Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Versprochen ist versprochen

 "Das Unbewußte ist viel moralischer, als das Bewußte wahrhaben will." (Sigmund Freud)

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Ich möchte nochmal auf Eure Kommentare zu meinem letzten Eintrag zurückkommen, dass ist mir gerade sehr wichtig. Selbst weiß ich nur zu gut, dass es Schicksale gibt, die einem auf der Seele liegen und wo es schwer ist, da den vielleicht nötigen Abstand zu wahren, gerade auch um sich selbst zu schützen

Schon während meines Studiums wurde genau diese Eigenschaft immer wieder gepredigt. „Nehmt niemals eine Krankengeschichte mit nach Hause, versucht immer Arbeitsleben und Privatleben zu trennen!“ In meinem Beruf sicherlich einleuchtend. Aber niemand ist eine Maschine und das mag auch für einige Situationen funktionieren, aber für andere wiederum nicht.

Ich habe es auch nicht immer geschafft den Schalter umzulegen, einige Schicksale begleiten mich bis heute. Speziell in meinem Berufszweig gibt es viele Situationen und Unbegreifbares, welche wohl den härtesten Fels erweichen würden, nur wenige können das einfach so wegstecken. Trotzdem wäre das nie ein Grund für mich gewesen, meinen Beruf aufzugeben. Es gehört dazu, zu blauem Himmel und Sonnenschein, gehört auch genauso Sturm und Regen.

Ähnlich ist es im Alltäglichen und es stellt sich sicher oft die Frage, was lasse ich an mich ran und was nicht. Wie weit kann ich zulassen, dass etwas mich nachhaltig beschäftigt und mir in irgendeiner Weise auch weh tun kann. Davor ist wohl keiner wirklich sicher.

Auf mich selbst projiziert und die ganzen Monate, in denen ich hier nun meinen Blog schreibe, habe ich einige Mitblogger kennengelernt. Einige mehr, andere weniger. Bestimmte gehören zu einem engeren Kreis und auch einiges darüber hinaus. ;-)

In erster Linie sollte mein Blog eine Art Tagebuch werden. Für und mit meiner Krebserkrankung. Gut, fürs Tagebuch schreiben bin ich wohl etwas zu faul und nicht kontinuierlich genug. Meine Tagebuchversuche in meiner Jugendzeit sind genau aus diesem Grund stets gescheitert. ;-) Das sich mein Blog zu dem entwickelt hat, was er ist, hätte ich niemals erwartet. Das es nicht ausschließlich um den Krebs geht, sondern auch um viele andere Ereignisse, ob vergangen, aktuell oder in Zukunft, ist sicherlich zu erkennen.

Ich erzähle gerne aus meiner Kindheit, aus Afrika oder meiner Studienzeit und auch gerne von den Erlebnissen mit meinem Bruder, der ja zwangläufig immer irgendwie mit im Boot saß, ob er wollte oder nicht. ;-)

Der Tod meines Bruders vor 18 Monaten hat mich sehr getroffen, um es noch deutlicher auszudrücken, er hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Im Dezember 2016, als ich meine Krebsdiagnose bekam, dachte ich, es kann eigentlich nicht mehr viel schlimmeres in meinem Leben passieren, im Februar 2017 wurde ich eines Besseren belehrt. Es gibt wohl immer wieder etwas, was noch oben draufgesetzt werden kann.

Ich bin selbst Medizinerin genug, dass mir durchaus klar ist, dass ich mir die nötige Zeit zum trauern nicht eingeräumt habe. Vielleicht lag es an meiner Erkrankung, dass der Fokus zu sehr auf mir selbst lag und den ganzen Entscheidungen, welche daraus resultierten, vielleicht wollte ich das auch nicht für mich wahrhaben. So wirklich weiß ich es nicht. Der nötige familiäre Halt war leider in beiden Fällen nicht da und ist es bis heute nicht.

