Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Drachen, das Universum und ich ^^

„Manchmal ist es wichtig sich auf eine Reise zu machen, loszulassen und mutig zu sein. Unser Herz kennt den Weg…..“


Auszüge aus meinen Notizen:

20. Mai 2017

Der Krebs ist noch immer da und treibt nun auch in der anderen Niere sein übles Spiel. Die Operation habe ich gut überstanden und nein, ich bin immer noch nicht soweit aufzugeben. Vielleicht war es nun ein gutes Omen, dass dies ausgerechnet an meinem Geburtstag passierte. Vielleicht war das nun wirklich der Startschuss in mein neues 2. Leben. Vielleicht…………Ich wollte keine Angst mehr haben, aber in manchen Momenten schleicht sie sich doch ein. Ich möchte noch nicht aufgeben. Noch nicht!!

06. Juni 2017

Heute hatte ich Besuch von unserem Pfarrer. Genau wie ich, gibt auch er nicht auf, mich wieder zum „Glauben“ zu bekehren. Die Überlegung, ihn nicht ins Haus zu bitten, lag mir Nahe. Aber dazu war ich dann doch zu höflich. Es war mir im Vorfeld klar, dass dieses Gespräch anstrengend werden und dass es meinen Zorn wieder auf den Plan rufen würde.

„Marie, ich sehe Ihnen an, dass Sie immer noch sauer sind“, sagte er.

„Da haben Sie recht, aber was möchten Sie mit Ihrem Besuch bewirken? Schauen ob ich noch lebe?“

„Sie sollten nicht mit sich hadern und schon gar nicht mit Gott. Ihnen wurde dieses Leben gegeben, weil Sie stark genug sind, um es zu leben.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob diese Erklärung für dieses ganze Drama, doch etwas zu einfach und naiv ist“, ich schüttelte mit dem Kopf. „Wieso sollte irgendein Mensch stark genug dafür sein, so etwas auszuhalten. Wo liegt da der Sinn? Tut mir leid, dazu fehlt mir wirklich das Verständnis.“

„Die Fesseln des Todes sind nichts im Vergleich zu den Flügeln der Liebe. Wer liebt, der lebt! Und Gott liebt Sie, Marie!“

„Wow, also dann hat er aber eine ziemlich komische Art mir das zu zeigen und mitzuteilen. Ich glaube das ist mir etwas zu viel des Guten. Ich habe sicherlich seit Kindheit an in irgendeiner Weise „geglaubt“. Es wurde mir so in die Wiege gelegt und mein Weg führte mich immer Hand in Hand im christlichen Glauben. Aber ich kann das im Moment und vielleicht sogar nie wieder in dieser Art und Weise für mich annehmen. Wo bitte ist das denn Barmherzigkeit oder gar die Liebe, von der immer jeder erzählt und von der gerade Sie immer und immer wieder predigen? Nein, tut mir leid, ich kann das nicht mehr. Vielleicht ändert es sich wieder, wenn ich das wirklich alles überstehen sollte.“

„Das sind harte Worte gegen Gott und die Kirche. Aber Gott wird Ihnen für Ihr Zweifeln vergeben.“

„Mhm, aber was ist, wenn ich ihm nicht vergebe?“

„Ich sehe, Sie wollen zur Zeit nicht verstehen, dass Gott Sie liebt.“

„Nein, weil es genau da nichts zu verstehen gibt! Es tut mir leid, aber ich möchte dieses Gespräch nun gerne beenden.“

„Da soll mir noch mal einer sagen, dass Veränderungen gut sind, dass hier kann man ja wohl kaum positiv nennen, oder vielleicht doch?“


Oft denke ich an solche Momente, dabei spielt es keine Rolle, ob es richtig oder falsch ist. Schon Wilhelm Busch hat ja gesagt, dass Ausdauer sich früher oder später auszahlt. Meistens später, hat er hinzugefügt, und da kann ich ihm nur aus vollem Herzen zustimmen.

Meine Mutter kommt in meinen Schilderungen meistens etwas kurz. Unser Verhältnis war leider nie das, was von der Allgemeinheit so erwartet wird. Ihre Erwartungen konnte ich wohl seit meiner Kindheit nicht wirklich erfüllen. Ich war nie das kleine Mädchen, welches sie im Rüschenkleid irgendwo in eine Ecke setzen konnte und sie hat lange nicht aufgegeben, genau das durchsetzen zu wollen.

Selbst heute überkommen sie immer mal wieder solche Dränge, mir irgendetwas einreden oder mit Gewalt zumuten zu wollen.

