The trouble is, you think you have time!

Wherever you go (18.02.2017)

"Manche Begegnungen und Erfahrungen sind wie Sterne, die uns der Himmel schenkt, damit wir nicht vergessen, wie schön das Leben sein kann"

 


 

18. Februar 2017

Es war Samstag, als sie die Augen aufschlug. Viel zu früh für diesen langen Tag, der vor ihr liegen würde. Der Tag, den sie in akribischer liebevoller Sorgfalt vorbereitet hatte, in einem fast unrealistischen Zeitraffer, da einfach nicht viel Zeit blieb. Sturheit, Ausdauer und eine gehörige Penetranz hatte sie sich selbst abverlangt, um durchzusetzen was genau an diesem Tag geschehen sollte.

Wer ihre Familie auch nur ansatzweise kannte, wusste, dass dies ein Kampf normalerweise gegen Windmühlen war. Aber Don Quijote war in so manchen Lebensphasen ihr Seelenverwandter. Dennoch nahmen sie es hin und akzeptierten es.

Das Aufstehen an diesem Samstag morgen war schwer, aber es gelang ihr irgendwie. Es kostete sie Kraft, nicht schon in den ersten Minuten des Tages die Fassung zu verlieren und sie fürchtete sich davor, diesem Tag, diesem einzigen Tag, nicht gewachsen zu sein.

Die letzten Tage liefen ab wie in einer Traumwelt, fern von jeglicher Realität. Seit kurz vor Mitternacht am letzten Dienstag ihr Telefon klingelte und ein ehemaliger Kollege aus dem Klinikum sie anrief, um ihr mitzuteilen, dass sie ganz schnell kommen sollte, war einfach nichts mehr wie es war.

Sie weiß bis heute nicht, wie sie den Weg in die Klinik schaffte, hat keine Ahnung wie sie dorthin gekommen war, aber innerhalb eines ziemlich kurzen Zeitfensters, betrat sie die Klinik. Seltsame Blicke wurden ihr vom Nachtdienst des Empfangs zugeworfen, daran erinnert sie sich noch ziemlich genau. Sie kannte die Nachtwache noch aus ihrer Zeit, als sie selbst noch in dieser Klinik arbeitete. Aber mehr wie ein stummes Nicken, brachte er nicht über sich.

Das Warten auf den Fahrstuhl dauerte einfach zu lange und so rannte sie die Treppen bis zur Intensivstation nach oben. Den Weg kannte sie nur zu gut. Dort angekommen, wurde sie von ihrem ehemaligen Kollegen abgefangen und mit den Tatsachen des absoluten Wahnsinns konfrontiert.

Ihr Bruder würde sterben, jetzt, in den nächsten Minuten, in den nächsten Stunden. Keine Möglichkeiten etwas aufzuhalten, zu ändern. Ihr Zwillingsbruder, ein Teil ihrer selbst. Sie konnte das einfach nicht begreifen. Wie sollte das funktionieren?

Ihre Eltern standen schon im Flur und starrten sie an, als sie zu ihnen ging. Ihr Vater nahm sie in den Arm und weinte, ihre Mutter musterte sie von oben bis unten und monierte ihren Schlafanzug. Sie hatte gar nicht daran gedacht, sich erst noch umzuziehen, sondern war irgendwie gleich losgefahren. Aber es gab in diesem Moment sehr viel schlimmere Probleme, wie ihr Schlafanzug.

Endlich durfte sie zu ihm, zu ihrem Bruder. An Maschinen angeschlossen, sah er gar nicht mehr aus, wie ihr Bruder, so fremd, so merkwürdig. Obwohl die Geräte und Maschinen um ihn herum piepsten und summten, lag eine seltsame Stille in diesem Raum. Eine unbeschreibliche merkwürdige Atmosphäre. Sie nahm seine große Hand in ihre kleine und drückte sie ganz fest. Er erwiderte diesen Händedruck nicht, er erwiderte ihn einfach nicht. Da war keine Kraft mehr, kein Leben. Ihr kleiner, großer Bruder, lag da, so hilflos, so leblos.

Die Ärzte kamen und sprachen mit ihr, zeigten ihr die Befunde und stellten die eindeutige Diagnose des Hirntodes. Ein Moment, den sie bis zum heutigen Tag kaum ertragen kann, der heute noch genauso schmerzt wie vor vier Monaten. In den nächsten Minuten kam die Frage, vor der sie Angst hatte. Aber die Frage nach einer Organspende kam prompt.

