Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Heidelberg – Chapter „one“ – step by stey

„Manchmal hat das Schicksal oder das Leben einfach einen besseren Plan für Dich, als den, den Du momentan für den Besten hälst!“


 

Gestern war ich nun zur „Knochenbiopsie“, nicht zu verwechseln mit einer „Knochenmarksbiopsie“. Bei einer Knochenbiopsie wird Knochengewebe aus einem Knochen (meistens aus dem Beckenkamm) entnommen, um festzustellen ob es sich z. B. wie bei mir, möglicherweise um einen Knochentumor bzw. Knochenmetastasen handeln könnte.


Im Vergleich zu meinen Voruntersuchungen im vergangenen halben Jahr, hatten sich nun vor drei Wochen in Heidelberg, „Veränderungen“ gezeigt. Es ist nicht sicher, ob es evtl. Metastasen sind oder ob sich die Knochenstruktur, durch die ganzen Immun- und Chemotherapien einfach verändert hat. Natürlich hoffe ich, dass es vor allem keine Metastasen sind, denn diese noch zusätzliche Diagnose, wäre definitiv das Ende. So realistisch muss ich sein und ich denke, so abgeklärt bin ich auch. Und das nicht nur rein aus beruflicher Sicht. Ich weiß, was es bedeutet, wenn sich Metastasen bereits in den Knochen Platz verschafft hätten. Da noch großartig irgendetwas schön zu reden, wäre sinnfrei.


Ich kann es selbst schlecht einschätzen gerade. Seit ziemlich genau einem Jahr, gab es keinen einzigen Tag, an dem ich schmerzfrei gewesen wäre. Hört sich drastisch an und eigentlich ist es das auch. Es heißt immer so leicht, „irgendwann gewöhnt sich der Mensch an alles“. Ich glaube das nicht und bin auch aus meiner Eigenperspektive heraus überzeugt, „ich gewöhne mich ganz sicher nicht an alles“.  Natürlich gibt es unterschiedliche Arten von Schmerzen und nicht jeder Tag ist gleich schlimm oder so, dass es gar nicht zu ertragen wäre. Es gibt auch ganz „gute“ Tage. Vielleicht sind es sogar manchmal „Schmerzen“, welche nicht unbedingt körperlich bedingt sind. So im Laufe der doch mittlerweile vielen Monate, leidet alles. Die Psyche, die Gedanken, die Emotionen, die Sensibilität, einfach alles, was mich als Menschen ausmacht oder auch immer ausgemacht hatte.

Vor meiner Krankenzeit würde ich mich mal in gewissen Punkten als relativ „harten Menschen" bezeichnen. Es ist nicht so, dass ich keine Gefühle gehabt hätte, aber ich behaupte, durch meine eigenen Erfahrungen, beruflich, wie auch privat, habe ich eine ziemlich hohe Distanz zu allem aufgebaut, ohne gewisse Emotionen tief zulassen zu können. Das ging immer gut. Andere fanden das manchmal seltsam, Tränen gab es bei mir nur sehr selten

Ich habe mich verändert. Ob es eine positive Veränderung ist, kann ich selbst nur sehr schwer beurteilen. Aber emotional habe ich mich wohl in eine regelrechte Mimose verwandelt. Viele Dinge berühren mich und ich heule auch manchmal ungefragt darum, da mich gewisse Dinge einfach sehr treffen. Vor dieser Zeit, wäre mir der sogenannte „Sack Reis, der in China umfällt“, definitiv egal gewesen. Er hätte mich wohl nicht wirklich interessiert. Heute hat der „Sack Reis“ eine viel tiefere Bedeutung und er interessiert mich ziemlich, wenn er denn umfällt! ;-)


Das sogenannte „heulende Elend“ hat mittlerweile einen personifizierten Namen: „Marie“! ;-)

Dennoch würde ich auch nicht alles als schlecht bezeichnen. Ich glaube das genau dadurch, meine Sichtweise auf gewisse „andere“ Dinge, nicht unbedingt schlechter geworden ist. Und viele Dinge und auch „Menschen“ hätten es wohl vorher einfach nicht in mein Leben geschafft.

Die Knochenbiopsie selbst, wurde ambulant durchgeführt. Mit dem Gedanken, „alles nicht so wild“, habe ich mich gestern dann auch dieser Sache gestellt. Ich weiß es ja nun selbst, dass kein Arzt der Welt, jedenfalls nicht mit den dann wohl nötigen sadistischen Zügen, seinen Patienten vorab sagen würde: „diese Sache überlebst Du zwar, aber es tut schon einfach scheiße weh!“ Das wäre wenigstens ehrlich und auch authentisch. ;-) Aber macht halt keiner.

