Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Im Auge des Hurricans

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Heute bin ich zumindest schon mal wieder fast überzeugt, die Nebenwirkungen wahrscheinlich doch zu überleben. Jedenfalls für dieses Mal. ;-) Gestern war ich mir da nicht immer so sicher. Meine Übelkeit ist heute etwas zurückhaltender und das macht schon mal sehr viel aus. Es rettet mich nicht komplett, aber es ist dadurch erträglicher. Insofern im Moment überhaupt irgendetwas erträglich ist.

Wenn mich dieser Krebs nicht ins Grab bringt, ich bin überzeugt, meine Mutter schafft es. Jetzt hat sie den Volkstrauertag halbwegs verdaut, jedenfalls bis zum nächsten November, da geht’s grad mit dem Krippenspiel ohne Gnade weiter.

Eigentlich wollte ich ihr gar nicht mehr die Tür aufmachen, aber irgendwie hat sie die Gunst der Stunde heute Morgen genutzt und ich bin nun um eine weitere Erfahrung reicher. Eigentlich erwartete ich meine Freundin Gabi, die mich, während ich duschte, beaufsichtigen wollte. Die Schmach, dass es mir evtl. im Eva-Kostüm beim Duschen schlecht wird und Frank mich dann aus der Dusche ziehen hätte müssen, wollte ich mir dann doch nicht geben. Auch wenn er sicherlich schon schlimmeres gesehen hat in seinem bisherigen Krankenpflegerleben. ;-)

Als es somit klingelte, drückte ich auf den Türöffner, ohne zu schauen, wer da kam. Gut, ich hätte es eigentlich besser wissen müssen, Gabi ist nie zu früh oder annähernd pünktlich. Übrigens eines unserer wenigen Streit- und Konfrontationspunkte. ;-)

Wer dann wie ein mittlerer Hurrican in mein Wohnzimmer brauste, war niemand weniger, als meine Mutter. Gerade vom Friseur kommend, frisch gestylt, das blühende Leben.  Ich fühle mich im Moment sowieso gerade echt mies, in den Spiegel habe ich gestern mal geschaut, ansonsten vermeide ich das gerade. Natürlich war ich alles andere als auch nur annähernd gestylt, ich sehe eher gerade aus wie nach zwei Wochen Dschungelcamp. Blass, ziemlich dünn (für meine Verhältnisse jedenfalls dünn), meine Augen im Moment viel zu groß für mein Gesicht. Meine Haare, hahaha, irgendwas wuscheliges undefinierbares oberhalb meiner Stirn. Dann noch als I-Tüpfelchen meines Stylings, saß ich  in meiner karierten ;- ) Pyjamahose, dicken Wollsocken, weißen Top und einem mindestens zur Zeit zwei Größen zu großen Sweatshirt und dicken Wollschal um den Hals, in der Ecke auf meiner Couch und erwartete, dass der Wirbelsturm sich entfaltete. Ich war sozusagen im Auge des Hurricans.

Zu Ihrer Verteidigung muss ich zugeben, sie wusste nicht, dass ich diese Woche wieder in Heidelberg war und dort mit der Chemo begonnen hatte. Allerdings sehe ich mich gerade auch nicht veranlasst, sie über meine Lebensgestaltung in Kenntnis setzen zu müssen. 1. Weil es sie eigentlich sowieso nicht interessiert und 2. Da ich sowieso nichts richtig mache.

Unser doch eher kurzes Gespräch, gestaltete sich wieder sehr aufregend. Ich war hinterher wieder fix und fertig.

 ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

„Na Du siehst ja aus heute Morgen, es ist 10 Uhr und Du warst noch nicht im Bad?“

„Tut mir leid, habe ich noch nicht geschafft.“

„Warst Du feiern gestern? Du solltest Dich nicht so gehen lassen.“

„Feiern?“

„Ja, feiern, Party, Alkohol usw.“

„Nein, nicht wirklich.“

„Könntest Du mal in ganzen Sätzen mit mir reden?“

„Nein, außerdem kommt Gabi gleich und passt auf, während ich dann endlich im Bad bin.“

„Wozu brauchst Du da Gabi? Das ist doch diese…“

„Genau, meine Freundin und nicht diese..“

„Wieso passt sie auf? Bist Du krank?“

„Mama, also diese Frage hast Du mir jetzt nicht ernsthaft gestellt?“

„Du meinst wegen Deinem Krebs?“

„Meinem Krebs?? Merkst Du eigentlich noch irgendetwas?“

„Naja, ich dachte das wäre alles jetzt soweit überstanden, Du hast doch letzte Woche nochmal irgendwas entfernt bekommen, wo Du nicht erreichbar warst.“

„Irgendwas, Du hast absolut keine Ahnung, oder?“

„Naja, die Medizinerin bist ja wohl immer noch Du. Was ist denn nun mit Dir?“

„Falls Du es nicht mitbekommen hast, wie auch immer das möglich ist, ich habe immer noch Krebs und es ist schlimmer geworden. Am Montag habe ich mit einer neuen Chemotherapie begonnen und es geht mir ehrlich gesagt nicht sonderlich gut. Wenn Du es genau wissen möchtest, ich schaffe es im Moment kaum mich länger wie 10 min aufrecht zu halten und ich habe starke Schmerzen, aber alles gar kein Problem, mit „meinem“ Krebs.“

Sie hat nichts mehr gesagt dazu, einfach das Thema gewechselt, bzw. damit weitergemacht, warum sie eigentlich da war.

„Ja, ich wollte fragen, wie es mit dem Krippenspiel aussieht? Pfarrer Ludwig meinte Du wolltest es Dir überlegen und Du hättest Dich noch nicht gemeldet.“

„Krippenspiel?“

„Ganze Sätze, Marie.“

„Stimmt, das habe ich leider vergessen, aber wenn Du so regen Kontakt mit ihm führst, darfst Du gerne ausrichten, dass ich es dieses Jahr nicht übernehme. Ich schaffe das nicht, ich habe alle zwei Wochen Chemo und ich denke es wird künftig mit den Nebenwirkungen nicht viel besser werden.“

„Das ist aber jetzt echt blöd, ich glaube er hat fest mit Dir gerechnet. Ich weiß gar nicht, wie ich das nun vermitteln soll. Erst der Volkstrauertag, nun das wieder.“

„Sag mal, ist das gerade Dein einziges Problem? Das ich mal wieder nicht Deinen Vorstellungen entspreche? Meinst Du nicht, es gibt gerade wichtigeres? Mein Leben zum Beispiel? Ich würde nämlich gerne noch einige Jahre leben und genau dafür nehme ich diese ganze Schinderei auf mich. Es wird Weihnachten werden, so wie jedes Jahr, auch ohne mein Zutun. Letztes Jahr ging es doch auch. Vielleicht sollte ich mich stellvertretend noch an Kreuz nageln lassen.“

„Jetzt werde mal nicht unsachlich und Dein Ton mir gegenüber ist mehr wie unangemessen. Pfarrer Ludwig hofft aber, dass Du Dir eine nette Geschichte für die Kinder einfallen lässt.“

„Ich bekomme das aber gerade einfach nicht hin. Es wird auch mal nach Schema F gehen. Maria, Josef, Jesuskind, Krippe, Esel, Schafe, Kamele, Hirten und die 3 Könige. Geschichte fertig. Glocken läuten, Weihnachten.“

„Also Marie, Du kannst einem wirklich alles verderben.“

„Ja, so wie immer halt.“

„Dann brauche ich Dich wohl jetzt erst gar nicht fragen, ob Du am Samstag zur Treibjagd und Welpentaufe erscheinst?“

