Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

"Jemand hat mir mal gesagt, die Zeit würde uns wie ein Raubtier ein Leben lang verfolgen. Ich möchte viel lieber glauben, dass die Zeit unser Gefährte ist, der uns auf unserer Reise begleitet und uns daran erinnert, jeden Moment zu genießen, denn er wird nicht wiederkommen. Was wir hinterlassen ist nicht so wichtig wie die Art, wie wir gelebt haben. Denn letztlich sind wir alle nur sterblich." (Jean-Luc Picard)


Am Sonntag wurde ich von meinem Vater zum gemeinsamen Wahlgang abgeholt. Ich schätze, erstrangig wollte er nur sicher gehen, dass ich das mit dem „Wählen“ auch ja nicht vergeige, was er mir wohl gnadenlos zutrauen würde. Anschließend waren wir gemeinsam beim Italiener und eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, ihm dann „irgendwie“ von meinen neusten Befunden zu erzählen. Nur wie das „irgendwie“ hätte aussehen sollen, war mir nicht so ganz klar. Ich liebe meinen Vater sehr und wenn ich wirklich eins behaupten kann, von meiner ganzen Familie, ist er wirklich der normalste, unkomplizierteste, liebevollste Mensch überhaupt. Also, da gibt es einige, um es direkt zu sagen, ziemlich hochfrequente Granaten in meinem familiären Umfeld, aber mein Papa ist so wunderschön normal und hat ja zum Glück, mit der „blaublütigen“ Sippe, nichts mehr am Hut. Somit hat er bestimmt alles richtig gemacht. Es wäre doch auch mal eine Überlegung wert, wenn ich mich als Tochter, Enkelin, Nichte, Cousine und „hast Du nicht gesehen“ auch so einfach mal scheiden lassen könnte. „Guten Tag, ab heute heiße ich einfach nur noch „Marie Müller!“ Das wäre schon sehr geil, muss ich mal so sagen, aber nein, dass geht natürlich nicht und somit werde ich wohl meine vier Vornamen (Idiotie pur!) mit der „Freifrau von und zu“ irgendwann mit ins Grab nehmen. Puh!

Mein Vater war so euphorisch und voller Zuversicht am Sonntag, hat sich so sehr gefreut, dass es ihm selbst nach der Herzgeschichte wieder gut geht. Er war so optimistisch und hat ständig auf mich eingeredet, dass doch alles gut werden würde und ich bestimmt bald über alles ein wenig schmunzeln könnte. Ich konnte es einfach nicht. Nein, ich habe es nicht über mich gebracht, ihn in diesem Moment auszubremsen und „Halt, Kommando zurück, es sieht gerade ziemlich finster aus und um ehrlich zu sein, eigentlich sieht es nach keinem happy end und  keiner „ich habe den Krebs überlebt“-Party aus, sondern eher nach Sterben und Beerdigung. Peng! Nein, ich habe es nicht übers Herz gebracht, ihm die Wahrheit zu sagen. Es ging nicht. Er leidet bis heute unter Hannes Tod und nun soll ich ihm sagen, dass er vielleicht in ein paar Wochen oder Monaten seine Tochter auch noch verlieren wird? Also, ich habe wirklich schon vieles fabriziert in meinem Leben, gut oder schlecht, aber das habe ich beim besten Willen nicht geschafft. Ich habe mich so dermaßen zusammenreißen müssen, dass meine halbe Ruccolapizza dann zu Hause direkt wieder in der Toilette gelandet ist. Und seitdem laufen mir jedesmal die Tränen, wenn ich nur an ihn denke. Der Stein bröckelt!

Und ich weiß, es war falsch, ich muss es ihm sagen, aber ich weiß einfach nicht wie ich das hinbekommen soll. Ich bin so verdammt feige! Dabei möchte ich doch nur, dass es ihm gut geht, dass er glücklich ist und dass er sein Leben noch genießen kann. Aber ich weiß genau, dass er seit Hannes Unfall, genau das nicht mehr ist und nun komme ich noch mit meinem ganzen Dilemma dazu. Das kann doch keiner verkraften.

