Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Lagerkoller

Bevor ich meinen letzten Eintrag fortsetze, muss ich mir erstmal meine aktuellen Emotionen und Gedanken von der Seele schreiben.

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Ich glaube heute hat mich der "Lagerkoller" vom Feinsten erwischt. Nach einer Entbindung nennt man dieses "Abfallen der Hormone" - "Babyblues-Heultage". Da es hier bei mir aber weit und breit kein Baby gibt, jedenfalls keines was ich mir auf die Stirn schreiben könnte, wird es wohl daran liegen, dass ich gerade einfach die Nase ziemlich voll habe. Morgen hat meine Tochter Geburtstag, ihren 18. noch dazu und ich liege hier rum, dabei wäre ich morgen einfach gerne bei ihr.

Zwei Wochen bin ich nun hier und ein wirkliches Ende ist immer noch nicht in Sicht. Gestern hatte ich mir so ganz heimlich ausgemalt, dass ich evtl., so ganz vielleicht, heute nach Hause hätte gehen können, aber das waren wohl eher Wunschgedanken. Ich hatte mal so ganz vorsichtig diese Möglichkeit angesprochen, nachdem ich aber mal wieder vielsagende Blicke kassiert hatte heute morgen, habe ich diese Idee erst gar nicht weiter verfolgt.

Och, ich denke irgendwann werden hier Worte wohl völlig überbewertet sein und wir verständigen uns am besten nur noch mit der Gesichtsmimik. Bekomme ich bestimmt hin. ;-)

Ich schaffe es mittlerweile alleine aufzustehen und mich im Schneckentempo ins Bad zu bewegen. Klappt. Meistens. Gut, nicht immer, aber meistens. Mein bekanntes Problem ist ja nun, sobald irgendetwas wieder irgendwie funktioniert, möchte ich das auch unbedingt dann schaffen. Ohne Hilfe. Das andere Problem wäre dann immer noch mein sehr bescheidener Blutdruck, der es einfach nicht kapieren will, dass er jetzt mal wieder Werte erzeugen sollte, die mich länger als 10 min. auf meinen Beinen halten. Aber ich lerne damit umzugehen und bevor ich mir noch eine Beule, Platzwunde oder was auch immer einhandel, lege ich mich halt hin, wenns blöd wird.

Diese Taktik kam heute nicht ganz so gut an, beim diensthabenden Stationspfleger. Nach meinem schweißtreibenden Zähneputzen, war mir bewusst, "lange stehst Du hier nicht mehr". ;-) Somit habe ich mich eben ins Bad gelegt, Beine etwas erhöht auf einigen Handtüchern. Ist ja nicht so, dass ich keine Ahnung hätte und dieses ständige klingeln wegen jedem Fitzelchen, ist ja irgendwann auch blöd und nervig.

Als Pfleger Jürgen ins Zimmer kam und mich nicht da vorfand, wo ich eigentlich sein sollte, klopfte er an die Badtür. 

"Alles ok da drin?"

"Öhm, naja, im Moment schon, bleiben Sie mal lieber draußen!"

"Darf ich reinkommen?"

"Wenn es denn unbedingt sein muss, aber bitte nicht wundern."

"Was machen Sie denn da?"

"Nach was sieht es denn aus? Ich wollte mal sehen, ob die Fliesen unter dem Waschbecken ordnungsgemäß verfugt sind."

Ich habe es genau gesehen, er hat die Augen gerollt! ;-)

"Haben Sie sich verletzt?"

"Nein!"

"Sie sollten da nicht rumliegen, viel zu kalt, dass ist nicht gut nach dieser Operation und Sie hätten klingeln können, wenn Ihnen nicht gut ist."

"Weiß ich alles. Aber ich bekomme das schon hin."

"Das glaubt mir nachher wieder keiner."

"Ist auch besser! Und Sie werden mich auch nicht verraten!"

"Darf ich der gnädigen Frau nun mal endlich auf die Füße helfen und sie in ihr Bett geleiten?"

"Mir bleibt wohl nichts anderes übrig!"

Ja, so ist das. Kaum habe ich mich selbst gerettet, ist es auch wieder nicht richtig. ;-) 

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Und es ist ja auch nicht so, dass hier keine neuen Ideen im Bespassungsprogramm an der Tagesordnung stehen würden, so kam heute der Kardiologe um mich nochmals zu untersuchen, gehört wohl zur Routine aufgrund der erfolgten Reanimation. Nicht das ich am Ende noch an etwas sterbe, was gar nicht zum "Krebsprogramm" dazugehörte. Wäre ja auch wieder blöd für die Statistik. 

