Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Schweigende Gedanken

"Weißt Du, was ich and Dir nicht verstehe?", wandte sich der Kopf fragend ans Herz. Das Herz blickte liebevoll auf und erwiderte: "Das ist Dein Problem lieber Kopf, Du versuchst immer alles zu verstehen."

Der Kopf ließ sich nicht beirren und setzte fort: "Du hast in der Vergangenheit schon so viel Schmerz erlebt und trotzdem hörst Du niemals auf zu lieben. Es wird auch in Zukunft Menschen geben die Dich verletzen und enttäuschen, macht Dir das überhaupt keine Angst?"

Das Herz antwortete sanft aber bestimmt: "Ich lebe niemals in der Vergangenheit oder einer möglichen Zukunft, so wie Du es tust. Ich schlage jetzt. Das was gestern war, kümmert mich nicht mehr. Über das Morgen sorge ich mich nicht, denn die Gegenwart ist der Ort, an dem ich zu Hause bin!"

Hier ist nun der Winter eingebrochen, buchstäblich mit Pauken und Trompeten. Ich kann mich kaum erinnern, dass ich so etwas in den letzten Jahren erlebt habe, aber seit gestern sitze ich wohl mitten im Weltuntergang. So viel Schnee, Blitze und Gewitter, einfach verrückt.

Es ist schön wieder zu Hause zu sein. Ich habe es vermisst, unter anderem meine zwei Papageien, welche mich munter den ganzen Tag bequatschen. Aber auch alles andere, die Ruhe, die Vertrautheit, einfach alles.

Niemand der ständig irgendetwas von mir will, mich piesackt oder sonstige Experimente an mir durchführen möchte. Ich glaube irgendwann werde ich sicherlich ein Trauma von den ganzen Spritzen, Infusionen, Nadeln, Skalpellen und Braunülen davontragen. Aber egal, irgendwann, ist es überstanden und irgendwann wird das keiner mehr tun müssen, dann werde "ich" hoffentlich wieder auf der anderen Seite des Schreibtisches sitzen, diese Rolle gefällt mir sowieso definitiv besser. ;-)

Ich habe mir eine kleine Ecke vor dem Kamin eingerichtet, dort lese ich, schlafe, träume, trinke Tee (türkischer Apfeltee ist zur Zeit mein Favorit) und denke leider viel zu viel nach. Es ist wohltuend dort zu liegen oder zu sitzen, die Wärme zu spüren, das Feuer zu beobachten. Viele Bilder schleichen sich ein, vieles was vergangen ist. Und manchmal schleicht sich auch wieder das Ungewisse ein. Die Angst, welche meine eigentlich gefestigte Euphorie ganz unsanft zur Seite schubst und mir mal wieder die A-Karte präsentiert. Ich möchte eigentlich keine Angst mehr haben, aber es gelingt einfach nicht dauerhaft, manchmal schon, aber nicht immer. 

Wie das so ist, zu Hause ist zwar zu Hause und eben nicht die Klinik, wo ich quasi alles vor die Füße getragen bekommen habe und fast auch noch für mich "gedacht" wurde. Zu Hause ist eben auch da, wo ich dann aufräume, meine Papageien versorge, meine Wäsche wasche (da hat sich schon einiges angesammelt in drei Wochen) und mir eben auch mal den Besen oder den Staubsauger schnappe. Anschließend merke ich dann immer sehr schnell, was ich lieber lassen sollte. ;-)

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Heute Nachmittag besuchte mich eine meiner Großtanten, also die Schwester meiner Oma. Ich glaube ich habe sie in meinem Leben höchstens ein paar Mal gesehen. Allerdings muss ich sagen, sie ist cool, sehr cool. Mit 85 Jahren, ist sie einfach der Hammer. Und Ausnahmen bestätigen hier absolut mal die Regel, nicht jeder in meiner Familie ist komplett danbeben. Es gibt auch einige wenige Exemplare, die ganz brauchbar sind. ;-)

"Marie, eins muss ich Dir einfach mal sagen, ich weiß einfach nicht, was Deine Mutter für ein Problem hat. Sie sollte stolz sein, eine Tochter wie Dich haben zu dürfen und diese ganzen Erwartungen die sie in Dich setzt, kann ich nicht verstehen. Du schläfst nicht unter der Brücke (dabei schaute sie etwas skeptisch auf meine, mit vielen Kissen und Decken bestückte, Kuschelecke vor dem Kamin....haha, na gut...), Du hast eine ganz gute Ausbildung (ganz gut...;-) und wenn Du nicht krank bist, tust Du was für Dein Geld. (meistens schon!) Deine Tochter ist wohlgeraten (absolut), obwohl Du immer gearbeitet hast und meistens alleine für sie verantwortlich warst. Ich weiß, wir haben uns nicht oft gesehen, aber ich möchte Dir einfach mal sagen, dass ich Dich bewundere und stolz bin, jemanden wie Dich in meiner Familie zu wissen. Ich selbst habe leider keine Kinder und wäre stolz, eine Tochter wie Dich zu haben. Deine Mutter weiß überhaupt nicht, was für einen Schatz sie da hat."

