Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Ganz still und leise

„Im Moment der völligen Verzweiflung erkennst Du Deine wahre Stärke!“


Meine Ausführungen rund um meine Familie, sind für Außenstehende schwierig und sicherlich nicht immer zu verstehen. Natürlich ist das auch immer nur eine kleine Momentaufnahme bzw. ein winziger Teil des Ganzen. Es gibt auch gute Dinge und auch nette liebe Menschen, irgendwo dazwischen und wenn ich lang genug nachdenke, fällt mir bestimmt das Eine oder der Andere dazu ein. ;-) Wie so oft sind natürlich negative Gefühle und Erlebnisse besser im Gedächtnis, als die Positiven.

 Das Verhältnis zu meiner Mutter war schon immer schwierig. Wann genau es sich dermaßen extrem manifestiert hat, kann ich nicht mehr genau einordnen. Ich glaube letztendlich war meine Berufswahl ausschlagend und zu guter Letzt eben meine bis heute uneheliche Tochter und die folgende geplatzte Hochzeit. Alles Dinge, womit meine Mutter sehr schlecht zurechtkommt. Ok, ich bin immerhin Ärztin und habe es sogar zu einem Doktortitel geschafft, ich würde behaupten, es hätte sie schlechter treffen können. Mein Bruder war auch Arzt, das war allerdings für sie immer in Ordnung.  Die Problematik das ich mich nie in vorgeschriebene Bahnen habe lenken lassen, war und ist wohl außerdem das Hauptproblem.

Mediziner zogen sich schon immer im Laufe der Jahre durch unseren Familienstammbaum. Eigentlich wäre davon auszugehen, dass ich somit den optimalen Beruf gewählt habe. Für mich wird es immer mein Traumberuf bleiben. Die eigene Praxis hätte evtl. noch so einiges in der Akzeptanz retten können, aber ich war immer schon die, die gerne mit ihren Patienten auf Augenhöhe war und ist.

Ich stehe nicht über den Dingen, sondern bin viel lieber mittendrin! Der Haussegen hing damals so richtig schief, als ich mich entschied ein halbes Jahr nach Afrika zu gehen. Es kam sicher nie von ungefähr, warum ich lieber woanders war, als zu Hause. Auch wenn Afrika eine Herausforderung war, war es eine meiner besten Entscheidungen. Und nein, ich war keineswegs nach einer Woche (so lautete die Prognose meiner Mutter) wieder zu Hause. Wäre mein Studium zu dieser Zeit schon abgeschlossen gewesen und wäre meine Tochter nicht einige Zeit später geboren, vielleicht wäre ich heute noch „irgendwo in Afrika“.

Meine Überlegung nach meinem Studium wieder zurückzugehen, kehrte immer mal wieder zurück, allerdings wollte ich dies mit einem Kleinkind dann doch nicht tun. Afrika ist nicht ungefährlich, es gibt viele Dinge die kritisch sind. Für mich selbst kann ich so ein Risiko auf mich nehmen, aber ich würde oder hätte nie meine Tochter einer unberechenbaren Gefahr ausgesetzt. Mittlerweile ist sie fast erwachsen, unsere Wege werden bald komplett andere sein, dann werde ich wieder ausschließlich für mich alleine entscheiden. Und ich könnte mir den „schwarzen Kontinent“ heute wieder vorstellen. Leider wird mir das in diesem Ausmaß vorerst nicht mehr möglich sein. Aber wer weiß was noch kommen wird oder wie sich Dinge entwickeln werden und es muss ja auch nicht zwangsläufig Afrika sein.

Vor zwei Jahren, als die großen Flüchtlingsströme Deutschland erreichten, wurde ich von meiner Klinik freigestellt und war anfangs in den Auffangstationen, unter anderem in Passau. Als Gynäkologin war ich mit im Dauereinsatz, da gerade dieser Facharztbereich mit am nötigsten war. Es war hart, kalt, schmutzig und eine empfindliche Nase wäre fehl am Platz gewesen. Schlaf- und Ruhephasen wurden absolut überbewertet. Auch das wurde nicht gerne von Seiten meiner Familie gesehen, vieles musste ich mir anschließend sagen lassen, aber es ist mir bis heute egal. Das was ich getan habe, war richtig und ich würde es jederzeit, ohne Nachzudenken wieder tun.

