Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Jede Träne hat ihre eigene Melodie

„Ich weiß nicht, wie Du es schaffst, mit dieser Krankheit zu leben.“ „Ganz einfach: Ich habe keine andere Wahl!“


Ich kann es manchmal kaum verhindern, dass meine Angst mit dieser Therapie zu scheitern größer ist, wie meine Hoffnung und mein Optimismus, da irgendwie durch zu kommen.

Die letzten Tage waren recht gut. Auch wenn ich Dinge getan habe, die ich nicht hätte tun sollen, meint zumindest der Eine oder auch der Andere. ;-) Aber das Resultat war gut für meine Seele, auch wenn es sicherlich für einige schwierig zu verstehen ist. Es waren ein paar wenige Tage, die mir sehr viel Normalität zurückgebracht haben. Ich war täglich an meinen momentanen Grenzen, aber genau das war gut. Abends zu wissen, ich bin erschöpft und ziemlich k.o. von dem was ich an diesem Tag getan und geleistet habe, hat mir ein ziemlich gutes Gefühl beschert. Gut für mich, schwierig für Andere! Aber es war einfach richtig! Eine Spontanentscheidung, eine spontane Hilfe, die ich leisten konnte. Und es macht so viel aus, einfach mal nicht wegen der Chemo oder sonstigen Zipperlein aus der Bahn geworfen zu werden, sondern einfach nur mal erschöpft vom eigentlichen Tageswerk zu sein. So sehr wertvoll!

Ich weiß, dass es viele einfach nicht verstehen, wie sehr wichtig mir genau solche „normalen“ Momente sind. Und ich kann es einfach auch nicht erklären. Ich versuche wirklich mich zurückzuhalten und lenke mich auch bestmöglich ab, um eben nicht auf „dumme“ Gedanken zu kommen, in dem Sinne, eben zu viel zu machen. Klappt halt nicht immer. Ich habe es versprochen, dass dies die letzte Aktion dieser Art war und werde mich auch daranhalten. ;-) Aber es wird mir verdammt schwerfallen. Dennoch: „Versprochen ist versprochen!“

Morgen früh geht es dann wieder los, Chemo 3/6. Halbzeit könnte ich da denken. Versuche ich auch, denn nun geht es ja dann auf das Ende der 1. Staffel zu. Und schön wäre es, wenn es keine Fortsetzung geben würde. Aber das ist noch Zukunftsmusik.

Vor einem Jahr fing irgendwie alles an. Wie schnell doch so ein Jahr vergeht. Ich weiß nicht, wie es gerade mir möglich war, so einige „Hinweise“ das evtl. mit mir etwas nicht in Ordnung sein könnte, zu ignorieren. Ziemlich erfolgreich zu ignorieren. Auch wenn mein Stresspegel zu dieser Zeit sicherlich unnatürlich hoch war, hätten mich so 2-3 für mich merkwürdige Situationen stutzig werden lassen müssen. Vielleicht war das auch so, aber irgendwie wollte ich es wohl nicht kapieren, dass etwas nicht stimmte. Selbst meinen Bruder, der mich wirklich sehr gut kannte und wohl auch merkte das irgendwie etwas anders war, konnte ich dann letztendlich doch überzeugen, dass soweit alles ok war. Sicherlich war der Krebs zu dieser Zeit auch schon eine ganze Weile da, der wandert ja selten spontan über Nacht ein. Aber vielleicht hätte ich mir die Folgen davon erspart, wäre ich früher auf einige Dinge eingegangen. Diese Metastasen sind schon sehr hartnäckige Kameraden und so schnell und freiwillig räumen die nicht das Feld. Einmal besetzt, zeigen sie sich in höchster Geduld und mit ausgeprägtem Sitzfleisch. ;-)

Ja gut, aber was bringt die „hätte, wäre, wenn, dann – Philosophie? Genau, nichts! Rein gar nichts! Rückwirkend kann ich nichts mehr ändern und was die Zukunft bringt, wer weiß das schon? Trotzdem schleichen sich diese Gedanken und Eigenvorwürfe immer mal ein, hätte ich doch früher auf die Alarmglocken gehört. Ich möchte mir auch nichts schönreden oder schönreden lassen und glaube schon, dass ich mir den doch etwas krasseren Verlauf nun, selbst zu zuschreiben habe. Ich hätte es einfach besser wissen müssen, im letzten Sommer, als ich meinte, dass meine Welt noch in Ordnung war.

Und das sind dann die bitteren Tränen, die an solchen Tagen, ungefragt an die Oberfläche schleichen und ich mich selbst nicht leiden kann. Wenn ich in den Spiegel sehe und mir so denke: „Das hast Du ganz schön verkackt.“ (sorry) Ja, so Tage, an denen ich mich selbst verlassen würde, hätte ich denn die Möglichkeit.

