Marie (adel-verpflichtet) "Unser Himmel ist derselbe"
 
 

Der Wink mit dem Zaunpfahl

"Du kannst, Ende der Geschichte!" 

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Ich habe nun eine neue Unterkategorie "Heidelberg" hinzugefügt. Dort werde ich den Verlauf rund um die Behandlung und meine Erfahrungen dazu, dokumentieren.

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Seit heute Vormittag bin ich nun wieder in Heidelberg. Manchmal geht´s schneller, wie es mir eigentlich lieb ist. Aber gut, es ändert ja nichts.

Der Anruf aus Heidelberg kam etwas unvorbereitet heute morgen, noch vor dem Aufstehen. ;-) Eigentlich war ich noch nicht so weit und bin es jetzt im Moment auch noch nicht. Das hat mich definitiv heute kalt erwischt. Ich hatte mir das so in 1-2 Wochen vorgestellt, wollte bis dahin noch Hannes Grab mit der Winterbepflanzung fertig machen und noch ein paar mal vernünftig Essen gehen. ;-) Ja, ich wollte mich auf die kommenden Wochen oder Monate vorbereiten. Insofern das überhaupt möglich ist.

Gut, das war dann mal nichts. Nun bin ich hier und die Chemo tröpfelt munter in meinen Port. Der musste vorhin erst wieder gangbar gemacht werden, irgendwie lief das erst nicht so wie es sollte. Sehr unangenehme Sache.

Es ist mir schon etwas mummelig im Magen und ja, eigentlich warte ich gerade nur darauf, dass es mir so richtig schlecht wird. "Der Kopf" spielt da nicht so ganz mit. Aber vielleicht bleibt es ja mal innerhalb der Toleranzgrenze. Das wäre wenigstens mal ein guter Anfang.

Da es heute schon so spät ist und es noch etwas dauert, bis die Chemo durchgelaufen ist, bleibe ich auch über Nacht hier. Morgen hoffe ich dann nach Hause zu können.

Nun sitze ich hier so halbwegs aufrecht und tippe das eine oder andere in mein iPad, sehe dabei noch einige andere Patienten und jeder trägt so einen gewissen Galgenhumor und sein Päckchen Elend mit sich. Im Moment bin ich "die Neue" und alle finden das interessant. Und das ist der Punkt, den ich schon in der anderen Klinik nicht verstanden habe und wohl ein Phänomen an sich darstellt. Quasi sind da alle eins. Eine Liga, jeder kämpft um sein Leben, aber doch wiederum eins. „Der Club der halbtoten Dichter!"

Ich muss sagen, dass passiert selten, aber heute wurde ich mal so richtig auf dem falschen Fuß erwischt. Bei jedem "blöden" oder "witzig" gemeinten Kommentar schossen mir gleich die Tränen in die Augen. Das ist echt hochgradig albern. Aber ich kann es auch gerade nicht abschalten.

Die letzten acht Wochen waren schon recht erholsam, so fast ohne Klinik und feste Termine, abgesehen von dem familiären Irrenhaus ab und an. Es war nicht immer gut, aber dennoch schön, ziemlich normal. Naja, jedenfalls fast.

Wenn es nach mir gegangen wäre, dann wäre ich wohl jetzt nicht hier. Oder noch nicht. Oder überhaupt nicht. Ach, ich weiß es nicht. Irgendwie konnte ich mich nicht so richtig damit befassen.

Das Ergebnis der Lymphknoten von letzter Woche war nicht gut. Zwei waren bei der Entnahme schon augenscheinlich nicht in Ordnung, und zwei weitere outeten sich dann auch noch in der histologischen Untersuchung. Somit 4/6 mit Krebszellen.

Ja, dass ist Scheiße. Ganz große Scheiße. Und eigentlich habe ich für mich in gewisser Weise entschieden nur noch eine Minimaltherapie zu machen. Bringt ja doch nichts. So jedenfalls meine Meinung.

Heidelberg sieht das "noch" etwas anders und versprechen sich wohl eine realistische Chance. Jetzt mit Prozenten und Wahrscheinlichkeiten zu hantieren, wäre wohl Hokuspokus. Mein behandelnder Arzt hat mich ziemlich angeranzt heute morgen am Telefon.

"Ich hätte Sie jetzt eigentlich gerne hier und würde gerne heute noch mit der 1. Chemo bei Ihnen starten, ich dachte das hätten Sie letzte Woche soweit verstanden?"

"Das Sie mich gerne bei sich hätten, ehrt mich, aber das mit der Chemo gefällt mir nicht so unbedingt!"

"Ich glaube es ist absolut nicht der richtige Moment, Späßchen zu machen und ums Gefallen geht es hier schon gar nicht! Packen Sie Ihre Sachen und lassen sich her bringen. Wir fangen heute Mittag an."

"Eigentlich......"