„Mut ist, wenn man Todesangst hat, aber sich trotzdem in den Sattel schwingt.“    (Zitat: John Wayne)

Manchmal frage ich mich, wie meine Mutter so tickt. Es ist ja nicht so, dass ich sie nicht schon länger kennen würde und über so einige Kracher habe ich ja auch schon hier und da mal berichtet, aber so richtig hinter ihre Denk- und Handlungsweise, die sie so manchmal an den Tag legt, bin ich noch nicht gekommen. An manchen Tagen klappt es richtig gut mit uns und dann wieder ist da eine Distanz, die größer nicht sein könnte. Die fleischgewordene „Contenance“ in Person! Ich glaube manchmal ist ihr die Etikette wichtiger, wie das Wohlergehen ihrer eigenen Tochter. Und das schlimmste überhaupt, sie bekommt auch immer alles mit. Keine Ahnung wie sie das schafft, ich habe schon mittlerweile das Gefühl, ich werde observiert. Nach der letzten Chemo vor vier Wochen, hat mich mein Vater in der Klinik abgeholt. Auf dem Weg nach Hause, musste er leider zwei- oder dreimal anhalten, da mir dermaßen schlecht wurde und ich mich leider in den Straßengraben übergeben musste. Das war für meinen Vater schon schlimm genug, aber weniger weil er peinlich berührt war, sondern eher weil er mich so nicht sehen konnte und ihm das in der Seele leid und weh tat. Nein, einen Tag später bekam ich genau deswegen, den Einlauf meines Lebens, von meiner Mutter, dass ich mich doch künftig etwas besser unter Kontrolle haben sollte, und dass es wohl einen schlechten Eindruck machen würde, am hellen Tage öffentlich irgendwo hinzukotzen (O-Ton Frau Gräfin, weg war sie die Etikette!). Ich habe keine Ahnung woher sie das wusste, es erschreckt mich etwas, denn das war wirklich ziemlich außerhalb an einem Feldrand. Vielleicht Stasi-Maulwürfe denen ich die Bude vollgekotzt habe und die mich bei meiner Mutter verpetzt haben? Äußerst mysteriös! Gut, also ich werde künftig mein Möglichstes tun und lasse mich dann erst in dunkler Nacht abholen, aber vielleicht stört es dann die Fledermäuse! Ach Gott, wenn das doch nur mein eigentliches Problem wäre, dann wäre es wirklich fast zum Schmunzeln.

Zur Chemo bin ich gestern nicht angetreten. Ich weiß auch wirklich nicht, ob es gut gewesen wäre und genau das konnten mir meine Ärzte auch nicht beantworten und die Tendenz von deren Seite ging auch dahin, es vorerst zu lassen und den Termin in Heidelberg abzuwarten. Einerseits war das für mich ein wenig Beruhigung, dass ich das nicht so ganz von mir alleine beschlossen hatte und ein kleinwenig den „ärztlichen“ Segen dazu hatte, andererseits denke ich halt auch, wäre es evtl. doch besser den aktuellen Chemo-Zyklus bis zum Ende noch durchzuziehen. Allerdings macht es auch keinen wirklichen Sinn, wenn es dann nicht das Richtige ist.

Donnerstag geht es nun nach Heidelberg. Morgen Abend fahre ich mit meinem besten Freund Frank und meiner Freundin Gaby los. Wir haben uns Zimmer gebucht, somit kann es dann Donnerstag früh direkt losgehen. Dann mal auf zur Fleischbeschauung. Wahrscheinlich sterbe ich schon vorher vor lauter Aufregung und Angst. Wie so ein Chinchilla, die fallen bei übermäßigem Stress auch einfach tot um.

Aber ich glaube meine zwei Begleitpersonen werden mich schon in irgendeiner Form unterhalten. Schwester „Rabiata“ Gaby wird wieder irgendetwas eigenartiges singen und genau wissen, welche Knöpfe sie bei mir drücken muss. Frank wird mich mit seiner gespielten Coolness in Schach halten und mich hier und da mit einigen Dingen aus vergangenen Tagen piesacken. Ich liebe die zwei und ich werde das alles nie wieder gut machen können.

Eigentlich wäre beten eine gute Sache im Moment und ich müsste lügen, wenn es mir nicht immer mal in den letzten Tagen danach gewesen wäre. So ein bisschen Glaube sitzt da wohl doch noch tief in mir. Aber so ganz bin ich mit der Glaubenssache noch nicht wieder im reinen, da werde ich zu gegebener Zeit nochmal gründlich drüber nachdenken müssen. Ich hoffe unser Pfarrer verschont mich noch eine Weile und steht nicht wieder unverhofft vor meiner Tür. Wenn der wüsste, dass ich vor ein paar Wochen, als mein Neffe und meine Nichte kurzfristig zu Besuch waren, mit meinem Hexenbrett aus alten Zeiten, Geister beschworen habe, wäre es wahrscheinlich sowieso Schluss mit lustig. Der Scheiterhaufen wäre mir gewiss.