Aber es gibt auch diese Art von Tränen, die ein seltsam friedliches, glückliches Gefühl in mir auslösen, eben an den gewissen anderen Tagen. Die mir zeigen, es ist alles wert, was ich aushalte, tue und noch ertragen muss. Weil da jemand ist, der in irgendeiner Weise bei mir ist. ;-)

Gefühle sind schon irgendwo Hexenwerk und Teufelszeug, und die verschiedenen Arten von Empfindungen die sie erzeugen, sind für mich manchmal verwirrend. Gefühle für einen Menschen zu entwickeln ist natürlich auch eine gewisse Magie. Zum Glück geschieht genau das ohne jegliche Willkür. ;-) Und nur so funktioniert es wohl!

„Manchmal meint es das Schicksal auch gut mit einem, und schickt einen wunderbaren Menschen in Dein Leben.“

Die Tränen der Freude, wenn etwas Schönes geschieht, sind auch manchmal undefinierbar. So hat meine Tochter letzte Woche ihren Führerschein bestanden. Zur Zeit ist sie ja in Hamburg bei ihrem Vater. Natürlich freue ich mich, aber dennoch tut es mir weh, solche Momente nicht mit ihr teilen zu können.

Als mich eine gute Freundin vor 10 Tagen fragte, ob ich ihr einen Gefallen tun könnte und ich spontan mit „na klar, gar kein Problem,“ antwortete, mich das selbst irgendwie sagen hörte und dann hinterher nur dachte: „Waasss?“, sind dann die Momente, die für mich typisch sind. Nicht überlegen, einfach machen. War immer so, sollte aber jetzt eigentlich nicht mehr so sein. Aber hin und wieder in meinen guten Phasen passiert es doch. Im Nachhinein, wie zu Anfang schon geschildert, war es eine gute Woche für mich und es war eben so schön „Normal“.

Leider schleichen sich auch manchmal traurige Tränen dazwischen. Denn dann wird mir immer wieder sehr bewusst, dass mir Hannes wahnsinnig fehlt. Es gibt so vieles, was ich ihn gerne noch fragen würde und wenn ich an den letzten Abend denke, wo er sich von mir das letzte Mal verabschiedete und keiner von uns wusste, dass es das letzte Mal war, bleibt mir buchstäblich die Luft weg. Mir fehlen Antworten und wenn ich dann, so wie gestern Abend, lange auf der Terrasse sitze, in den Himmel sehe, einige Sternschnuppen beobachte, dann denke ich, irgendwann schauen wir beide von dort oben zu. Ganz oft besuche ich oben im Wald die Stellen, die wir als Kinder, aber auch in den letzten Jahren, immer mal gemeinsam besucht haben. Wir waren beide gerne dort. Und manchmal habe ich das Gefühl, ich höre ihn dort lachen, wenn der Wind durch die Bäume weht, so als wäre es erst gestern gewesen, dass wir dort gemeinsam saßen. Wenn ich irgendwann das Ende des Regenbogens gefunden habe, werden wir uns wiedersehen, dass ist ja mal klar. Aber das wird wohl noch etwas dauern. Das sind dann diese Tränen, die weh tun und gegen die ich so machtlos bin.

Und nun sollte ich wohl mal ins Bett verschwinden. ;-)

31.7.17 01:19

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bisher 12 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Mausi / Website (31.7.17 07:51)
Moin Marie,
ich drücke Dir fest die Daumen für heute. Kann Dich auch gut verstehen, ein Stück Normalität zu haben - das baut auch auf, denn mir geht es auch so . Meine Unruhe treibt mich auch immer wieder raus, obwohl ich dann auf allen Vieren ins Treppenhaus krabbeln muss. Schaffe die abbrachenden Stufen davor nicht. Nun hat man mir ein Geländer dort versprochen - hoffe, es kommt bald .
LG Helga


(31.7.17 10:08)
Hallo Marie,

wenn es heute "wieder los geht", dann wünsche ich Deinen "Kameraden mit dem ausgeprägten Sitzfleisch", eine ordentliche Tracht Prügel und die Einsicht in die Tatsache, daß sie dort, wo sie sich einrichteten, nichts zu suchen haben. Es ist schon mancher "sture Hund" plötzlich einsichtig geworden und hat das Weite gesucht. ;-)

Also, nicht so viele Tränen vergießen und Deinen starken Geist nutzen, der Dir neben der Medizin am Besten hilft.


padernosder (31.7.17 10:11)
Beim nächsten Kommentar schreibe ich auch wieder meinen Namen dazu! ;-)


betoni / Website (31.7.17 10:27)
ach marie, ich kann dich so gut verstehen.
man kann nicht immer stark sein. und ein bisschen "normalität" tut so gut. wenn ich das hier so lese, kommst du mir sehr stark vor. lass dich nicht brechen und sei weiter so tapfer. zwei freundinnen von mir geht es genau so. die eine ist jetzt überm berg und bei der anderen fängt alles gerade an.
alles gute heute.
lg betoni (renate)


Frank und Marc (31.7.17 12:15)
Mausi, das ist völlig in Ordnung. das was du in den letzten Monaten irgendwie alles verstehen und verkraften musstest, ist mehr, wie so manch anderer jemals überhaupt erlebt oder erfährt. Auch wenn du das immer etwas runterspielst und so oft sagst "das alles sind normale Dinge, die es oft gibt und die andere auch erleben"
Ganz ehrlich, wer würde da nicht am Rad drehen?