Als dann die Erstaufnahmeeinrichtungen in den jeweiligen Landkreisen bezogen wurden, bin ich wöchentlich dort gewesen, um eben auch dort noch vor Ort helfen zu können. Aufgrund der erhöhten Infektionsgefahr darf ich das derzeit nicht und meine Vernunft reicht soweit aus, dass ich das auch derweil nicht tue.

Meine Mutter sagte vor einiger Zeit zu mir:  „Hättest Du mal besser in der Schule aufgepasst, anstatt immer nur Unsinn zu machen, hättest Du auch Jura studieren können. Marie Luise, es ist ja wohl kein Wunder das Du Krebs hast, wenn Du mit solchen Menschen zusammen bist!“ …………..Ich habe mir eine Antwort erspart, da ich dennoch einen gewissen Respekt meiner Mutter gegenüber habe oder zu diesem Zeitpunkt noch hatte. Allerdings ist ja wohl klar, wer in der Schule nicht richtig aufgepasst hat! Darum wissen wir ja auch ganz sicher, dass Krebs natürlich hochansteckend ist. ;-)

Dennoch waren das immer Aufgaben, die ich gerne und mit Herzblut gemacht habe, ein Dorn im Auge der Ahnen. ;-) Profit und Reichtum sollten natürlich oberste Priorität in der Berufswahl und in der Berufsausübung darstellen. Zum Glück war das nie mein Ziel. Natürlich habe ich als leitende Stationsärztin nicht schlecht verdient. Das kann sich jeder denken. Allerdings habe ich Dinge, welche die Flüchtlingsarbeit oder die Palliativarbeit betrafen, nie aus Eigennutz gemacht. Klar, wird so etwas auch vom Regierungspräsidium vergütet, aber nur, wenn ich auch immer brav meine Entschädigungsanträge ausgefüllt habe. Wenn…. ;-) Mein Beruf hatte für mich nie etwas mit Reichtum zu tun. Ich habe sicherlich einen guten Lebensstandard und einige Dinge, auf die auch ich nicht gerne verzichten würde, aber wäre Geld das einzige Leitbild, dann wäre ich wohl Schönheitschirurgin geworden und hätte Silikonkissen eingesetzt und Näschen gerade gerückt. ;-)

Egal, ich liebe meinen Beruf und das ist alles was zählt. Die Juristin, die meine Mutter gerne in mir gesehen hätte, wäre einfach falsch gewesen. Auch wenn es der feinere angesehenere Beruf gewesen wäre.

"Hoffnung ist wie der Sternenhimmel. Es gibt keinen Platz, der so dunkel ist, dass das Auge nicht doch einen Stern findet!"

Zur Zeit ist es extremer denn je. Ich merke deutlich, dass es mir an jedem Tag, an dem ich nichts von ihr höre, wesentlich besser geht. Zum einen macht es mich traurig, dass ich so denke und fühle, aber es ist mir sehr bewusst, dass sie mich alleine schon mit ihrer Anwesenheit wahnsinnig unter Druck setzt. Sie kann wohl nicht anders. Nichts ist ihr recht zu machen. Ich bin zu unordentlich (ja, bin ich wirklich!), ich kleide mich nie angemessen (Ansichtssache!) und überhaupt ist es ein Wunder, dass meine Tochter bei mir überlebt hat. ;-) Also um es klarzustellen, ich hab` ein Haus, ein Äffchen und ein Pferd…nein ;-) … ein Haus schon, somit wohne ich nicht unter einer Brücke und in meinem Kleiderschrank befindet sich auch mehr, als Jogginghosen und Schlapperpullis, es gibt sogar irgendwo das „kleine Schwarze“ ;-) für ganz besondere Anlässe. Ich bin eben nicht der super elegante Typ Frau, sondern eher praktisch und sportlich gekleidet. Außer meiner Mutter hat sich auch noch nie jemand darüber echauffiert.

Das ich nie das Vorzeigetöchterlein war, sondern immer ziemlich unbändig und auch eigensinnig, weiß ich alles. Den 1. Nobelpreis im Blödsinn machen und erfinden, wäre sicherlich ohne Zweifel an mich gegangen und das mit Abstand. Einige Anekdoten aus meiner Kindheit habe ich hin und wieder im Ansatz mal hier einfließen lassen, es gibt noch viele Sachen, die vielleicht irgendwann nochmal erwähnenswert wären. ;-) Aber darum geht es mir heute nicht.