Meine Angst nimmt von Tag zu Tag zu. Ich wache nachts völlig panisch und nass geschwitzt auf und finde lange nicht mehr zurück in den Schlaf. Ich möchte noch nicht sterben, aber ich möchte auch keinen würdelosen, aussichtslosen Kampf führen. Ich bin mir im Klaren darüber, dass ich nur noch einer erneuten Therapie zustimmen werde, wenn eine realistische Chance besteht, dass ich diesen Irrsinn überwinden kann. Ansonsten nicht!

„Ich frage mich, ob die Sterne leuchten, damit jeder seinen eigenen eines Tages wiederfindet.“ (aus der kleine Prinz)

Ich weiß nicht, wo ich die Kraft noch hernehmen soll, denn Kraft habe ich schon einige Tage und Wochen nicht mehr. Woher auch? Ich zitiere einen Freund: „Du kannst nichts erzwingen, es geschieht sowieso das, was geschehen soll!“ Und genau so wird es wohl sein. Umso mehr ich vergeblich kämpfe, desto mehr verliere ich an mir selbst. Kraft, Mut, Hoffnung, Glaube und Zuversicht sind in weite Ferne gerückt. Dagegen haben sich Angst, Ungeduld und Feigheit Platz verschafft.

Gestern bin ich eine Weile spazieren gegangen. Der Wald wird bunter und die Blätter fallen jeden Tag ein wenig mehr. Es ist Herbst geworden, nicht nur die Natur bereitet sich auf den jährlichen Tiefschlaf vor, auch in mir selbst ist der Herbst eingezogen. Auch in mir fallen die Blätter, immer ein wenig mehr. Die Natur weiß aber, im Gegensatz zu mir, dass in wenigen Monaten ein Neubeginn kommen und alles wieder erwachen wird. Aber kann ich das von mir selbst auch sagen oder weiß ich eigentlich schon tief in mir drin, dass es keinen neuen Frühling mehr geben wird? Alles ist endlich und vielleicht ist eben meine Zeit da, weil es so vorgesehen war und der Bauplan meines Lebens nun einfach erschöpft ist.

Ich habe noch so viele Pläne und hoffe doch irgendwo auf mein eigenes kleines Wunder. Heute Morgen habe ich die ersten Schneegänse fliegen sehen. Ich liebe dieses Naturschauspiel, aber dieses Jahr ist es anders, denn ich weiß nicht, ob ich im nächsten Frühling die Kraniche und Störche wiedersehen werde.

Viele Länder und Orte auf dieser Welt habe ich schon gesehen, einige Zeit erlebt und bewundert. Nicht alles war schön, aber immer erlebenswert und lehrreich. Und so heißt es in „Imagine“ von John Lennon: „And the world will live as one!“ …… es gibt wohl nichts, wovon wir uns nicht Tag für Tag weiter entfernen. Aber hey, ich war noch niemals in New York! Und egal wie, dass muss und will ich unbedingt noch schaffen……und dann natürlich mit zerrissenen Jeans!


 

26.9.17 21:49

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bisher 9 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Helga / Website (27.9.17 08:26)
Moin liebe Marie,
dann warte ab, was das in Heidelberg ergibt - kann Dich gut verstehen. Dein Vater wird wohl geschockt sein, wenn ihm die Wahrheit sagst. Einen Rat weiß ich leider auch nicht - meine Eltern sind schon lange tot . Bitte versuche, weiter zu kämpfen mit Deinen Freunden an der Seite. Krebs ist leider sehr angriffslustig .
GLG Helga


Maccabros (27.9.17 13:19)
Du wirst sie alle wieder sehen...♣...