„Du erwartest jetzt keine Antwort hoffe ich doch. Und die Dackelwelpen werden auch ohne meinen Beistand getauft werden können, Hugo, Egon, Walter, fertig, Waidmannsheil!“

„Du machst mir aber auch wirklich das Leben schwer und meine Sorgen könntest Du ruhig mal ernst nehmen, jetzt stehe ich morgen wieder alleine da.“

„Ja, natürlich, Deine Sorgen, was auch sonst.“

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Glücklicherweise kam in diesem Moment Gabi und rettete mich. Meine Mutter kann Gabi nicht leiden. Wie sie eigentlich alle meine Freunde und Freundinnen nie leiden konnte. Aber das ist mir egal und spielt für mich keine Rolle. Sie dampfte ab und hinterließ mal wieder Trümmer. Trümmer in meinem Selbstwertgefühl. Das Unheil in Person.

Ich war so aufgeregt, dass Gabi beim Blutdruck messen ziemlich erschrocken war. Herzfrequenz: 184/min. Das schaffe ich normalerweise nur nach 30 min joggen. Zumindest ist jetzt klar, wo die Redewendung, jemanden auf 180 bringen, herkommt. Meine Mutter hat sie ins Leben gerufen, da bin ich mir ganz sicher.

Meine Körperpflege brachte ich dann ohne größere Katastrophen hinter mich. Die Haare fallen unaufhörlich. Für manche Körperstellen ist das gar nicht so schlimm, dass wird mir künftig einiges an Zeit einsparen. ;-)

Heute Mittag habe ich es dann gewagt und tatsächlich meinen Psychoheini angerufen. Eigentlich wollte ich das nicht, aber ich habe es dann doch getan. Es wurde ein längeres Gespräch und hinterher ging es mir ein wenig besser. Diese Seelenstrips sind merkwürdig, aber vielleicht helfen sie ja doch.

Die Blutwerte von gestern waren zum Teil nicht besonders gut. Wieder schlägt das Ganze massiv auf meine Gerinnungswerte. Somit ist wieder äußerste Vorsicht geboten. Morgen bekomme ich dann nochmal Thrombozyten zugeführt, damit das nicht wieder ins bodenlose rutscht.

Also die Rattengifttheorie beschäftigt mich ja schon noch. ;-)

24.11.17 21:32

Letzte Einträge: Menschen......Seele, Mäuse-Luftwaffe und so ;-), Frühling vs. Herbst und der verwunschene Prinz ;-)

bisher 8 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Faradei (25.11.17 01:20)
Marie, keine Angst, sie kann nicht das Zentrum eines Hurricans sein, sie ist eine bedauernswerte empathielose Kreatur einer gesellschaftlichen Büroklammer.
Ich wünsche mir, dass du darüber wenigstens schmunzeln, im besten Fall herzlich lachen kannst.


Helga / Website (25.11.17 08:15)
Liebe Marie, ich kann mir das nach Deinen Ausführungen regelrecht vorstellen - Du als Häufchen Elend hingekauert und dieser Drachen von Mutter - herzliches Beileid ! Es ist kaum zu fassen, das so etwas nicht in ihren Dickschädel reingeht . Wenigstens merkst eine kleine Besserung - das ist doch schon mal gut. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen Durchhaltevermögen - allen Widrigkeiten zum Trotz! GLG Helga