"Ich falle Ihnen jetzt mal ins Wort, Frau Kollegin, es gibt nur noch diesen Weg und diesen Versuch, ansonsten können Sie sich gleich einen Platz im nächsten Palliativzentrum organisieren. Es tut mir leid, ich weiß das ist hart, aber ich bin mir sicher, dass ich so mit Ihnen reden kann und das ein großartiges "um den heißen Brei-Rumgerede", keinem und Ihnen schon gar nicht, auch nur annähernd hilft. Also, Sachen packen, herfahren lassen und um 13 Uhr haben wir eine Verabredung!"

"Ok!"

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Ich habe geduscht, meine Sachen gepackt und mich dorthin fahren lassen. Und mal nicht nachgedacht. Mein behandelnder Arzt hat sich bei der ersten Audienz erstmal entschuldigt, was er aber nicht hätte tun müssen. Ich meine, er hat erreicht was er wollte. Ich bin hier und die 1. Chemo ist zu 3/4 durch, irgendwo in mir drin und wird hoffentlich das Richtige nun tun und wissen wofür sie erschaffen wurde. Morgen früh gibt's noch Bestrahlung obendrauf und dann möchte ich einfach nur nach Hause. Niemanden sehen und alleine sein.

"Es tut mir leid, dass ich einen etwas schärferen Ton am Telefon angeschlagen habe, aber ich glaube Sie stehen sich gerade selbst im Weg."

"Gerade wohl nicht, eigentlich immer."

"Ihr ganzer Krankheitsverlauf ist eine große Herausforderung und wir möchten Ihnen helfen und gerne Ihre Helden sein, wenn sie in einigen Monaten gesund sind."

"Na da haben Sie sich ja was vorgenommen."

"Allerdings, aber ich glaube gemeinsam schaffen wir das."

"Legen Sie sich eigentlich immer so ins Zeug?"

"Naja, wie gesagt, der ganze Verlauf ist schon besonders und wir nehmen uns gerne besonderen Dingen an."

"Dingen?"

"Menschen! Wie ich aus Ihrer Akte sehe, sind sie ledig. Ich derzeit auch, auch wenn ich schon etwas älter bin. Wir könnten einen Deal machen, wenn Sie gesund sind, heiraten wir."

"Nein."

"Und wenn ich der letzte Mensch auf der Welt wäre?"

"Nein, auch dann nicht."

"Warum?"

"Weil ich dann tot wäre, folglich Ihre Therapie und die ganzen Bemühungen gescheitert wären."

"Soweit habe ich jetzt gar nicht gedacht, schlagfertig sind Sie, aber wie ich sehe,  werden wir wohl so einige Kämpfe zusammen ausfechten."

"Machen Sie Ihren Patientinnen eigentlich immer gleich einen Heiratsantrag?"

"Nein, nur ganz Besonderen!"

"Soll mich das jetzt abschrecken oder motivieren?"

"Ich glaube Sie wissen ganz genau wo der Hase hinläuft!" 

Das hat die Lage wenigstens ein bißchen entspannt. ;-) 

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Ich glaube ich bin hier ganz gut aufgehoben, auch wenn ich erst am Anfang stehe und mein Feld noch ein wenig abstecken muss. Zumindest habe ich das Gefühl, die wissen schonmal was sie tun. Das war vorher in der anderen Klinik nicht unbedingt immer der Fall.

Somit, lasset die Spiele beginnen! ;-) 

So, dass kurz zur aktuellen Gefahrenlage,  langsam wird es mir nun doch etwas schlechter. Ich lege mich dann mal lieber wieder hin, nicht das mein selbsternannter edler Ritter noch verärgert wird. ;-) To be continue......... 

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4 Kommentare 20.11.17 18:11, kommentieren

Eine Träne


 "Manchmal vergehen Jahre, in denen wir überhaupt nicht leben, und plötzlich dreht sich unser Leben um einen einzigen Moment!" (Oscar Wilde) 
 

 

 

Eine Träne der Trauer an Deinem Grab.

Eine Träne des Dankes, dass es Dich gab.

Eine Träne des Schmerzes, Du fehlst mir so sehr.

Eine Träne der Freude, für die vielen Jahre mit Dir.

Eine Träne der Gewissheit, Dein Platz, er bleibt leer.

Eine Träne der Hoffnung, dass es Dir dort oben gut geht.

Eine Träne der Verzweiflung, ich weiß nicht mehr weiter und brauch´ Deinen Rat.

Eine Träne der Angst, den falschen Weg zu gehen.

Eine Träne des Zweifels, die Hoffnung zu verliern.

Eine Träne des Wutes, den Kampf gegen diese Familie nicht zu bestehn.

Eine Träne des Trostes, dass wir uns irgendwann wiedersehen.

Eine Träne der Liebe, aus meinem Herzen wirst Du nie gehn.

Ich liebe Dich!

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Ich bin für ein paar Tage wieder zu Hause. Die letzten Tage waren ereignisreich, ernüchternd, verwirrend, traurig und auch schmerzhaft.

