Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Sunshine through the rain

"Das Einzige, was es über das Leben zu lernen gibt, ist in drei Worte zu fassen: Es geht weiter!" (Zitat: Friedrich Schiller)

 

 

Ganz still und leise, dachte ich……..

Gestern und heute war viel los, so viel los, dass ich gerade mal wieder meinen Koffer gepackt habe und nun doch zum morgigen Seminar nach Hannover fahre. Eigentlich hatte ich alles vorerst auf Eis gelegt, aber ich muss weg hier.

Gestern versuchte der Pfarrer mal wieder sein Glück und irgendwie hatte genau der mir gestern noch zu meinem Glück gefehlt. Manche geben eben nie auf und wahrscheinlich liegt genau das in der Mission eines Pfarrers. Die halten gerne ihre Schäfchen zusammen. Nur so langsam besucht er mich eindeutig zu oft. Ob er Angst hat es könnte doch in die falsche Richtung gehen, wenn das Himmelfahrtskommando nach mir ruft? Harfe spielen und schön gucken wird wohl auch dann nicht mein Ding sein und ich schätze er weiß das genau. Er kennt mich schon lange und wir haben auch schon so einige kirchliche Dinge zusammen bewältigt, aber seit meiner Mittelfingergeschichte am Anfang meiner Krebsdiagnose, begegnet er mir kritisch. Aber er gibt eben nicht einfach auf.

„Liebe Marie, wie wäre es, wenn Sie mich jetzt in die Kirche begleiten. Jesus wartet auf Sie und es ist wohl nun an der Zeit, einiges klarzustellen.“

Ich habe mich im ersten Moment im Treppenhaus auf die Stufen gesetzt, denn irgendwie war es mir nicht möglich weiter stehen zu bleiben. Diese Woche oder die letzten Tage hatten es regelrecht in sich. Geschaut habe ich wohl wie ein Auto und der Pfarrer war direkt etwas besorgt.

„Ist Ihnen nicht gut?“ fragte er mich verunsichert. „Irgendwie gerade nicht so und ich glaube ein Besuch in der Kirche wäre jetzt keine gute Idee, außerdem bin ich für ein Gnadengesuch noch nicht bereit.“

„Ich möchte Sie trotzdem fragen, ob Sie vielleicht das Krippenspiel für den heiligen Abend übernehmen möchten? Der Kirchenvorstand und die Kinder würden sich freuen.“

„Also, eins muss ich Ihnen lassen, gute Nerven haben Sie wirklich. Ich glaube nicht, dass ich dieses Jahr sonderlich geeignet wäre, diese Aufgabe zu tragen. Ich werde nochmal darüber nachdenken, allerdings kann ich nichts versprechen.“

„Das ist ja immerhin schon mal besser, als ein direktes Nein. Gut, wir sehen uns dann am Volkstrauertag zur Andacht, es wurde mir mitgeteilt, dass Sie von Ihrer Familie das dieses Jahr übernehmen.“

„Da muss ich Sie leider enttäuschen, ich werde das dieses Jahr nicht übernehmen und überhaupt werde ich dies bzgl. gar nichts mehr tun. Dieses Kapitel ist für mich abgeschlossen. Tut mir leid, nein, eigentlich tut es mir nicht leid!“

„Ja, dann werde ich mich wohl nach jemand anderen erkundigen müssen und bzgl. des Krippenspiels warte ich auf Ihre Antwort.“

„Wie gesagt, ich kann nichts versprechen.“

Ich habe ja gerade an vieles gedacht, aber sicherlich nicht an das Krippenspiel. Eigentlich wollte ich dieses Jahr der Kirche auch an Weihnachten fernbleiben. Und eigentlich wollte ich Weihnachten gerne woanders sein, irgendwie weit weg, Hauptsache nicht hier.

Es dauerte exakt dreieinhalb Stunden, da klingelte es ziemlich energisch Sturm. Ich hörte es bereits am Klingeln, wer da um Einlass „befahl“. Nicht bat, nein, befahl! Natürlich meine Mutter. Und meine heimliche Hoffnung auf „ganz still und leise“, war in diesem Moment wie eine Seifenblase zerplatzt. Sie kann es einfach nicht lassen. Woran liegt das? Hört sie mir nicht zu? Ich hatte ihr einen Tag vorher unmissverständlich gesagt, dass erstmal Sendepause ist und ich sie vorerst nicht sehen, hören oder sonst was möchte. Und nicht mal einen ganzen Tag später, steht sie wie Montezumas Rache wieder vor meiner Tür. Ich weiß, eigentlich hätte ich gar nicht aufmachen sollen, aber leider habe ich es doch getan. Keine Ahnung warum!