Anja Herbig / Website (25.11.17 11:36)
Hallo liebe Marie,
DANKE noch mal für deine Glückwünsche gestern. Ich habe mir gestern zwar ruhe und frieden gewünscht. ABER nee, da kam doch glatt am ABEND noch eine SCHARRRRR voll Gäste, eher nur meine Eltern und eine meiner Schwestern. Toll, ich war ehrlich weniger begeistert. Den ich wurde schließlich vor her noch gefragt, was wünscht du dir den zum Geburtstag und zu Weihnachten. Habe nur gesagt ruhe und frieden, Geburtstag/Weihnachten allein oder mit mein Freund. Aber bloß keine FRESSorgien oder was weiß ich. Dazu muss ich sagen, habe tolle Geschenke bekommen; die ich gleich zum weiter verschenken/verkauf auf ein Portal gesetzt habe. - dazu habe ich gefragt ob ich wohl so stincke, den es war Schampo und Pafum (nutze diese Artikel/Marke sowie so nicht). Ach, ja Geburtstagstehma Nummer eins war. "Würdest du, äh dich mit uns Selbstständig machen mit ....."! "NEIN"! Wenn ich dass machen würde hätte ich sicher vor der ARBEIT ein Burnout mit dieser ach so lieben Familie. Die waren so 2 Std. da und ich merkte wie mein KOPF anfing zu Platzen. GUT dass mein Schatzi kam und ich sagte; "Dann gehen wir mal ins BETT"! Hilfe, toller Geburtstag und heute geht es bei Mutter weiter (die hat nämlich heute, ich würde ja lieber weg bleiben). 30-60 Min. werde ich dort bleiben und dann gehen; bevor mein Kopf wieder an zu donnern an fängt.
Aber ehrlich, deine Liebe Mutter ist ja auf einen heftigen WEG. Echt schade, dass Sie nur an so Feiertagen usw. DENKT, da ist es ja gut das deine Freundin kam.
Wünsche einen schönen TAG und lass es dir gut gehen.
Herzliche Grüße
ANJA


mausfreddy (25.11.17 15:08)
Hallo Marie!
Ich begreife deine Mutter nicht. Ich waere mit todkrank wenn meinen Töchtern so etwas passierte. Ich spuere sehr oft, wenn es meiner aeltere Tochter nicht gut geht. Das war schon immer so.
Ich hoffe die Nebenwirkungen lassen dich jetzt wieder in Ruhe.
Ich druecke die Daumen. LG mausfreddy


(25.11.17 15:51)
Liebe Marie,
ich bin froh, dass es dir ein kleines Bisschen besser geht!
Was deine Mutter angeht: ich bin schockiert und sprachlos. Aber bekanntlich kann man nichts für seine Eltern! Stell dir vor, wie ein dicker, weicher Kokon dich umhüllt und schützt. Alles prallt daran ab. Es hat nichts mit dir zu tun!
Alles Liebe, merry-n


Twity-Autor / Website (25.11.17 18:16)
Liebe Marie,

du solltest ein Klingelzeichen mit deinen Freunden ausmachen, damit du nie wieder so eine "Überraschung" mit deiner Mutter unfreiwillig erleben musst.
Es lässt sich kaum in Worte fassen, wie egoistisch und unsozial deine Mutter dir gegenüber ist. Ihre Belange stehen im Vordergrund, egal wie es dir geht. Wenn es meine Mutter wäre, bekäme sie Weihnachten kein Geschenk, dass hat sie nämlich nicht verdient. :-) Und ich würde auch an allen Feiertagen einen Bogen um sie machen.
Im Grunde brauchst du sie nicht wirklich, eher sie dich...


pagina (26.11.17 10:18)
Liebe Marie,
mein letzer Versuch, etwas hier zu posten - aus welchem Grund auch immer gelingt mir dies seit gestern nicht...


pagina (26.11.17 10:26)
Das ist ja mehr als seltsam: Nun klappt es wohl - aber keine Ahnung, warum jetzt und gestern nicht ...
Was ich Dir gestern nur mitteilen wollte: Statt auf Deine Mutter wie auf "Autopilot" zu reagieren wäre es jetzt vielleicht interessanter (und nicht so kräftezehrend) für Dich, nur bei Dir zu bleiben und aufzuschreiben, wie Du Dich dabei fühlst, wenn sie dies oder jenes sagt, so oder so agiert ...weil Du sie nicht ändern kannst - aber Deine Reaktion auf sie.

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen