Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Liebe, Schuld und ein wenig Ketzerei

„Der Weg ist derselbe, egal ob man geht oder rennt!“


Am letzten Wochenende besuchten mich, ein wenig spontan, die Kinder von Hannes. Wir hatten eine schöne, wenn auch für mich anstrengende, Zeit.

Erinnerungen sind manchmal erdrückend und wiegen schwer auf der Seele. Zum einen tat mir dieser Besuch unheimlich gut, denn die Beiden sind natürlich immer ein Stück „Hannes“.  Dennoch kommen da auch gut verpackte Emotionen in mir wieder hoch, mit denen ich zur Zeit wahnsinnig zu kämpfen habe. Ich habe gerade das Gefühl, es ist nicht sieben Monate, sondern nur ein paar Minuten her. Und ich frage mich zur Zeit, ob mich nicht in irgendeiner Weise eine Mitschuld trifft. Das dies alles passierte. Ich mache mir Vorwürfe, weil eben mein Bruder, mein Bruder war und sich immer aufregte und Sorgen machte, wenn ich nicht so ganz kompatibel war. Und genau das war ich in dieser Zeit keineswegs. Ich wollte wieder mit dem Kopf durch die Wand, hatte mir fest in den Kopf gesetzt genau in dieser Woche nach Istanbul auf einen Medizinerkongress zu fliegen, da ein Kollege krankheitsbedingt (man erkenne die Ironie) ausgefallen war.

Und genau das war es doch, was Hannes an diesem 14.02., den Valentinstag, nochmal zu mir führte, um mir wiedermal den Kopf zu waschen und um mir diesen Irrsinn auszureden. Was er natürlich nicht schaffte. Auch wenn er sicherlich an diesem Tag sowieso zu mir gekommen wäre, weil er genau das, am Valentinstag, immer tat, hängt diese Schuld irgendwie auf meiner Seele.

Warum passte er nicht gut genug auf, warum musste dieses dämliche Wildschwein ausgerechnet in dieser Sekunde aus dem Wald auf die Straße flitzen, warum ist er nicht einfach früher oder später losgefahren? Warum, warum, warum….

Nun gibt es zwei Teenager, die keinen Vater mehr haben. Die aus ihrem gewohnten, vertrauten Umfeld gerissen wurden, die nun ihrer ziemlich abgedrehten Mutter ausgeliefert sind und irgendwie gar nicht mehr wissen, was ihnen geschieht. Wie gemein kann denn diese Welt eigentlich sein?

Super, „Gott“, wiedermal ganz toll hinbekommen. Erst lastest Du mir so eine verdammte Krankheit auf, die kein Ende nimmt, dann nimmst Du zwei Kindern ihren Vater, der sicher noch gerne sein Leben gelebt hätte, seine Kinder hätte aufwachsen sehen, und und und…. Was kommt als Nächstes? Die Tendenz lässt schlimmes erahnen. Ich brauche definitiv mehr Mittelfinger!

Und dann soll ich die Fassung behalten, wenn unser Pfarrer in willkürlichen Abständen bei mir aufschlägt und versucht, mich wieder vom Gegenteil zu überzeugen. Genau, weil Gott mich liebt, weil Gott Hannes und seine Kinder geliebt hat. Welche idiotische Logik steckt da um Himmelswillen dahinter? Ich bin sicher nicht auf den Kopf gefallen, aber das entzieht sich meiner Logik und meinem Weltverständnis, bei aller Liebe….Nein!

Auch wenn es ketzerisch sein mag, aber in irgendeiner Weise ist die Christenverfolgung der vergangenen Jahrhunderte nicht ganz von der Hand zu weisen. Warum? Weil es keiner für gut befinden kann, dass ein Gott, der ja die Menschen angeblich so sehr „liebt“, so etwas zulassen kann.

Und das sage ich, die, die ihr ganzes Leben im christlichen Glauben gelebt hat. Ich war gerne in der Kirche, habe mich da wohlgefühlt, jetzt fahre ich einen großen Bogen, nur um ja nicht in die Nähe zu kommen. Verkehrte Welt, verkehrtes Weltbild.

Aber was nützt es? Das Hadern, das Zweifeln oder auch Verzweifeln? Nichts! Es ändert nichts im Heute und Jetzt. Es ist wie es ist. Weiterhin unheimlich schwer. Und die Zeit heilt eben keine Wunden, ich dachte, ich lerne damit umzugehen, aber selbst das stimmt nicht. Es tut so wahnsinnig weh und er fehlt mir so sehr, mein kleiner „großer“ Bruder.

Zu den letzten Tagen, unter anderem zu meiner letzten Chemo, werde ich noch einen separaten Eintrag verfassen.

5.9.17 21:53

bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Mausihelga / Website (6.9.17 06:18)
Moin Marie,
die Wege des Herrn sind für uns Menschen oft unverständlich, obwohl ich auch nicht strenggläubig bin.
LG Helga


Indianwinter (6.9.17 12:33)
Hallo Marie,
sehr bedrückende Gedanken heute von dir, verständlicherweise.
Wie es Helga schon beschreibt, man weiß nicht, warum manche Dinge passieren.
Du trägst natürlich keine Mitschuld, du konntest dies alles nicht ahnen, jeder wird dir das sagen.
In einer ähnlichen Situation konnte ich mir nicht verzeihen, beim frühen Tod meines Vaters vor vielen Jahren, im Urlaub gewesen zu sein, es waren nur ein paar Tage und es war nicht zu sehen, dass er von uns gehen würde, in genau dieser Zeit.
Wie verzweifelt ich war, ihn nicht noch einmal gesehen haben zu können, vor der Beerdigung.
Meine Grüße per Postkarte hatten ihn nicht mehr erreicht.
Nach langer Zeit habe ich begonnen, es mir selbst zu verzeihen, danach wurde es besser.
Auch wenn man keine Schuld trägt, man empfindet es für sich selber so und irgendwann beginnt man zu verstehen, dass man sich selbst verzeihen sollte, dass es einfach so vorgesehen war, die Gründe sind verborgen, manchmal begreift man erst spät, wofür es „Gut“ sein sollte, manchmal nie, so ist es eben leider...
Ich wünsche dir weiter viel Kraft, liebe Marie, es gibt wieder Tage, da geht es besser, ein Auf und Ab, das mit der Zeit doch leichter wird...
GLG, Indianwinter


Elisabeth (6.9.17 15:59)
Hallo Marie,
ich kann sehr gut nachfühlen, wie schlimm der Tod deines Bruders für dich ist...ich könnt mir ein Leben ohne meine Schwester auch nicht vorstellen. Du bist aber auf keinen Fall irgendwie dran Schuld, das darfst du nicht glauben! Hannes würde das sicher nicht wollen, dass du dir Vorwürfe machst. Er würde bestimmt nur eins wollen: Dass du bald wieder gesund und vor allem glücklich bist! Ich drück dir sooo fest die Daumen, dass es endlich aufwärts geht! liebe Grüße, Elisabeth


Anja Herbig / Website (6.9.17 20:09)
Hallo liebe Marie,
habe dir schon etwas geschrieben... und es liegt mir gerade so sehr am HERZEN... ehrlich ich würde mich freuen.
Schicke dir mal etwas Licht und Liebe!
Herzliche Grüße
ANJA

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