Sagte sie mir einfach so, nahm mich in den Arm und Marie heulte, bestimmt mal so eine halbe Stunde. Das war unerwartet. Ich bin verwirrt, wie gerade sowieso öfters und ich weiß gar nicht so richtig was ich davon halten soll. Mir stockt gerade noch etwas der Atem, wenn ich daran denke. Aber es tut gut, so verdammt gut. Nächste Woche kommt sie wieder und wir wollen einfach reden, Kaffee trinken, wenn das Wetter schön ist, vielleicht etwas spazieren gehen. Sachen gibt es....

Kurz darauf kam Frank, um nach dem Rechten zu sehen. Er sagt es nicht direkt, aber ich weiß genau, er wüsste mich lieber zur Zeit noch in der Klinik aufgehoben, anstatt hier zu Hause. Schon witzig, das Gleiche hat mir heute morgen ein anderer Freund auch, mehr oder weniger, direkt gesagt. ;-) Mhm. Jedenfalls habe ich mir von Frank dann erstmal kräftig in den Arm zwicken lassen, nur um sicher zu gehen, dass ich den Besuch meiner Großtante nicht geträumt habe. Schlechte Idee, nun habe ich einen riesigen blauen Fleck am Oberarm...Dank der Antikoagulantien. Aber da sehe ich wenigstens, dass ich mich in der Realität befinde. Auch gut. 

Mein Papa hat, seit ich immer mal in der Klinik bin, im letzten Jahr gelernt, SMS zu schreiben. Naja, sagen wir, es war immer recht knapp. Eigentlich kam immer nur "Hallo"! Meine Antwort war dann immer etwas länger, aber mehr Konversation folgte dann nicht. War ihm zu anstrengend mit diesem "Getippe". Es hat ihm gereicht, dass er dann eine Antwort von mir hatte und er war zufrieden. ;-)

Nun hat er seit gestern "Whatsapp". Lustig für alle Beteiligten. Heute kam dann der erste zaghafte Versuch. "Lebst Du noch".... ist zwar in Anbetracht der Gesamtsituation etwas unpassend, aber da es mein Papa ist und ich weiß wie er das meint, konnte ich mir ein Grinsen nicht verbeißen. Daher antwortete ich "Atmung und Puls vorhanden, also ja!".....Antwort von ihm: "Weiter so!" Ich muss jetzt noch lachen! ;-)

Übermorgen gehts wieder nach Heidelberg. Meine Vorfreude ist recht bescheiden, aber immerhin steht schon Chemo 5/12 an und d. h. nichts anderes als: "fast Halbzeit". Ich hoffe das sich die Nebenwirkungen wieder in Grenzen halten. Meine Blutwerte sind so lá lá....nicht ganz so berauschend. Die Nierenwerte tanzen gerade wieder etwas am oberen Rand der Norm rum, die Entzündungswerte sind nicht optimal. Am Freitag, soll dann nochmal eine Biopsie vom Nierengewebe entnommen werden. Das wird aber in Lokalanästhesie durchgeführt und ist fast gar keine großartige Sache. Also ich bin ja Profi mittlerweile und so ein kleines Biopsiechen werde ich wohl schaffen. ;-) Ist ja auch nur zur Vorsicht, also rein prophylaktisch...na klar, für nichts anderes! Schließlich habe ich ja nur noch diese eine Niere und darauf muss gut aufgepasst werden. Ich hoffe es ist wirklich so einfach.

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Witze kann ich ja wirklich ganz schlecht wiedergeben, ich bin da besser im Zuhören und dann lachen, allerdings habe ich gerade einen gelesen und den muss ich jetzt einfach mal an Euch weitergeben:

Vier Regenwürmer werden in vier separaten Reagenzgläsern platziert:

Der erste Wurm in Bier,

der zweite Wurm in Wein,

der dritte Wurm in 12 Jahre altem Whiskey

und der vierte Wurm in Mineralwasser.

Am nächsten Tag zeigt der Lehrer die Ergebnisse:

Der erste Wurm im Bier: tot

Der zweite Wurm im Wein: tot

Der dritte Wurm im 12 Jahre alten Whiskey: tot

Der vierte Wurm im Mineralwasser war der einzig Lebende und ist gesund.

Der Lehrer fragt die Klasse:

"Was lernen wir aus dieser Erfahrung?"

Ein Mädchen antwortet:

"Wer Bier, Wein und Whiskey trinkt, hat keine Würmer!" ;-)

 

17.1.18 20:24

Letzte Einträge: Mäuse-Luftwaffe und so ;-), Frühling vs. Herbst und der verwunschene Prinz ;-), Im Auge des Hurricans, Ein Kalender zum Advent, Geduld

bisher 6 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Helga / Website (17.1.18 20:38)
Liebe Marie,
der Witz ist klasse !
Logo, daß Deine Freunde Dich lieber in Obhut sehen würden, aber die paar Tage daheim werden Dir neue Kraft geben. Die nächste Chemo steht ja vor der Tür und klar drücke ich weiter Däumchen. Diese Biopsien meisterst langsam als Profi, aber ich ahne die leise Furcht in Deinem Herzen. Die Großtante hat Dir auch Mut gemacht - also bleibe optimistisch, bitte.
LG Helga


mausfreddy (17.1.18 23:01)
Hallo Marie!
Deine Großtante ist mir sympathisch.
WhatsApp hab ich auch erst vor einem Jahr gelernt.
Jetzt bin ich immer mit meinen Töchtern, Enkel und Freundinnen verbunden. Finde es super. Hier ist auch ständig Schneegewitter.
Hoffe morgen geht der Sturm gut über die Bühne.
Ich wünsche dir, dass deine 5. Chemo auch ohne oder wenige Nebenwirkungen bleibt. Bis dahin genieße dein Zuhause.
Es ist einfach schön, wenn man nicht ständig unter Beobachtung steht und tun und lassen kann was man will.
Dein Witz ist gut. Lachen ist gesund.



(18.1.18 07:25)
merry-n
So wie es aussieht, geht doch gerade alles für dich in die richtige Richtung. Das freut mich für dich!
Dass du unerwartet familiären Beistand bekommen hast in Form einer Großtante ist bestimmt eine große Freude und Unterstützung.
Genieße dein Zuhause am Kamin, denn bei dem scheußlichen Wetter gibt es doch nichts Gemütlicheres!


padernosder (18.1.18 14:34)
Hallo Marie,

an Deinem Beispielt sieht man, daß es eben einen großen Unterschied aus macht, ob man Dinge nur für sich selbst weiß, oder ob man sie "von außen" bestätigt bekommt.

Ich meine, sich selbst als "tolles Wesen" zu empfinden, ist eigentlich selbstverständlich, wird aber von vielen Menschen als "arrogant" empfunden. "Demütig sein" soll der Mensch, einsichtig in seine Unvollkommenheit. Doch das ist Unsinn, denn wir sind als Menschen alle "unvollkommen", was aber nicht ausschließt, daß jeder Mensch für sich ein tolles Wesen und "die Krönung der Schöpfung" ist.

Für mich eine ganz wichtige Frage, inwieweit wir Menschen es "wagen", so zu denken, daß es für uns selbst zum größtmöglichen Vorteil gereicht. Der Staat und die Kirche wollen nicht wirklich das "mündige", selbstsichere Individuum, denn dieses würde über die Vorgaben und Regeln lachen, mit denen beide Institutionen uns am Gängelband halten wollen.

Das Problem des Einzelnen ist eben, daß er sich nie ganz sicher ist, ob er dem, was er selbst denkt und fühlt, trauen kann.


Anja Herbig / Website (19.1.18 18:20)
Hallo liebe Marie,
da hast du ja einen guten FANG mit deiner Großtante gemacht..., hat mich an meine Tante erinnert.
Die doch glatt vor einigen Tagen, so etwas ähnliches zu mir gesagt hat. Ehrlich, sie hatte gesagt; deine Eltern sollten dich mal leben lassen und stolz auf dich sein...!
Na ja, und wo ich das von deiner Großtante gelesen habe, musste ich gleich anfangen zu weinen. Irgendwie, ist es ja auch schön!
DANKEschön, für dein SEIN und inspiriest mich ungemein.
Deine ANJA


Mirco / Website (22.1.18 05:07)
Den Tee "Türkischer Apfel" habe ich auch hier in China, er ist tatsächlich überragend.
Eine coole Tante, die Oma, der solltest Du öfter mal zuhören...
Weiterhin gute Besserung - Du bist jetzt ganz bestimmt auf dem richtigen Weg.

Viele Grüße

Mirco

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