Aber gut, ich kann es nachvollziehen. Ich habe meinen Patientinnen auch nie wirklich gesagt, wie schmerzhaft eine Geburt wirklich sein kann, sondern dann auch eher über die Möglichkeiten zur Schmerzausschaltung oder Schmerzlinderung aufgeklärt. Viele Frauen gehen da gerade beim 1. Kind völlig planlos dran. Nicht unbedingt immer schlecht. Allerdings habe ich mich da auch öfters gefragt, was da so erwartet wurde. Das Kind kommt ja „meistens“ da raus, wo es auch reingekommen ist. ;-) Und ein Säuglingskopf ist ja nun mal von der Dimension doch deutlich umfangreicher, als eben ein „;-)“ Naja, egal, vielleicht ist es einfach in gewissen Bereichen besser, nicht immer alles vorher über das Schmerzausmaß zu wissen.

Ich glaube, hätte ich gestern gewusst, was so wirklich da wieder auf mich zukommt, puhhh, ich weiß auch nicht, aber so ganz freiwillig wäre ich dann doch nicht dort erschienen. Das mittlerweile „Nackt sein“ bei eigentlich fast allen Eingriffen, habe ich ja nun schon fast akzeptiert. Meistens bin ich dann in tiefer Narkose und somit ist es mir auch fast egal. Wach wurde ich ja meistens wieder in meinem Bett, zugedeckt! ;-)

Gestern wurde das halt ambulant in Lokalanästhesie gemacht. Klar ist es super, wenn mir eine Narkose erspart bleibt, allerdings spielt die Psyche da ja doch ein wenig mit. Ach wie schön, dass die Op-Hemden hinten komplett offen sind. ;-) An die Thrombosestrümpfe habe ich mich auch schon fast gewöhnt. Auch wenn die mir nie wirklich passen. Irgendwas stimmt da mit den Strümpfen oder meinen Beinen nicht. Die messen immer und messen und messen, aber die passen nie! Zwei Schritte und zack, rutschen die runter. Klasse Bild! Dazu dann noch das hinten offene Op-Hemd, total verwuschelter Kopf, blass und Augenringe, Arme steif nach vorne, schleppender, schleifender Gang und der Zombie ist auferstanden. ;-) Ja, Halloween naht! Hätte ich dann noch einen Kommentar wie „ich rieche Menschenfleisch“ von mir gegeben, hätten sie mich wohl erstmal eine Weile weggesperrt! ;-) Aber Selbstbeherrschung ist ja bekanntlich in manchen Situationen alles!

"Selbstbeherrschung ist die schwierigste Herrschaftsform!"

Nein, Spaß bei Seite, der Eingriff dauerte alles in allem gar nicht so sehr lange. Die Lokalanästhesie war schon recht schmerzhaft, wer lässt sich auch schon gerne eine riesige Nadel in den oberen Hintern ballern und das gleich viermal. Da ich ja bei vollem Bewusstsein war und alles um mich herum peinlichst genau wahrnahm, war ich auch ganz froh, dass es nicht der junge Assistenzarzt war, sondern eben für meine Beruhigung deutlich besser, der schon etwas in die Jahre gekommene Oberarzt, dem ich mein Hinterteil offenbaren musste! ;-)

 


Als dann die Biopsie selbst losging, war ich eigentlich recht entspannt, da ich annahm, es ist ja eh alles taub und schmerzfrei. Annahme falsch! Es tat so dermaßen weh, dass mir regelrecht die Luft weggeblieben ist. Selbst einige energische Ermahnungen des Folterarztes, dass ich das Luftholen und gleichmäßige Atmen nicht vergessen sollte, brachten mir nicht wirklich viel. Luft anhalten, bei Schmerzen, ist ja schon ein regelrechter Reflex. Obwohl es auch nicht hilft.


Irgendwann war es dann überstanden, Atmen ging dann auch wieder von ganz alleine. Tja, wer hätte das gedacht. ;-) Die Schmerzen waren dann zwar ein wenig anders, aber leider nicht weg. Nach drei Stunden durfte ich dann die Klinik verlassen. Nun bin ich erst mal wieder zu Hause. Die Lymphknoten werden dann nochmal später, wenn ich dazu bereit sein sollte, entfernt. Allerdings geht das nur in Vollnarkose.

Es gibt ja schon viele Lymphknoten und wenn ich mir überlege, jeder einzelne könnte eine potenzielle Gefahr für mich darstellen…..schwierig gerade!

(mal so eine kleine Ansicht zur Veranschaulichung, wieviele Lymphknoten der menschliche Körper besitzt. Das ist natürlich nur ein winziger Teil davon.)