Jegliche Plausibilität ging in diesen Minuten verloren. Selbst hatte sie als Ärztin vor Angehörigen gestanden, genau in diesem Flur, auf dieser Station. Aber eben auf der anderen Seite. Nun als selbst Betroffene war es anders, völlig anders. Das Gefühl unbeschreiblich. Es gab nichts zu entscheiden, da es bereits entschieden war. Entschieden von ihm selbst. Sie wusste das er immer dahinterstand und auch, dass er einen Organspendeausweis hatte. Es gab also keine Überlegung.

Zusammen mit ihren Eltern ging sie nochmal zu ihm, setzte sich noch ein letztes Mal an sein Bett. Es war der Moment des Abschieds. Nun würde jeder seinen eigenen Weg alleine gehen müssen. Sie nahm nochmals seine große kräftige Hand und drückte sie ganz fest. Einige Zeit später verließen sie dann die Klinik. Hannes starb am 15.02.2017 um 3.08 Uhr, während die Spenderorgane entnommen wurden.

 


In den nächsten Tagen kam sie sich vor wie ein Zombie. Selbst zu merken, dass sie nur noch funktionierte und gewisse Funktionsabläufe des täglichen Lebens einfach unbewusst bei ihr abliefen. Ohne Einfluss darauf zu haben, war für sie verstörend, erschreckend und schmerzhaft zu gleich.

Aber sie wusste in jeder einzelnen Minute, dass sie diese fast nicht zu bewältigende Aufgabe lösen musste und konnte. Ein paar Stunden später, als die Familie sich traf, um zu besprechen, wie der Ablauf der nächsten Tage von Statten gehen sollte, war klar, dass dies so niemals im Sinne von ihrem Bruder gewesen wäre.

Sie hatten immer mal geflachst, im Spaß, um den anderen zu ärgern. Was wäre wenn ich mal sterbe? Das aus diesem Spaß nun entsetzlicher Ernst wurde, war an Tragik fast nicht zu überbieten. Einige Tage war es erst her, als er sie wiedermal in die Schranken wies, weil sie zu viel und zu schnell immer wieder mehr machen wollte und machte, als es ihr Gesundheitszustand eigentlich zu ließ. Sie wusste immer ganz genau, dass er ständig besorgt um sie war und seit ihrer Krebsdiagnose im Dezember, war es noch schlimmer geworden. Aber auch ein Glashaus hätte nichts geändert. So schnell konnte das Schicksal es sich anders überlegen, das Schicksal ist eben ein mieser Verräter!

Der ganze Hofstaat akzeptierte nur schwer und mühsam, dass diese Beerdigung nicht wie jede andere werden würde. Das sie die Gesetze dafür neu verfassen würde und sie sich dieses Zepter nicht aus der Hand nehmen ließe. Aber letztendlich akzeptierten sie, was wiederum eines dieser kleinen großen Wunder entsprach, die manchmal unbemerkt im alltäglichen liegen.

Ja, ihre Gedanken sind manchmal etwas wild und vor allem unendlich. Auch schleichen sie sich manchmal ungefragt in den ungünstigsten Momenten ein. Aber nun war eben die Zeit da, sich fertig zu machen für diesen besonderen Tag. Ein Tag der eine unendliche Kraft kosten würde, ein Tag der tränenreich, aber vielleicht auch in gewisser Weise schöne, herzliche Momente haben würde. Genau dann, wenn sie sich alle gemeinsam an die schönen Momente in ihrem gemeinsamen Leben erinnern würden.

Ihre beiden besten Freunde holten sie mit ihrer Tochter und den beiden Kindern ihres Bruders zu Hause ab. Entgegen aller Formen und Normen, trugen fast alle Trauergäste helle Kleidung. Alleine das machte das Gesamtbild des Anlasses etwas erträglicher, tröstlicher und weicher.

Die Blumen waren alle in weiß gehalten, es gab  ausschließlich Lilien und Rosen. Sie hatte sich vorgenommen für ihren Bruder zu singen. Für diesen Tag eine schwere Aufgabe. Aber sie wollte genau das schaffen, weil sie wusste, wie sehr er das mochte. In Begleitung des Chores, welchem sie schon seit vielen Jahren angehörte, hatten sie am Tag zuvor geprobt, bis es einigermaßen passabel war. Ob das alles an diesem Tag auch nur annähernd so gut klappen würde unter dieser besonderen Situation, wusste sie nicht. Aber sie wollte es versuchen und vorallem schaffen.