Auch wenn es bekanntermaßen andere Gründe waren, ging es mir im letzten Herbst schon nicht sonderlich gut. Ich war schnell erschöpft, mein Kreislauf machte immer mal wieder einfach schlapp und überhaupt war ich allgemein auf keinem guten Fitnesslevel. Ende Oktober nahte der 60. Geburtstag meiner Mutter. Natürlich ein ziemlich großes Ereignis. Es gab da für mich auch keinerlei Zweifel, dass ich diesen Tag irgendwie überstehen musste. Allerdings sah Ende September meine Mutter wohl auch, dass ich gerade immer mal wieder etwas schlapp machte und entschied: „Du kommst mit zum Yoga!“  

Aber manchmal bin ich auch ganz nett und immer möchte ich meiner Mutter auch nicht vor den Kopf stoßen. Ich weiß ja irgendwo und irgendwie meint sie es gut. Es ist nur ganz oft schwierig für mich. Also fasste ich meine letzten Energien zusammen und ließ mich von ihr an einem schönen Herbstabend, nach einem sehr anstrengenden Wochenenddienst, mitschleppen.

Ihre „Yoga-Frauengruppe“ nahm mich mit Kusshand auf. Ich denke sie hatten sich eher auf längere Gesprächsrunden eingestellt, denn so eine Gynäkologin hautnah dabei, kann ja über so einige Wehwehchen in den unvermeidlichen Wechseljahren dieser Altersgruppe hinweg helfen.

Allerdings scheiterte dieses ganze Unterfangen….äh….Yoga….hieß es, schon im Ansatz. Bei der Meditationseinführungsrunde schlief ich auf meiner Yoga-Matte fest ein. Da sag´ doch nochmal einer, ich könnte mich nicht richtig entspannen. ;-) Meiner Mutter war dies allerdings ziemlich peinlich, da sie doch einen Moment an mir rumzwirbeln musste, bis ich wieder einigermaßen wusste, in welchem Zeitalter und in welchem Universum wir uns gerade befanden. Somit war das dann der Erste und auch gleichzeitig der Letzte Yoga-Abend für mich.

Der Geburtstag selbst war sehr anstrengend, aber er verlief doch ziemlich gut. Ein paar Tage vorher kam ich mit meiner Tochter aus Island zurück. Dieser Urlaub war unser letzter gemeinsamer Urlaub, nach unserer Rückkehr überschlugen sich die Ereignisse regelrecht.

Wenn die Erde für Sekunden still steht

Der Besprechungstermin der Befunde verlief im Mai nicht ganz optimal. Ich hatte mir Frank dazu geholt, da ich mich nicht alleine der Sache stellen wollte. An die Tage vorher konnte ich mich nicht mehr so genau erinnern, aber ich erinnere mich noch genau an den Blick des Arztes, als er seinen Blick von seinem Bildschirm löste und uns die schlechten Nachrichten überbrachte. Da war selbst mir klar, nicht der rechte Zeitpunkt für Galgenhumor.

Auf die bisherige Behandlung hatte ich nicht so gut angesprochen, obwohl die Metastasen sogar ein klein wenig geschrumpft waren, aber trotzdem war wieder ein neuer Tumor entstanden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Medikamente irgendeine Wirkung zeigen würden, war dieselbe, als würde man eine Münze werfen und auf Kopf hoffen: fifty-fifty. Natürlich hatten wir alle gehofft, dass mir die Behandlung helfen würde und es damit bald überstanden wäre. Aber leider war das dann doch nicht der richtige so erhoffte Weg.

Es wäre doch nur gerecht gewesen, wenn das Schicksal oder eben „dieser Gott“ in meinem speziellen Fall mildernde Umstände geltend und eine Ausnahme gemacht hätte. Aber das hat das Schicksal oder Gott nicht gemacht. Wiedermal! Wer auch immer sich da auf meine Kosten amüsiert, hat genau das Gegenteil getan. Aber vielleicht nehme ich das alles viel zu persönlich.

Deshalb wurde die Therapie auch umgestellt. Die Nebenwirkungen machen es mir nicht leichter, meine Lunge rebelliert und ich merke, dass ich trotz allem, immer mehr an Kraft verliere.

Und die Haare, die verliere ich zur Zeit auch immer etwas mehr. Obwohl sie mir sagten, dass eine Erhaltung, aufgrund der Chemotherapiesubstanzen, von 80% zu erwarten wäre. Ich hoffe noch. Ich weiß, es gibt schlimmeres wie die Haare zu verlieren. Aber für mich ist das gerade einfach irgendwie undenkbar.