Ja und die Aktion von letzter Woche, gut, das ist wieder eine andere Nummer. Sei froh, das ich das erst am Freitag mitbekommen habe. ;-)Es hat dir wohl nichts geschadet, aber gut war es auch nicht. Allerdings verstehe ich auch deine Bekannte da nicht, das sie überhaupt gefragt hat.

Die Sache mit den Fesseln und dem anketten bekommt momentan wieder etwas mehr Hintergrund. ;-) Wäre doch eine Option, in irgendeinem Verlies eurer Burg. Aber ich schätze da kennst du zu viele Hintertürchen..... am Ende sitze ich dann im Kerker.

Ich habe dich heute morgen gerne in die Klinik gefahren, naja was heisst gerne, natürlich würde ich mir wünschen, du müsstest da gar nicht erst hin. Jederzeit bin ich für dich da und Marc auch. Nur mal kurz anwählen oder so, du kannst das! und schon gibt es sicher das eine oder andere Problem weniger.Wasserkisten und so ;-)

Und von oben runtergucken, höchstens vom Eifelturm oder so, ansonsten erst mal von gar nichts. Alles andere sollte ganz schnell aus deinem Köpfchen und Gedanken verschwinden.

Ich denke an dich,so nun muss ich in den Spätdienst Lieb´Dich, Franky

So,ist da jemand??


Frank und Marc (31.7.17 12:34)
........Es war ein Tag, wie jeder Andere.
Ich dachte mir könnte nie was passieren.

Doch dann hast du mir geschrieben:
"Können wir heut noch telefonieren?"

Ich hab mich zunächst nicht getraut, doch dann gefragt wie es dir geht.
Du meintest eigentlich okay, doch es fällt mir so schwer dieses Leben zu verstehen.

Und ich kann sehen, dass du traurig bist, weiß das Leben ist nicht fair.
Doch ich werd an deiner Seite stehen, bis du das Lachen wieder lernst.

Du hast so vieles schon gesehen, du hast so vieles schon erlebt. Lass dich nicht abbring' von deinem Weg.
Bis der Schmerz wieder vergeht.

Ich hab gedacht, es passiert nur den Anderen und, dass es keinen von uns je erwischt.
Ich hab versucht nicht zu weinen vor dir, doch dein Leid wirkt in mir wie das aller stärkste Gift.

Immer wenn du lachst und ich merke, dass es dir gut geht, halte ich den Moment fest indem ich zuseh.
Ich schaue nie in den Abgrund, du musst stark sein. Ich halte den Sturm fern von deinem Drahtseil.

Songtext: Nie und nimmer

Ich hätte es nicht besser schreiben können, Marie.


Indianwinter (31.7.17 14:16)
Hallo Marie,
hätte und wäre, wer plagt sich nicht im Nachhinein damit herum, doch wer will schon wahrhaben, dass etwas Schlimmes sich anbahnen könnte und so möchte man vllt. manches Warnzeichen übersehen...
Dass man trotz allem in deine Situation ab und zu etwas Normalität braucht, ist verständlich und stärkt einen doch mental ganz sicher.
Viel Glück für die nächste Etappe wünsche ich dir und drücke die Daumen, liebe Grüße, Indianwinter


Elisabeth (31.7.17 21:35)
Hi Marie,
ich halt Dir weiterhin ganz fest die Daumen, auch wenn ich in letzter Zeit selten schreibe oder kommentiere.Urlaub, Ferien, Feiern und so...:-)Aber ich les Deinen Blogg immer. Super, dass Du schon Chemo-Halbzeit hast, bei mir gab's da einen Check-up. Wirst sehen, die Chemo macht auch Deine Metastasen fertig, da bin ich ganz sicher.
Versteh ich total gut, dass Du trotz Chemo immer alles machen willst, was geht...war bei mir genauso. Nur, dass ich halt wirklich nur ganz leichte Nebenwirkungen hatte. ich drück Dir jedenfalls super fest die Daumen, dass es nur mehr aufwärts geht ab jetzt! ganz liebe Grüße, Elisabeth


Elisabeth (31.7.17 21:51)
P.S.: Find ich super, dass es da jemanden gibt, der Dir hilft, mit dem ganzen Wahnsinn klar zu kommen. Doch noch ein Traumprinz für Dich?? ;-)...natürlich nicht auf einem Schimmel sondern auf einem Esel :-))


mausfreddy (1.8.17 01:38)
Hallo Marie!
Ich drücke wieder die Daumen für den nächsten Kampf mit deinem Feind. Er soll dich endlich in Ruhe lassen.
Das d u normal leben willst ist verständlich. Ich denke, du machst nur was du auch leisten kannst. Jeder kennt seinen Körper am besten. L.G. mausfreddy


Pascale (1.8.17 19:22)
Mal wieder ganz liebe Grüße an Dich...


Maria (3.8.17 04:15)
Liebe Marie,
ich wünsche dir alles Gute und denke an dich.
LG Maria

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