Der Hofstaat erschien wirklich ohne Hüte und ohne großes Brimborium. Sie hatte es also geschafft. Sie kamen ganz normal daher und sahen endlich mal aus, wie jeder andere an diesem Tag auch. Keiner hob sich unnötig ab, schön wäre es, wenn es immer so sein könnte, nicht nur durch diesen traurigen Anlass.

Als Eingangslied sang sie „The Rose“. Ein sehr ausdruckstarkes Lied, dass ihr schon immer sehr am Herzen lag. Anstatt der Trauerrede las sie ihren Abschiedsbrief für Hannes vor. Ein bewegender Moment, seine beiden Kinder hatte sie dabei fest im Arm. Die beiden waren wie zwei etwas zu große Puppen, sie verstanden noch lange nicht, was da passierte.

Der Pfarrer durfte dann zwischenzeitlich auch etwas sagen, allerdings durfte er keine Beweihräucherungen vornehmen. Jedes Kunststück oder jedes positive Ereignis eines Menschen, aufgrund seines Todes, in den Himmel zu heben, ist nicht nötig. Das braucht keiner und macht den Schmerz und die Trauer keineswegs besser. Anschließend wurde dann das Lied „Hallelujah“ mit dem Chor gesungen. Amazing Grace sollte es ursprünglich sein, klappte aber am Tag zuvor bei der Probe so gar nicht. Gemeinsame Freunde sagten noch ein paar sehr schöne, gut durchdachte Worte, welche ihr immer sehr viel bedeuten würden.

Zum Abschluss gab es dann noch das Lied von Sarah Connor „das Leben ist schön", welches sie zum Ausklang sang.

Danach wurde dann der Sarg von einigen Freunden zum Friedhof getragen. Ein schwerer Weg. Der Beisetzung in der Familiengruft konnte sie ebenfalls entgegenwirken. Wer möchte schon in einer Gruft bestattet werden? Alleine der Gedanke daran, verursachte ihr schon immer Gänsehaut. Somit wurde die Beisetzung regulär auf dem Friedhof vollzogen. Bei Tageslicht und ein wenig Sonnenschein. Dunkle Wolken wegschieben, konnte er schon immer gut für sie. Künftig musste sie das alleine schaffen, obwohl nein, sicher wird er ihr dabei weiterhin helfen, denn er bleibt immer ein Teil von ihr.

 


Dem Trauerkaffee musste sie, kompromisshalber zustimmen. Alles konnte sie dann doch nicht ändern. Doch die Windmühlen liefen an diesem Tag friedlich und so wie er es gewollt hätte. Und genau das war es, was an diesem Tag zählte.

Nach einer kleinen Verschnaufpause zu Hause, wurde sie von ihren Freunden wieder abgeholt, um den Abend nicht alleine verbringen zu müssen. Alle lieben Bekannten und Freunde trafen sich und es wurde viel geweint, aber auch sehr viel gemeinsam gelacht.  Es ist wichtig, nicht in der eigenen Trauer zu versinken, auch wenn es an manchen Tagen und in manchen besonderen Momenten unendlich schwer und schmerzhaft ist. Lachen ist heilsam und nichts ist schöner, als an schöne Momente zurückzudenken, sich gemeinsam zu erinnern, gemeinsam zu lachen, ja, manchmal auch gemeinsam zu weinen. Aber dann schiebt "er" eben wieder die Wolken beiseite und es wird hell und warm.

Der Abend endete etwas anders wie geplant. Ein Gläschen zu viel Rotwein oder auch zwei….am nächsten Morgen sah es bei ihr aus, als hätte sie ihre Kleider nicht normal ausgezogen, sondern wäre quer durch ihr Haus etappenweise geplatzt. ;-)

Ein wohl für immer schmerzlich unvergesslicher Tag, eine unvergessliche Woche. Es gab seitdem keinen einzigen Tag, an dem sie nicht daran zurückdachte, an diese Nacht, an diese Tage.

Aber sie lernte und lernt noch immer, damit zu leben, auch wenn manche Tage schwer und seltsam sind und ihr manchmal durch ihre Erinnerungen die Luft zum Atmen nehmen.

Dieser Prozess des Lernens war und ist schwer. Der Prozess des Akzeptierens und Verstehens noch ein wenig schwerer. Aber sie lernt, akzeptiert und versteht…..so nach und nach.

