Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Dr. Google und das Ungeheuer im Kleiderschrank ^^

„Look up at the stars and not down at your feet.“

 


Jeder einzelne Atemzug tut mir an manchen Tagen weh. Meistens gleicht es einer gigantischen Anstrengung. Ich bin daran gewöhnt, aber manchmal nimmt es überhand. So wie letzte Nacht. Frank und Marc waren wirklich sehr schnell da und fuhren mit mir in die Klinik. Die Diagnose hatte ich in der Tat schon selbst gestellt. Mittlerweile bekomme ich es gut hin, mir die Lunge selbst abzuhören. Leider arbeitet meine eine Niere noch nicht ganz auf Hochtouren. Sie arbeitet gut, aber manchmal eben noch nicht ausreichend. Unter der Belastung der Chemotherapie kommt sie dann schon mal ins Stolpern und somit wird natürlich alles in Mitleidenschaft gezogen.

Es hängt eines am anderen, arbeitet die Niere nicht vernünftig, hat die Lunge auch keinen Bock mehr. Warum auch, wenn einer faulenzt, können das die anderen Organe anscheinend auch. Das Resultat ist dann ein unregelmäßiger Herzschlag und eben massive Atemprobleme, da sich ein Lungenödem bildet.

Zum Verständnis nochmal ein kleiner Ausflug in die menschliche Anatomie und Physiologie:

Was ist ein Lungenödem?

Ein Lungenödem ist eine Ansammlung von Flüssigkeit im Lungengewebe, die unter gesunden Bedingungen nicht vorhanden ist. Hierbei tritt Flüssigkeit aus den kleinen Lungenkapillaren zunächst ins Lungenzwischengewebe, das so genannte Interstitium, über. Diese Art von Lungenödem nennt wird deshalb als interstitielles Lungenödem bezeichnet. Dringt die Flüssigkeit dann zusätzlich in die Lungenbläschen, in der Fachsprache auch Alveolen genannt, ein, spricht man von einem alveolären Lungenödem. Mit Flüssigkeit gefüllte Alveolen können den Körper nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen und es bildet sich im Körper ein Sauerstoffmangel aus.

Die Ursachen für diese Flüssigkeitsansammlung sind vielfältig. In der westlichen Welt sind die häufigsten Auslöser eine Herzschwäche, zum Beispiel durch einen Herzinfarkt oder eine Herzmuskelentzündung verursacht, oder eine Nierenerkrankung, welche zu einer eingeschränkten Nierenfunktion führt.

Ein Lungenödem kann außerdem im Rahmen eines Hungerleiden, einer Höhenkrankheit oder wenn Salzwasser eingeatmet wird, auftreten. All diese Ursachen führen entweder zu einem erhöhten Druck in den Blutgefäßen der Lunge, so dass durch den hohen Druck Flüssigkeit aus den feinsten Blutgefäßen gepresst wird, oder sie machen die Kapillarwände aufgrund verschiedener Mechanismen durchgängiger für Flüssigkeit. Zum Beispiel Reizgase wie Chlor oder Ammoniak sind in der Lage, die feinen Gefäßwände zu zerstören, so dass ebenfalls Flüssigkeit austreten kann.

Wissenswertes über die Lunge

Die Lunge liegt im Brustkorb und besteht aus einem linken und einem rechten Lungenflügel, die dem Herz beidseits anliegen. Beide Lungenflügel haben annähernd die Form einer Pyramide und reichen mit ihrer Spitze bis unter das Schlüsselbein. Mit der breiten Basis liegen sie dem Zwerchfell auf. Der rechte Lungenflügel besteht aus drei, der linke Lungenflügel aus zwei Lungenlappen. Die Lungenlappen gliedern sich wiederum in die Lungenläppchen auf, die so genannten Lobuli. Die Lobuli bestehen aus vielen, mit Luft gefüllten Lungenbläschen, den so genannten Alveolen. Der Mensch besitzt davon etwa 300 Millionen.

 

Die Luft gelangt normalerweise über die Nase - manchmal auch über den Mund - am Kehlkopf vorbei in die Luftröhre. Diese teilt sich in Herzhöhe in einen rechten und linken Hauptbronchus, der jeweils einen Lungenflügel versorgt. In den Lungenflügeln unterteilen sich die Hauptbronchien baumartig immer weiter in kleinere luftleitende Röhrchen, die man Bronchien nennt. Parallel dazu verlaufen die Blutgefäße. Die kleinsten Aufzweigungen schließlich, die Bronchiolen, münden in die Lungenbläschen, die Alveolen. Die Alveolen bilden sozusagen wie eine traubenförmige Aussackung das Ende des Bronchialbaumes. Sie sind von einem Netz aus winzig kleinen Blutgefäßen umgeben, die man Kapillaren nennt. Hier findet der Gasaustausch zwischen Luft und  Blut statt, bei dem Sauerstoff aufgenommen und Kohlendioxid über die Ausatmung abgegeben wird. Der Sauerstoff wird über den Blutstrom im gesamten Körper verteilt. Von innen sieht die Lunge mit ihren feinen Luftröhrchen und Luftbläschen wie ein Schwamm aus. Luftröhrchen und -Bläschen sind von einem feinen Stützgewebe umgeben, dem so genannten Interstitium.

