt, Fiene wird schon wissen was ihr gut tut und so viel Rumgehätschel muss ja auch nicht sein. Bisher konnte ich „Madame Fiene“ immer wohlbehalten, am Sonntagabend, meinem Vater wieder übergeben. Zum Glück kann sie nicht sprechen. ;-) Es würde mich ja mal brennend interessieren, wie es denn wäre, würde sich eine Dame auf zwei Beinen in das Herz meines Vaters und somit in die Zweisamkeit der Beiden einschleusen. Eine beleidigte eifersüchtige Fiene wäre wohl auch nicht zu unterschätzen. Ich sehe sie schon bei mir einziehen. ;-)

Nun gut, mein Vater und Fiene sind das Eine, meine Mutter mit ihren Starallüren das Andere. Die Beschlagnahmung meinerseits für ihre Prestigezwecke, schlagen weiterhin um sich. Sei es der abendliche Vortrag beim geliebten Bridgeclub meiner Mutter oder irgendeine Veranstaltung, welche ich mit begleiten soll. Da bin ich dann wieder die überaus vorzeigefähige Tochter mit Doktortitel. Taadaaa! Aber ich wäre dann auch wiederum nicht ich, wenn ich mir genau solch einen Vortrag beim Bridgeclub, nicht zu eigen machen würde.

So gab es neulich einen Vortrag über Sex im Klimakterium. Die Damen des Bridgeclubs waren sehr interessiert und ziemlich aktiv am Geschehen und in der folgenden Diskussions- und Erfahrungsrunde, ;-) involviert. Meine Mutter saß mit hochrotem Kopf dabei und hätte mich wohl am liebsten an den Haaren aus dem Raum geschleift. Ich würde sagen, 1:0 für mich! Jedenfalls bekam ich noch weitere Einladungen für weitere Vorträge, woraufhin meine Mutter dann ganz schnell einwarf, dass ich ja eigentlich sehr wenig Zeit hätte. Haha, auf einmal interessiert sie mein Zeitmanagement.

Die Schwester meiner Mutter ist Psychotherapeutin. Zu allem Übel, dass auch noch, als würde es nicht reichen, dass meine beiden Onkel mit ihren Rechthabereinen und Machtausübungen die Menschheit belästigen, nein, meine Psycho-Tante setzt damit natürlich noch mächtig einen oben drauf. Es gab schon ganz gute Zeiten zwischen uns, aber auch die deutlich weniger guten.

Meine Mutter kommt immer mal wieder in regelmäßigen Abständen und versucht mir eine Gesprächstherapie bei meiner Tante aufs Auge zu drücken. Das war schon früher so. Gerade nach Aktionen, als ich tote Mäuse obduzierte, als Anführerin meinen Onkel im Wald bei einer Familienfeier an den Marterpfahl fesselte und beschloss ihn dort zurückzulassen oder, oder, oder….! Sehr oft kam dann die Frage: „Marie, möchtest Du nicht mal mit Tante Elke darüber reden?“ Ganz sicher wollte ich nicht mit Tante Elke, die eigentlich Heide-Elke heißt, darüber reden, da es aus meiner Sicht da nie etwas zu bereden gab. Und mit einer Tante, die Heide-Elke heißt, wollte ich überhaupt noch nie wirklich reden. ;-)

Der erste Versuch, nach meiner ersten Obduktion als Kind, mir ein Gespräch aufzudrücken, von Seiten meiner Tante, scheiterte kläglich, als ich ihr dann erklärte, dass es höchst interessant wäre, wie sich die Organe einer Maus im inneren des Mausekörpers so anordnen würden. Danach war der Gesprächsbedarf meiner Tante vorerst eingedämmt. Immer mal wieder, eigentlich bis heute, kommt bei gelegentlichem Aufeinandertreffen ein langgezogenes "Duuuu Marieeee, möchtest Du reden?" (Nee,immer noch nicht) Ob sie es irgendwann verstehen wird?

Bis heute versucht sie es immer mal wieder. Allerdings wäre wohl Tante Elke die letzte Person auf dieser Welt, mit der ich irgendwelche persönlichen Dinge oder was auch immer besprechen würde. Zumal ich mir fast sicher bin, dass sie, auch wenn sie höchste Verschwiegenheit verspricht, meiner Mutter alles brühwarm erzählen würde. Im Kindergarten gab es mal eine Tante Christa, die war immer genauso neugierig und hat mich dann immer bei meiner Mutter verpetzt.

Mein Innenleben ist weiterhin so kompliziert wie die letzte Steuerreform. So wirklich will es kein Ende nehmen und die Sache mit dem eigenen Verständnis von dem ganzen Kuddelmuddel in mir drin, ist im Ansatz schon unheimlich schwierig.