Ich kann solche emotionalen Abstürze manchmal nicht verhindern, sie sind selten oder seltener geworden, aber es kommt vor. Im Großen und Ganzen komme ich mit dem Tod von Hannes mittlerweile klar, dann kommen unerwartete Momente, da bringen kleinste Gesten meine hart erkämpfte und verteidigte Fassung ins Wanken. In den letzten Tagen waren es Kinderbilder, welche meine Großtante mir brachte. Ich weiß, dass es gut und lieb gemeint war, aber es hat mich auch wieder etwas trauriger und nachdenklicher gemacht. Dann sitze ich wieder da und reflektiere, was ich hätte alles noch tun können. „Hätte, hätte Fahrradkette“ würde Hannes jetzt kontern. Und das nicht zu Unrecht. Es lässt sich nichts ändern an der Vergangenheit und natürlich lerne ich aus meinen Erfahrungen immer wieder, aber manchmal tut es eben auch weh. Trotzdem werde ich weiterhin damit klarkommen.

Ja, und was die nächsten Wochen bringen werden, weiß ich nicht sicher. Angst und Unbehagen werden mich begleiten, aber wer würde schon lässig auf die entscheidenden Ergebnisse hinblicken, welche so vieles bedeuten werden? Zum einen möchte ich keine weiteren Therapien mehr machen, obwohl ich mir sicher bin, dass Heidelberg gewiss noch einige Ideen in petto hätte. Allerdings hänge ich schon ziemlich an meinem Leben, so dass ich wohl weiterkämpfen würde. Und gestorben und somit geheult, wird schließlich wirklich erst am Schluss, oder nicht? Nein, natürlich würde ich weiter machen und ich bin ja auch so oder so noch lange nicht raus aus dem Schlamassel, selbst wenn alles erstmal oberflächlich im grünen Bereich blinkt. Trotz aller emotionalen Abgründe der letzten Tage, bin ich irgendwo auch ganz guter Dinge. Ich habe jemanden versprochen, nicht vom Sterben zu reden und daran zu denken. Das wird auch so bleiben. Versprochen ist schließlich versprochen! ;-)

Danke für die ehrlichen Kommentare, so manchmal braucht es eben schon einen Schubser oder einfach auch mal ein „jetzt stell Dich nicht so an, es geht weiter!“ ;-) Das bringt mir mehr als dieses Kopfgetätschel. Das Krebs nun mal Scheiße ist, wissen wir alle, dass es jederzeit anders kommen kann im Leben, egal wie und wo, wissen wir auch und es ist gut, nicht zu wissen was morgen kommen wird.

Krebs und Tod sind immer noch ein großes Tabuthema. Dabei würde ich mir wünschen, über beides manchmal sehr viel offener reden zu können. Über Hannes Tod oder eben auch über meine Krebserkrankung.

Jeder Mensch geht natürlich anders mit Schicksalen um. Das steht außer Frage. Ich hatte mir schon überlegt meinen Blog zu privatisieren und eben nur den Pin an diejenigen weiterzugegeben, welche diesen erfragen. Allerdings denke ich mir wiederum, jeder der mich seit Monaten begleitet, weiß worum es hier geht und klickt sich somit bewusst in meinen Blog. Danke nochmal dafür.

Außer das ich natürlich mit mächtigen Unbehagen auf die nächsten Wochen und die kommenden Untersuchungen blicke, bin ich zudem beruflich auch nicht ganz untätig geblieben. Auch da muss es ja irgendwie und irgendwann mal wieder etwas weitergehen. Ich bin mir noch nicht sicher, wie mein weiterer beruflicher Weg letztendlich aussehen wird. Ob es nochmal genau in eine ähnliche Richtung gehen wird, weiß ich nicht. Mal sehen. ;-)

Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag, der Sommer soll ja nochmal etwas Gas geben in den nächsten Tagen. Das gibt sicherlich noch einige schöne Aufnahmen, auf die ich mich jetzt schon freue. Allerdings merkt man doch schon deutlich, dass der Sommer dem Ende zu geht und der Herbst sich langsam einschleicht. Auch riecht es einfach anders und damit meine ich nicht meinen unermüdlichen Nachbarn, welcher mit seinem Güllefass beharrlich seine Felder düngt. ;-)

Bis dahin, passt auf Euch auf, Marie

7 Kommentare 1.9.18 22:39, kommentieren

Selbstverständlich

Es gibt sie, jene Tage, an denen Erinnerungen zur Qual werden, sich schmerzhafter zeigen als alles bisher durchlebte. Ein Moment, eine Geste und sei sie noch so lieb gemeint und alles beginnt von vorne.

 

Ich wusste nicht, dass es das letzte Mal gewesen sein sollte, als wir uns sahen. Hätte ich es gewusst? Ja, was dann? Dann hätte ich Dir gesagt, in welcher Ecke meines Herzens Du immer verankert sein wirst. Ich hätte Dir von meinen Träumen erzählt, die ich gerne noch mit Dir erlebt hätte. Ich hätte Dich ein bisschen fester in die Arme genommen.

Ich hätte mich bei Dir für all die Dinge entschuldigt, in denen ich Dir gegenüber nicht fair war oder nicht angemessen reagiert habe. Ich hätte Dir noch deutlicher gesagt, wie sehr ich Dich liebe.

Ich liebe, liebe, liebe Dich!

Wie oft schon ging ich mit der Sicherheit aus dem Haus, dass ich die mir vertrauten, wichtigen und lieben Menschen wiedersehe? Wie oft blieb Groll, Wut oder gar Hass stehen? Wie selten sagt man beim Abschied oder zur guten Nacht, wie wichtig der andere für einen ist, wie gern man ihn hat?

Wie oft schlief ich mit der Selbstverständlichkeit ein, dass ich am nächsten Morgen die Augen wieder öffnen werde und noch viele Gelegenheiten haben würde, zu leben?

Ein kleines „hey, ich liebe Dich oder ich mag Dich, Du bist mir wichtig!“ für jemand Besonderen oder sich selbst, bevor man die Augen schließt und einschläft.

Ein kleines „ich habe Dich trotzdem gern, auch wenn wir gerade eine Meinungsverschiedenheit haben!“, ein „ich mag Dich trotzdem.“

Ein kleines bisschen Demut gegenüber dem Leben und der Tatsache, dass niemand unendlich ist.

Ich wünschte ich hätte all´ dies getan, manchmal komme ich einfach nicht damit zurecht! Sekunden können ein Leben verändern und dann steht alles Kopf. Ein Ungleichgewicht, dass bis heute nicht in die Waage gekommen ist. Mein eigenes Leben mit dieser wahnsinnigen Erkrankung, hat mir die Chance genommen angemessen zu trauern. Und jetzt kommt an manchen Tagen die kalte Ernüchterung. Dann, wenn durch eine lieb gemeinte Geste, durch Bilder, die Jahrzehnte zurückliegen, alles wieder so verdammt weh tut.

Wir gingen Hand in Hand, auch wenn unsere Wege unterschiedlich verliefen, aber auch doch wieder viele Parallelen mit sich brachten. Nun wird sie immer fehlen, die eine Hand, die mir an so manchen Wegesgabelungen Halt gab und mich in die richtige Richtung drückte.

Diese Selbstverständlichkeit, mit der ich vor zwei Jahren noch durch mein Leben ging, ist verschwunden. 

Es gibt sie nicht mehr, nichts ist selbstverständlich. Aber lernt man das nur unter solchen schmerzhaften Bedingungen? 

Keine Begegnung ist Selbstverständlichkeit, kein Mensch ist es oder sollte als solche betrachtet werden, keine Gewohnheit und vor allem nicht des Menschen wertvollstes Gut: die Gesundheit und das Leben selbst!

 Ich vermisse Dich, kleiner Bruder!

7 Kommentare 31.8.18 19:29, kommentieren