 

Die Atemwege sind ausgekleidet mit einer besonderen Schleimhaut, die man auch in allen anderen Bereichen der Atemwege vorfindet. Diese Schleimhaut ist hoch spezialisiert und schützt unsere Atemorgane vor schädlichen Stoffen, die über die Atemluft in unseren Körper gelangen können. Diese Aufgabe wird erfüllt durch das Zusammenspiel verschiedener Zellen. Die eine Zellart besitzt winzige Härchen, so genannte Flimmerhärchen, die sich wellenartig in Richtung Rachen bewegen. Daneben gibt es Zellen, die einen dünnen Schleim herstellen - so genannte Becherzellen - und damit die Flimmerhärchen überziehen. So können Fremdkörper wie Staubteilchen und Krankheitserreger auf dieser Schleimschicht zum Rachen transportiert und über einen Hustenstoß ins Freie befördert oder in den Magen verschluckt werden.

 


Also die Lunge ist schon so ein ziemlich wichtiges Ding und ganz ehrlich, vernünftig Atmen zu können ist eine wirklich tolle Sache. ;-) Weiß ich auch erst seit ein paar Monaten zu schätzen, seit es immer mal wieder zu diversen Problemchen damit kommt.

Naja, jedenfalls hatte ich es in der letzten Nacht mit einem recht frischen Assistenzarzt in der Notaufnahme zu tun. Die sind immer etwas lustig, da sie meinen, so frisch von der Uni, die wissen alles. Können alles und wie schon gesagt, wissen eben alles. ;-) Es ging mir zwar nicht wirklich gut, aber ich hab´ mir so gedacht, ok, der verzichtet darauf sich meine Patientenakte (und die ist wirklich schon erschreckend dick) anzusehen, der ist wohl echt gut! ;-) Lassen wir ihn mal machen. Hat ja jeder grundsätzlich eine Chance verdient.

Ziemlich super genervt fing er an: „Es ist 1.00 Uhr nachts, dann muss es ja was Dringendes sein.“

Ich musste Frank und Marc zurückhalten, damit die nicht dazwischenfunkten, was nicht so einfach war.

„Ich glaube schon, sonst würde ich jetzt auch lieber in meinem Bett liegen. Ich vermute ein Lungenödem, jedenfalls hörte es sich so an.“

„Haben Sie Dr. Google zu Rate gezogen?“

„Nein, nicht direkt. Ich traue mir durchaus zu, dass weitgehend beurteilen zu können.“

„Aha, na dann hätten Sie sich ja auch gleich selbst behandeln können.“

„Würden Sie dann bitte mal langsam anfangen. Abhören, und dann denke ich eine Infusion wäre da schon die Rettung. Meine Niere arbeitet nicht so ganz ideal, daher passiert das manchmal, im übrigen sind da noch die Lungenmetastasen, die auch immer mal rumnörgeln und beleidigt sind.“

„Na, jetzt malen Sie mal den Teufel nicht an die Wand. Dr. Google verunsichert die Leute immer enorm und dann meint jeder, er müsste gleich sterben.“

„Das mit dem Sterben will ich jetzt nicht hoffen und ich glaube so ganz akut ist es dann doch nicht, und ich bin weder verunsichert noch sonst etwas. Die Diagnose ist klar und jetzt wäre es dann doch schön, wenn Sie mal einen klitzekleinen Blick in meine Akte werfen. Ich bin übrigens Frau Dr. Marie …….., aber ich gehe Ihnen gerne zur Hand, wenn Sie Fragen haben.“

Frank und Marc haben kurzfristig den Raum verlassen müssen, weil sie sich nicht mehr halten konnten vor lachen.

Okay, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. ;-)

Glücklicherweise kam dann der Oberarzt dazu. Wir kennen uns ewig, war ein sehr guter Freund von Hannes.

Der Assistenzarzt, dessen Namen ich mir irgendwie nicht merken konnte, da er sehr lang und kompliziert war, stand wie ein begossener Pudel daneben.

