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Besonders wertvoll

Somewhere over the rainbow......

„And once the storm is over you won´t remember how you made it through...you won´t be the same person who walked in. That´s what this storm´s all about.“

 


Lieber Hannes,

heute ist es genau drei Monate her, dass ich noch für ein paar Minuten Deine Hand halten konnte, bevor Du für immer gegangen bist. Ein Moment, welcher gerade in den letzten Tagen wieder stärker und schmerzhafter in mir zum Vorschein kommt. Eigentlich konnte ich in den letzten Wochen mit dieser Situation ganz gut umgehen. Es war nicht immer leicht, aber es war ok. Ich war mir sicher, dass ich einen Weg gefunden hatte, damit zu leben, weiterzuleben. Und ich denke das auch weiterhin. Doch gerade in den letzten Tagen ist es mir wieder deutlich bewusst geworden, wie wahnsinnig weh mir das tut. Und ich kann grad gar nichts dagegen tun. Ich bin gerade emotional so am Ende, so verwirrt, so dünnhäutig, ich glaube mich wirft gerade alles komplett aus der Bahn. Ich weiß, dass ist lächerlich und absolut nicht typisch für mich, aber ich kann es gerade nicht ändern. Ständig laufen mir die Tränen, ich wache auf und merke das ich weine, ich wusste nicht mal, das so etwas möglich ist. Du fehlst mir. Überall und in so vielen Situationen, Du hast so viele Lücken hinterlassen.

Gestern war Muttertag und ja, ich habe unsere Mutter zum frühstücken eingeladen, dass war ja immer Dein Part, aber was soll ich sagen, es war ein netter Vormittag. Und Du wirst es nicht glauben, wir haben uns sogar recht vernünftig unterhalten und es war schön. Ja, doch, es war schön. Ich glaube wir finden gerade eine akzeptable Basis, wir können sicherlich nichts mehr aufholen, aber wir können zumindest das Beste aus der Zeit, die uns noch bleibt machen. Ob das so dauerhaft Bestand hat, werden wir sehen. Es war einfach wohltuend, mal nicht bevormundet und zurechtgewiesen zu werden. Selbst daran hatte ich mich wohl im Laufe meines Lebens gewöhnt, so dass es gestern recht ungewohnt war. Aber ich könnte mich wohl wirklich daran gewöhnen. Hoffen wir mal das Beste!

Die Sache mit der Praxis ist immer noch nicht ausgestanden. Ständig werde ich wieder und wieder damit behelligt und zu gewissen Dingen genötigt. Manchmal frage ich mich selbst, wie lange ich das noch aushalte. Ich weiß es nicht. Manchmal klappt es gut, dann wieder nicht. Und Du weißt, der „Baron“ ist eben der „Baron“, nicht zu unterschätzen. Ich glaube da wäre mal wieder eine Sonderbehandlung fällig. 😉 Tja, wenn es heute noch so einfach wäre.

Ach Hannes, auch wenn es darauf keine Antworten gibt und das wohl auch keiner besser weiß, wie ich selbst, frage ich mich ganz oft, warum? Warum musste das alles passieren? Warum musste mich so eine katastrophale Diagnose treffen? Vielleicht doch einfach nur ein mieses Karma? Zu oft mit dem Feuer gespielt und die bösen Geister geärgert? Möglich wäre es wohl. Aber was nützt es? Es ändert ja doch nichts. Und ja, ich habe es Dir an Deiner Beerdigung versprochen, dass ich alles dafür tun werde, um wieder gesund zu werden. Auch wenn mir manchmal so dumme Sachen passieren und ich auch manchmal unvernünftig und nicht immer therapie-kompatibel bin. Aber Du, ich gebe mir Mühe und so im großen und ganzen bekomme ich das schon hin. Das erinnert mich gerade an mein erstes Zeugnis in der 1. Klasse…….“Marie hat sich Mühe gegeben dem Unterricht zu folgen, nicht im Klassenraum umherzulaufen oder ungefragt den Klassenraum zu verlassen. Ihr fehlt die Geduld, sich mit einer Sache länger zu beschäftigen, bis der Arbeitsauftrag erledigt ist.“ 😉 Ja, still sitzen fällt mir heute noch schwer und wirklich geduldiger bin ich auch nicht geworden. Ich glaube sogar, es wird eher schlimmer. Manche Dinge ändern sich wohl nie. Dafür hast Du das ganze immer etwas in die Waage gerückt, alter Streber. 😉

Wahrer Mut ist es wohl, sich mit offenen Augen dem Ganzen zu stellen, was ich auch immer wieder versuche. Aber es scheitert auch immer wieder hier und da mal. Ich versuche es und gebe mir Mühe, mehr geht eben nicht. Und die Realität ist schon so manchmal echt ein riesiges Arschloch. Sorry, aber so ist es nun mal. Die Wahrheit lässt sich nicht immer so vornehm ausdrücken. Du kennst mich!

Ganz oft bin ich oben bei den beiden Eseln und ganz bald wird es auch wieder ein kleines Eselchen geben. „Madame Esel“ ist schon ganz schön rund und plump😉, der werte „Herr Esel“ steht ziemlich oft beleidigt in der Ecke rum, weil er wohl gerade nicht so darf, wie er gerne wollte, tja, da geht´s den Eseln wie den Menschen an so manchen Tagen. Aber es geht alles immer weiter. Immer ein kleines Stück.