Heute wusste ich nicht so recht wohin mit mir. Sitzen, liegen, laufen, alles blöd. Immer mal ein bisschen von allem. Aber das vergeht ja wieder und ich denke in 2-3 Tagen ist es schon wieder gut. Aber das brauche ich auch nicht nochmal! Nun heißt es abwarten, bis die Ergebnisse da sind. Das könnte morgen sein, aber auch erst am Montag. Zum einen will ich das ganz klar, sehr bald wissen, zum anderen vielleicht dann doch wieder nicht. Ich bin gerade am liebsten alleine. Es gibt weniges und „Wenige“ die ich momentan gut ertragen kann. Die regelmäßigen Anrufe oder was auch immer von Bekannten oder nicht ganz so engen Freunden, sind mir gerade sehr überdrüssig. Ich weiß es zu schätzen, dass viele an mich denken, aber ich habe gerade überhaupt keine Lust dazu, regelmäßig einen Seelenstrip abzulegen, nur damit alle dann beruhigt sind und halt mal wieder gefragt haben, wie es mir geht. Das geht gerade so gar nicht.

Ich weiß, dass ich an manchen Tagen jemanden brauche, der mir mal die Meinung sagt und sich das auch traut. Die Samthandschuhe sind wirklich nicht immer gut, nur die wenigsten trauen sich halt, mir auch mal zu sagen „jetzt reiß´ Dich mal zusammen, Du schaffst das!“

Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich bis Oktober alles hinter mir hätte und das mittlerweile ein etwas anderes Leben wiederbeginnen könnte. Aber stattdessen fange ich wohl nochmal ganz von vorne an. Sehr motivierend ist das nicht.

Der Urlaub war so sehr wohltuend, auch wenn natürlich mein Seelenschatten immer allgegenwärtig war. Aber ich habe mich gut gefühlt, an jedem einzelnen Tag. Frei, zeitlos und irgendwie auch stark, stark genug für den Moment, in dem ich gerade war. Ob ich diese Stärke für die kommende Zeit habe, weiß ich nicht, auch frage ich mich oft, welcher Weg wird der Richtige sein?


 Da kommt mir ein Zitat aus dem "kleinen Prinzen" in den Sinn:

"And now here is my secret, a very simple secret. It is only with the heart that one can see rightly, what is essential is invisible to the eye!"

19.10.17 18:18

Letzte Einträge: Menschen......Seele, Mäuse-Luftwaffe und so ;-), Frühling vs. Herbst und der verwunschene Prinz ;-)

bisher 5 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Helga / Website (19.10.17 18:42)
Liebe Marie,
da bist mal wieder durch die Hölle gegangen *Trösteknuddel*.
Aber ich kann es etwas nachempfinden, denn zur gesicherten MS-Diagnose gehört die Entnahme von Nervenwasser, das sollte fast nichtwehtun, aber als die lange Nadel mir in die Wirbelsäule gestopft wurde, musste ich auch kurz aufjaulen . Danach dann mindestens 2 Stunden auf dem Bauch liegen - habe 10 Kreuze gemacht, als ich endlich aufstehen durfte. Deine Schmerzen sind ja noch gemeiner.
LG Helga


Pascale / Website (19.10.17 19:26)
"Genieße nur den Augenblick, denn er ist Ursprung aller Sinnlichkeit" (von mir)


Twity-Autor / Website (20.10.17 14:06)
Durch deine Erklärungen wird mir erst einmal so richtig bewusst, was du alles aushalten musst. :-( Ich hoffe sehr, dass die Ergebnisse der Biopsie dir Hoffnung geben können und es wieder gesundheitlich aufwärts geht.

Da fällt mir gerade spontan ein Zitat von Bertold Brecht ein:

"Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren."

In diesem Sinne, immer positiv denken und nicht aufgeben! :-) :-)


Indianwinter (20.10.17 15:24)
Hallo Marie,
eine Tortur folgt der nächsten, so muss man es leider sagen bei dir.
Man kann nur mit dir hoffen, dass die letzte Biopsie auch endlich eine positive Nachricht bringt.
„Nur wer den Mut zum Träumen hat, hat auch die Kraft zu kämpfen“, so heißt es in einem Spruch und deine Träume hast du doch, Marie, bleib mutig!
Alles Liebe, Barbara


pally (20.10.17 21:15)
Hallo Marie, ich kann es gut nachvollziehen,,was es heisst, Schmerzen zu haben. Da ist der Geburtsschmerz ein Klacks. An Deiner beschriebenen Stelle hat`s mich noch nicht erwischt, aber es gibt ja noch andere Körperregionen.Der These, dass sich alles nach 1 - 2 Tagen gelegt hat, kann ich nicht zustimmen. In den meisten Fällen bleibt ein Restschmerz über, und bei Wetterfühligkeit tritt der sogar noch nach vielen Jahren auf.(Erfahrung!) Ich hoffe, dass Du eine positive Nachricht der Untersuchung erhälst , so dass Du wieder ein bißchen zufriedener die Umwelt wahrnehmen kannst.In diesem Sinne ein ruhiges Wochenende , Helga

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