Das Band, welches zwischen ihnen von je her bestand, konnte durch den Tod nicht reißen, genau wie die Liebe, die zwischen Zwillingen besteht, immer Bestand haben wird! Es ist eben etwas ganz Besonderes. Er war etwas ganz Besonderes! Eben ihr kleiner „großer“ Bruder!

Es musste erst der richtige Moment kommen, um das hier alles schreiben zu können. Ich wusste nicht wann und in welcher Form das sein würde, ich wusste nur, dass ich es irgendwann tun musste. Heute war der Moment und ich bin froh darüber.

 

  

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Die Götter müssen verrückt sein ^^ Teil 5

„Zu sehen, unter welchen Bedingungen Menschen leben und überleben können, ist für mich selbst eines der größten Wunder des Lebens geworden. Und es gleicht an ein unermessliches Wunder, dass sich Bevölkerungsgruppen nicht gänzlich selbst ausrotten. Diese kleinen und großen Wunder und diese unendliche immer wiederkehrende Kraft des Lebens, sind wohl der Ursprung jedes Lebewesens und der Evolution an sich. Müssen wir immer alles wissen? Nein, wir dürfen uns lediglich wundern über diese Wunder!“


Afrika - Zimbabwe Teil 5

Das Unbegreifliche an Widersprüchen

Nach der Abreise der Krankenschwester, war ich dann also die einzige weibliche Person in unserem Trupp. Aufgrund der permanenten Aufregungen, die uns die Krankenschwester knapp drei Wochen bescherte, war ihre Abreise eine regelrechte Erleichterung für alle Beteiligten.

Einige Tage verliefen relativ organisiert und regelmäßig. Die Nächte waren immer ein wenig unruhig. Wären wir von der Hitze des Tages und unserer Arbeit und den immer wieder neuen Eindrücken nicht wahnsinnig erschöpft gewesen, wäre es wohl oft sehr schwierig geworden in den Schlaf zu finden. Die afrikanische Tierwelt, welche sich rund um uns herumtummelte, war aufregend, unberechenbar und vor allem nicht ungefährlich. Nach einigen Vorkommnissen, wurden wir für viele Dinge und Situationen in unseren Verhaltensweisen sensibilisiert. Mit der Zeit klappte das immer besser.

Die Essensgewohnheiten waren natürlich sehr viel anders, wie wir das so kannten. Der Mais-/Getreidebrei war eines der Grundnahrungsmittel und den gab es täglich. Mal mit, mal ohne Fleisch. Das Fleisch war meist Schwein oder auch mal so eine Art „Gnu“ glaube ich. :-) Irgendwas selbst gejagtes. In dieser Zeit bekam der Begriff „Jäger und Sammler“ wieder eine ganz andere Dimension für uns. Es gab aber auch seltsame Sachen zu essen. Naja, sagen wir, seltsam für uns! Gegrillte oder gebratene Vogelspinnen waren dort eine regelrechte Delikatesse. Das gab es immer mal wieder. Anfangs waren wir da schon sehr skeptisch, aber was soll ich sagen, es war essbar und zu dem sonst doch recht monotonen Essen, eine Abwechslung. ;-) Ich probiere sehr gerne mal andere Dinge und bin da wirklich sehr weltoffen. Mehr wie nicht schmecken kann es ja eigentlich nicht. Auch gab es hin und wieder Heuschrecken und andere Dinge. Alles habe ich dann auch nicht runterbekommen, aber so die meisten Dinge habe ich mindestens mal probiert.

Unsere Arbeit im Krankenhaus war immer etwas anders, auch gab es mal zwischendurch einen Tag, an dem es ruhiger war. Eine richtige Struktur gab es nicht. Für ziemlich durchorganisierte „Deutsche“ anfangs schwierig. Vertreten war so ziemlich alles, von normalen Schnittverletzungen, über Stiche und Bisse, bis hin zu abgetrennten Gliedmaßen.