Wenn ich es wirklich mal geschafft habe, alles hinter mir zu lassen, wird es Dinge geben, die werden mir wohl ziemlich fehlen. Ein Stück meines Herzens wird immer hier zurückbleiben. Wir sind in einem kleinen Paradies aufgewachsen, dass ist mir gerade gestern wieder sehr klar geworden, als ich durch die alten Gemäuer geklettert bin und an Orten war, die wir vor vielen Jahren in- und auswendig kannten. Es hätte uns nicht besser treffen können, auch wenn das drum herum oft sehr schwierig für uns war. Ich werde es vermissen, selbst wenn es mir momentan von Tag zu Tag schwerer fällt, dass alles hier auszuhalten.  

Somewhere over the rainbow……erinnerst Du Dich? Der Regenbogen war immer magisch für uns und hatte seinen ganz besonderen Zauber. Den Schatz haben wir zwar nie gefunden, aber die Suche danach war immer sehr abenteuerlich. 😉 Du bist jetzt ganz klar im Vorteil, denn Du bist den Regenbögen ganz viel näher, da oben über dem Regenbogen. 😉 Pass´ auf Dich auf, mehr Liebe geht nicht!

Und für morgen wünsche ich Dir alles Gute zum Geburtstag, kleiner Bruder! Ich liebe Dich!

Deine Marie 

15.5.17 23:06


Ein Brief in den Himmel

Wenn Du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es Dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache.

Aus "der kleine Prinz", von Antoine de Saint-Exupéry

 

Diesen Brief werde ich während der Trauerfeier für meinen Bruder vorlesen. Dafür gibt es keine Predigt. Es wird so ganz anders.

Lieber Hannes,

heute ist er nun da der Tag, an dem wir uns von einander verabschieden müssen, wo jeder seinen eigenen Weg gehen muss, ohne auf den anderen zurückblicken zu können, wenn Gefahr in Verzug ist. Es wird eine schwere, ungewohnte Zeit werden, wo wir doch immer wussten, dass wir aufeinander zählen konnten.

Warum das alles passieren musste, diese Antwort wird das Schicksal uns wohl schuldig bleiben. Warum genau zu dieser Zeit, an diesem Ort, genau das passierte. Aber es ändert nichts mehr. Ich muss lernen, mit der Endgültigkeit zu leben und dauerhaft zu überleben.

Ich hoffe so sehr, dass es Dir da oben über dem Regenbogen gut geht und ich weiß ganz genau, dass Du stets mit einem Auge zu mir runter schielst um zu schauen, dass ich mich an meine Versprechen halte und nicht ganz so viel Unsinn und Katastrophen produziere. Aber ich weiß auch, dass es genau das war, was Du an mir geliebt hast. Und ich war ja, als Deine große Schwester, 4 Minuten können die große Welt bedeuten, Dir stets ein guter Lehrer. Unsere Kindheit war toll, jedenfalls für uns. Viele Abenteuer haben wir gemeinsam bestanden und viele davon waren nicht ungefährlich. Ein Wunder, dass wir meistens mit einem blauen Auge davon gekommen sind. Vielleicht haben wir unsere Schutzengel da schon etwas zu viel strapaziert. Irgendwann kommt auch so ein Schutzengel mal in die Jahre und bekommt nicht mehr alles mit. Nur so lässt sich das alles letztendlich erklären. Ich weiß, dass ich Deine Geduld und Liebe sehr oft überstrapaziert habe. Das ich eben nie so war, wie es andere gerne gewollt hätten. Aber ich weiß genau, dass Du genau das geliebt hast. Du hast ganz oft zu mir gesagt, dass ich wohl nie wirklich richtig erwachsen werde, aber ich glaube, nun ist der Zeitpunkt gekommen, um genau das zu sein: Erwachsen!

Du warst der tollste Bruder, den man sich als Schwester wünschen konnte. Genauso warst Du für Deine Kinder der beste Vater auf der Welt. In vielen Herzen wirst Du eine große, nie mehr ganz schließende Lücke hinterlassen. Eine Lücke, die durch die Erinnerung an Dich gefüllt sein wird. Auch wenn wir hier heute nicht in Trauerkleidung stehen, nachher auch wieder lachen und lustig sind, wird das unseren Schmerz nicht lindern.  Ich liebe jeden einzelnen Tag, an dem ich Deine Schwester sein durfte. Hätte meine Liebe zu Dir Dich retten können, würdest Du ewig leben. Jeder Sonnenstrahl, jeder kleine Wind der durch die Bäume streicht, wird mich an Dich erinnern. Ich weiß genau, dass Du die Engel da oben bei Dir in Schach halten wirst und ich glaube, Du wirst auch weiterhin viel zu tun haben, um auf Deine Kinder und mich aufzupassen. Manche Dinge ändern sich eben nie. Mein Versprechen, wieder gesund zu werden, werde ich halten und auch, dass ich Dingen eine Chance in meinem Leben einräume, die ich vielleicht vor kurzer Zeit noch für völlig unmöglich gehalten hätte. Ich liebe Dich und pass´ da oben schön auf Dich auf, nicht das Dich die Engel ärgern! Und immer schön dran denken kleiner Bruder, „einer für Alle und alle für Einen!“ Und nun mach´s gut und suche Dir den hellsten Stern am Himmel, Deine Marie!

 

17.2.17 23:45


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