"Wohl dem Menschen, wenn er gelernt hat, zu ertragen, was er nicht ändern kann, und preiszugeben mit Würde, was er nicht retten kann." (Zitat: Friedrich Schiller)

„Der Pfarrer hat mich angerufen und gesagt, dass er jemanden von der Familie für den Volkstrauertag bräuchte, da Du ja nicht bereit wärst die Kranzniederlegung zu übernehmen, was fällt Dir eigentlich ein? Es ist dieses Jahr Deine Aufgabe oder willst Du Dich wieder rausreden?“

„Es fällt mir gar nichts mehr ein, um ehrlich zu sein und ich glaube nicht, dass ich mich mit irgendetwas rausreden muss oder dass ich dies auch nur ansatzweise nötig hätte. Ich werde diesen Kranz nicht niederlegen. Nicht dieses Jahr und in keinem der kommenden Jahre. Außerdem habt Ihr mir gestern unmissverständlich klar gemacht, dass ich wohl kein richtiger Teil dieser Familie bin. Im Gegensatz zu Dir, höre ich nämlich relativ gut zu. Und ich sag es Dir gerne nochmal, ich möchte keinen Kontakt zur Zeit, weder zu einem Deiner Brüder, noch zu Dir. Ich habe Dich immer wieder in Schutz genommen, Deine Art und Weise irgendwie für mich entschuldigt, ich kann das einfach nicht mehr. Genau jetzt ist der Zeitpunkt, wo es einfach vorbei ist, ich muss mir nicht ständig von Dir sagen lassen, was für ein schlechter Mensch ich bin. Ein Mensch, der den Erwartungen nicht entspricht. Du sagst mir ständig, ich bin eine schlechte Mutter, dabei weiß ich es ganz sicher, dass ich das nicht bin und nie war. Wie kannst Du Dir erlauben so über mich zu urteilen, als meine Mutter. Hannes und ich wurden doch von unseren Großeltern und den Aupair-Mädchen großgezogen, weil Du nie „Nerven“ für uns hattest, alles war wichtiger und wir doch immer nur im Weg. Du weißt doch gar nicht, was eine Mutter eigentlich ausmacht. Und nun wäre es einfach besser, wenn wir uns vorerst aus dem Weg gehen.“

Seltsamer Weise kam kein Widerwort. Ich habe sie durch die Tür rausgeschoben, die Tür geschlossen und mich erstmal übergeben.

Ich weiß nicht, wie ich mich gerade fühle, ob ich gerade überhaupt etwas fühle. Aber eines weiß ich sicher, genau das musste ich ihr sagen. Genauso!

Alles ist im Moment besser, wenn sie nicht um mich rum ist, mich negativ beeinflusst. Ich finde es schlimm, dass es so ist, aber ich werde keine Fassade mehr aufrecht halten, nur damit alles so perfekt und makellos ausschaut.

Mein bisschen Leben, welches ich vielleicht noch vor mir habe, möchte ich friedlich verbringen. Und nicht Angst haben müssen, dass sich irgendein Teil dieser Familie, wieder etwas zusammenspinnt.

Und nun fahre ich zwei Tage nach Hannover, lenke mich mit Fachgesprächen etwas ab und versuche meine Gedanken und mein Gemüt etwas unter Kontrolle zu bringen. Ich weiß nicht ob es mir gelingt und ich glaube auch nicht, dass das in zwei Tagen zu schaffen ist.

Ich kann mich zur Zeit nicht auf Heidelberg und alles was daran hängt einlassen. Es geht einfach nicht. Dazu brauche ich Ruhe und Kraft, leider habe ich weder das Eine noch das Andere.

Ein wenig stolz bin ich dennoch auf mich, es kann sich niemand vorstellen, wieviel Mut und Standhaftigkeit es kostet, sich meiner Mutter zu widersetzen. 

Es hat 43 Jahre gedauert, viel Zorn und viele Tränen, aber letztendlich, habe ich den Mut gehabt, ihr das zu sagen, was einfach längst nötig gewesen wäre.

"Aber ich kenne sie und ich weiß, dass war noch nicht das Ende."

Ganz tief in mir weiß ich, dass es nur eine Möglichkeit gibt, ich muss hier für immer weg.

Wenn ich doch nur gesund wäre....