Familiär war es teilweise auch wieder etwas wild, eigentlich somit alles wie immer. ;-)

Seit gestern habe ich einen Psychotherapeuten mit im Boot, die grundlegende Frage, wer hinterher eine Therapie brauchen wird, wird sich noch letztendlich klären müssen. ;-)

Ich fange für mich langsam an zu begreifen. Wenn das nicht tatsächlich Einige im Laufe dieser Woche in Heidelberg live miterlebt hätten, wie meine Mutter so drauf ist, es würde mir einfach keiner glauben. Aus diesem Grund wurde mir wohl dieser Psychotherapeut aufs Auge gedrückt. Gut, ich hatte schon mal das eine oder andere Gespräch hier an meinem Wohnort, aber die waren nie sehr erfolgreich. Was teilweise auch etwas an meiner Sturheit gelegen haben könnte. ;-)

Es war mir nie so bewusst, wie jetzt in diesem Moment, wie schwer doch das Wort "Nein" sein kann. Aber es ist so und ich glaube, dass gibt eine richtig schwierige Angelegenheit für mich.

Die ganze Sache kam wohl ins rollen, als ich im Laufe der Woche, nach meiner Operation, einige Male in mein Handy brüllte und ziemlich wütend das Gespräch mit meiner Mutter beendet. Just in diesem Moment, da kam dann wieder der Zufall ins Spiel, kam die Visite in mein Zimmer. Vielleicht war das einfach gut. Mal sehen.

Abschließend für heute möchte ich noch eine kleine Situation von gestern aufgreifen, bzw. den Anruf meiner Mutter in Heidelberg. Der Bezeichnung „fremdschämen“ verleiht meine Mutter eine ganz neue Dimension. Dazu muss ich gestehen, ich hatte ihr nicht erzählt, dass ich wieder in die Klinik musste. Aus gutem Grund! 1. hatte ich den Kontakt vorerst eingefroren, jedenfalls war ich der Annahme das dies so sei und 2. war mir klar, dass sie mich nicht in Ruhe gelassen hätte. 

Ok, Punkt 2 relativiert sich, sie hat mich auch so nicht in Ruhe gelassen. Und der verdammte idiotische Grund war immer noch der morgige Volkstrauertag! Ich möchte natürlich diesen Gedenktag nicht unter den Scheffel stellen, aber zur Zeit geht mir dieser Tag wirklich meilenweit am ..... vorbei! ;-) Sorry, aber er setzt mich seit ein paar Wochen ziemlich unter Druck und Stress.

Manchmal frage ich mich, warum sie mir nie zuhört oder einfach mal meine Meinung bzw. meine Entscheidungen akzeptiert. Nach den entgleisenden Telefonaten unter der Woche, hatte ich ihre folgenden Anrufe ignoriert. Ihre Vermutung, dass ich wieder im "Urlaub" bin und mir überhaupt keine Gedanken um die Familie mache, habe ich nicht wirklich dementiert.

Natürlich war es für sie nicht wirklich schwierig herauszufinden, wo ich letztendlich war und somit ließ sie sich gestern dann auf die Station verbinden. Eine recht entnervte Schwester kam dann in mein Zimmer und berichtete mir, dass meine Mutter schon einige Male angerufen hätte und nicht akzeptieren wolle, dass ich nicht mit ihr reden wollte.

Alleine diese Dreistigkeit entsetzt mich über alle Maßen hinaus. Und dann noch zu Fragen, ob das auch klappen würde, dass ich am Samstag entlassen werde, da ich am Sonntag einen wichtigen Termin hätte, war für mich nicht zu fassen. Auch das Pflegepersonal war komplett irritiert.

Meine Gefühle spielten in diesem Moment komplett Achterbahn, nachdem mir die diensthabende Schwester, diesen Gesprächsverlauf berichtete. 

Im ersten Moment war ich masslos erschrocken und entsetzt, dann habe ich geheult und zum Schluß einfach nur noch gelacht. In dieses emotionale Chaos, platzte dann mein neuernannter Psychotherapeut ins Zimmer, mit der Aussage: "Hier gibt es wohl viel Arbeit!"

1:0 für ihn! ;-)

Über die Ergebnisse der Lymphknoten und meinen weiteren Weg möchte ich heute noch nicht berichten. Das braucht noch etwas!

Somit habe ich es doch tatsächlich rechtzeitig nach Hause geschafft, um morgen früh den Volkstrauertag angemessen begleiten zu können. Ist das nicht erwartungsgemäß vorbildlich??

"Spaß"...natürlich sieht mich da morgen kein Mensch! Ja, ich habe "nein" gesagt und meine das auch weiterhin so. Auch wenn es mich ein enormes Durchhaltevermögen und viel Zähne knirschen kostet!

9 Kommentare 18.11.17 17:01, kommentieren