Auch wenn ich ein paar Zeilen weiter oben über mein doch irgendwie gerade wieder einigermaßen gut funktionierendes Berufsleben schrieb, ist es nicht so, dass es da nicht doch noch einen gewaltigen Schatten geben würde.

Ja, Kuddelmuddel-Monster „Number one“ ist weiterhin und unangefochten, der liebe Krebs. Er hat mich noch in seinen Fängen und lässt mich einfach nicht aus seinen Zangen.

Letzte Woche ging es mit dem großen Screening los. Ich habe es ja schon ein wenig vor mir hingeschoben und es ging mir in den letzten Wochen auch relativ gut. Natürlich ist mein „gut“ sicherlich noch anders, als das allgemeine „gut“. Trotzdem ist oder war es schon so, dass ich gut zurechtkam und sich schon wieder so ein „Gewohnheits- alles ist gut -Empfinden“ einstellte. Die Psyche spielt da natürlich ganz gewaltig mit und in die „ich rede es mir einfach schön“-Phase rutscht es sich auch relativ einfach. Wäre wohl wahrscheinlich ein absoluter Notfalleinsatz für Tante Elke. ;-)

Natürlich gab es auch die weniger guten Tage, wo alles etwas schwierig war, wo ich mich nicht sonderlich wohl fühlte und ich auch schon mal weiche Knie bekam. Aber alles in allem nichts schlimmes, im Endeffekt alles normale Dinge, hätte ich nicht meine Krankengeschichte im Nacken.

Den Kopf in den Sand zu stecken, wäre nach dieser langen schwierigen und schrecklichen Zeit, wohl eher kontraproduktiv. Die ganzen Hiobsbotschaften und die langen nicht enden wollenden Therapien, dass alles habe ich überstanden, mal mehr, mal weniger gut. Jetzt so zu tun, als ob alles gut wäre und einfach zu leben, wäre wohl der einfachere Weg, der, womöglich ziemlich schnell, in einem Kollateralschaden enden würde. Möglich oder unmöglich, aber ich schätze schon.

Natürlich gibt es viele Menschen, die um ein Vielfaches sehr viel schlimmer dran waren oder sind, als ich es jemals war, aber es gibt natürlich auch diejenigen, denen es deutlich besser geht. Hadern und leiden ist für jeden individuell und für mich selbst war und ist es nach wie vor eines meiner schrecklichsten Erlebnisse in meiner bisherigen Lebensgeschichte. Natürlich gab es da schon andere Dinge, die ebenso nicht schön und auch auf ihre Weise schrecklich waren, allerdings ist die Angst um das eigene Leben und letztendlich die bewusste Angst vor dem Sterben eine ganz andere Liga. Unnatürlich!

Ein paar Mal stand der Tod relaxt bei mir in der Ecke und wackelte ungeduldig mit seiner Sense, wahrscheinlich mit dem Hintergedanken, „die krieg ich eh!“ Das mag schon im Grunde so sein, aber halt nicht jetzt! Das gab es schon so einige Male. Gerade im Behandlungsraum der Chemotherapie, wo viele dem Tod näher waren als dem Leben, rieb er sich so manches Mal schon die Hände. Nicht immer wegen mir, es gab da leider so einige Kandidaten. Manche nahm er mit, bei anderen hatte er das Nachsehen. Bisher habe ich es geschafft seinem Charme zu widerstehen und konnte ihm immer wieder meine beiden Mittelfinger präsentieren und ihm ein leises „f… Dich“ zu flüstern. Anscheinend hat es geholfen, meine Mittelfinger sind eben nicht zu unterschätzen. ;-)

Ja, ich weiß, umso tiefer man im Kuddelmuddel drinsteckt, desto wundersamer wird das eigene Verhalten. Erst hatte ich es mir am Anfang meiner Krebsdiagnose in der Kirche mit Jesus und dem Pfarrer verschissen und nun habe ich Geväterchen Tod noch den Laufpass erteilt. Läuft!

Der Krebs ist allerdings leider damit nicht vorbei, wenn die letzte Chemo und Bestrahlung durchgetröpfelt ist. Im Endeffekt stehe ich noch genauso mitten im Dilemma als vor einigen Monaten, nur lediglich nicht mehr in der Akutphase. Meine Tumormarker behaupten ja weiterhin schon seit Wochen, „this is not the end“. Jedenfalls eine hypothetische Annahme. Herauszufinden ob es wirklich erstmal ausgestanden ist und ich mich weiterhin in der Rekonvaleszenzphase entspannen kann oder ob eben nochmal nachgeschaufelt werden muss, wäre nun zu klären.