 


„Vielleicht sollte ich einfach öfters darüber nachdenken, ob Drachen traurig sind, dass sie keine Geburtstagskerzen auspusten können?“ ;-))))

9.8.17 20:33

bisher 8 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Mausi / Website (9.8.17 20:41)
guten Abend Marie,
das hast wieder toll geschrieben !
Ich glaube, jeder von uns hat einen Drachen in sich. Gute Nachricht: ich brauche doch keine Chemo weitermachen - riesengrosse Last von mir gefallen. Neuro war zufrieden, was ich doch noch alles kann.
Schönen Abend noch
Helga


Anja Herbig / Website (9.8.17 21:06)
LIebe Marie,
DANKE für diese Zeilen/Worte.
Ehrlich wenn ich für meine Sachen so intensive Worte und Formulierungen finden würde - hätte ich sicher weniger (Kreislauf) im Kopf.
Herzliche Grüße
ANJA


gebsy / Website (9.8.17 21:24)
Danke, Marie! Deine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Pfarrer hat es mir ermöglicht, die derzeitige Situation meiner Frau besser einzuordnen; sie wünscht sich im Unterschied zu Dir sehnlichst den Tod ...
Bleib zuversichtlich!
gebsy


padernosder (10.8.17 03:53)
Hallo Marie,

wäre ich der Pfarrer gewesen, hätte ich es damit "probiert" ;-): Jemanden in die Verantwortung nehmen, auf jemanden "sauer sein", jemanden den "Stinkefinger zeigen"... das geht nur mit Menschen.

Wenn "Gott" etwas nicht! ist, dann ein Mensch. Die Frage: "Warum läßt Du, Gott, das zu?" ist eine Frage, die eigentlich nur von Mensch zu Mensch gestellt werden kann. Mit Gott kann ich nicht auf einer Basis sprechen, die nur für menschliche Hirne eine Logik hat.

Aber das würde bedeuten, Gott ist eben nicht der "treusorgende Vater". Und das ist das Problem. Diesen "sich sorgenden Übermenschen" hat der Mensch erfunden, weil er ihn brauchte, in seiner Seelennot. Doch es gibt ihn nicht. Gott kann keine "menschlichen Züge" haben, sonst wäre er nicht "Gott". Wenn es etwas gibt, dann eine "Allmacht", für die Einzelschicksale keine Rolle spielen.

Doch das darf Dir Dein Pfarrer natürlich nicht sagen. Er ist in der Zwickmühle. Er kann Dir nur "Müll" erzählen, weil er die "Wahrheit über Gott" genauso wenig kennt, wie irgendein anderer Mensch.

Für die Christenheit brauchte es einen Jesus, damit dieses ganze "Gottes- und Glaubensgebäude" anschaulich und verständlich wurde. Und ich denke, Jesus könntest Du eventuell verantwortlich machen, denn er ist ein "menschgewordener Gott".

Es gäbe noch vieles zu sagen... ;-)


betoni / Website (10.8.17 08:06)
es rumort ganz schön in dir. was auch verständlich ist. schön das du uns dran teilnehmen lässt.

ich habe noch bei keinem, der chemo bekommt, gesehen das er haare behält.
lg renate


Marie (10.8.17 11:49)
@betoni:
es kommt immer auf die Arzt der Zusammensetzung an. Ich bekomme ja keine reine Chemo, sondern eine kombinierte Immun-Chemotherapie, daher eine Wahrscheinlichkeit von 80%, dass die Haare nicht komplett ausfallen. Allerdings gehen sie mir schon ziemlich deutlich aus. Mal sehen wie es wird, meistens ist es immer so zwei Wochen nach der jeweiligen Verabreichung etwas besser.
Noch kann ich es einigermaßen tolerieren.
Aber wenn es schlimmer wird, werde ich es auch irgendwie durchstehen. ;-)


Maccabros (10.8.17 15:12)
Du und Dein Drache - ihr werdet es schaffen...♣


GLG

Maccabros


Indianwinter (10.8.17 16:24)
Liebe Marie,
vllt. kann ich dir etwas Mut zusprechen.
Meine Schwester hatte das Glück, sie hat sehr viel Haare während der Chemo verloren, sie hat auch gut schulterlange Haare, doch sie musste sie nicht total entfernen.
Sie hat sie immer vorsichtig und auch nicht zu oft gewaschen, das hat ihr ihre Frisörin geraten und war ihr auch behilflich. Es sah trotzdem noch gut aus.
Die Haare wachsen wieder sehr gut nach.

Ich glaube, jede Frau, die schon einmal starken Haarausfall hatte, aufgrund von Hormonumstellungen, z. B. nach Schwangerschaften, kann nachfühlen, wie das ist.
Kenne ich auch und war zeitweise richtig in Panik. Ist zum Glück alles wieder toll nachgewachsen.
Für mich wäre es auch wichtig, sie so weit als möglich zu behalten, man fühlt sich doch noch anders.
Also, verliere nicht den Mut, Haare sind nun mal wichtig, besonders für Frauen, ich wünsche es dir und drücke fest die Daumen, dass es auch bei dir gut geht.
Außerdem verkraftet es die Eine eben besser, die Andere vllt. nicht so sehr. Jeder ist anders.
GLG, Indianwinter

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