3.11.17 23:03

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bisher 11 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Anja Herbig / Website (3.11.17 23:58)
Hallo Liebe Marie,
ich gebe zu, ich bin auch weg von der Stadt gezogen wo meine Mutter wohn. Und ehrlich ist es nun viel viel ruhiger und schöner; ich habe so auch viel mehr Energie.
Aber ich denke du wirst dafür auch dein WEG finden.
Herzliche Grüße
ANJA


(4.11.17 00:22)
Chapeau, Marie!
Hast deine Protagonisten doch gut im Griff.
Da kannst du gut erkennen wie wehrhaftig du all deine Zeit bist. Das macht dich aus.
Wünsch dir zwei schöne Tage in Hannover, nicht nur mit Wissen scheffeln.
Gönn dir was.


padernosder (4.11.17 05:21)
Hallo Marie,

freut mich, daß Du den Schiller mit ins Boot geholt hast. Dann kannst Du Deiner Mutter natürlich auch zeigen, wo der Frosch die (G)Locken hat und Du weißt um die Räuber in Deinem Wald... Paß nur auf, daß der Kerl kein Drama aus Deinem Leben macht. Naja, die Heldin stirbt im dritten Akt, da sind wir wohl schon drüber weg. ;-)


Helga / Website (4.11.17 08:15)
Moin liebe Marie,
ich stelle mir das schrecklich vor, was da erlebt hast mit dem Pfarrer und der Mutter - gratuliere zu Deiner Wehrhaftigkeit . Hannover liegt in meiner Nähe . Also viel Spaß .
GLG Helga


Frank (4.11.17 08:33)
Wenn deine Mutter nur annähernd merken würde, was sie für eine wundervolle liebenswerte Tochter hat. Sie weiß gar nicht was sie versäumt. Aber scheiss drauf, es gibt viele andere Menschen, die wissen wer und was du bist. Du bist mit das beste was mir passieren konnte, danke für deine Freundschaft. Aber Heidelberg ist wichtig, Marie.... bitte mach da jetzt keinen Mist. HDL, Franky


gebsy / Website (4.11.17 09:42)
Hochachtung, liebe Tochter und Mutter!

Was Kinder "speichern", wenn die Mutterliebe fehlt, ist wissenschaftlich nur teilweise erforscht ...
Bezüglich Pfarrer könnte der Eindruck entstehen, dass er ein Spielball der Familie ist.
Bei uns ist es einfach undenkbar, dass sich ein Priester um seine Schäfchen durch NACHGEHEN kümmert ...
Dieser Umstand hat mich gedrängt, http://www.gebsy.at zu starten ;-)

Gesegnete Zeit!


Indianwinter (4.11.17 14:19)
Hallo Marie,
Mutter und Pfarrer im Doppelpack-das ist ja schrecklich, gut, dass du dich gewehrt hast, man muss sich manchmal einfach abgrenzen, besonders in deiner Situation!
Wünsche dir ein schönes Hannover-Wochenende, LG, Barbara


Twity-Autor / Website (4.11.17 20:44)
Liebe Marie,

ich bin stolz auf dich, endlich lässt du es nicht mehr zu, dass andere Menschen nicht mehr über dein Leben bestimmen, dir vorschreiben was du zu tun hast und was nicht!
Der Auftritt deiner Mutter war wieder die Krönung.
Sie sollte sich in Grund und Boden schämen. Und sorry liebe Marie, der Pfarrer hat auch nicht mehr alle Latten am Zaun. :-)Wie kann man einen kranken Menschen so bedrängen...


Mirco / Website (5.11.17 04:55)
Hallo Marie,

Aus der Ferne würde ich sagen: Richtig hast Du es gemacht!
Trotzdem solltest Du deine Prioritäten nicht vernachlässigen, es könnte gut sein, dass Du es später bereust und dies wollen wir alle nicht hoffen. Deshalb, schnellst möglich, auf nach Heidelberg.

coole-smilies-0012.gif von smiliesuche.de

Viele Grüße

Mirco


Elisabeth (5.11.17 14:57)
Hi Marie,
was für eine schlimme Vorstellung, so eine Mutter zu haben! Unfassbar! Da wird mir noch einmal mehr bewusst, was ich an meiner Mama hatte... Du hast jedenfalls alles richtig gemacht und nächstes Mal würd ich sowohl den Pfarrer als auch die Mutter vor der Tür stehen lassen. Dann können sie ja gemeinsam einen trinken gehen...Alles Gute für die Reise nach Hannover und natürlich vor allem für die anstehenden Therapien!
GlG, Elisabeth


NickNackMan / Website (10.11.17 09:48)
Hallo Marie, dass Jesus auf dich wartet, da kann ich dem Pfarrer wohl beipflichten Die Anfrage das Krippenspiel für den heiligen Abend damit zu begründen, dass sich der Kirchenvorstand freuen würde, ist hingegen schon eine freche Nummer. Nun gut, ich komme aus einem freikirchlichen Hintergrund und bin daher mit solch bürokratischen Kirchenstrukturen nicht wirklich vertraut. Förderlich für ein christliches Miteinander scheinen sie jedenfalls nicht zu sein, wenn äußere Förmlichkeiten (wie diese Kranzniederlegung) schwerer wiegen als herzliches Erbarmen und bedingungslose Liebe. Ich wünsche Dir dass du letzteres durch die richtigen Menschen in deinem Leben erlebst und vor falscher Frömmigkeit verschont bleibst. Liebe Grüße und Segenswünsche, Carsten

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