Die ganze letzte Woche war ich nun in Heidelberg und wurde quasi durch eine Odyssee von Untersuchungen geschleust. Das bekam mir teilweise nicht ganz so gut, zumal meine Moral mir da auch gewaltig einen Strich durch die Rechnung zog. Ja, die liebe Psyche! Obendrauf hatte ich dann noch den übereifrigen, grobmotorigen Assistenzarzt am Hals! Ein Königreich für dessen Versetzung in eine andere Abteilung!! Aber ja, ich weiß, mit den himmlischen Eingebungen hatte ich es mir ja bereits verkackt, somit konnte ich auf solch´ eine Unterstützung nicht zählen. Somit also selbst Schuld!

Einige Teilbefunde lagen dann bis gestern vor, allerdings geht es am Montag nochmals in die zweite Runde. Da steht dann die Bronchoskopie an. Ich weiß welche Frage oder wahrscheinlich unumgängliche Tatsache im Raum steht und bin mir fast sicher, dass ich mich zeitnah einer weiteren Lungenoperation unterziehen muss. Das kommt jetzt nicht sonderlich überraschend, dass weiß ich schon länger, da einfach die Gebiete, wo einst die Metastasen saßen, nach nun erfolgter abgeschlossener Chemotherapie, nochmals abgetragen werden sollten, um dann sicher sagen zu können, dass keine bösartigen Zellen zurückgeblieben sind. Diese Operation ist nicht ganz so dramatisch wie meine letzte große Operation Ende Dezember im letzten Jahr. Aber es wird wieder eine nicht ganz unbetrachtliche Operation sein, mit mindestens 6 Stunden Narkose. Das macht mir Angst und ich möchte nicht, dass der Tod doch noch in die Hände klatscht und gewinnt.

Nun warte ich erstmal die nächsten Tage ab und dann wird sich entscheiden, wie es weitergehen wird. Ich wäre dann endlich mal für Aufwachen, damit dieser Alptraum ein Ende findet. Ja und dann hätte ich gerne meinen Froschkönig, der mir meinen verlorenen Glitzerschuh wiederbringt, immer dieser Zirkus mit diesen Traumprinzen…. ;-) Ach, dass waren jetzt zwei verschiedene Geschichten, oder? Aber das Resultat im Endeffekt wäre schon irgendwie wieder identisch! Ihr seht, ein riesiges Kuddelmuddel!

(Irgendwie passt dieses Bild gerade wunderbar zu meinem inneren Kuddelmuddel...)

3 Kommentare 10.11.18 21:18, kommentieren

Von Plänen und Lebensmut, aber....^^

„Ich erinnere mich noch an das Kribbeln im Bauch, als die ersten Sonnenstrahlen mich im Frühling erwärmt haben, als alles heller, bunter und freundlicher wurde. Oder auch daran, als ich im Frühlingsregen spazieren ging, in die Pfützen hüpfte und die nassen Tropfen auf der Haut spürte. Das Leben und die Natur sind voller magischer Momente. Der Sommer ging vorüber und nun ist er da, der Herbst. Wiederum färbt sich alles bunt, es wird dunkler, kälter, aber auch heimeliger. Ich mag ihn, mit dem was er bietet, das Rascheln des Laubes, die Kastanien, die emsigen Eichhörnchen, die drolligen unförmigen Igel. Selbst die Herbststürme haben etwas Heimliches, weisendes. Und bedeutet der Wechsel der Jahreszeiten nicht, dass es weiter geht? Immer stetig und ein bisschen!“


 Manchmal frage ich mich, wo ich jetzt genau stehe, welcher Zeitpunkt jetzt gerade gekommen ist, ob es anders ist, ob ich nicht irgendwo eine Veränderung in mir spüren kann? Oder sogar spüren müsste? Aber da ist eigentlich nichts. Ich schaue in den Spiegel und weiß, dass es noch dauern wird, bis ich mich wieder richtig frei und unbeschwert fühlen kann. Die letzten Wochen waren turbulent, vielleicht für den Anfang schon zu turbulent. Allerdings waren genau diese Turbulenzen verantwortlich dafür, dass ich genug abgelenkt war und nicht ständig daran denken musste, ob meine persönliche Zeitbombe weiterhin tickt. Ob die richtigen Drähtchen gekappt wurden, dass wird die Frage der nächsten Monate sein und bleiben.

Das dumme und hinterlistige an Krebs ist, dass er sich heimlich einschleicht, dass Immunsystem manipuliert und sich dann unkontrolliert breit macht. Irgendwo, irgendwann. Im Grunde wäre er sicherlich gut zu beherrschen, wenn nicht der menschliche Körper so sehr komplex wäre. Ja, dass Lymph- und Kapillarnetz ist gut ausgebaut und transportiert somit in Windeseile leider nicht nur die guten Dinge durch den Körper. Und dann wird’s blöd. Er tut lange nicht weh und wenn dann seltsame Dinge sich anhäufen, ist er ganz oft schon in einem fortgeschrittenen Stadium. Zum Glück ist vieles heute trotzdem zu beherrschen, auch wenn der Weg zum Ziel, härter nicht sein könnte.

Der Weg zum Ziel, mit Umwegen, Umleitungen und jeder Menge Stau. Es gab Tage, an denen ich mit dem Wahnsinn per Du war. Auch waren Tage dabei, an denen ich dem Tod näher, als dem Leben war. Ich habe sicherlich vieles geschafft in den letzten Monaten, trotzdem bin ich mir sicher, dass es ein unabdingbarer Pakt mit dem Bösen ist. Es gibt so viele Grenzen, die ich für mich selbst kennenlernte. Grenzen die ich niemals sehen oder überschreiten wollte. Es kamen aber immer wieder Momente, da fand ich im letzten Moment eine kleine Tür und es ging weiter.

Ich hatte bereits viel Zeit verloren, bis ich erstmal auf die Idee kam, dass etwas massiv nicht mit mir stimmte. In keine Statistik dieser Welt passte ich mit meiner Diagnose und durch viele vergebliche Therapieversuche, verlor ich weiter an wertvoller Zeit. Doch dann gab es den Umbruch und vielleicht damit auch den Durchbruch, als ich mich für den Weg nach Heidelberg entschied.

Es war sicherlich ein großer zu bewältigender Aufwand. Immer war ich auf jemanden angewiesen der mich begleitet. Heidelberg liegt nicht direkt um die Ecke, aber es war gut, dass ich einen Weg fand, mit der Hilfe von ganz lieben Menschen, dies zu realisieren.

Doch auch da lief nicht alles nach Plan A, meistens hatten sie stets einen Plan B für mich parat. Und mit allen Mitteln und meinen Kräften, die doch immer wieder in mir aufflackerten, habe ich es geschafft, mich zumindest bis zum Ende der Chemotherapie durchzukämpfen. Nicht immer leicht, gerade nach der großen Operation Ende Dezember. Aber es ging auch hier stetig weiter, immer wieder ein bisschen.

Sechs Wochen sind nun seit der letzten Chemo vergangen. Sechs Wochen, in denen ich zweifelte, wütend und traurig war, haderte, aber auch wieder ein bisschen mehr Lebensmut fasste und mich etwas stabilisierte. Es gibt Tage, da erschüttert mich fast nichts und dann gibt es wieder die anderen Tage, da werfen mich die kleinsten Dinge aus der Bahn.

Zu allen Hochs und Tiefs, zeigte sich zwischenzeitlich ein kleiner undefinierbarer Knubbel, unterhalb meines linken Schlüsselbeins. Das ich meisterhaft im Ignorieren bin, weiß ich mittlerweile. Das genau so etwas kontraproduktiv ist, weiß ich auch. Nur baut sich dann unbemerkt eine von diesen Grenzen vor mir auf, bis ich dann irgendwann merke, dass ich diese winzige Tür nur öffnen muss, damit ich wieder weiterkomme. Ich glaube das meistgebrauchte Wort im Verlauf der letzten Monate war „aber“. Aber wir haben…, aber es sind…, aber, aber, aber. Mittlerweile habe ich dieses unscheinbare Wörtchen zu meinem persönlichen Horrorszenario ernannt. Leider komme ich selbst nicht ganz ohne dieses zermürbende „aber“ aus. ;-)

Natürlich habe ich dann doch den Schritt nach Heidelberg gefunden, der Assistenzarzt war vollends entzückt mich mal wieder „oben ohne“ zu sehen. Entzückt war ich allerdings weniger, als genau „dieser“ mir mit einer Biopsienadel in den Knubbel pieksen wollte. Also es ist nicht so, dass ich mich nicht auch anstellen kann. Und genau dann greift der Privatpatientenstatus mit Chefarztbehandlung. Ansonsten sehe ich das wirklich nicht so eng, allerdings in diesem besagten Fall dann schon. ;-) Wie hat doch meine Gode immer gesagt? Es gibt diese besagten Exemplare der männlichen Gattung, die kannst Du Dir nackt auf den Buckel binden, da passiert nichts. Null! Nichts! Das ist wohl in diesem Fall ein absoluter Volltreffer!