Ja, mein Blutdruck und mein unregelmäßiger Puls macht meinen Ärzten etwas Sorgen. Mir eigentlich gar nicht so, ich arrangiere mich gerade damit und versuche durch meine Selbstrettungsaktionen nicht unnötig aufzufallen, klappt aber auch nicht immer. ;-) 

Morgen soll nochmal ein Herzkatheter nach dem rechten schauen, nicht das da irgendwas schief läuft. Da könnte ich jetzt ehrlich gesagt darauf verzichten. Die Begründung "wir wollen morgen nochmal schauen, ob alles in Ordnung ist, die Gefäße frei sind und außerdem sind Sie ja jetzt auch langsam in so einem Alter..." fand ich jetzt nicht so überzeugend.

Langsam in so einem Alter???? Aha, so ist das also. Ich bin keine 20 mehr, dass ist mir schon klar, aber in so einem Alter??? Nö, nö und nochmals nö! 

Ich weiß, die meinen es alle nur gut und wollen auf Nummer sicher gehen. Aber dafür bin ich gerade wohl etwas zu zart besaitet. Mitten in mein "Gefühls- und Midlifecrises-Dilemma" platzte mein Physiotherapeut herein, der erstmal komplett überfordert mit mir war.

Gut, verstehe ich, ich bin gerade manchmal selbst mit mir überfordert. Nach einer kurzen Weile hatte ich mich aber wieder weitgehend im Griff, so dass ich meine Geh- und Atemübungen machen konnte. Atemübungen beim Heulen kommen nämlich so gar nicht gut.

Ach mensch, ich möchte einfach langsam nach Hause. Ich ertrage gerade diese Atmosphäre hier nicht mehr. Diesen Krankenhausgeruch, diese Sterilität, diese Überbesorgnis und diese ständigen neuen Ideen.

Ich wusste schon immer, dass an dieser ganzen Adelsgeschichte was faul sein musste. Von wegen Prinz auf einem weißen Pferd rettet die Prinzessin. War ja klar, dass da auch wieder ein Haken ist. ;-)

9.1.18 23:47

Letzte Einträge: Mäuse-Luftwaffe und so ;-), Frühling vs. Herbst und der verwunschene Prinz ;-), Im Auge des Hurricans, Ein Kalender zum Advent

bisher 13 Kommentar(e)     TrackBack-URL


padernosder (10.1.18 06:15)
Hallo Marie,

wie so oft liegt bei Deinen "Zustandsbeschreibungen" das Lachen nicht weit vom Weinen. Du als "Betroffene" findest natürlich weit weniger Grund zur Heiterkeit, ich kann Deinen "Koller" gut nachvollziehen. Beim Schreiben ist das dann wiederum eine "etwas andere Geschichte".

Im Moment mußt Du eben zusehen, daß Du mit den Gegebenheiten bestmöglich zurecht kommst. Der Satz: "Das Leben ist kein Wunschkonzert" trifft es in Deinem Fall leider genau. Dein Wille und Dein Verstand ist gefragt, diesen inneren Widerstand gegen das gegenwärtige "Sein" zu überwinden.

Und Du weißt ja: "Humor ist, wenn man trotzdem lacht." Also, wie sagst Du in einem solchen Fall: "Arschbacken zusammenkneifen" und die Tage überstehen. Deine "Peiniger" werden keine Lust haben, Dich ewig zu behalten. ;-)


Maccabros (10.1.18 06:23)
Alles verständlich und ja, sie meinen es nur gut, selbst wenn es anfängt zu nerven und der Lagerkoller da ist - halte durch und es wird doch besser werden, denn DU schaffst das

ich wünsche Dir einen positiven Tag


Helga / Website (10.1.18 06:45)
Moin liebe Marie,
so einen Lagerkoller kenne ich zur Genüge. Ich wünsche Dir von Herzen. daß jetzt wirklich langsam alles gut wird. Mein Blutdruck und Puls machen auch oft, was mir nicht passt. Habe gestern am frühen Abend noch 1 g Cortison per Infusion bekommen und entsprechend unruhig war meine Nacht. Das positive, ich schaffe wieder ein paar Schritte ohne Hilfe zu laufen und kann auch kurz stehen. Kann gut nachempfinden, wie Du kämpfst. Das nicht bei Deiner Tochter sein kannst, tut mir leid. Aber sie hat bestimmt Verständnis für Dich.
GLG Helga


Twity-Autor / Website (10.1.18 11:05)
Hallöchen liebe Marie,

wenn du irgendwann in der Lage bist wieder "Bäume auszureißen", dann kannst du den Geburtstag deiner Tochter mit Pauken und Trompeten unvergesslich für sie nachholen. :-) :-) :-) Schliesslich wird man ja im Leben nur einmal erwachsen! :-) :-)