Irgendwelche Familienfeiern waren generell immer schon im Ansatz das nackte Grauen für mich. So lange mein Bruder noch dabei war, war es einigermaßen zum Aushalten. Seit diesem Jahr, ist es einfach nicht mehr zu ertragen. Ob Sommerfest oder Geburtstag, es ist und bleibt, eine zur Schaustellung der high society hier im Landkreis. Ich gehöre da nun mal nicht dazu. Und genau das ist auch gut so!

Es gibt wenige oder weniges was mir Angst bereitet. Mein Onkel, „der Baron“, somit der älteste Bruder meiner Mutter, allerdings hin und wieder schon. Alleine seine Erscheinung ist schon ziemlich ernüchternd und gestattet kaum Widerworte. Wir mochten uns nie, nur ist eben leider die Zeit, wo ich solche „Situationen“ mit einem Arrest am Marterpfahl oder mit Heuschrecken und Ameisen löste, unwiederbringlich vorbei.

Das leidige Gutshaus, welches meinem Bruder und mir, nun eben nur noch mir, gehört, will er gerne haben. Schon seit wir es geerbt hatten vor einigen Jahren. Allerdings hielt er die Bälle relativ flach, solange Hannes noch lebte und dort mit seiner Familie wohnte. Nun steht es leer, es gehört mir alleine. Vor einigen Wochen gab es eine Verhandlung, da er anzweifelte, dass ich den „Familienbesitz“ verwalten und unterhalten könnte. Absoluter Quatsch, befand auch der Richter. Das Ding war eigentlich vom Tisch, seit kurzem fängt und stichelt er wieder. Ich mag das alles nicht mehr. Ich möchte das Haus nicht, ich möchte bis auf wenige, diese Familie nicht mehr. Heute mittag habe ich diesen verfluchten Übergabevertrag unterschrieben. Ich bin raus aus der Sache, weil ich einfach nicht mehr kann und will. Außerdem möchte ich verhindern, dass meine Tochter, sollte mir etwas passieren, ebenfalls mit diesem ganzen Mist konfrontiert wird. Sie soll damit niemals etwas zu tun haben müssen. Alles was sie mal von mir bekommen wird, wird Hand und Fuß haben, vor allem wird es keine Probleme machen.

Vielleicht war diese Entscheidung falsch, vielleicht hätte ich das im Andenken an Hannes, durchhalten müssen. Aber ich schaffe das nicht. Nicht jetzt und auch nicht später. Auch hierbei hatte ich keinerlei Rückhalt von meiner Mutter. Ihr ist es jetzt auch leichter ums Herz, dass dieses Haus wieder komplett im Familienbesitz ist. Ich bin also nicht „Familie“. „Autsch“!

Heute habe ich nun endgültig besiegelt, dass es ein Ende hat und ich möchte nie wieder irgendetwas mit diesen Menschen zu tun haben. Auch meine Mutter möchte ich vorerst nicht sehen. Sie wird immer meine Mutter bleiben, aber zur Zeit kann ich ihr leider nicht den Status „Mutter“ in meinem Leben einräumen.

Durch diesen ganzen Familien-hick-hack, ist Heidelberg komplett nach hinten gerückt. Eigentlich sollte diese Woche die Op. der Lymphknoten sein, damit die Chemos und die Bestrahlungen bald starten können. Es war so viel los, dass ich das irgendwie versäumt habe.

Ich habe schon wieder einige Kilos verloren, ich hoffe nur von dem ganzen Stress der letzten Tage. Aber ich merke, dass mir gerade wieder einiges an Kraft fehlt, dass ich wieder stärkere Schmerzen habe, dass ich erschöpfter bin, dass mein Kreislauf öfters mal wieder schlapp macht. Jetzt muss ich in den nächsten Tagen nachdenken, was ich mache und wie es weitergehen soll.

Ich habe mir heute selbst eine große Last von der Seele genommen, auch wenn es auf einer Seite wahnsinnig weh tut.

Ganz still und leise ist es geworden, wenn das Telefon nicht wie sonst jeden Abend erbarmungslos klingelt, wenn keine unangebrachten Gespräche geführt werden müssen. Ganz still und leise....hoffentlich für eine lange Zeit! 

1.11.17 23:55

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bisher 7 Kommentar(e)     TrackBack-URL


mausfreddy (2.11.17 01:06)
Hallo!
Ich hoffe die Stille tut dir gut.
Die Entscheidung die du zu treffen hast, egal wie du dich entscheidest, wird immer die Richtige sein. Höre auf dein Bauchgefühl. Ich drücke dir die Daumen. LG mausfreddy


padernosder (2.11.17 01:50)
Hallo,

dann war ja Dein vorletzter Beitrag doch nicht ganz so "komisch", wie ich ihn empfand. Sorry. Wenn ich heute richtig hingehört habe, dann geht es um die Einsamkeit, um die Frage des Selbstwertes.