Die Biopsie selbst war halb so wild, jedenfalls halb so wild zu dem was ich sonst so mittlerweile kenne. Und da ich nun schon mal da war, ließ man die Katze auch nicht gleich wieder aus dem Sack. Ein bisschen Blut musste ich noch hergeben und meine Niere und meine Lunge wurden auch gleich unter die Lupe genommen. Wenn schon, denn schon. Ich schätze, die kennen ihre Pappenheimer. Ja, dann hieß es wieder Abwarten und Tee trinken.

Ich habe mich dann erneut wiedermal ziemlich angestellt und es irgendwie verdrängt nach ein paar Tagen anzurufen, um meine Ergebnisse zu erfragen. Irgendetwas kam mir doch immer wieder dazwischen. ;-) Feige bin ich somit mittlerweile auch. Das dann die Heidelberger Nummer zweimal ohne eine Mailbox-Nachricht auf meinem Handy angezeigt wurde, machte es nicht einfacher. Aber (da ist es wieder) irgendwann erwischten sie mich doch. Wir vereinbarten einen zeitnahen telefonischen Gesprächstermin, mit den zuständigen Ärzten.

Zwischenzeitlich war ich mir nicht sicher, was ich überhaupt davon halten sollte, aber letztendlich wollte ich es dann doch wissen. Als das Gespräch dann begann, musste ich mich ein paarmal selbst zwicken, um nicht einfach loszuheulen. So ist das, wenn die Nerven blank liegen, aber selbst Schuld, ich hätte ja längst anrufen können. ;-) Doch es war alles gut, keine bösartigen Zellen, wohl nur ein verkapseltes Hämatom. Von einem Anrempler oder vom schweren heben. Was es nicht alles gibt! Gut, von mir aus, ein Hämatom kann gerne da rumknubbeln wie es will. Das ist ja schon mal wieder fast was ganz Normales. Meine Blutwerte sind allerdings immer noch nicht gut, sogar noch eine ganz ordentliche Ecke weit entfernt davon. Mhm! Ende Oktober steht dann das ganz große Screening an, mit Bronchoskopie (da denke ich jetzt lieber nicht dran) und den ganzen Rest, der noch irgendwie links gemacht werden kann. Na bravo! Nach Plan A und Plan B, hoffe ich nun wirklich, dass sich nicht noch ein Plan C aufmachen muss. Und ich finde es gerade richtig gruselig, dass ich erst am Anfang des Alphabetes stehe.

Wie geht es mir sonst im Moment? Ich behaupte mal ziemlich sicher, eigentlich ganz gut. Für mich jedenfalls ist es definitiv gut. Meine Waage hat nun die 50 kg Marke wieder deutlich geknackt, dass ist schon mal ziemlich gut. Niemals, wirklich niemals hätte ich es für mich selbst für möglich gehalten, dass ich mich mal über mein ansteigendes Körpergewicht freuen würde. Aber in der Tat, ich freue mich und es beruhigt mich. Dadurch ist mein Kreislauf schon um einiges stabiler, allerdings ist die Tendenz an Tagen, wo ich etwas mehr unterwegs bin und nicht regelmäßig zum Essen komme, gleich wieder nach unten. Das nervt mich dann auch wieder.

Beruflich bin ich auch wieder ein wenig aktiver. Um es genau zu sagen, bin ich schon wieder ziemlich aktiv. Vielleicht schon etwas zu viel für den Anfang, aber wie das so ist, dann kommt das dazu und das…..und ein „Nein“ ist immer noch schwierig für mich umzusetzen.

Ich glaube die nächsten Wochen werden weiterhin nicht ganz einfach, aber (es gibt auch gute davon) ich denke, dass mir die Veränderungen der letzten Wochen, etwas helfen werden, diese Zeit zu bewältigen. Die schönsten Zufälle im Leben geschehen unerwartet, meistens genau dann, wenn man am wenigsten damit rechnet. Ich könnte jetzt fast behaupten, dass nichts auf der Welt so schlimm oder schlecht ist, dass es für etwas anderes nicht wieder gut war oder ist.  Das würde ich jetzt fast blind unterschreiben. Allerdings kann und darf Krebs niemals für etwas gut sein oder für gut befunden werden. Krebs ist Krebs und ich deute die mir mitgebrachten positiven Aspekte und Begebenheiten, als eine Tatsache, welche sowieso irgendwann eingetreten wäre. Was sein soll, wird sein! ;-)

Ich wünsche Euch eine schöne Zeit, lasst es Euch gut gehen und passt gut auf Euch auf!

Marie ;-)

10 Kommentare 29.9.18 22:22, kommentieren