Indianwinter (27.9.17 14:38)
...eigentlich fehlen mir nun langsam auch die Worte...
Mit deinem Vater zu sprechen, sehr schwer in dieser Situation.
Doch für Morgen heißt es erstmal dir die Daumen drücken und hoffen und wünschen, dass du mit guten Nachrichten zurückkommst und nicht die Hoffnung aufgeben, im Frühjahr kommen sie wieder, die Schneegänse und Kraniche und wir können sie alle gemeinsam begrüßen und uns daran freuen, dass es einen neuen Frühlingsbeginn gibt.
Ich bin überzeugt davon und dann – ab nach New York mit dir!
Liebe Marie, alles Liebe für den morgigen Tag, meine Gedanken sind bei dir,
LG, Barbara


Elisabeth (27.9.17 17:39)
Hi Marie, ich wünsch Dir einfach nur alles alles Gute und dass der Albtraum endlich ein Ende hat! Ich drück Dir die Daumen für morgen, nicht aufgeben, Du schaffst das! Da bin ich ganz sicher! Und nach New York kommst Du auch noch!

Alles Liebe,
Elisabeth


Pascale / Website (27.9.17 22:03)
Ich kann nur erahnen, wie schwer es sein mag, seine Eltern zu involvieren, die einen über alles lieben.
Ich wünsche Dir die Kraft und Energie, die Dinge ins Positive zu wenden.
Liebe Grüße


Anja Herbig / Website (28.9.17 13:15)
Hallo Liebe Marie,
schreibe dein Vater doch ein BRIEF und gibt ihn beim nächsten treffen!!!
Ich finde du schreibst so wunderbar, irgendwann wird er es wohl auch verstehen und mit liebe verkraften; dass du beim essen geschwiegen hast.
Ich habe mein Schatzi auch ein Brief zum lesen geben und jetzt sprechen wir wieder...!
Alles Liebe
ANJA


mausfreddy (29.9.17 10:37)
Hallo Marie!
Ich bin wie Barbara auch etwas sprachlos. Ich wünsche dir auf jeden Fall wieder mehr Zuversicht. Du wirst New York sehen und verlasse dich auf dein Bauchgefuehl. Ich schreibe auch Briefe wenn ich mich mündlich nicht artikulieren kann. Hat mit der ältesten Tochter immer gut funktioniert. Ich würde deinemVater einen Brief schreiben und vielleicht einen an deine Mutter, mit der Frage warum sie so handelt.
Die Handlungsweise wie sie mit dir umgeht behindert deine Genesung. Geklärt würde es dir in jedem Fall besser gehen. Ich kann es nicht verstehen. Mir waren und sind die Kinder und jetzt der Enkel, das wichtigste und ich bin bedacht, dass es ihnen gut geht.
Drücke die Daumen für Heidelberg LG Doris


ide02 (1.10.17 21:51)
Liebe Marie,
deine letzten Einträge machen mich sehr traurig.Ich lese deinen Blog noch nicht so lange und trotzdem ist für mich eine Tendenz sichtbar:Am Anfang (also wo ich durch Zufall den Weg auf deinen Blog fand) wirktest du voller Kraft und Energie.Kampfgeist und Biss sowie Willenskraft fand ich zwischen deinen Zeilen.Aber nach und nach merkte man,dass du immer mehr an Kraft verlorst und jetzt,ja,jetzt fehlen mir die Worte.Ich habe quasi vor paar Wochen (habe kein Zeitgefühl...vielleicht sind es auch schon paar Monate) eine andere Marie "kennengelernt".Aber es ist ja auch alles verständlich.Ich wünsche dir trotzdem und von Herzen,dass du dich nicht vollständig verlierst und egal,was auch passieren mag,nie die Hoffnung aufgibst.Denk an deine Träume und Wünsche,die du noch hast.An die lieben Menschen,die dir wichtig sind - und du ihnen.Vielleicht hilft das dich wieder etwas aufzubauen und weiter zu hoffen.Alles Gute!


Twity-Autor / Website (4.10.17 16:38)
Liebe Marie,

es steht mir sicherlich nicht zu über jemanden den man nicht kennt zu richten, aber eine Mutter sollte schon in dieser Situation bei ihrer Tochter sein. Und wenn einem die Etikette wichtiger ist, wie das Wohlergehen der kranken Tochter, macht mich dies fast sprachlos und auch traurig. Was ich toll an dir finde, ist dein Humor. Den du dir trotz deiner Krankheit bewahrt hast. Und wenn es Tage gibt, an denen dir die Kraft fehlt, dann versuche zu Lachen. Denn das Lachen bewirkt Wunder und stärkt das Immunsystem.... :-) :-) :-)
Für deinen schweren Gang nach Heidelberg wünsche ich dir von Herzen alles Gute!

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