Ich glaube er vernachlässigt nie mehr eine Patientenakte. So kleine Erziehungsmaßnahmen müssen sein! ;-)

Gut, nichts desto trotz war die ganze Angelegenheit nicht ganz so lustig, wie es erscheint. Zum Zeitvertreib war ich auf jeden Fall nicht dort.

Ich bekam dann bis heute Morgen Antibiotika und Antidiuretika (zum Entwässern), damit die Lunge etwas entlastet wird. Die Niere arbeitet trotzdem ganz gut, aber eben noch nicht perfekt und die Chemo von letzter Woche hängt eben noch ziemlich nach. Die Gefahr bei solchen Ödemen, es kann sehr schnell zu einer Pneumonie (Lungenentzündung) kommen. Daher das Antibiotika. Das hatte ich ja vor ein paar Monaten schon mal und das war nicht so ganz spaßig.

Heute Mittag bin ich dann aber wieder nach Hause, soweit geht es. Und es geht mir auch gar nicht so sehr schlecht gerade muss ich sagen. Ich muss da ja auch nicht unnötig ein Bett belagern, andere Patienten brauchen das sicherlich dringender. ;-)

 

Kaum zu Hause kam Gabi. Mit Gitarre! Da war mir schon klar, es gibt wieder ein selbst komponiertes Lied. Es ist manchmal seltsam, aber ich freue mich darüber. Wer bekommt schon extra Lieder komponiert?

Diesmal war sie allerdings etwas unsicher.

Gabi beäugte meine Notizbücher, die offen auf meiner Couch lagen, und ich hoffe, dass sie meine Handschrift über Kopf nicht lesen konnte. Die Texte sind nämlich schon irgendwie peinlich, so peinlich, dass sie dann vermutlich ihre Einstellung zur Euthanasie ändern würde. ;-)

Nun bin ich wieder alleine, genieße ein wenig meine Ruhe. Später kommt Frank nochmal vorbei. Ich glaube heute Nacht brauchen wir alle mal wieder ein paar Stunden Schlaf.

Ich hatte nie Angst vor Monstern unter meinem Bett oder Ungeheuern in meinem Kleiderschrank, weil ich davon ausging, dass nichts Bedrohliches je so blöd wäre, sich mit mir anzulegen. Aber wie sehen Monster und Ungeheuer letztendlich aus? Ich weiß es nicht. Ich möchte eigentlich keine Angst haben, aber sie schleicht sich doch immer wieder mal ein, unter mein Bett oder in meinen Kleiderschrank! ;-)

 Gestern war ich ein wenig draußen, nicht weit, nur hier am Feldrand ein paar Meter von meinem Haus entfernt. Und da sah ich sie, eine Wespenspinne! Sie ist wunderschön!


10.8.17 19:09

Letzte Einträge: Menschen......Seele, Mäuse-Luftwaffe und so ;-)

bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Mausi / Website (10.8.17 19:45)
Huhu Marie,
Du bist ein sehr mutiges Mädel . Bleibe weiter so und zeig Deinen Monstern die Zähne . Wer nicht kämpft hat schon verloren - ich bin auch ein Kampfschweinchen, aber Deine Monster sind gefährlicher als meine. Ziehe symbolisch den Hut vor Dir!
GLG Helga


padernosder (10.8.17 21:25)
Hallo Marie,

der Assistenzarzt hat mein vollstes Mitgefühl. ;-) Aber Du auch, natürlich. Gut, daß Du Frank jederzeit anrufen kannst.

Ein paar schöne Fotos hast Du auch gemacht. Ich muß mich langsam hüten, überall wächst die Konkurrenz aus dem Boden. ;-)

Ich schaue jetzt Leichtathletik-WM, trinke eine Flasche Sekt und hoffe, das es nirgends im Körper "zuckt". Wenn man mal ein "Ü 60" ist, dann glaubt man, es muß doch irgendetwas geben, was nicht stimmen könnte... ;-)

Ach ja, und morgen "versenke" ich die Blutdrucktabletten in der Gollach! :-))

Ich hoffe, Deine Lunge gibt Ruhe und Du kannst gut schlafen!


pally (10.8.17 21:38)
Hallo, eigentlich ist es ja gemein, was Du dem "armen Assistenzarzt" angetan hast. Ihn einfach so ins offene Messer laufen zu lassen?!Aber ich hätte es wahrscheinlich genauso gemacht. Schließlich erscheint man bei der Notaufnahme ja nicht einfach mal so zum Kaffeetrinken! Es ist schön, dass Du wieder zu Hause bist und endlich Ruhe hast. Gute Nacht, pally


betoni / Website (12.8.17 16:57)
die geht es so schlecht und trotzdem hast du noch humor.
ich hätte gern das gesicht von dem assistensarzt gesehen :-))
hab weiter so viel mut.
lg renate

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