Ich denke, richtig "Scheiße" muß man sich nicht fühlen, wenn man an den Umständen nicht schuld ist. Hättest Du Deiner Familie berechtigten Grund gegeben, sich so zu verhalten, wie sie es tut, wäre die ganze Angelegenheit wirklich übel.

Vielleicht ist ein "offener Hass" besser, als still zu leiden. Und Dir fehlt jemand, der mit Dir kämpft, der Dir Kraft gibt. Wärst Du nicht allein, wäre alles anders. Und wärst Du gesund, gäbe es nur eines: Abhauen!


Helga / Website (2.11.17 08:25)
Moin,
ich finde, Du hast richtig gehandelt. Jetzt musst nur an Dich denken und wieder zu Kräften kommen - zusammenklappen darfst dadurch nicht *Knuddelgruß*. Bin froh. nicht solche Verwandtschaft zu haben - ich beisse mich ganz alleine durch und selbst meinen Herrn Bruder habe ich seit Weihnachten 2001 nicht mehr gesehen, obwohl er nur 40 km von mir entfernt wohnt.
GLG Helga


Twity-Autor / Website (2.11.17 12:32)
Man kann sich seine Familie leider nicht aussuchen, aber seine Freunde. Und gute Freunde ersetzen mitunter auch Teile einer Familie! :-) :-) :-)
Man muss sich nicht mit Menschen umgeben, die einem nicht gut tun. Die nur dazu beitragen, dass es dir noch schlechter geht.

LG Twity-Autor


Indianwinter (2.11.17 15:13)
Liebe Marie,
ich kann mir nicht vorstellen, dass dein Bruder dir deine Entscheidung bezgl. des Gutshauses übelnehmen würde.
Du hast dir, was das angeht, Raum und Luft verschafft und eine Menge zukünftigen Ärger erspart.
In deiner jetzigen Situation sicher das Vernünftigste,
um deine Kraft allein für dich und dein Gesundwerden einzusetzen.
Diese Stille, die nun bei dir herrscht, muss himmlisch sein, genieße sie... GLG, Barbara


Anja Herbig / Website (2.11.17 23:18)
Hallo Liebe Marie,
mh dein schreiben hat mich etwas an meine Mutter erinnert... Sie aber rief mich ständig - täglich an um sich einfach über alles was ist und war auszuheulen und natürlich auch zu fragen was hast du heute alles so getrieben (ich schreibe es so.. auch wenn sie sagte gemacht). Aber ehrlich war es für mich fast unerträglich und irgendwann sagte ich ihr "ich zieh bald nach Afrika, dort gibt es nur ein Buschtelefon oder gar keines"! Dass ganze hat Sie ehrlich gesagt auch weniger abgehalten sich zu melden. Dann habe ich doch einfach alle telefonische Geräte abgestellt und nach ein paar Jahren auch weit weg gezogen (Nummer geändert). Heute habe ich ruhe und ich habe ihr dieses Jahr noch mal zu eine Sache mit dem ganzen ihrer Jobauswahl für mich gesagt. Dass Sie doch BITTE ihr WEG gehen darf und sich selbst gerne einen anderen Job suchen kann, wenn Sie ihren weniger mag. Und mich endlich meinen WEG zu gehen, den es ist ja nun meine Endscheidung die Möglichkeiten zu sehen, sowie zu gehen. Weil man ja nun nur selbst WEIß was für einen wirklich gut ist und RICHTIG ist.
Herzliche Grüße
ANJA


(3.11.17 17:05)
merry-n
Liebe Marie, vertrau deinem Gefühl und deinen Wünschen. Du allein kannst wissen, was gut und richtig für dich ist und du allein kannst und musst die Verantwortung für dein Leben übernehmen.
Ich lag selbst Jahrzehnte mit meiner Mutter im Clinch und weiß, wie frustrierend und schmerzhaft das ist, aber letztendlich ist es viel wichtiger, dass du gut für dich sorgst und von deiner Mutter nichts mehr erwartest, als irgendwelchen Konventionen zu genügen.
Dein Text hat mich richtig gepackt, aber ich habe auch gemerkt, dass mich das Thema nicht mehr betrifft. Ich wünsche dir, dass du das auch bald sagen kannst. Alles Liebe!

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