Höchste Priorität hast nun einmal im Moment "DU", liebe Marie. Denn nur eine gesunde Mutter kann für sie in jeder Situation da sein und auch Freundin und Mutter zugleich sein. Dass du nach der langen Krankenhaus-Zeit einen Koller bekommst, ist nun echt kein Wunder, den hätte wohl jeder. Durch den Geburtstag deiner Tochter wird er vermutlich noch verstärkt. Wenn man dann das Kopfkino einschaltet, kommt man da nur schwer selber heraus. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben. Du musst also nicht traurig sein. Die Situation ist nun einmal gerade so, wie sie ist und für deine Tochter ist bestimmt das größte Geburtstagsgeschenk, dass die Mama nach der schweren OP am Leben ist. Dröhne dich einmal mit guter Musik voll, dass hat schon so manchen geholfen. Oder schreibe eine Matratzen-Synfonie, dass lenkt auch ab. :-) :-)
Nur bitte keine "Dummheiten" machen und einen Sturz oder so riskieren, dies wäre nämlich kontraproduktiv.
Also schön auf dich aufpassen, denn deine Tochter braucht dich noch in ihrem Leben! :-)


Twity-Autor / Website (10.1.18 13:44)
Mir ist gerade noch spontan eingefallen:

"Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei...." :-)
Ist zwar nicht von mir, aber es trifft was ich noch in positiver Hinsicht sagen möchte. :-) :-) :-)

LG Twity-Autor


ide02 (10.1.18 17:03)
Vielleicht ist das weiße Pferd des Prinzen ein Arztkittel? ;-)
Kann mir sehr gut vorstellen, dass du im KH ein Lagerkoller bekommst. Für mich war das bisher auch nie was und habe immer fünf Kreuze gemacht, wenn ich wieder Heim durfte. Die Vollkrise habe ich bekommen als ich meine Tochter geboren habe. Jeden Tag habe ich eine andere Zimmergenossin bekommen und meistens kamen sie nachts als Notfall. Heißt: Schlief mal das Kind, dann war trotzdem immer eine Unruhe im Raum. Geschlafen habe ich also gefühlt gar nicht. Sollte daher noch mal ein zweites Kind kommen, werde ich wohl direkt nach der Geburt Heim gehen...;-)


(10.1.18 17:20)
merry-n
Auch, wenn dein Eintrag wegen deinem Galgenhumor recht launig klingt, kann ich mir gut vorstellen, dass dahinter gleich die Angst und die Ungeduld lauern. Und es ist bestimmt nicht leicht, diese Dämonen auf ihre Plätze zu verweisen. Aber du bist eine Kämpferin und wirst letztendlich alle dunklen Gedanken besiegen. Der Humor wird stärker sein und am Ende des Tunnels scheint die Sonne!


Indianwinter (10.1.18 18:12)
...ohne Galgenhumor wohl kaum durchzustehen.
Das kenne ich, dieses Gefühl, nicht von der Stelle kommen und die Situation aushalten müssen, Ungeduld ist leider mein zweiter Vorname.
Liebe Marie, ich denke auch, das größte Geschenk für deine Tochter ist doch im Moment sicher, dass du noch für sie da sein kannst-alles andere holt ihr einfach später nach.
GLG, Barbara


mausfreddy (10.1.18 19:42)
Hallo Marie!
Ich hätte den Lagerkoller schon viel eher bekommen.
Ich habe panische Angst vor Krankenhäusern. Ich würde
daran sterben. Ich bewundere dich für dein Mut die ganze Zeit.
Deine Tochter ist sicher froh, das es dich noch gibt. Ihr feiert den Geburtstag nach. Versuche keine Experimente mehr zu machen, damit dir nichts passiert. LG mausfreddy


Mirco / Website (11.1.18 06:33)
Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt! Von daher noch etwas durchhalten und keinen Blödsinn mehr machen.

Viele Grüße aus Ningbo

Mirco


Faradei (11.1.18 13:17)
Liebe Marie,
Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
Du beschreibst mir ein déjà-vu. Es war mir vor 7 Jahren ähnlich ergangen. Das ganze Gekabel und Geschläuch hat sich in der nasszelle friedlich auf mich gelegt und es war mir gar nicht recht, dass man mir diese Ruhe nicht gegönnt hat.


Pascale (11.1.18 20:37)
Ja, Humor ist, wenn man trotzdem lacht....:-)


Anja Herbig / Website (12.1.18 01:24)
Hallo liebe Marie,
mh bei der einen Sache musste ich etwas lachen Pfleger und zu Pflegenden... Hat mich an meine Pflegearbeit erinnert..., man ist trozallem irgendwie immer auf Späße aus. Aber machen würde ich jetzt am liebsten echt etwas anderes, Kindheitsherzenswunsch erfüllen und ich arbeite daran. Freu. Überhaupt, habe schon FANS, hätte ich nicht gedacht; dass ich so schnell für meine Idee Lieder auf Gebärdensprache übersetzten FANS habe. Aber nun ja, mal sehen was noch daraus wird. Auf jedenfall hatte es mich gefreut, dass da auf einmal so Mädels kommen und meine Idee so toll finden.
Wünsch dir weiterhin eine schöne Zeit... wie auch immer und lass es dir gut gehen.
Herzliche Grüße
ANJA

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