Die typische Schwangerschaftsvorsorge, wie sie hier in Deutschland gehandhabt wird, ist dort natürlich nicht möglich. Nicht mal im Ansatz. Kinder kamen dort auf die Welt, wenn es eben an der Zeit war. Ging etwas schief, war das eben Schicksal. Hilfe gab es da einfach nicht. Das kleine Krankenhaus hatte zwar eine gewisse Grundausstattung, aber diese war eher schlecht wie recht. Seit unserer Ankunft gab es zumindest immer mal glücklich endende Geburten, da wir in der Lage waren einen Kaiserschnitt im Fall der Fälle schnell durchführen zu können. Das rettete sicherlich so einigen Müttern, wie auch Kindern das Leben. Viele der Frauen brachten ihre Kinder entweder in einer speziellen Geburtshütte, welche etwas außerhalb des Dorfes erbaut war zur Welt oder eben irgendwo draußen in der freien Natur. Das war schon krass! Eine schon sehr in die Jahre gekommene Einheimische, war dort verantwortlich für das ganze Geburtsgeschehen und hatte das Oberkommando. So wirklich widersprechen wollte ihr keiner. Selbst wir waren da anfangs auch eher zurückhaltend. Generell mussten die Frauen aber sehen, wie sie selbst mit dieser Situation zurechtkamen. Unvorstellbar! Die Tage nach der Geburt verbrachten die Frauen dann in dieser Hütte oder eben irgendwo außerhalb, bis sie wieder zurück ins Dorf und das tägliche Leben durften.

Jedenfalls erklärt das schon mal einen Teil der hohen Kindersterblichkeit. Die Neugeborenen waren ja, bis zur Rückkehr ins Dorf bei ihren Müttern. Gab es da Komplikationen, war es eben so. Da wurde kein Geschiss gemacht oder gehadert.

Die Hygiene war und ist gerade in diesem Bereich eines der Hauptprobleme. Sehr oft kam es zu Infektionen, gerade nach einer Geburt. Die Naturheilmittel, die von den Einheimischen eingesetzt wurden, waren sicherlich nicht immer ganz falsch, aber in vielen Situationen einfach eine große Katastrophe. Wir standen oft hilflos den Situationen gegenüber, denn manchmal wurde uns ein Eingreifen verwehrt. Diese Akzeptanz war schwer und daran hatte jeder zu knabbern. Wir konnten diesen Menschen nicht von einem auf den anderen Tag die Welt erklären und alles für nichtig erklären, woran sie alle bisher geglaubt hatten. Aber im Zuge der Monate, konnten wir dennoch Stück für Stück die Richtung etwas ändern. Es klappte nicht immer, aber bis zu unserer Ab- oder Weiterreise, immer öfter.

Inzest ist bei solchen Bevölkerungsgruppen Normalität. Oft werden Cousin und Cousine oder auch Onkel und Nichte, etc., verheiratet. Das führt sehr oft bei der Fortpflanzung zu argen Problemen. Manchmal geht es gut, aber ganz oft leider nicht. Die Natur hilft sich zum Teil selbst und lässt einfach nicht zu, dass sich ein neues Lebewesen lebensfähig entwickelt und stößt es früh genug wieder ab. Für uns plausibel, für diese Menschen eine große Katastrophe. Aberglauben wird dort großgeschrieben. Nach der 2. oder 3. Fehlgeburt, wird da schon das Schlimmste vermutet, vom Fluch der Ahnen bis hin zum Voodoo-Zauber. Dies mit biologisch genetischen Hintergründen erklären zu wollen, ist sinnlos.

Aber manche Schwangerschaften funktionieren. Leider sieht man das Maß der Dinge dann erst bei oder nach der Geburt. Miss- oder Fehlbildungen, viele genetische Defekte, wie Trisomie 13 und 18, Hydrocephalus und noch so einiges mehr. Es war schlimm und die Häufigkeit auf die von uns begleitenden Geburten gemessen, erschreckend. Viele Kinder waren aufgrund der Defekte nur wenige Minuten lebensfähig oder kamen tot zur Welt.

Ich weiß nicht, wie diese Frauen mit diesen Situationen zurechtkamen. Aber sie haben das toleriert und normal weitergelebt, als wäre es nie anders gewesen. Es ist eine andere Welt. Die Möglichkeiten und das Verständnis aufgrund dieser Abgeschiedenheit ist begrenzt. Ich weiß selbst, wie schlimm es für mich selbst war, als mein Sohn nach wenigen Minuten in meinem Arm gestorben ist. Das habe ich bis heute noch nicht ganz begriffen. Aber diese Mentalität dieser Afrikanerinnen ist schlichtweg anders. Möglicherweise ist sie besser, ich weiß es nicht.

Die Mädchen wurden oft schon mit ca. 12-14 Jahren verheiratet. Ein Wahnsinn. Für solch´ junge Mädchen der Anfang vom Ende. Ein noch nicht fertig entwickelter Körper, welcher schon ein Kind austragen soll, eigentlich nicht vorstellbar. Es gibt auch hier 14 jährige Mädchen die schwanger werden und auch mal ein Kind austragen, nur sind eben bei uns die medizinischen Möglichkeiten gegeben. Dort halt eben nicht.

Wir konnten nicht verhindern, dass weiterhin Inzest betrieben wurde, aber wir konnten einigen beibringen, dass nicht immer unbedingt eine Schwangerschaft eintreten musste. Natürlich war es nicht sinnvoll Verhütungsmittel, wie die Pille oder die Spirale dort einzusetzen, aber Kondome waren schon mal eine gute Alternative. Das Verständnis von und für solche „Hilfsmittel“ ist schwierig. Und ich war nicht unbedingt die richtige Person dafür, den Afrikanern den Umgang mit Kondomen zu erklären. Die hätten mich überhaupt nicht ernst genommen. Aber dafür hatten wir ja dann den Lehrer. ;-) Der stellte sich anfangs auch ziemlich an, aber ich muss sagen, im Laufe der Zeit, machte er seine Sache richtig gut.

In den Tiefen Afrikas den Einheimischen zu erklären, wie sie sich beim Sex zu verhalten haben, war schon eine Aufgabe für sich. Zum einen den Frauen, zum anderen den Männern. Vergleichbar mit dem Sexualkundeunterricht der 9. Klasse an unseren Schulen. Eigentlich dachte ich immer, so Naturvölker sind da relativ hemmungslos und die bekommen das schon hin. Ist ja schließlich der Ruf der Natur. ;-) Aber da hatte ich mich doch gewaltig geirrt. Somit fingen wir sprichwörtlich bei Adam und Eva an. ;-)

Es ist schwierig gegen den Strom zu schwimmen. Die meisten Menschen dort sind Christen. Katholische Christen. Wir kamen dorthin um, unter anderem, Aufklärungsarbeit und Prävention zu betreiben, doch der religiöse Glaube machte uns sehr oft wieder einen Strich durch die Rechnung. So ganz bin ich sowieso nicht dahintergekommen, wie sich gerade der christliche Glaube in einem doch etwas dem Zeitalter hinterher hinkendem Dorf, so manifestieren konnte. Aber das hatte wohl irgendwann mal angefangen und funktionierte. Es ist ja nicht so, dass es dort so gar nichts gab, aber es war schon sehr viel anders. Zum einen hielten sie an ihren Urbräuchen und -sitten fest. Gerade was die medizinische Versorgung in gewissen Teilbereichen anging, zum anderen aber glaubten sie an Gott, Jesus und alles was dazugehörte. Ja und den Papst kannten sie auch. Und genau das war ja das Problem. Ich will jetzt sicher nicht gegen den Papst und die Vorstellungen der römisch-katholischen Kirche hetzen, ich kenne sie selbst zur Genüge 😉:-) Aber ich kann mich leider überhaupt nicht mit vielen Vorgaben und Erwartungen dieser Kirche identifizieren.

Wie kann es denn sein, dass z. B. ein Papst auf hohem Niveau, in solche Länder reist, diese Missstände und Probleme mit eigenen Augen sieht und dann den Messias spielt und diesen Menschen jegliche Verhütungsmittel, in Anbetracht ihres Glaubens, madig macht. Das geht so gar nicht. Vielleicht habe ich da grundsätzlich etwas nicht verstanden, möglich wäre es. Sicherlich ist es christlicher, Kinder verhungern zu lassen, anstatt sie überhaupt erst entstehen zu lassen. Mhm, da läuft doch gewaltig was schief.

Und genau aus diesen Gründen, kämpften wir teilweise den Kampf der Giganten. David gegen Goliath. Manche verstanden, manche nicht. Die Worte der katholischen Kirche trugen schwerer, wie alles andere. Und dieser Glaube und dieser Gehorsam, den viele dieser Kirche entgegenbrachten, brachte uns an greifbare Grenzen. Es machte teilweise vieles unmöglich.

Selbstverständlich gab es auch eine Art Kirche in diesem Dorf und ein Prediger. Regelmäßig besuchten wir dann auch den Gottesdienst, auch wenn wir nicht wirklich viel verstanden. Aber im Grunde gab es da auch nicht viel zu verstehen. Diese Menschen sind schon sehr gläubig, weil es eben sonst nicht viel anderes gibt.

Und da sage mir doch nochmal einer, Religionen sind nicht zwangsläufig manchmal der Auslöser allen Übels und verursachen sehr viel Leid auf dieser Welt. ;-)

Fortsetzung folgt………………

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